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Kanzel

Kanzelworte

Hier sind in laufender Abfolge die Predigten zu finden, die in den letzten Wochen von Pfarrer Dr. Martin Senftleben in Gottes­diensten gehalten wurden.

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Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis
18. Juni 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus spricht: Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.

Ich nehme nicht Ehre von Menschen; aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

(Joh 5, 39-47)

Liebe Gemeinde!

Die erste Frage bei diesem Predigttext müsste sein: müssen wir uns überhaupt davon angesprochen fühlen? Denn Jesus redet hier eine ganz bestimmte Menschengruppe an. Aber der Evangelist Johannes macht es sich dabei auch etwas einfach. Er schreibt nur: „die Juden“.

Ja, das würde einem Hitler gefallen, solche pauschalen Aburteilungen in der heiligen Schrift zu lesen. Es ist ja ganz einfach, daraus ein „die Juden sind an allem Schuld“ zu machen.

Aber wir müssen uns bewusst machen, dass Johannes eine Auseinandersetzung erlebt und in seinem Evangelium durchscheinen lässt, die sich schon einige Jahre nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt ereignete: die Heidenchristen und die Judenchristen waren dabei, sich voneinander zu trennen.

Die Judenchristen, d.h. die Juden, die sich zu Christus als dem Messias bekannten, wurden schnell weniger, weil der Druck der jüdischen Gemeinde immer größer wurde. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Prophezeiungen, die sich in der Heiligen Schrift finden und auf den Messias beziehen, waren schlicht nicht in Erfüllung gegangen.

Gleichzeitig nahm die Schar der Heidenchristen zu. Dennoch beanspruchte die judenchristliche Gemeinde, die immer kleiner wurde, für sich, die führende Rolle unter den Christen zu spielen. Denn immerhin waren sie aus der Schar der Apostel entstanden, in ihnen wohnte gewissermaßen die Autorität der ersten Stunde, während die Heidenchristen erst später dazu gekommen waren.

Aber die Heidenchristen, das heißt jene Christen, die nicht aus dem Judentum hervorgegangen waren, wollten den Machtansprüchen der Judenchristen nicht länger nachgeben, zumal ihre Zahl stetig zunahm.

Das alles wird indirekt in den Worten, die uns der Evangelist Johannes überliefert, erkennbar, vor allem aber die Probleme, die die Judenchristen mit den übrigen Juden und insbesondere mit der jüdischen Obrigkeit hatten.

Das pauschale Urteil, das Johannes über „die Juden“ fällt allein durch die Art und Weise, wie er von ihnen schreibt, hat also einen historischen Anlass, der sich nicht auf unsere Zeit übertragen lässt.

Andererseits spiegelt sich etwas wider von dem, was wir in unserem Umfeld und auch bei uns selbst oft erleben: da gibt es eine Gruppe von Menschen, die etwas gemeinsam haben und darum gleich ein Etikett bekommen. Die einen sind „Die Grünen“, die anderen „die Reichen“, die nächsten „die Flüchtlinge“, wieder andere „die Muslime“, noch andere „die Atheisten“, wieder andere „die Linken“, oder „die Liberalen“, oder „die Roten“, „die Neo-Nazis“, „die Briten“, „die Politiker“, usw.

Jedem dieser Etiketten haftet etwas an, eine feste Vorstellung, eine Normierung: so und so sind die Menschen, die zu dieser Gruppe gehören. Und es ist interessant, dass man meist von denjenigen, die man am wenigsten kennt, am besten zu wissen meint, wer oder was sie sind.

Das ist genauso merkwürdig wie falsch. Denn jeder Mensch hat seine ganz eigene persönliche Geschichte, jeder Mensch denkt anders als alle anderen, und darum kann man niemanden so pauschal einordnen. Man kann zwar feststellen, dass jemand zu dieser oder jener Gruppe gehört, aber damit ist noch nichts über den Menschen gesagt.

Leider ist es menschlich, dass wir es dann doch tun und die Schublade mit dem entsprechenden Etikett aufmachen und den Menschen dort hinein tun.

Zu Recht stellen wir uns die Frage, ob wir uns so überhaupt anreden lassen müssen, zumal wir aller Wahrscheinlichkeit nach sagen würden: „Natürlich wollen wir zu Jesus kommen“ (Joh 5, 39), und „natürlich wollen wir das Leben haben“ (Joh 5, 40), um nur zwei der vielen Vorwürfe aufzugreifen, die Jesus seinen Zuhörern in unserem Predigttext macht.

Und ein Drittes: natürlich hoffen wir nicht auf Mose (Joh 5, 45). Das ist doch unser reformatorisches Erbe, das wir uns nicht nehmen lassen.

Hier an den Säulen der Vierung ist ja der Gegensatz von Gesetz und Gnade aufgemalt: „Das Gesetz ist durch Mose gekommen – die Gnade ist durch Jesus Christus gegeben.“ heißt es da in lateinischer Sprache.

Wir vertrauen auf die Gnade Gottes, die uns durch Jesus Christus zuteil wurde, und nicht auf das mosaische Gesetz. Die Gnade Gottes ist unsere Hoffnung.

Und doch – wenn ich mir den Text so anschaue, frage ich mich, ob nicht doch das eine oder andere in jedem von uns steckt, angefangen beim Hang zur Pauschalisierung bis hin zur Ablehnung dessen, was in der Schrift, d.h. in der Bibel, gesagt wird.

Wir neigen dazu, all das, was uns aus der Schrift schwer verständlich ist oder wir gar nicht nachvollziehen können, weil es sich unserer Vernunft verschließt, umzudeuten.

Das kann er so nicht gemeint haben, oder das ist so nicht geschehen, sondern in Wahrheit ist diese Wundererzählung nur ein Symbol für einen in Wahrheit geistlichen Vorgang – z.B. wenn einem die Augen aufgetan werden, der Blinde also sehend wird. Es sei damit nur gemeint, dass einem zuvor gewisse Dinge nicht klar waren, man sie jetzt aber deutlich erkennt. Das Auftun der Augen sei also nur im übertragenen Sinn gemeint.

Oder wenn von der Heilung eines Lahmen berichtet wird, dann wird dies auch nur im übertragenen Sinn gedeutet: wenn man aufgrund der äußeren Umstände in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, z.B. durch Sachzwänge, durch den Terminkalender usw., dann wird man von dieser Lähmung befreit.

Und das soll es schon sein?

Jeder Psychotherapeut kann einem Menschen dazu verhelfen, von solchen „Lähmungen“ oder „Blindheiten“ befreit zu werden. Und manchmal genügen dazu auch einfach nur gute Freunde. Da bedarf es nicht der Macht Gottes.

Wenn wir nicht mehr von Gott erwarten, dann ist unser Glaube nutzlos. Wenn wir von Gott nur das erwarten, was Menschen genauso gut können, brauchen wir Gott nicht.

Wir haben so wunderbare Zusagen von Jesus empfangen – warum reden oder denken wir das alles klein? Warum fällt es uns so schwer, an die Allmacht Gottes zu glauben?

In der letzten Zeit sind mir immer wieder Hinweise darauf begegnet, dass der Mensch, je mehr er versucht, Gott zu „verstehen“, sich um so weiter von ihm entfernt. Und ich glaube, dass das wahr ist.

„Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.“, sagt der Apostel Paulus in seinem 1. Brief an die Korinther. (1. Kor 2, 18)

Sind wir diejenigen, denen das Wort vom Kreuz eine Torheit ist, oder gehören wir zu denen, denen dieses Wort vom Kreuz eine Gotteskraft ist? Können wir das Opfer der Liebe Gottes, den Tod Jesu am Kreuz, als befreiende Kraft annehmen? Können und wollen wir sagen, dass wir ohne den Tod Jesu am Kreuz hoffnungslos verloren sind? Oder sind wir vielmehr der Ansicht, dass wir unser Verhältnis zu Gott aus eigener Kraft heilen können?

Martin Luther und mit ihm viele andere Menschen sind an dem Versuch, das zu tun, gescheitert. Sie haben sich schließlich ganz auf die Gnade Gottes eingelassen und das Kreuz Jesu Christi als heilende Gotteskraft an- und auch wahrgenommen. Denn erst dann waren sie in der Lage, den Kampf aufzunehmen gegen die, denen es nur um die eigene Macht ging.

Ja, als Christen werden wir immer wieder belächelt, manchmal sogar verachtet, oft nicht ernst genommen, solange jedenfalls, wie uns die Botschaft vom Kreuz die zentrale Botschaft ist.

Denn natürlich redet auch die übrige Welt von Gott. Es gehört zum guten Ton, die andere Person glauben zu lassen, was sie möchte.

Aber die Welt redet von Gott in einer Weise, die nichts mit Glauben zu tun hat. Sobald es um zentrale Aussagen des Glaubens geht, sobald man darüber zu sprechen beginnt, was einem die Wunder Gottes bedeuten, wird das Thema gewechselt. Gerade dann aber sollten wir beharrlich dabei bleiben, wenn wir merken, dass unser Gegenüber diese Gotteskraft noch nicht oder nicht mehr wahrnimmt.

Wir müssen Gott Gott sein lassen, den Allmächtigen, den Ewigen oder auch den Zeitlosen, der weder Anfang noch Ende kennt. Wir müssen ihn frei lassen, damit er uns wieder Gott sein kann. Wir müssen aufhören, ihn nach unserem Bild zu schaffen; denn wir sind es, die nach seinem Bild geschaffen wurden.

Am heutigen Tag, an dem die Apostel und Propheten im Mittelpunkt stehen sollen, wird uns durch den Predigttext gesagt: hört die Worte, die euch gegeben sind – gemeint sind die Worte der Schrift, die Worte der Propheten und die der Apostel, die Bibel in ihrer Fülle.

Nehmen wir sie uns vor, lassen wir sie nicht im Regal verrotten. Beten wir über dem Wort Gottes Tag für Tag, damit es uns zur Speise wird und zur Kraftquelle, damit unser Vertrauen in die Kraft Gottes wächst und wir jeden Tag getrost beginnen können in der Gewissheit, dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes. (Röm 8, 35-39)

Amen

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Predigt zum Pfingstsonntag
4. Juni 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus Christus sagte zu seinen Jüngern: Jetzt gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

(Joh 16, 5-15)

Liebe Gemeinde!

Was ist daraus geworden, aus diesem ersten großen Pfingstfest, an dem der Heilige Geist über die Jünger kam und alles anders zu werden schien? Als es gewaltig brauste und alle Angst von ihnen abfiel? Als plötzlich alle Sprachbarrieren überwunden waren und man sich ungehindert verständigen konnte?

Auf diese Fragen kann man vielleicht so antworten: es ist eine große Kirche daraus geworden, die sich über die ganze Welt erstreckt. Ein knappes Drittel der Menschheit, deutlich mehr als 2 Milliarden Menschen, sind Christen. Das ist eine stattliche Zahl! Allerdings ist auch die Zahl der verschiedenen Konfessionen nicht unbeachtlich: es sollen deutlich über 40.000 sein. Konfessionen unterscheiden sich untereinander in mehr oder weniger wichtigen theologischen Kernaussagen und existieren daher getrennt voneinander – berufen sich aber alle auf Jesus Christus.

Ist das die Antwort auf die Frage, was aus diesem Pfingstereignis damals geworden ist? Kann man hier vom Wirken des Heiligen Geistes reden? Oder sind nicht doch die meisten dieser rd. 2,3 Milliarden Menschen nur deswegen Christen, weil schon ihre Eltern es waren?

Und sind nicht irgendwann ihre Vorfahren mit Hilfe von für uns schwer nachvollziehbaren, vielleicht auch unlauteren Methoden zum Christentum bekehrt worden?

Inwieweit da der Heilige Geist seine Finger im Spiel hatte, lässt sich nur schwer sagen. Den ersten Missionaren wurde oft vorgeworfen, sie würden nur Reis-Christen hervorbringen. ‚Ihr gebt ihnen Reis zu essen, darum nehmen sie den christlichen Glauben an, und nicht, weil sie vom christlichen Glauben überzeugt sind.‘

Andererseits: wenn wir Christen aus der weiten Welt begegnen, dann werden wir oft beschämt. Wir sind beeindruckt von ihrem tiefen Glauben, der ihnen Kraft und Halt gibt. Solch tiefen, weit in den Lebensalltag hinein reichenden Glauben finden wir bei uns immer seltener. Also wirkt der Heilige Geist wohl auch dort, vielleicht sogar mehr als hier.

Es bleibt aber die Frage, warum so viele unterschiedliche Konfessionen existieren, wo doch Jesus Christus selbst die Einheit der Christen gewollt hat: Er bat in seinem hohepriesterlichen Gebet darum, dass alle, die an ihn glauben, eins seien. (Joh 17, 21) Müsste der Heilige Geist nicht für diese Einheit sorgen?

Und wie sieht es mit dem Bestand der Christen bei uns, in unserem Land aus? Was ist hier aus diesem ersten Pfingstfest geworden?

Man spürt jedenfalls nichts von einem Brausen, Barrieren sind nicht überwunden, sie werden im Gegenteil immer weiter ausgebaut. Wo kommt der Heilige Geist in unserer Welt, in unserer Umwelt, in unserem Alltag vor? Müssten wir vielleicht sogar, wenn wir ehrlich sein wollen, sagen: Was der Heilige Geist tut, das interessiert uns nicht?

Vielleicht erhofft man sich ja von der 500-Jahr-Feier eine Wiedererweckung des Heiligen Geistes?

Aber diese Feierlichkeiten sind Menschenwerk, die vielfach auch auf kommerzieller Ebene ausgenutzt werden, wenn man sich so anschaut, was einem an Werbung für Luther-Dies-und-Jenes ins Haus flattert.

Wir werden sehen, inwieweit der Heilige Geist bei diesen Feierlichkeiten mitmischt.

Eins wissen wir vom Heiligen Geist: er hat, so können wir in der Apostelgeschichte nachlesen , die Christen zusammengeführt – „… sie blieben beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ (Apg 2, 42)

Er hat sie zum Gottesdienst gerufen. Nichts anderes ist hier gemeint. Denn alles, was da aufgezählt wird, sind Elemente des Gottesdienstes. Und wenn man dagegen die Gottesdienste in den Dörfern und auch in vielen Kirchen der Städte betrachtet, kommen einem schon deutliche Zweifel, ob der Heilige Geist überhaupt noch am Werk ist.

Aber liegt das am Heiligen Geist? Hat er aufgegeben? Der Blick in die weltweite Kirche lehrt uns etwas anderes: dort wirkt er mit großer Macht. Täglich werden rd. 80.000 Menschen getauft – nicht bei uns, sondern dort, in den Entwicklungsländern.

Warum nicht hier?

Ein Grund dafür ist, so glaube ich, dass vielen Menschen der Glaube zur Nebensache geworden ist. Solange es einem Menschen gut geht, braucht er den Glauben nicht – so meinen jedenfalls viele. Glaube ist etwas für die Alten und Kranken geworden.

Entscheidend dafür, dass der Heilige Geist wirken kann, ist unser Fragen nach Gott. Wollen wir uns mit ihm beschäftigen? Oder ist er uns gleichgültig?

In unserem Predigttext werden die Aufgaben des Heiligen Geistes beschrieben, was auch durch das im Original verwendete Wort „Paraklet“ ein Stück weit zum Ausdruck kommt.

Martin Luther übersetzte das Wort, das Jesus für den Geist Gottes benutzt, mit dem Wort „Tröster“. Damit nimmt er eine alte Tradition auf, die aber nicht unbedingt der Bedeutung des ursprünglichen Textes entspricht.

Denn eigentlich bedeutet das Wort „Paraklet“ „Fürsprecher“ oder „Helfer“.

Wo kann der Heilige Geist ein Fürsprecher und Helfer sein?

Jesus beschreibt es so:

Der Paraklet wird der Welt die Augen auftun über die Sünde: dass sie nicht an Jesus glauben.

Der Paraklet wird den Menschen ihre Sünde vorhalten, die darin besteht, nicht an den Sohn Gottes zu glauben.

Das macht natürlich nachdenklich. Wir definieren Sünde eigentlich anders. Sünde ist in unserer Vorstellung meist eine Handlung. Wir tun das Falsche, und das ist Sünde. Deswegen meinen auch immer mehr Menschen, nicht auf die Gnade Gottes angewiesen zu sein, weil sie nichts Falsches tun.

Sünde im biblischen Sinn bedeutet aber vor allem die Trennung von Gott. Und das geschieht nicht nur durch unser Handeln, sondern auch durch die Art und Weise, wie wir uns zu Gott stellen, durch unsere innere Haltung also. Und diese Trennung hat ja schon begonnen damals durch Adam und Eva.

Wir können ein noch so gutes Leben führen, noch so rücksichtsvoll und hilfsbereit sein – wenn wir nicht an Jesus Christus glauben, ist es alles vergeblich, denn wir bleiben Sünder, von Gott getrennt, und meinen, die heilende Gnade Gottes nicht zu brauchen.

Erst der Glaube an Jesus überwindet die Trennung.

Nun wird also, sagt Jesus, der Paraklet kommen, um der Welt die Augen aufzutun über diese Sünde, die Trennung von Gott durch den Unglauben.

Wirklich? Immer mehr Menschen wenden sich vom christlichen Glauben ab und suchen ihr Heil, wenn überhaupt im spirituellen Bereich, dann bei fernöstlichen Religionen.

Der Paraklet hat noch eine weitere Aufgabe. Er tut der Welt die Augen auf über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

Meist denken wir ja an das Jüngste Gericht, wenn in der Bibel vom Gericht die Rede ist. Das Jüngste Gericht liegt noch vor uns, wir erwarten es.

Darum scheint es hier aber nicht zu gehen, denn das Gericht ist bereits vollzogen: Der Fürst dieser Welt ist gerichtet.

Fürsten, das sind Herrscher, die ihre Macht von einem Höheren, Mächtigeren bekommen. Dem Fürsten dieser Welt haben wir den Namen Satan gegeben. Das Gericht über ihn ist bereits ergangen – durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Er ist in seinem Handeln eingeschränkt, er hat keine Macht mehr über die, die an Jesus Christus glauben.

Das Gericht über den Fürsten dieser Welt ist bereits vollzogen. Das Gericht über uns steht noch bevor, aber es ist ein Gericht der Begnadigung durch Jesus Christus, wenn wir uns denn von ihm begnadigen lassen wollen.

Wenn wir das Wirken des Heiligen Geistes nicht wahrnehmen, dann liegt das nicht daran, dass er aufgegeben hat, sondern daran, dass wir aufgegeben haben.

Wir beten nicht mehr um den Heiligen Geist. Nicht aus dem Herzen. Denn wir können uns den Heiligen Geist kaum als Kraft Gottes vorstellen. Wie auch, da er völlig gestaltlos ist. Aber der Heilige Geist ist uns verheißen, und er ist uns zugesprochen in der Heiligen Taufe.

Wenn Jesus vom Geist der Wahrheit redet, dann spricht er damit uns direkt an.

Uns wird der Geist alles offenbaren, und darum ist er auch Helfer; er wird reden, so dass wir es verstehen können, er wird uns sogar sagen, was geschehen wird.

Dass wir das nicht erfahren, wenn wir uns nicht auch selbst rühren, können wir uns wohl denken. Das Gebet, das Lesen in der Bibel (was die Apostelgeschichte noch mit der „Lehre der Apostel“ bezeichnet) und die Gemeinschaft mit anderen Christen – nicht zum Rommé-Spielen oder anderen, ähnlichen Aktivitäten, sondern zum Austausch über unseren Glauben, zum gemeinsamen Singen und Beten – helfen uns, das Wirken des Heiligen Geistes zu erfahren und zwar in dem Sinn, dass er uns in die Wahrheit leitet.

Der Heilige Geist wirkt am liebsten im Stillen. Die Geschichte vom Propheten Elia hat es uns deutlich gemacht: kein Feuer, kein Erdbeben, kein Sturmwind deuten auf Gottes Gegenwart hin, sondern im stillen, sanften Säuseln kommt der Herr. Und so brauchen auch wir die Stille, um Gott begegnen zu können, um den Heiligen Geist zu erfahren.

In der Stille können wir hineinhören – hinein in das Reich Gottes, das ja schon mitten unter uns ist. Und vielleicht können wir dann auch etwas davon spüren – von der gewaltigen Freude, von dem Lobgesang, von der Herrlichkeit Gottes, so wie Dietrich Bonhoeffer es so schön gedichtet hat:

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet:
all deiner Kinder hohen Lobgesang. (EG 65, 6)

Und vielleicht spüren wir ihn dann auch deutlicher, wenn wir uns in die Stille des Gebetes hinein begeben – den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit, der uns in alle Wahrheit leitet, der schon längst und immer da ist und unter uns wirken will.

Amen

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Predigt zum Sonntag Exaudi
27. Mai 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Joh 7, 37-39

Liebe Gemeinde!

Wasser ist für uns selbstverständlich. Es fließt aus dem Wasserhahn und ist sauber, so sauber, dass wir es bedenkenlos trinken können.

Wir gehen damit auch relativ verschwenderisch um, denn die Quellen versiegen in unserem Land nicht so schnell. Es regnet immer wieder einmal, und längere Zeitspannen ohne Regen können durch Wasser-Reservoires überbrückt werden.

Wir wissen sehr wohl, wie wichtig Wasser ist: nur wenige Tage lang kann ein Mensch ohne Wasser leben. Ohne feste Nahrung kann man aber einige Wochen durchhalten.

In vielen Ländern der Welt ist es um das Wasser nicht so gut bestellt wie bei uns. Häufig regnet es monatelang überhaupt nicht oder nur sehr wenig. Es gibt dort keine großen Wasserreservoirs oder Flüsse, die beständig Wasser führen, so wie bei uns.

Die Menschen dort leben vom Wasser, das sie aus Brunnen schöpfen. Diese Brunnen können aber auch versiegen. Und so legen die Menschen teilweise große Wegstrecken zurück, um zum nächsten Brunnen zu gelangen, aus dem sie Wasser schöpfen können.

Denn auch sie wissen natürlich: ohne Wasser kann man nicht leben.

Weil das Wasser dort nicht so leicht verfügbar ist wie bei uns, wird es viel sparsamer verwendet. In Deutschland verbraucht ein Mensch unmittelbar im Schnitt täglich 125 Liter Wasser, in Angola etwa sind es nur 18 Liter und in Indien 25 Liter.

Wir können uns vorstellen, dass Wasser in solchen Ländern, wo es nicht so selbstverständlich aus Wasserhähnen fließt, als sehr kostbar empfunden wird. Das gilt insbesondere für Trinkwasser.

In vielen der wasserarmen Länder gibt es trinkbares Wasser, das keine Gesundheitsschäden verursacht, nur in Flaschen im Laden zu kaufen – von internationalen Firmen, die sich die Nutzungsrechte an Trinkwasserquellen in diesem Land gekauft haben.

Man könnte das Wasser aus dem Brunnen zwar abkochen, aber auch Brennholz ist ein kostbarer Rohstoff. Weil man sich das genauso wenig wie das Flaschenwasser leisten kann, leiden vor allem Kinder unter schweren Krankheiten.

Wasser ist kostbar – lebendiges Wasser noch viel mehr. Denn lebendiges Wasser, von dem unser Predigttext redet, ist nicht etwa Wasser mit zahlreichen Bakterien darin, die sich munter und fröhlich – also lebendig – tummeln, sondern es ist Wasser, das Leben spendet – Wasser, das trinkbar ist, das den Durst löscht, ohne krank zu machen. Lebendiges Wasser ist Wasser, das aus einer Quelle sprudelt, rein und klar.

Für uns ist es selbstverständlich, Zugang zu solchem Wasser zu haben. Natürlich bezahlen wir auch dafür, aber der Preis ist erschwinglich – ein Liter besten Trinkwassers aus dem Wasserhahn kostet weniger als einen halben Cent, und in Flaschen abgefülltes Wasser können wir ab 20 Cent pro Liter bekommen. In vielen Entwicklungsländern kostet ein Liter sauberes Trinkwasser in Flaschen einen guten Teil des Tageslohns. Oft könnte man mit einem Tageslohn noch nicht mal den täglichen Bedarf an Trinkwasser decken.

Vielleicht fällt es jetzt mit diesem Wissen etwas leichter, uns vorzustellen, was die Menschen damals empfunden haben mussten, als Jesus diese Worte sagte:

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Natürlich zog er keinen Tankwagen mit Trinkwasser hinter sich her, und er hatte auch nicht hunderte von Trinkwasserflaschen auf einem Karren dabei. Die Menschen wussten natürlich, dass er in Bildern redete.

Aber für sie war dieses Bild ganz eng mit ihrer Existenz, mit ihrem Leben, verknüpft. Es war klar, was es bedeutet, Durst zu empfinden. Sie wussten, wie wichtig Wasser ist – dass man ohne Wasser nicht überleben kann. Und so wussten sie auch, dass Jesus hier von etwas spricht, das lebensnotwendig ist. Nichts weniger.

Und er versprach, dieses lebensnotwendige Gut zu geben.

Jesus bietet also symbolisch Wasser an. Doch er geht gleich einen Schritt weiter: Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Das ist die logische Folge: wer zu Jesus geht und dieses symbolische Wasser empfängt, der kann und wird es auch weitergeben.

Worum es bei dem Wasser eigentlich geht, muss uns der Evangelist selbst erklären. Er sagt: Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten.

Das Wasser steht also für den Geist Gottes, den Heiligen Geist. Ob es uns mit ihm genauso geht wie mit unserem Trinkwasser? Dass wir ihn ganz selbstverständlich hinnehmen, weil er immer verfügbar ist?

Oder ist es vielleicht so, dass wir eher mit den Menschen in den Entwicklungsländern zu vergleichen sind, die häufig gar keinen Zugang zu Trinkwasser haben? Dass uns der Heilige Geist also fehlt – zumindest die meiste Zeit unseres Lebens?

Ich wurde einmal nach einem Gottesdienst gefragt: wieso müssen wir eigentlich um den Heiligen Geist bitten? Haben wir ihn nicht schon längst durch die Taufe empfangen?

Bei der Taufe wird immer auch dieses Segenswort gesprochen: „Der Allmächtige Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der dich von neuem geboren hat durch das Wasser und den Heiligen Geist“ – da, in der Taufe, ist der Heilige Geist also aktiv. Aber wirklich übereignet wird er uns nicht. Wir können nicht über ihn verfügen, er gehört uns nicht.

Jesus hat vielmehr über den Heiligen Geist gesagt: Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. (Joh 3, 8)

Der Geist steht uns nicht ständig zur Verfügung – er kommt und geht. Aber wer darum bittet im Glauben an Jesus Christus, darf auch mit dem Geist rechnen. So wenig wir über ihn verfügen können, so sehr ist er doch zugesagte Gabe Gottes für die, die an Jesus Christus glauben. Und auf Gottes Zusage dürfen wir vertrauen.

Nun ist natürlich die Frage, was der Geist eigentlich ist. Unser Predigttext beschreibt ihn als lebensnotwendig und lebenspendend – so wie Wasser eben. Wir brauchen ihn, damit wir leben, damit wir überleben können.

Aber da mag man schon einwenden: wie kann das sein? Andere, die nicht getauft sind, oder die einer anderen Religion angehören, leben doch auch, und sie haben den Heiligen Geist nicht.

Nun, es spielt auch eine Rolle, in welcher Welt wir leben wollen. Jesus hat uns nämlich eine Welt eröffnet, die mit dieser Welt wenig gemein hat. Es ist das Himmelreich, das Reich Gottes, für das der Geist lebensnotwendig ist.

Eine Ahnung von diesem Himmelreich bekommen wir durch die Beschreibung in der Offenbarung des Johannes, wo von dem himmlischen Jerusalem die Rede ist, der Stadt, die die „Hütte Gottes bei den Menschen“ (Offb 21, 3) ist, wo Gott bei den Menschen wohnen und alle Tränen von ihren Augen abwischen wird, wo der Tod nicht mehr sein und auch kein Leid noch Schmerz sein wird. (Offb 21, 4)

Weil wir in diesem Himmelreich noch nicht wirklich leben, gibt uns der Geist – das lebendige Wasser – einen Vorgeschmack darauf. Er hilft uns, die Brücke zwischen dieser, unserer Welt, und der Welt Gottes zu bauen – auch für andere Menschen. Das Reich Gottes dringt durch den Heiligen Geist in unsere Welt hinein; seine Existenz wird uns erst dadurch bewusst, dass der Heilige Geist in uns wirkt.

Und das kann uns nicht unbeeindruckt lassen. Es hat Folgen.

So werden wir aufhören, uns mit aller Macht an das Leben hier zu klammern.

Wir werden uns nicht unterkriegen lassen von Krankheit und Tod.

Wir werden in dem, was wir tun, nicht unsere eigene Ehre suchen, sondern allein Gottes Ehre.

Wir werden uns nicht abfinden mit Ungerechtigkeit.

Wir werden alle Hoffnungslosigkeit überwinden.

Wir werden für Frieden eintreten.

Wir werden dem Hass mit Liebe begegnen.

Wir werden vergeben, wo andere Schuld aufrechnen.

Wir werden Streitende miteinander versöhnen.

Wir werden Zweifel überwinden.

Wir werden das Dunkel erleuchten.

Wir werden Verständnis haben für die Nöte anderer und helfend für sie da sein.

Wir werden Freude verbreiten.

Das ist es, was das lebendige Wasser, der Geist Gottes, bewirkt. Er lässt uns teilhaben an der wunderbaren Welt Gottes und hilft uns dabei, diese wunderbare Welt in dieser unserer Welt sichtbar werden zu lassen. Denn so spricht Jesus:

„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh 7, 37-38)

Doch es bleibt eine Frage: Dürstet uns überhaupt danach? Oder sind wir schon längst sozusagen geistlich verdurstet?

Ich glaube, dass der Durst nach dem lebendigen Wasser, das Jesus Christus uns anbietet, in jedem Menschen mehr oder weniger stark vorhanden ist. Nur dass wir oft nicht recht wissen, was wir tun können, damit dieser Durst gestillt wird.

Jesus zeigt uns nun den Weg: indem wir zu ihm kommen, indem wir uns ihm zuwenden, werden wir diesen Durst stillen können.

Amen

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Predigt zum Himmelfahrtstag
25. Mai 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gott hat Christus von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Eph 1, 20b-23

Liebe Gemeinde!

Himmelfahrt ist wohl für viele ein schwieriges Fest. Was soll man darunter verstehen, und wie soll man damit umgehen?

Beliebt sind die Gottesdienste unter freiem Himmel – das ist mal was anderes, und auch wenn die Witterung nicht unbedingt einladend ist, macht man gerne mit.

Die Mehrheit wird es sich aber wohl einfacher machen und sich vom anderen Proprium, nämlich dem Vatertag, zum Gang in die freie Natur inspirieren lassen.

Für mich ist Himmelfahrt vor allem deswegen problematisch, weil man das Wort Himmelfahrt eigentlich so verstehen muss, als ob Jesus sich nach oben davon gemacht hätte. Er ist eben in den Himmel gefahren – natürlich nicht mit einem Fahrstuhl oder einem Auto, aber irgendwie schon. Von Wolken ist die Rede, die ihn aufgehoben haben gen Himmel, und man bleibt wirklich verwundert zurück. Was will er da oben?

Für mich ist es deswegen problematisch, weil ich mir Gott nicht oben im Himmel – ein paar 1000 Kilometer über uns – vorstelle, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass Gott mit seinem Reich mitten unter uns ist – in einer Form, die sich unseren Sinnen noch entzieht, aber die sich eines Tages dann doch allen offenbaren wird, die an ihn glauben.

Wenn wir von Gott als dem Allmächtigen und Allgegenwärtigen reden, merken wir ja eigentlich auch unweigerlich, wie wenig das mit dem Himmel über uns zu tun hat. Wäre Gott dort oben und wollte die ganze Welt überblicken, so wie Menschen es tun – es wäre nicht möglich. Entweder hat er einen guten Überblick über die USA, oder über Europa, oder über Afrika, oder über Asien – aber die Perspektive vom Himmel aus erlaubt beim Blick auf eine Kugel immer nur einen Teil dieser Kugel zu sehen.

Früher, als die Texte der Bibel niedergeschrieben wurden, hatte man mit dieser Vorstellung nicht solche Probleme, weil man meinte, dass die Erde eine flache Scheibe sei. Wenn man darauf schaut, ist ganz klar, dass man auch alles sehen kann.

Aber diese Vorstellung haben wir schon lange hinter uns gelassen, und die Worte, die wir aus Jesu eigenem Mund in der Bibel lesen können, wie auch unser Predigttext machen deutlich: der Himmel, in dem Gott zu Hause ist, hat nichts mit dem Himmel zu tun, den wir über uns sehen. Wenn Jesus davon spricht, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen oder sogar mitten unter uns ist, dann meinte er damit nicht seine eigene Person. Er hat uns vielmehr durch seine Worte und Taten gezeigt, wie nah das Himmelreich tatsächlich ist, und welche Kraft es in unserer Welt entfalten kann.

Jesus hat angefangen, dieses Himmelreich sichtbar zu machen – für alle Menschen. Dass es da die Mächtigen mit der Angst zu tun bekamen, ist nur allzu verständlich. Wer möchte es schon mit dem Allmächtigen zu tun bekommen! Und dass sie dann alles daran setzten, Jesus zu töten, ist auch verständlich. Aber damit brachten sie im Grunde nur einen Stein ins Rollen, der das Gegenteil von dem tat, was sie erwartet hatten.

Denn der Tod setzt zwar den Mächtigen dieser Welt ein Ende, aber Gott kann er nicht stoppen.

Und so wurde Christus von den Toten auferweckt, wie Paulus im Epheserbrief sagt, und zur Rechten Gottes eingesetzt „über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat.“ (Eph 1, 21)

Himmelfahrt – was ist das?

Zunächst einmal: Jesus kehrt zurück zu seinem Vater.

Vielleicht hat das den Anlass gegeben, dass man den Himmelfahrtstag zum Vatertag deklarierte. Doch die Rückkehr zum Vater ist in diesem Fall anders, als wenn wir es erleben. Wenn der Sohn oder die Tochter zum Vater zurück kehrt. Denn sie bleiben Sohn oder Tochter, sie bleiben Individuen, völlig unabhängig, auch wenn sie emotional mit dem Vater verbunden sind. Sie treffen ihre eigenen Entscheidungen, und nicht immer ist es ein harmonisches Beisammensein, das man da beobachten kann.

Anders ist die Rückkehr Jesu zu seinem Vater. Denn, so hat Jesus gesagt, er und der Vater sind eins. (Joh 10, 30)

Während dies in gewisser Weise auch für den menschlichen Jesus zutraf, so kann dies doch erst wieder mit seiner Rückkehr zum Vater wirklich werden. Durch die Himmelfahrt wird die Einheit von Vater und Sohn wieder hergestellt.

Dass da in unserem Predigttext davon geredet wird, dass Christus „zur Rechten“ Gottes eingesetzt wird, klingt aber anders. Man kann sich da leicht so etwas wie den Olymp vorstellen, einen Götterhimmel, wo sich die Götter eine Party nach der anderen gönnen und nur hin und wieder mal auf die Menschen herab schauen – und Zeus hat dann neben sich zu seiner Rechten etwa seinen Sohn Herakles.

Aber so ist es nicht gemeint. Das Gottesbild der Bibel ist ein anderes. Gott hat nur in Jesus Christus das Menschsein angenommen. Ansonsten bleibt Gott der Allmächtige und Allgegenwärtige, weswegen es ein Rechts von ihm gar nicht geben kann und auch die Vorstellung von Gott als einer Person viel zu kurz greift.

Jesus vereint sich wieder mit seinem Vater. Und das bedeutet, dass er nun wieder das wird, was er vorher nicht sein konnte, solange er als Mensch auf Erden wandelte: er wird und ist Gott. Bestenfalls ließe sich sagen, um bei dem menschlichen Bild Gottes zu bleiben, dass Jesus nun die Rechte Hand Gottes ist – aber es widerstrebt mir, so zu denken.

Durch die Himmelfahrt wird offenbart und vollendet, was Jesus als Mensch zeichenhaft sichtbar machte: dass er und der Vater eins sind, dass er Gott ist.

Und so tritt Jesus die Herrschaft an, die ihm zusteht.

Mit großen Worten malt Paulus diese Herrschaft: über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, und das nicht nur auf Erden, sondern auch in der vollendeten Welt, wenn das Alte vergangen ist.

Jesus Christus hält die Macht gewissermaßen in seiner Hand.

Da fragt man sich ja doch, und viele tun es gewiss auch immer wieder, warum er diese Macht nicht einsetzt, um die Mächtigen in ihre Schranken zu weisen. Denn wozu hat er diese Macht, wenn er sie nicht auch einsetzt?

Warum also schreitet er nicht ein, wenn Menschen Böses tun? Warum verhindert er nicht, dass sich inmitten völlig ahnungsloser und unschuldiger Menschen einer in die Luft sprengt und damit Hoffnungen und Lebenspläne vieler anderer auf grausame Weise schlagartig zunichte macht?

Warum lässt er es nicht regnen in Ostafrika, damit das Elend der Hungernden dort endlich ein Ende hat?

Warum macht er der Rüstungsindustrie kein Ende, damit Menschen wieder in Frieden leben können und sich nicht immer neu Flüchtlingsströme in Richtung Europa auf den Weg machen?

Ich weiß, dass Gott selbst dieses Elend nicht gleichgültig ist. Und ich weiß auch, dass ihm unsere Selbstbestimmtheit, unsere Freiheit über alles geht. Nur dass viele Menschen nicht begreifen wollen, dass mit Freiheit auch Verantwortung einhergeht. Profitgier und Machtstreben lassen die um der Verantwortung willen nötigen Grenzen schnell wieder fallen, und so kommt es zu unsäglichem Leid und zu brutaler Gewalt.

Die Worte des Epheserbriefes machen mir deutlich: das ist nicht das letzte, was geschieht. Vielleicht können wir durch unsere Hilfe in Form von Spenden schon etwas Not lindern, aber das scheinbar bodenlose Fass lässt sich letztlich nur durch einen massiven Wandel der weltweiten Wirtschaft in ein System, das nicht den Profit, sondern die gerechte Verteilung aller Güter im Blick hat, füllen.

Aber auch hier sind wir ja gefragt. Der Kauf fair gehandelter Waren oder der Verzicht auf Billigware, die immer auf dem Rücken der Ärmsten produziert wurde, gibt uns wenigstens eine kleine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.

Aber das ist nicht alles. Paulus lässt uns wissen: das letzte Wort hat Gott selbst. Er wird diese Welt vollenden, er wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

Jesus Christus hat sehr deutlich gesagt, wie das letzte Wort aus dem Mund Gottes klingen wird: „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan, [und] was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“ (Mt 25, 40b+45)

Es ist ein Wort des Gerichtes. Und so wenig wir davon hören wollen, so wahr ist es: wir werden uns verantworten müssen für das, was wir tun.

Das mag ein Trost sein in dieser von Not und Elend gezeichneten Welt, denn wir wissen, dass auch die nicht ungeschoren davon kommen werden, denen das Leben ihrer Mitmenschen gleichgültig ist.

Aber wenn wir das nur hören und daraus nicht auch Konsequenzen für unser eigenes Leben ziehen, bleibt dies nur ein Vertrösten.

Und da bin ich dankbar für die letzten Worte unseres Predigttextes, die mir deutlich machen: Jesus ist durch die Himmelfahrt nicht in unendliche Ferne gerückt. Durch seinen Geist ist er mitten unter uns, er ist unser Haupt, er leitet seine Gemeinde.

Freilich gilt auch hier, dass wir nicht wie Marionetten geleitet werden, dass wir nicht blind gehorsame Befehlsempfänger und -ausführer sind, sondern dass Gott uns immer die Freiheit lässt, selbst zu einer Entscheidung zu kommen und das Richtige zu tun.

Dadurch, dass Christus das Haupt und die Fülle der Gemeinde ist, können wir uns nun auch getrost den Mächtigen dieser Welt in den Weg stellen. Denn die Tatsache, dass ER Herr aller Mächte und Gewalten ist, lässt uns auch gelassen auf diese Mächte und Gewalten blicken. Sie können uns keine Angst machen, es sei denn, wir haben diese Fülle Gottes noch nicht in uns aufgenommen.

Wenn wir sie aber in uns aufgenommen haben, dann ist der Trost, dass Christus der Allmächtige selbst ist, kein Vertrösten, sondern ein Ansporn dazu, dieser Welt ein neues Gesicht zu geben – das Gesicht, das von Seiner Herrschaft geprägt ist und nicht von der Gier nach Geld und Macht.

Amen

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Predigt zum Sonntag Rogate
21. Mai 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus Christus spricht: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.

Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht mehr in Bildern. Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist. Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein laßt. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Joh 16, 23b-33

Liebe Gemeinde!

„Es kommt die Zeit“… wie oft finden wir in der Bibel solche und ähnliche Formulierungen, die uns vertrösten auf eine Zeit, die jetzt noch nicht ist? Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gezählt. Ich weiß nur: es ist ganz schön enttäuschend, wenn einem immer wieder nur dies gesagt wird: „es kommt die Zeit“, denn sogleich kann man den Satz fortführen und sagen: aber sie ist noch nicht da.

Man möchte die Hoffnung aufgeben, die ja gerade durch solche Worte weiter aufrechterhalten werden soll, denn nach 2000 Jahren müsste doch klar sein: die hier angesprochene Zeit kommt nicht.

Und doch mag ich es nicht tun. Denn da ist doch eine Ahnung, dass wir es hier mit etwas ganz anderem zu tun haben, etwas, das unsere Zeitvorstellungen und überhaupt unsere ganze Wahrnehmung zu sprengen vermag.

Solange wir in den uns verfügbaren Dimensionen denken, gibt es in der Tat wenig zu hoffen, denn in diese Dimension gehört unweigerlich das „aber“, das sich allem in den Weg stellt.

Es kommt die Zeit – Jesus sagt es mit Bestimmtheit. Er kündigt eine Zeit an, in der er nicht mehr in Bildern reden wird. Eine Zeit, in der uns alles klar vor Augen ist. In der wir keine Metaphern brauchen, um zu verstehen, wie Gott ist und was er für uns bereit hält.

Aber muss diese Zeit nicht schon damals gewesen sein? Seine Jünger glauben es. Sie sind begeistert: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht mehr in Bildern. Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.

So sagen sie voller Begeisterung. Wenn das so einfach wäre. Jesus kontert gleich: „Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein laßt. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.“

Die Zeit ist noch nicht da. Vielmehr ist eine andere Zeit da: die der Angst und des Zweifels. Glaube ist nicht so leicht zu haben.

So war es damals. Und wie ist es heute? Immer reden wir von Gott – und auch von Jesus – in Bildern, weil wir es anders nicht können. Weil immer schon zu uns von Gott in Bildern geredet wurde. Weil wir Gott nicht fassen können mit unseren Gedanken, mit unseren Worten, ja, auch nicht mit unserer Phantasie.

Doch das ist nur unser Reden. Und was ist mit Gottes Reden? Hat sich da seither nicht etwas verändert?

Jesus weist auf ein Ereignis hin, das damals unmittelbar bevor stand: dass die Jünger ihn verlassen werden, dass sie sich zurückziehen, jeder in das Seine, und damit alle Hoffnung aufgeben. Das sind die Ereignisse vor Ostern.

Wir wissen, was danach geschah, und können sagen: Seither hat sich einiges verändert.

Die Angst, die die Jünger in ihre Verstecke trieb, ist nicht mehr. Am Pfingstfest werden sie vom Geist Gottes erfüllt, werden zu mutigen Bekennern des Evangeliums. Da werden sie von wahrem Glauben erfüllt. Da wird das Wort Gottes verständlich – so sehr, dass die vielsprachige Menge keine Probleme hat, die Worte der Jüngerinnen und Jünger zu verstehen.

Es sind keine Bilder mehr nötig. Jesus ist der Sohn Gottes, der uns den Weg frei macht zum Vater. So frei, dass es keiner Mittelinstanz mehr bedarf. „Ihr werdet bitten in meinem Namen“ sagt Jesus, ‚und nicht ich für euch‘. Selbst Jesus nimmt sich heraus aus der Gebetslinie.

Also kein Vertrösten. Die Zeit kommt nicht, sie ist schon. Auch wenn unser Reden von Gott nur einem Stammeln ähnelt: Gott redet mit uns in klaren Worten durch seinen Geist.

Es wird immer Menschen geben, die sagen, dass Beten Unsinn sei, dass man ja doch nichts höre – es sei immer eine Einbahnstraße. Gott rede nicht mit ihnen.

Dass man die Stimme Gottes nicht wie die eines Gesprächspartners hört, das ist auch nicht verwunderlich, denn Gott brüllt nicht in unsere Welt hinein. Er kommt vielmehr in der Stille zu uns. Die Geschichte des Propheten Elijah macht dies in schöner Weise deutlich: Gott ist nicht im Feuer, auch nicht im Erdbeben, und auch nicht im Sturmwind. Gott kommt, als es still wird, er ist im sanften, leisen Säuseln.

Also brauchen wir Orte und Zeiten der Stille, die wir uns nehmen müssen, damit wir Gott hören können, damit er zu uns kommen und mit uns reden kann.

Hier können wir dann auch beginnen, Gott zu bitten: an den Orten und Zeiten der Stille. Dort wenden wir uns Gott zu, und Gott wendet sich uns zu.

Doch worum sollen wir bitten? In den einleitenden Worten Jesu wird nur angedeutet, dass es so einfach wohl doch nicht zu sein scheint, um das Richtige zu beten: „Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen“.

Das gilt den Jüngerinnen und Jüngern, die sich damals um Jesus geschart hatten. Es war die Zeit vor Pfingsten. Die Zeit, in der es noch heißt: es kommt die Zeit...

Aber dennoch kann ich mir kaum vorstellen, dass sie nicht schon Gott um etwas gebeten hatten. Schließlich war Frömmigkeit damals etwas Selbstverständliches, das tägliche Gebet gehörte zum Tagesablauf dazu. Und warum sollten nicht auch die Jüngerinnen und Jünger an diesem täglichen Gebet festhalten?

Vielleicht war es, genauso wie für viele von uns heute, nur Routine. Vielleicht fehlte das „im Namen Jesu“, auf das Jesus ja deutlich hinweist. Vielleicht waren es schlicht die falschen Bitten. Vielleicht war es aber auch, dass sie dem Gebet in Wahrheit nichts zutrauten.

Denn auch sie hatten doch schon lange die Erfahrungen gemacht, die alle Generationen vor und nach ihnen und auch wir immer wieder gemacht haben und machen: selten werden Gebete so erhört, wie wir es erwarten; die überwiegende Mehrheit unserer Gebete geht vielmehr scheinbar ins Leere: da, wo es uns richtig ernst ist, scheint unser Gebet völlig fruchtlos zu sein.

Nun gibt es den Versuch einer Erklärung: dass Gott unsere Gebete auf andere Weise erhört, als wir es erwarten. Manchmal mag das zutreffen, aber sicher nicht immer.

Wie oft beten wir um Einheit im Glauben, um das Zusammenwachsen der vielen verschiedenen Kirchen, um Frieden in unserer Nachbarschaft und in der ganzen Welt – alles hohe Ziele, die doch sicher auch dem Willen Gottes entsprechen. Und dennoch verändert sich nichts, vielleicht sogar im Gegenteil: es wird nur noch schlimmer.

Worum sollen wir also bitten? Wann ist das Gebet sinnvoll, und wann eher Zeitverschwendung? Sollen wir gleich aufhören, um Heilung zu bitten, wenn eine unheilbare Krankheit den Tod nahe bringt? Sollen wir aufhören, um Frieden zu bitten, wenn irgendwo ein neuer Konflikt ausbricht? Sollen wir aufhören, um Gerechtigkeit zu bitten, wenn wieder ein riesiger Konzern Lebensräume zerstört und Menschenrechte mit Füßen tritt?

Nein, wir sollen nicht aufhören. Denn wenn wir das täten, hätte Jesus ja recht: Bisher habt ihr noch nichts gebeten in meinem Namen. Und Jesus fordert uns im Gegenteil auf, in seinem Namen den Vater im Himmel zu bitten.

Worum sollen wir also bitten?

Um das, was uns von Gott zugesagt ist, was er versprochen hat, uns zu geben: Heil und Heilung, Frieden, Gerechtigkeit, Leben, Einheit der Gemeinde Jesu Christi. All die Dinge, die so unmöglich zu sein scheinen. All die Dinge, die in der drei Worte langen Bitte des Vaterunsers bereits enthalten sind: „Dein Reich komme“.

Das Gebet hat nicht nur eine Verheißung; es ist auch ein Privileg. Wir als Gemeinde Jesu Christi haben das Privileg, Gott zu bitten, ohne dabei irgendwelche Umwege gehen zu müssen. Dieses Privileg können wir gar nicht hoch genug einschätzen.

Und darum ist es so wichtig, dass wir uns immer wieder zum Gottesdienst versammeln, dass wir gemeinsam beten für die geschundene Welt, die die Verheißungen Gottes von sich weist oder ignoriert.

Damit endlich geschieht, was Gott uns schon so lange zugesagt hat: dass er alle Tränen von unseren Angesichtern abwischen wird, dass er eine neue Erde und einen neuen Himmel schaffen wird, in denen Gerechtigkeit wohnt und Gott mitten unter uns ist.

Das Gebet wird uns helfen, all das zu überwinden, was uns in dieser Welt Angst macht. Es entfaltet seine Kraft, wenn es ein Ziel ansteuert, das in dieser Welt unerreichbar zu sein scheint. Denn das ist das Ziel Gottes. Nur ein Gebet, das das Unmögliche erwartet, ist ein Gebet des Glaubens, das uns mit Gott vereint und darum helfen wird, die beängstigenden Dinge in dieser Welt zu überwinden.

Amen

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Predigt zum Sonntag Jubilate
7. Mai 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Paulus stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören. So ging Paulus von ihnen. Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Apg 17, 22-34

Liebe Gemeinde!

Ich finde die Apostelgeschichte ausgesprochen spannend. Sie liest sich genauso wie ein Roman, auch wenn man sich hier und da noch etwas mehr Spannung wünschen würde. Aber man fühlt sich dennoch mit hineingenommen in das Geschehen und kann sich manches recht gut vorstellen.

Man erlebt die Spannungen, in denen die ersten Christen lebten und mit denen sie zurecht kommen mussten. Man erfährt von Verfolgung und Bekehrung und nimmt wahr, wie unkompliziert es damals war: „Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“, fragt z.B. der Kämmerer aus Äthiopien, nachdem er nur wenige Stunden lang durch Philippus in den grundlegenden Dingen des christlichen Glaubens unterwiesen worden war. Und Philippus sagt nicht: „Hm, da musst Du aber erst noch wenigstens ein paar Tage lang Unterricht bekommen“, sondern er tauft ihn auf der Stelle.

Und dieser getaufte Mensch, der wenige Stunden vorher nichts von alledem verstanden hatte, trug das Evangelium in die Welt hinaus genauso, wie die Apostel es taten, obwohl Philippus sofort nach der Taufe wieder verschwunden war. Also auch keine Nachsorge, keine Anbindung an eine Gemeinde, nein, alles noch ganz neu, frisch, aufregend.

Oder die Bekehrung des großen Christenverfolgers, Saulus, von der das Sprichwort stammt: „Vom Saulus zum Paulus werden.“, was ein Stück weit die Verwandlung beschreibt, die in einem Menschen mitunter vorgehen kann.

Es sind Geschichten, in denen wir trotz der Kürze, in der sie erzählt werden, ganz deutlich die Kraft des Geistes Gottes wahrnehmen und erfahren, wie Gott seine Kirche, d.h. die Gemeinschaft der Heiligen, nicht nur trägt, sondern auch leitet und wachsen lässt.

Und nun steht dieser Paulus auf dem Areopag. Es ist ein Platz von historischer Bedeutung, der aus der Stadt Athen herausragt und nicht weit von der Akropolis entfernt ist. Man erzählte sich, dass dort die Götter Gericht gehalten hätten über ihresgleichen.

Zu Zeiten des Paulus hatte der Platz an Bedeutung verloren, und man vermutet, dass in der Erzählung der Apostelgeschichte nicht der Ort Areopag, sondern das Gremium, das die gleiche Bezeichnung trug und weiterhin für Rechtsfragen zuständig war, gemeint ist.

Das schließt nicht aus, dass sich das Ganze auch auf dem Areopag ereignete, aber der erste Satz müsste dann heißen: Paulus stand inmitten des Areopag, also inmitten des Rates, der sich Areopag nennt. Das ist auch sinnvoller, denn sonst müsste man ja berechtigterweise fragen, wem Paulus eigentlich seine Rede dort auf dem Areopag vortrug. Waren es nur Menschen, die zufällig dort waren? Das ist eher unwahrscheinlich, denn er wurde ja dorthin gebracht, damit er von einflussreichen Leuten gehört würde.

Paulus hatte sich gut vorbereitet. Er kannte die Griechen recht gut, hatte er doch selbst auch griechische Philosophie studiert. Er hatte sich auch nicht gescheut, in die Tempel zu gehen und zu sehen, welche Götter dort angebetet und verehrt wurden. Es ging ihm darum, die Menschen mit ihren Nöten und Ängsten, aber auch mit ihren Hoffnungen und Freuden kennen zu lernen.

Und dann stieß er auf einen Tempel, der dem unbekannten Gott gewidmet war.

Wie merkwürdig. Oder auch nicht: sollte man sich nicht unbedingt des Beistandes aller Götter versichern? Nachdem man also all den Göttern des Olymp seine Opfer dargebracht hatte, konnte man noch zu diesem Altar gehen und zu dem Gott beten, den niemand kannte, der aber vielleicht doch existierte und womöglich noch mächtiger war als alle anderen bekannten Götter.

Es erinnert mich an eine Erfahrung, die ich in Indien machte, wo ich an vielen Orten neben Bildern von Shiva und Vishnu, die eigentlich schon im hindustischen Glauben zwei rivalisierende Götter sind, auch ein Bild von Jesus und evtl. auch noch weitere Bilder von Heiligen anderer Religionen fand. Alle Bilder wurden in gleicher Weise geehrt: sie bekamen jeden Morgen eine frische Blumengirlande umgehängt und brennende Räucherstäbchen wurden an ihnen befestigt, während ein Gebet gesprochen wurde.

Nur immer auf der sicheren Seite sein.

Oft wird gesagt, Prediger sollten sich an dieser Areopagrede ein Vorbild nehmen. Die Art und Weise, wie Paulus sich vorbereitete, sei meisterhaft. Aber was auf seine Einleitung folgt, die die Menschen ja im Grunde tatsächlich dort abholt, wo sie sich befinden, nämlich in einer großen Unsicherheit darüber, wie ihnen welcher Gott nun eigentlich gesonnen ist, ist alles andere als das, was wir heute von vielen Kanzeln hören.

Paulus zieht klare Grenzen. Das ist eigentlich ein Unding nach heutigen Maßstäben. Denn danach ist Gott doch der liebe Gott, der Niemandem etwas zu Leide tut, sondern alle willkommen heißt, egal, was in ihren Herzen vorgeht.

Aber Paulus findet da andere, sehr deutliche Worte: „Gott hat über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.“ – d.h. alle Menschen auf der ganzen Erde sollen umkehren und sich Gott zuwenden – dem Vater Jesu Christi.

Buße, das heißt eben nicht nur mal in sich gehen, sondern es heißt, sich zu dem lebendigen Gott bekehren, eben dem einen, der Himmel und Erde gemacht hat, der über beiden Herr ist, der nicht in Tempeln wohnt, die mit Händen gemacht sind, der jedermann Leben und Odem und alles gibt, und der sich auch nicht dienen lässt, weil er keinen Dienst braucht. Gott muss nicht von uns versorgt werden, er lebt nicht davon, dass wir ihn anbeten, sondern er lebt aus sich selbst, weil er alles in allem ist.

Da mag man natürlich auch fragen, warum wir eigentlich Gottesdienst feiern – denn auch das ist doch ein Dienst an Gott und nach diesen Worten des Paulus völlig überflüssig. Ich möchte jedoch das Wort „Gottesdienst“ ganz anders verstehen. Nicht wir dienen Gott, sondern Gott dient uns: er wendet sich uns im gemeinsamen Gottesdienst zu, was wir besonders in der Feier des Abendmahls erfahren können. Da dienen nicht wir Gott, sondern er dient uns. Und das hat er ja auch getan, als er sich ans Kreuz schlagen ließ um unserer Sünden willen.

Unser Gottesdienst hilft uns, den Dienst Gottes an uns wahr zu nehmen und anzunehmen.

Und dann ist der Gottesdienst nur unsere Antwort, unser Dank für Gottes Handeln an uns.

Paulus nimmt die griechische Philosophie auf, indem er sagt: „In Gott leben, weben und sind wir, wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.“ Es ist ein Lehrgedicht, das bereits über dreihundert Jahren vor seiner Zeit entstand. Man nennt das Pantheismus, wenn Gott in allen Dingen gegenwärtig ist, sie durchdringt und auf diese Weise heiligt.

Paulus entwickelt aus diesem Gedanken die Erkenntnis über den unbekannten Gott weiter: wenn wir göttlichen Geschlechts sind, dann kann unmöglich das, was wir mit unseren Händen herstellen, über uns stehen. Die Götterbilder können nicht Götter sein, sie können auch nicht die Götter in irgendeiner Form verkörpern und ebensowenig ihre Gegenwart in den Tempeln garantieren. Das Anbeten der Götterbilder kann darum nicht helfen, es führt zu nichts.

Auch das erinnert mich an die Situation vieler Menschen in Indien, und ich kann mir denken, dass die ersten Missionare, die sich vor Jahrhunderten dorthin aufmachten, sich ganz wie Paulus auf dem Areopag gefühlt haben, nachdem sie die vielen Götterbilder in den zahlreichen Tempeln und an den Straßen gesehen hatten. Auch sie stellten sich auf die Marktplätze und begannen davon zu sprechen, dass die Götterbilder unmöglich Gott fassen können.

Aber das ist dann doch etwas zu kurz gegriffen. Zumindest wenn man gelehrte Hindus fragt, dann werden sie antworten, dass das Götterbild nur eine Hilfe ist, den wahren Gott anzubeten, der in seiner Form ganz frei ist und sich nicht an Ort oder Zeit binden lässt. Gott scheint gewissermaßen durch das Götterbild hindurch, aber es ist nicht Gott.

Genauso nutzen wir ja auch z.B. die Kruzifixe hier in unserer Kirche: sie erinnern uns an das Handeln Gottes, das zwar in Jesus Christus sehr konkret und abbildbar wurde, aber weit über jede Darstellung hinaus geht. Die Darstellung, das Bild hilft uns, die Liebe Gottes nachzuvollziehen, aber sie ist nicht die Liebe Gottes.

Und dann passen die Worte des Paulus plötzlich nicht mehr. Es kann mit der besten Logik nicht weitergehen, und das muss Paulus auch in seiner Rede auf dem Areopag erkennen.

Er kann noch nicht einmal mehr den Namen „Jesus Christus“ nennen, und vielleicht will er das auch nicht, weil man sich vielleicht schon sein Bild von Jesus Christus gemacht hatte und das ganz anders aussah, als es eigentlich aussehen sollte. Und so spricht Paulus nur von „einem Mann, den Gott von den Toten auferweckt hat.“

Genau an dieser Stelle ist es mit der Kunst der Predigt des Paulus vorbei. Die Auferstehung treibt einen Keil in die Zuhörerschaft. Bei den einen weckt sie verborgene Hoffnungen, bei den anderen Argwohn und Skepsis, ja, sogar Spott.

Die Realität des Todes ist allen gegenwärtig, auch was aus den Toten wird. Niemand hat je einen Menschen von den Toten erwachen sehen, aber man weiß, dass sie alle verrotten und nichts bleibt, was wieder lebendig werden könnte – es sei denn in den Pflanzen, die aus der Erde wachsen, in der die Menschen begraben wurden. Warum sollte man da einem Fremden glauben, der von einem unbekannten Menschen behauptet, dass er von den Toten auferstanden sein?

Vielleicht machte es da auch „Klick“ bei den Zuhörern: ach, das ist auch einer von diesen Jesuanern. Da sind wir uns doch schon längst einig geworden, dass das alles Humbug ist, weil das mit der Auferstehung unmöglich wahr sein kann.

Und so beginnen einige, Paulus zu verspotten: Wir dachten, Du würdest uns etwas Neues verkünden, und jetzt kommst Du mit Kinderkram!

Andere sind etwas sensibler, sie versprechen, später noch einmal zu zu hören, aber das bedeutet ja doch meist nur: du kannst lange warten, bis du wieder zu uns sprechen darfst. Du hast deine Chance gehabt. Aber wir wollen nicht unhöflich sein, darum stellen wir eine zweite Chance in Aussicht – in ferner Zukunft.

Aber dann ist doch einiges auf fruchtbaren Boden gefallen, und die Saat ging auf, unmittelbar durch diese Rede, oder eigentlich besser gesagt: durch den Heiligen Geist, denn die Apostelgeschichte ist ja eigentlich nicht eine Geschichte der Apostel, sondern des Heiligen Geistes, wie er unter den Menschen wirkt und das Evangelium langsam, aber stetig über den ganzen Erdkreis ausbreitet.

Und so sind da einige, wenige, die mehr wissen wollen, die sich Paulus anschließen, als er – vielleicht enttäuscht – sich abwendet und wieder seiner Wege gehen will.

Der letzte Vers unseres Predigttextes bietet da auch noch eine Besonderheit: „Einige Männer“, so heißt es, „schlossen sich ihm an und wurden gläubig: unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat (des Areopag), und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.“

„Einige Männer“ sagt er, und dann nennt Lukas nur einen Mann und eine Frau neben einigen anderen, die unbekannt bleiben. Vielleicht waren die Übrigen alle Männer, aber warum nennt er dann nur einen Mann und eine Frau mit Namen?

Es wird ganz automatisch aus seiner Feder geflossen sein, aber es ist doch merkwürdig, dass am Anfang des Satzes diese eine Frau sogleich unter den Tisch fällt, obwohl man sie mit Namen kennt. Er hätte ja auch sagen können: ‚Einige Männer und Frauen schlossen sich ihm an.‘

Dabei ist das ja gerade das Besondere, was für mich die Apostelgeschichte so interessant macht: Dies sind Personen, die man kannte – sonst wäre die Nennung ihrer Namen nicht nötig und auch nicht möglich gewesen. Dionysius und Damaris, sie beide hatten sich in der damaligen Zeit unter den Christen einen Namen gemacht. Vermutlich hatten beide in ihren Häusern eine Gemeinde gegründet und geleitet, und wahrscheinlich hatten sie die Verkündigung des Evangeliums auch auf den Marktplätzen fortgeführt. Die Gemeinde in Athen wenigstens wusste, wer gemeint war, wenn man von Dionysius und Damaris sprach.

Von Dionysius wissen wir, dass er der erste Bischof von Athen wurde, also tatsächlich eine bedeutende Stellung innerhalb der frühen Christenheit einnahm.

Von Damaris weiß man nicht mehr, und dass sie später zur Frau des Dionysius gemacht – ich will nicht sagen: degradiert – wurde, zeugt eigentlich nur davon, wie schnell die Emanzipationswelle, die durch das Evangelium ausgelöst wurde, verebbte.

Das Evangelium ist eine Herausforderung, die nur wenige Menschen annehmen. Das erfahren wir auch heute, oder vielleicht besonders heute. Ich denke, dass die Situation des Paulus damals in Athen der unseren heute so ähnlich ist wie zu kaum einer anderen Zeit. Die meisten Menschen wollen sich nicht in ihren Glauben hinein reden lassen, sie haben es sich bequem zurecht gemacht. Da ist kein Raum für Buße, denn Gott liebt ja jeden und alles, und da gibt es auch kein Gericht, denn es ist uns durch die Taufe ja sowieso schon alles vergeben. Da kann mir niemand vorschreiben, ich müsse an den Gottesdiensten teilnehmen, denn Gott kann ich überall erfahren, dazu muss ich nicht am Sonntag morgen früh aufstehen.

All diese Aussagen haben etwas Wahres an sich, aber es sind nur Halbwahrheiten. Denn der Glaube ist keine Privatsache. Von Anfang an war der christliche Glaube eine Sache der Gemeinschaft, des Miteinanders, das sich zwar auf vielfältige Weise ausdrückt, aber im Gottesdienst für alle deutlich sichtbar wird. Ohne die Gemeinschaft mit anderen ist der christliche Glaube nutzlos.

Und immer wieder wünsche ich mir, dass wir uns öfter die Zeit nähmen, um in uns zu gehen und uns neu ausrichten zu Gott hin, der allein Leben schenken kann. Denn unser Gott ist kein Weichspül-Gott, der allen irgendwie, egal wie, gerecht wird. Er ist vielmehr der Gott, der ganz konkret in unsere in Sünde verstrickte Existenz hinein gewirkt und die Bande der Sünde zerrissen hat, damit wir frei werden zu einem Leben in der Gottes- und der Nächstenliebe.

Das Evangelium fordert uns heraus – es ist kein bequemes Ruhekissen. Und ein Teil der Herausforderung ist, dass wir wie Paulus hingehen und weitersagen, was wir an uns erfahren haben: dass Gott will, dass wir nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben.

Dass nicht alles auf fruchtbaren Boden fällt, damit müssen wir rechnen. Wir dürfen aber auch darauf vertrauen, dass der Heilige Geist seinen Teil dazu beiträgt, dass das, was wir tun und sagen, seinen Weg findet und Neues entstehen lässt – eine Gemeinde, die getragen und geleitet wird eben von diesem Heiligen Geist, der derselbe ist wie damals vor fast 2000 Jahren.

Amen

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Predigt zum Ostersonntag
16. April 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfaßten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.

Mt 28, 1-10

Liebe Gemeinde!

Zwei Marias. Dabei ist keine von ihnen die Mutter Jesu, es sind zwei Frauen, die Jesus begleitet hatten, ja, die ihn vielleicht sogar geliebt hatten. Ganz gewiss hatten sie ihn geliebt – es bleibt nur unklar, ob diese Liebe der einer Frau zu einem Mann entsprach, oder ob es die Liebe war, die Menschen zu Gott empfinden.

Zwei Marias, zwei Frauen. Nur eine von ihnen wird näher bezeichnet, die andere ist nur schlicht „die andere Maria“.

Sie haben Schweres hinter sich. Gerade erst am Freitag ist es geschehen. Jesus, dieser Mann, dem sie ihr Leben gewidmet hatten, war gekreuzigt worden – ermordet, so kann man es wohl sagen. Denn natürlich wussten sie, dass das Urteil nicht im Geringsten gerechtfertigt gewesen ist. Sie sind dabei gewesen, als er starb – einen qualvollen Tod. Sie hatten gesehen, wie sein Atem unregelmäßig wurde, stockte und schließlich ganz versagte. Der Schmerz hatte ihre Herzen zerrissen, es muss unendlich weh getan haben.

Sicher haben sie geweint, als der Leichnam dann zu Grabe getragen wurde, aber sie ließen es sich nicht nehmen, mit zu gehen und zu sehen, wo er liegen würde. Das gehört zur Bewältigung der Trauer dazu, dass man sieht, wo der Verstorbene begraben ist. Kein grüner Rasen, keine Anonymität, sondern ein Ort, zu dem man wieder hin gehen kann, und sei es nur, um den Leichnam ein zu balsamieren – oder um das Grab zu schmücken.

Solch ein Ort hilft, Trauer zu bewältigen, denn durch sie werden Erinnerungen in einer Form lebendig, die dem Tod angemessen sind: kein Argwohn, dass er vielleicht gar nicht tot gewesen ist, kein Zweifel daran, dass er es war, der da zu Grabe gelegt wurde. Aber die Möglichkeit, zu ihm zu reden, den Ballast der Trauer ab zu legen.

Dann kam der Sabbat. Ein trauriger Sabbat. Eigentlich ein fröhlicher Tag, denn es ist das Passahfest. Gott hat sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten befreit! Er schenkt ihnen die Möglichkeit zu einem neuen Anfang in Freiheit!

Aber diese Freude konnten die beiden Frauen nicht nachempfinden, und mit ihnen auch nicht die Jünger, die sich tief verkrochen hatten in sich selbst, die ihre Trauer nicht zu zeigen wagten und darum so abgrundtief verstört waren, dass sie nicht wussten, was sie tun sollten.

Da waren es Frauen, die das Leben bewahrten, die die religiösen Pflichten dieses Passahfestes beachteten und wahrnahmen, und die dafür sorgten, dass der Alltag Alltag blieb und die Trauer nicht das Leben zerstörte. Aber die Jünger konnten sie kaum aus ihrer Schwermut heraus locken.

Noch eine Nacht schliefen sie, dann wollten sie sich auf den Weg zum Grab machen. Am Sabbat selbst wäre der Weg zu weit gewesen. Sie wollten nach dem Grab sehen – ein merkwürdiger Ausdruck. Wollten sie nicht nach Jesus sehen? Oder wollten sie sich nur vergewissern, dass alles seine Ordnung hat? Dass das Grab unversehrt ist, dass Jesus in diesem Grab liegt, Jesus, der der Grund ihrer Freude gewesen war?

Trauerarbeit. Man muss einen Ort haben, zu dem man gehen kann, um seine Trauer zu bewältigen. Kein „grüner Rasen“, keine Anonymität. Die Toten, die wir geliebt haben, können nicht plötzlich zu Namenlosen werden, die keine Heimat mehr haben.

Wo wurde er hingelegt? Sie, die beiden Frauen, wissen es bereits. Aber ihre Trauer treibt sie, vielleicht ist es auch eine leise Hoffnung, aber... worauf könnten sie schon hoffen? Sie hatten ihn ja sterben gesehen, sie hatten ja gesehen, wie er ins Grab gelegt wurde.

Doch da erschraken sie. Die Erde erzitterte unter ihren Füßen, als wollte sie sie daran hindern, ihr Ziel zu erreichen. „Geht nicht weiter“, scheint ihnen diese Erde zuzuschreien, „geht nicht weiter, oder ihr verliert den Boden unter euren Füßen! Lasst euch nicht vom Tod hinreißen! Wisst ihr nicht, was er gesagt hat: lasst die Toten ihre Toten begraben?“ Aber sie sind schon fast am Ziel und gehen natürlich weiter, erkennen, dass da etwas Merkwürdiges vorgeht, dass da einer ist, der den schweren, schweren Stein von der Tür wegwälzt; den Stein, der schon lange auf ihrer Seele gelegen hatte, seit sie gesehen hatten, wie er vor die Tür gewälzt worden war.

Doch was ist das? Der Stein ist fort, das Grab ist offen. Oh nein, warum nur? Was wollen sie mit Jesus machen, mit dem, den sie liebten und noch lieben?

Sie sehen die Soldaten, die das Grab bewachen und plötzlich zu Boden fallen, bewusstlos – und sie sehen den Engel, den Boten Gottes, den von Gott gesandten, der ihnen entgegen blickt und dessen Blick etwas Schalkhaftes zu haben scheint. Ja, er scheint zu lachen! Ein breites Grinsen breitet sich über sein Gesicht aus, aber es ist kein hämisches, gemeines Grinsen, sondern ein fröhliches Grinsen, als er die Worte spricht: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat.“

Was sollen sie nur dazu sagen? Sie kamen, um ihre Trauer los zu werden, und werden anstelle dessen mit Angst erfüllt. Denn was können solche Worte anderes tun als Angst machen?

Auferstanden? Wie kann das sein? Eben noch war das Grab zu, sie hatten ihn nicht herausgehen sehen, als der Bote Gottes den Stein vom Grab weg gewälzt hatte. Was war geschehen? Wie war es geschehen? War der Stein wirklich so leicht zur Seite zu rollen? Aber wie hätten Grabschänder an den Wachen vorbei kommen können?

Nein, der Stein war schwer, keine Sache für einen einzelnen Mann. Das geht nur mit Gottes Kraft. Und mit Gottes Kraft ist es auch möglich, dass Jesus aufersteht. Denn Gott ist stärker als der Tod.

Aber sie wollen sich vergewissern, das, was sie schon zuvor tun wollten, um ihrer Trauer einen Halt zu geben. Sie wollen sicher sein, jetzt nicht mehr, dass Jesus tot ist, sondern, dass der Tod besiegt ist, dass er keine Macht mehr hat über sie.

Der Engel weiß es und lädt sie ein: „Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat.“ Das lassen sie sich nicht zweimal sagen. Die Gewissheit muss her. Aber ob sie in das Grab hineingingen? Vielleicht taten sie noch nicht einmal das. Vielleicht genügte ihnen ein Blick durch die Öffnung, denn sonderlich groß war das Grab wohl nicht. Sie sahen den Stein, auf dem Jesus aufgebahrt worden war, und sahen, dass dort niemand mehr lag.

Sie wussten, wie es hätte aussehen müssen, denn sie waren ja selbst dabei gewesen, als er dorthin gelegt und der Stein vor das Grab gewälzt worden war. Sie hatten den letzten Zustand des Grabes gesehen, und sie waren Zeugen gewesen, wie der Stein wieder fortgewälzt wurde.

Dazwischen war das Grab verschlossen. Es musste so sein, wie der Engel behauptete. Und es begann sich ein Fünkchen Hoffnung in ihrer Brust zu regen. Die Trauer begann zu schwinden.

Und sie hören den Auftrag, den ihnen der Engel erteilt: „geht hin zu seinen Jüngern, sagt ihnen, dass sie ihn wiedersehen werden in Galiläa.“

Diese Botschaft muss natürlich an die weiter gegeben werden, für die sie bestimmt ist. Also verweilen sie nicht am Grab. Es gibt keinen Grund mehr, dort zu bleiben. Der Tote ist nicht mehr da, weil... kaum wagen sie es zu denken, aber es scheint wirklich so zu sein... weil er nicht mehr tot ist.

Sie wenden sich um, von der Trauer zum Leben, von der Verzweiflung zur Hoffnung, von der Ratlosigkeit zur Klarheit.

Gott verwandelt das Leben. Plötzlich werden sie sich dessen wieder bewusst, nachdem der Tod Jesu all diese Ereignisse weggewischt hatte. Wie konnten sie das nur vergessen. Aber ihre Trauer war zu stark gewesen, sie konnten sich nicht mehr an das erinnern, was Jesus getan hatte. Sie sahen nur noch sich selbst.

Doch das wurde jetzt anders. Sie machten sich auf den Weg. Sie mussten es weiter sagen, so wie der Bote Gottes es ihnen aufgetragen hatte. Sie wurden selbst zu Boten, ja, sie wurden zu Engeln.

Da steht er plötzlich und unvermittelt vor ihnen. Ist er es? Ist er es wirklich? Kann das sein? Aber ja, es kann sein. Gerade erst ist es doch zur Gewissheit geworden, dass Gott den Tod besiegen, dass er auch Tote auferwecken kann. Das Leben hat gesiegt! Und da steht er vor ihnen.

Sie erschrecken, aber es gibt dafür keinen Grund. „Fürchtet euch nicht!“, sagt Jesus. „Fürchtet euch nicht!“ Da ist er wieder, der wohlgemeinte Befehl, der Versuch, alle Angst zu nehmen.

Habt keine Angst. Lasst euch nicht mehr von Unsicherheit und Zweifel plagen. Ich bin es. Ich bin und bleibe bei Euch! Tod? Nein, der hat keine Macht mehr. Das Leben hat gesiegt! Legt Eure Trauer jetzt ab, endgültig! Lasst Euch nicht von ihr unterkriegen. Nehmt das Leben in die Hand. Empfangt Euer Leben neu aus der Hand Gottes.

Sie fallen nieder, umfassen seine Füße, als wollten sie ihn festhalten. Gehört ein Auferstandener nicht zu Gott? Muss er nicht in den Himmel fahren? Nein, bleibe bei uns, Herr. Wir wollen dich nicht gehen lassen.

Aber so geht es nicht. Sie bekommen erneut einen Auftrag. Sie sind doch Boten Gottes. Sie können hier nicht verweilen, so schön sie es auch finden mögen, wie gerne sie auch dort bleiben wollen. Es geht nicht. Ihr Auftrag treibt sie fort auf einen Weg, den Jesus nicht mehr gehen braucht. Er hat getan, was ihm aufgetragen war vom Vater; nun ist es an denen, die ihn lieben, das allen Menschen zu verkündigen.

Gott hat den Tod überwunden. Das Leben hat gesiegt!

Was für eine großartige Botschaft! Eine Botschaft, die Wellen geschlagen hat, die sich ausbreitete über die ganze Welt, die unzähligen Menschen Hoffnung gegeben hat, Mut zu einem neuen Leben, nachdem alles zerstört gewesen zu sein schien.

Es ist schon großartig:

das sogenannte „schwache Geschlecht“ spielt die Hauptrolle in diesem Drama. Frauen sind die Hauptpersonen, und nicht nur das: sie sind die ersten Träger dieser Botschaft, die die Welt verändert hat und auch heute noch verändern kann.

Wir sollten das in unserem Herzen bewahren.

„Fürchtet euch nicht!“ Sagt es frei heraus!

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Amen.

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Predigt zur Osternacht
16. April 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

HERR, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du, aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens. Tote werden nicht lebendig, Schatten stehen nicht auf; darum hast du sie heimgesucht und vertilgt und jedes Gedenken an sie zunichte gemacht. Du, HERR, mehrst das Volk, du mehrst das Volk, beweist deine Herrlichkeit und machst weit alle Grenzen des Landes.

HERR, wenn Trübsal da ist, so suchen wir dich; wenn du uns züchtigst, sind wir in Angst und Bedrängnis. Gleich wie eine Schwangere, wenn sie bald gebären soll, sich ängstigt und schreit in ihren Schmerzen, so geht’s uns auch, HERR, vor deinem Angesicht. Wir sind auch schwanger und uns ist bange, und wenn wir gebären, so ist’s Wind. Wir können dem Lande nicht helfen, und Bewohner des Erdkreises können nicht geboren werden.

Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Toten herausgeben.

(Jes 26, 13-19)

Liebe Gemeinde!

Zu Ostern halt’ ich es für gut,
nicht, dass man eine Reise tut,
ich denk’ vielmehr an eine Form,
die nicht so ganz entspricht der Norm.
Ihr merkt es schon, ich red’ zur Stund
in Reimen hier mit meinem Mund.
Das liegt an einem alten Brauch,
So mancher kennt ihn sicher auch:

Das Osterlachen ist heut’ dran
für Kinder und für Frau und Mann.
Wir wollen alle fröhlich sein,
das gilt für alle, Groß und Klein!

Vielleicht, das hoffe ich schon sehr,
lockt dieser Reim das Lachen her,
ein Lächeln wäre auch nicht schlecht,
das passt zu Ostern und ist recht.

Doch nun genug. Ich fange an,
Hört doch, was Gott für uns getan.

Wenn Veilchen blühn, Vergissmeinnicht,
wenn morgens früh das Licht anbricht,
bevor wir springen aus dem Bett,
dann finden wir es wohl ganz nett,
wenn Vögel zwitschern laut und klar,
und auch summt die Insektenschar.

In diesen Tagen ist es so,
wir werden wieder richtig froh,
am hellen, schönen Ostertag
die Sonne uns auch scheinen mag.

Und wenn sie hinter Wolken steckt,
das Licht uns dennoch früh erweckt,
denn auch durch Wolken scheint das Licht,
das lernt man schon im Unterricht.

Doch schau’n wir auf Jesaja mal,
der führt uns erst ins tiefe Tal.
Vom Tod er redet ziemlich bitter,
da kommt uns fast schon das Gezitter.

Die Toten bleiben tot, jawohl,
da scheint das Leben ziemlich hohl,
wir fragen, was wohl werden wird
wohin das Leben uns wohl führt,
und möchten bei dem bitt’ren End
dann doch was haben in den Händ’.

Wir suchen Reichtum, Wohlstand, Lob,
sonst wär’ das Leben allzu grob.
Jesaja sagt: das denkst du nur,
der Tod, der hält dich auf der Spur.
Er macht dich klein und mickerig,
das ärgert uns ganz fürchterlich.

Der Tod, er kommt in jedes Haus,
ob früh, ob spät, ob Katz, ob Maus,
er kriegt sie, das weißt du genau,
ob nun im Bett oder am Bau.

Er schont wohl weder Tier noch Mann,
die Frauen auch nicht, denket dran,
er lehrt uns Demut, merket auf!
Er macht ein End dem Lebenslauf.

Der Tod, er macht vor niemand halt,
er holt sich Bauer, König bald.
Da hat man noch so viel getan
doch später kräht danach kein Hahn,
und irgendwann, das ist wohl wahr,
vergisst ihn auch die Menschenschar.

Ein Schatten nur, der niemals bleibt;
der Herr die Herren schnell vertreibt,
der Herr, der Herr Gott Zebaoth,
er brachte auch den herben Tod.

Doch eigentlich, bedenket’s mal,
ist’s, wenn wir werden aschefahl
ganz wie die Leiche nach dem Tod,
doch unsre Schuld und unsre Not.

Denn einst, es war im Garten Eden
– der liegt ganz sicher nicht in Schweden –
da gab es Leben überall,
bevor es kam zum Sündenfall.

Erst dann kam über uns der Tod,
die Sünde bracht es aus dem Lot.
Was zwischen Gott und Mensch einst war;
es mit dem ersten Menschen starb.
Seither ist Mühe überall,
das hat gemacht der Sündenfall.

Der Tod ist da, nun ist es so,
doch das macht uns noch lang nicht froh.
Es macht uns traurig, sorgenvoll,
wenn jemand krankt, ist es nicht toll,
wir sind in Trübsal und auch Angst,
weil du dann um dein Leben bangst.

Wir spüren ihn, den nahen Tod,
er kommt ganz kalt und macht uns Not.
Die Toten sind, man glaubt es kaum,
nicht mehr als so ein toter Baum.

Doch jetzt genug, die Sonn’ geht auf
und fängt schon an mit ihrem Lauf,
sie bringt das Licht zu uns herein
so wie der Kerzen heller Schein.

Wir feiern Ostern, ist doch klar:
das Leben siegt! Das ist wohl wahr!
Das sagt uns auch noch der Prophet,
am Ende es bei ihm auch steht:
die Toten werden leben schön
aus vollem Herz die Stimm ertön!

Sie werden wach, man glaubt es kaum,
doch ist es nicht ein schlechter Traum,
die Toten werden aufersteh’n
und auch das Licht des Lebens seh’n.

Das Licht des Lebens – ja, das ist
doch unser Herre Jesus Christ!
Den Tod er schließlich überwand
gibt Leben uns aus Gottes Hand.

Ein Leben, das nicht kennt den Tod,
das wieder alles rückt ins Lot,
was einstmals aus dem Gleichgewicht
gerückt, und auch ins falsche Licht.

Jetzt sind mit Gott wir all’ versöhnt,
Das Licht das Dunkel uns verschönt.
Der Tod hat uns nicht in der Hand,
denn Christus ihn heut’ überwand!

Und auch, wenn das noch nicht so klar,
und manchen wohl auch gar nicht wahr,
so denken wir, was Jesus sagt,
als er von Thomas wird gefragt:

dass selig sind, die glauben schon,
auch wenn sie nicht den Gottessohn
leibhaftig vor sich stehen seh’n.
Denn ihnen wird es wohlergeh’n.

„Er lebt!“ So heißt die Losung heut,
„Und mit ihm alle Christenleut!“
Ganz gleich, was uns die Welt auch sagt,
wer glaubt, dem dieses Licht heut tagt.
Wir leben heut’ und immerfort,
das sagt uns Gottes ew’ges Wort.

Zwar mag das etwas seltsam sein;
der Tod tritt immer noch herein
und nimmt die Lieben von uns fort
an einen andern, fremden Ort.

Doch fürchten wir uns nicht so sehr,
denn seine Macht, die ist nicht mehr.
Es ist, so wie Jesaja sagt:
das Licht ins Dunkel hinein ragt.

Es öffnet sich die Erde schon
und gibt heraus den Gottessohn
und mit ihm dann auch alle Leut’
die drauf vertrauen hier und heut’.

Wir werden mit ihm aufersteh’n,
das werden alle einstmals seh’n.
So freu’n wir uns an diesem Tag!
Gott macht uns frei von aller Plag!

Drum woll’n wir alle fröhlich sein
und jubelnd loben ihn allein!
Er ist der Herr, der uns von Not
befreit hat und dazu vom Tod.

Lasst uns im Glauben IHM vertrau’n
und unser Leben auf ihn bau’n.
Dass wir nicht suchen Menschenehr,
nicht Geld und Gut, auch nicht noch mehr
als das, was uns von IHM geschenkt,
denn ER ist’s, der dies alles lenkt.

So danken wir dem Herren Christ,
dass er vom Tod erstanden ist,
und loben mit Halleluja,
dass er nun immer für uns da!

Nun sagen wir in seinem Namen
mal wieder, wie’s gewohnt, das Amen!

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Predigt zum Karfreitag
14. April 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.

Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.

Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

(Lk 23, 33-49)

Liebe Gemeinde!

Begeben wir uns heute nach Golgatha.

Lassen wir dabei einmal die vertrauten Darstellungen der Kreuzigung, wie wir sie von Künstlern kennen, beiseite. Denn das sind nur Ausschnitte, teilweise auch mit einer eigenen Interpretation des Geschehens, die nicht unbedingt der des Evangelisten Lukas entspricht. Aber ihm, seiner Darstellung, die wir eben gehört haben, wollen wir heute nachgehen und erfahren, was er uns zu sagen hat.

Vielleicht schließen Sie dazu die Augen und stellen sich vor, selbst dort zu sein und zu erleben, was uns der Evangelist Lukas beschreibt.

Zunächst einmal ist da ein Hügel. Golgatha. Schädelstätte. Wenn wir uns diesem Ort nähern, erkennen wir: der Name hat nichts damit zu tun, dass hier Schädel rumliegen würden. Es würde ja auch den Sitten des jüdischen Volkes widersprechen, Gebeine einfach so herumliegen zu lassen. Es gab wohl Situationen, in denen die Römer die Herausgabe des Leichnams eines Hingerichteten lange verweigerten, aber irgendwann taten sie es doch. Und dann konnten Angehörige oder andere fromme Menschen den Leichnam begraben, wie es Sitte geboten war.

Wir erkennen aber vor den Toren der Stadt den Hügel an seiner Form. Wie eine Schädeldecke wölbt sie sich. Darum bekam er den Namen Schädelstätte.

Das Gerüst, an dem die Verurteilten gekreuzigt werden, steht dort schon auf dem Gipfel des Hügels. Einzig die Querbalken müssen sie selbst tragen.

Wir gehen mit der Menschenmenge, die hinter den Verurteilten mit Rufen und Gröhlen hergeht. Es ist die grausame Neugier, die sie zu dem noch grausameren Schauspiel zieht. Auch wir sind neugierig und lassen die Neugier gewähren. Aber wir fangen nicht an zu rufen, und wir freuen uns nicht.

Was ist schlimmer: zuzusehen oder wegzuschauen? Man muss doch wenigstens berichten können, was da geschehen ist. Wer weiß – würde vielleicht doch noch ein Wunder geschehen? Jesus hatte ja so viele Wunder getan.

Außerdem: es ist immer gut, sagen zu können: ich bin dabei gewesen.

Jesu Hände werden an den Querbalken genagelt. Das gleiche geschieht mit den beiden Übeltätern, die mit ihm gekreuzigt werden. Die Schreie der Verurteilten sind erschütternd. Was für Schmerzen sie ertragen müssen.

Ihre Kleider werden ihnen von den Leibern gerissen. Dann zieht man die Körper an den Querbalken hoch und fixiert sie an dem Gerüst, Jesus in der Mitte.

Auch die Füße werden festgenagelt. Der Nagel wird nicht durch die Hand- und Fußflächen getrieben, wie wir es in den meisten Darstellungen sehen, sondern durch die Hand- und Fußwurzelknochen. Nur so können die Nägel den Körper am Kreuz halten.

Nun haben die Soldaten ihre Arbeit getan. Was bleibt, ist aufzupassen, dass sich die neugierigen Menschen nicht an den Gekreuzigten auslassen. So bleiben sie. Die Kleider teilen sie unter sich, das war üblich. Der Sieger bekommt immer eine Beute – das Hab und Gut des Besiegten. Die Präsenz der Soldaten hält die Menschen, die sich versammelt haben, in gebührender Entfernung.

Wir drängen uns nach vorne, um besser sehen zu können.

Da ertönt die Stimme Jesu, lauter als das Geschnatter der Menge: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Wem gelten diese Worte?

Denen, die ihn gerade gekreuzigt haben?

Denen, die alles daran gesetzt hatten, dass er verurteilt würde?

Mir? Ich stehe ja auch dabei und schaue zu. Ist mein Zuschauen schon Sünde? Oder ist nicht doch der neben mir gemeint, der da seine derben Späße macht und den Gekreuzigten verhöhnt?

Da kommen ein paar von den Oberen, wohl Hohepriester und Schriftgelehrte, Menschen, die viel von sich halten, die Verantwortung tragen. Sie kennen sich aus, sie gebieten Respekt. Ehrfürchtig machen die Menschen Platz, damit sie unbehelligt herantreten können. Die Oberen wissen, worum es geht. Und sie wissen, wie sie Jesus vor den Menschen entlarven können:

„Er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.“ (Lk 23, 35) so rufen sie.

Es ist kaum zu glauben, wie unverfroren diese heiligen Männer Gott verspotten. Sie rechnen nicht im mindesten damit, dass Gott in dieser Stunde handeln könnte. Ja, sie rechnen überhaupt nicht damit, dass Gott handelt. Alles, was sie bis dahin vom lebendigen Gott verkündigt hatten, wird durch diese wenigen Worte schon unglaubwürdig, denn hier wird offenbar, dass sie selbst nicht daran glauben. Gott wird nicht helfen. Jesus wird sich nicht helfen. Seht ihn euch an! Da ist er: festgenagelt, seiner Freiheit beraubt! Der Mensch hat gesiegt!

So sehen die Oberen es. So sehen es viele Menschen, auch heute, wenn Dinge geschehen, die sich nicht ändern lassen und die sich auch nicht ändern. Gott wird nicht kommen. Es wird sich nichts ändern. Insofern sind sie wahre Propheten.

Aber sie sind in Wahrheit nur Propheten ihres eigenen Unvermögens. Sie reden nicht von Gott, sondern von sich selbst. Denn sie sehen nur den Menschen.

Doch währenddessen handelt Gott. Wir können es nicht sehen. Wir sehen nur den Sterbenden am Kreuz. Wir hören den Spott der Oberen und sehen dann auch, wie die Soldaten ihm mit Essig das Sterben noch etwas versauern wollen. Auch sie rufen Jesus zu:

„Bist du der König der Juden, so hilf dir selber!“ (Lk 23, 37)

Auch sie fürchten nichts. Sind sie nicht Römer? Die Römer verehren eine ganze Götterwelt, aber sie wissen sehr wohl, dass sie von denen nichts zu fürchten haben. Nur vom Kaiser, den sie ebenfalls als Gott verehren. Aber in dessen Auftrag geschieht dies alles ja.

Die Soldaten gehören zur Weltmacht, die alle bekannten Völker unterworfen hat. Die Welt rund um das Mittelmeer steht unter ihrer Herrschaft. Wer wagt es, sich gegen sie aufzulehnen? Der jüdische König ist ihr Vasall, und hier gibt es nun noch einen, der sich als König der Juden bezeichnet. So sagt es ja auch die Schrift über seinem Haupt.

Also, soll der König doch sein Heer zusammentrommeln und es versuchen, die Römische Weltmacht herauszufordern.

Nichts wird geschehen – sie wissen es.

Denn sie verstehen ebenso wenig wie die Oberen nichts vom Handeln Gottes.

Wir sehen die beiden Übeltäter zu seiner Linken und Rechten. Der eine wird vom Spott angesteckt. Vielleicht erhofft er sich ja tatsächlich Hilfe für sich selbst, vermutlich aber hat er längst resigniert. Es bleibt ihm ja nur der Tod.

„Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ (Lk 23, 39)

Er stößt ins gleiche Horn wie die Römer und die Oberen. Ruf dein Heer zusammen, befreie uns, nachdem du dich befreit hast. Wenigstens für einen Moment könnten sie wohl frei sein, solange, bis die riesige Streitmacht der Römer die Stadt Jerusalem dem Erdboden gleich gemacht hat.

Auch er versteht nichts vom Handeln Gottes.

Der andere aber warnt: „Fürchtest du dich nicht vor Gott?“

Ja, wer fürchtet sich eigentlich noch vor Gott? Längst haben wir uns mit dem „lieben Gott“ arrangiert, der alles irgendwie gut macht, der selbst dem übelsten Übeltäter noch vergibt, ganz ohne irgendwelche Bedingungen. Da muss man nichts fürchten.

In der Trinitatiskirche in Wolfenbüttel stehen über dem Durchgang zur Kapelle die Worte aus dem 2. Psalm: „Dienet dem Herrn mit Furcht und freut Euch mit Zittern“ (Ps 2, 11). Oft bin ich, als ich dort noch Pfarrer war, darauf angesprochen worden: das sei doch unzeitgemäß, das müsse man doch durch einen anderen Spruch ersetzen. Und jedesmal antwortete ich, dass es wichtig ist, daran zu erinnern, Gott die Ehre zu geben, ihn ernst zu nehmen.

Wir haben vergessen, dass Gott gerecht ist, auch jetzt noch, nachdem Jesus gekreuzigt wurde. Gewiss, er lässt sich nicht als Keule missbrauchen, mit der man anderen Angst macht; aber wer das Leben anderer missachtet und nichts anderes sieht als seinen eigenen Vorteil, der sollte besser Gott fürchten.

„Dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lk 23, 41), hören wir den anderen Übeltäter sagen. Woher er das weiß? Das wird wohl ein Rätsel bleiben. Vielleicht haben auch Verbrecher damals von Jesus gehört. Dieser auf jeden Fall. Denn er bittet: „Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ (Lk 23, 42)

Der Tod ist nah. Da wächst die Gottesfurcht meistens wieder. Und so sucht er sich noch einen Fürsprecher. Genau den richtigen. Ob es nur eine Ahnung ist oder ob er tatsächlich weiß, wer da neben ihm am Kreuz hängt, das erkennen wir nicht. Vielleicht klammert er sich nur an den letzten Strohhalm, den er da auf dem Wasser schwimmen sieht. Auf jeden Fall ist klar: er fürchtet Gott, denn er weist den anderen zurecht, der nur den Tod kennt.

Und da sehen wir, wie sich Jesus ihm zuwendet und spricht: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23, 43)

Da ist der liebe Gott. Es gibt keine billige Gnade. Aber es gibt Gnade. Selbst dann, wenn das letzte Stündlein geschlagen hat. Wer um Vergebung bittet und dies aufrichtig tut, dem wird vergeben.

Verstohlen schauen wir auf den anderen Übeltäter: der scheint nichts zu hören von dem, was sich da zwischen Jesus und dem anderen abspielt. Für ihn ist das Leben vorbei. Es war seine Entscheidung.

Es ist Mittag, die Sonne steht am Zenit, ihre Strahlen brennen auf unserer Haut. Ein leichter Wind weht über den Hügel, aber er genügt kaum zur Abkühlung. Doch da wird es plötzlich immer dunkler. Sollte es jetzt anfangen zu regnen?

Wir schauen nach oben, viele andere Menschen tun es auch, denn diese Dunkelheit ist unheimlich. Es ist dunkler als sonst, wenn ein Gewitter heraufzieht. Es scheint, als ob sich etwas auf uns legt, eine undefinierbare Masse, die unseren Blick trübt. Drei Stunden hält diese Finsternis an. Das ist keine Sonnenfinsternis mehr. Das ist beängstigend.

Um drei Uhr am Nachmittag, zur neunten Stunde, ruft Jesus mit lauter Stimme: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lk 23, 46)

Wir wissen sofort: Er zitiert ein Psalmwort (Ps 31, 6). Man kann es den Menschen, die neben uns stehen, ansehen: auch sie wissen, dass hier die Schriften zitiert werden.

Es wird still. Manche blicken zu Boden. Unser Blick ist noch auf Jesus gerichtet, der nun ganz leblos am Kreuz hängt.

Der Tod ist da. Ein frommer Mensch ist gestorben.

Plötzlich wird aus der grausamen Neugier eine tiefe Betroffenheit. Es geht nicht mehr darum, dabei gewesen zu sein. Plötzlich spüren sie, spüren wir: das geht uns etwas an. Dieser Mensch war doch etwas Besonderes. Hier hat Gott seine Hand im Spiel.

Viele schlagen sich an ihre Brust – ein Zeichen der Reue. Wie schnell sich das Herz eines Menschen doch wandeln kann. Vom „Hosianna“ zum „Kreuzige“, vom Spott zur Reue – man hat das Gefühl, als ob sich dieser stete Wechsel unmittelbar und grundlos vollziehe. Wären wir in unserem Handeln doch etwas besonnener und gradliniger.

Aber wenn wir uns die Menschen näher anschauen, dann erkennen wir etwas anderes. Es ist die Erwartung, die sie in sich tragen, die sie zu diesen Schwankungen veranlasst.

Zuerst erwarteten sie von Jesus Großes. Er sollte Israel aus den Händen der römischen Besatzungsmacht befreien. Diese Erwartung wurde bitter enttäuscht. So ist das nun mal, wenn man selbst die Pläne zu machen versucht und sich nicht auf Gott einlassen will.

Dennoch bleibt die Erwartung. Sie ist Jahrhunderte alt, tief verankert in den Herzen der Menschen. Die Enttäuschung leitet sie an zum Spott. Was haben sie noch zu erwarten? Doch dann sehen sie:

Der Gekreuzigte bittet um Vergebung für die, die ihm solches Leid antun – und die meisten wissen ja auch – oder sie ahnen es zumindest – , dass er unschuldig verurteilt wurde.

Der Gekreuzigte vergibt dem Verbrecher, der Reue zeigt und um Vergebung bittet.

Und er stirbt ganz so, wie man es von einem gottesfürchtigen Menschen erwartet – mit einem Gebet auf den Lippen.

Die Erwartung eines Messias, der die Römer ein für allemal aus dem Land treibt, ist zwar enttäuscht. Aber hier dringt langsam etwas anderes an ihre Herzen: es ist die Erkenntnis, dass Gott in diesem Menschen wirkt.

Sie erkennen ihre Schuld, dass sie ihn zu Unrecht verhöhnt und verspottet hatten – und bitten, indem sie sich auf ihre Brust schlagen, um Vergebung.

Doch dann gehen sie. Sie kehren um, heißt es, aber es ist damit nicht die Umkehr gemeint, die wir auch gerne als „Buße“ bezeichnen. Vielmehr wenden sie sich ab, sie gehen zurück in ihre Häuser, beschämt vielleicht, aber man kann sich denken, wie lange es dauern wird, bis der Alltag sie wieder eingeholt hat und die Erinnerung an das Geschehene wieder verblasst. So, wie es fast immer ist.

Aber es wird der eine oder die andere unter ihnen sein, der später dann doch erkennt: das alles geschah um meinetwillen, und sich dann der Gemeinde Jesu zuwendet.

Es ist erstaunlich, dass offenbar auch der römische Hauptmann, den wir da an der Seite stehen sehen, das mitbekommt und Gott preist mit dem Bekenntnis: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen.“ (Lk 23, 47) Man könnte das Wort, das Luther mit „fromm“ übersetzt hat, auch mit „gerecht“ übersetzen. Also: Fürwahr, dieser ist ein gerechter Mensch gewesen. Wenn schon nicht gerecht vor den Menschen, so doch gerecht vor den Augen Gottes.

Der Hauptmann erkennt, dass Jesu zu Unrecht den Tod erleidet, und ist der erste, der dies auch mit Worten bekennt.

Wir schauen uns um. Da erkennen wir am Fuß des Hügels eine Gruppe Menschen, Männer und Frauen, die einander weinend umarmen. Ihre Herzen sind zerrissen. Es sind die, die ihm nachgefolgt waren; seine Jüngerinnen und Jünger, Menschen, die ihn lieb gewonnen hatten über die vergangenen Monate und Jahre, Menschen, die ebenfalls anderes erwartet hatten.

Jetzt stehen sie fassungslos und weinen. Und während die Schaulustigen sich alle auf den Weg in ihre Häuser machen, während sie dem Kreuz den Rücken zukehren, bewegt sich diese Gruppe langsam, fast vorsichtig, auf das Kreuz zu.

Und wir: wir wissen ja, worum es hier geht. Wir stehen jetzt zwischen dem Kreuz und dieser Gruppe der Jüngerinnen und Jünger. Wir sind betroffen. Auch wir schlagen uns an unsere Brust und bitten: Vater, vergib uns unsere Schuld.

Denn wir erkennen: dieser ist gestorben, damit wir gerecht sein können, damit unsere Schuld von uns genommen wird. Und wir müssen auch erkennen, dass wir das immer wieder vergessen. Dass wir immer wieder meinen, ohne die Liebe Gottes leben zu können.

Heute stehen wir unter dem Kreuz, und es wird uns schmerzlich bewusst: dort ist die Liebe Gottes, ans Kreuz genagelt, auch um unsertwillen.

Wir haben die Wahl. Wem schließen wir uns nun an? Gehen wir mit den anderen Schaulustigen nach Hause und vergessen in wenigen Stunden, was sich hier ereignet hat? Oder gesellen wir uns zu seinen Jüngerinnen und Jüngern? Weinen wir mit ihnen und tun den scheinbar letzten Dienst an dem Verstorbenen?

Oder stellen wir uns an die Seite des Hauptmanns und stimmen ein in sein Bekenntnis?

Zwei Tage später wird Jesus mit zweien von den Jüngern nach Emmaus gehen – so berichtet es uns der Evangelist Lukas. Diese Jünger hatten den Weg eingeschlagen, den gerade eben die Menschenmenge eingeschlagen hatte: zurück nach Hause. Es ist der Weg der Resignation. Wieder alles beim Alten.

Doch als Jesus das Brot mit ihnen bricht, erkennen sie: er lebt!

Und das verändert alles. Von nun an führt der Weg sie weiter – nicht zurück, sondern vorwärts, Gott entgegen.

Amen

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Predigt zum Sonntag Palmarum
9. April 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goß es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

(Mk 14, 3-9)

Liebe Gemeinde!

„Da kam eine Frau …“. An manche Namen erinnert man sich in den Evangelien, auch wenn die Personen nur eine geringe Nebenrolle haben, und ich bin sicher, dass auch diese Frau einen Namen hatte und sie danach gefragt wurde. „Wie heißt du?“

Die Antwort bleibt verborgen. Nicht nur für uns, sondern auch für die, die damals das Evangelium als erste lasen. Warum wohl? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sofort nach dieser Tat auf Nimmer­wiedersehen verschwunden war. Schon gar nicht, nachdem Jesus sie in Schutz genommen und ihre Tat auf so außergewöhnliche Weise gewürdigt hatte. Sicher wird sie zur ersten Gemeinde gehört haben – so wie manche andere Personen, deren Namen in den Evangelien erwähnt werden.

Vielleicht bestand sie selbst darauf, dass ihr Name nicht genannt werde, weil sie es nicht für wichtig hielt, wer diese Tat getan hatte, sondern vielmehr nur, dass sie getan wurde? Aber wäre dann nicht doch in späteren Abschriften der Name eingefügt worden, weil man sie ja vermutlich nicht in jeder Gemeinde kannte und spätestens nach ihrem Tod die Gefahr des Vergessens gegeben war?

Der Evangelist Johannes konnte diesen Zustand der Namenlosigkeit jedenfalls nicht ertragen. Er sah in der Salbung mit dem kostbaren Nardenöl eine Wohltat, die mehr Beachtung verdiente und vor allem: einen Namen. Und so verlagert er die Geschichte dorthin, wo drei Menschen leben, von denen die christliche Gemeinde überall, wo es sie gab, schon Manches erfahren hatte: Maria, Martha und Lazarus.

Zu der Zeit, als Johannes sein Evangelium niederschrieb, lebten diese drei nicht mehr, so dass sie danach nicht befragt werden konnten. Und so ist es bei Johannes Maria, die das kostbare Öl auf Jesu Füße goss und sie damit einrieb. Aber sehr wahrscheinlich war nicht sie es, die diese Wohltat an Jesus tat, denn sonst hätten ja auch die anderen Evangelisten davon geschrieben.

Und so bleiben wir dabei, was uns Markus schreibt. Die Frau ist unbekannt, und es ist auch nicht das Haus von Maria, Martha und Lazarus, sondern das Haus Simons des Aussätzigen, in dem sich dies alles ereignet.

Ja, es ist schon merkwürdig, dass Markus zwar den Namen des Hauseigentümers, der sonst nirgends auftaucht und auch in der Erzählung keine besondere Rolle spielt, nicht aber den Namen der Frau kennt.

Aber auf diese Weise wird unser Blick auf das gelenkt, was in Wahrheit wichtig ist. Denn das ist nicht die Frau, sondern die Handlung, die sich da vollzieht.

Es geht um den Akt der Fußsalbung und um seine Deutung. Es geht um das, was wir Gott schuldig sind. Es geht darum, wie wir auf die Liebe Gottes antworten.

Indem sie die Füße Jesu salbt, zeigt die Frau ihre Ehrerbietung. Sie tut es nicht aus Schuldbewusstsein, so wie die Sünderin, die Jesu Füße mit ihren Tränen wusch, sondern weil sie in Jesus eine Person sieht, der Ehre gebührt.

Jesus gibt dieser Handlung mit seinen Worten allerdings eine weitreichendere und tiefgreifende Interpretation: „Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis“, sagt er. (Mk 14, 8b)

Abgesehen davon, dass dies so nicht stimmt – denn sie hat ja nur seine Füße und nicht seinen Leib gesalbt – erkennen wir doch, dass Jesus in ihrer Handlung nichts Verwerfliches erkennt. Im Gegenteil:

„Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ (Mk 14, 6b)

Man mag sich fragen, wie man an Jesus, dem Sohn Gottes, noch etwas Gutes tun kann. Ist er nicht das Gute schlechthin? Was könnte er von uns noch brauchen?

Doch ist er ja Mensch, und als Mensch hat er Bedürfnisse, was uns hiermit vor Augen geführt wird. Er taucht ganz ins Menschsein ein, auch wenn er ohne Schuld bleibt. Er macht die Erfahrung des Menschseins zu hundert Prozent. Er hat Hunger, er braucht Schlaf, er hat Zweifel und erlebt Enttäuschung und Frustration.

Es geht aber nicht darum, dass Jesus gerne von anderen bestätigt werden möchte, dass man sein Ego gewissermaßen streichelt und ihm anerkennend auf die Schulter geklopft wird. In der Tat der Frau erkennt er die Liebe, mit der sie ihm begegnet – die Liebe als Antwort auf das, was noch bevorsteht. Es geht um das Notwendige, das, was gerade dran ist. Und das ist die Salbung zu seinem bevorstehenden Begräbnis, von dem die übrigen allerdings keine Ahnung haben.

Und darum sind einige von denen, die da in dem Haus versammelt sind, nicht einverstanden. „Was soll diese Vergeudung?“ fragen sie. Und sie haben ja Recht.

Die Geste als Zeichen der Ehrerbietung ist völlig überflüssig, auch wenn Gott natürlich die Ehre gebührt. Aber Jesus hat diese Ehre nie für sich in Anspruch genommen und nimmt sie auch in diesem Augenblick nicht für sich in Anspruch.

Hatten diejenigen, die sich gegen die Verschwendung äußern, dieses im Blick, dann könnte man ihnen noch anrechnen, dass Sie Jesu eigene Worte ernst nehmen. Denn Jesus hatte ja dazu aufgefordert, demütig zu sein und nicht Ehre und Anerkennung zu suchen. „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein“ (Mk 10, 43), und wenig später dann sagt er es auch über sich selbst: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben als Lösegeld gebe für viele.“ (Mk 10, 45)

Aber natürlich kann man auch im Blick auf die Salbung zum Begräbnis, die üblicherweise erst nach dem Tod eines Menschen erfolgt, Unmut äußern, denn die Notwendigkeit und den Sinn einer solchen Salbung kann man durchaus hinterfragen. Und wenn man den Wert dieses Öls, das von der Frau verwendet wird, bedenkt, dann muss man wohl zustimmen: es gibt Wichtigeres, wofür dieses Geld hätte ausgegeben werden können.

Die Salbung zum Begräbnis hätte jedenfalls mit billigerem Öl durchgeführt werden können. Dazu kommt natürlich, dass eine solche vorweggenommene Salbung völlig unüblich ist. Das grenzt schon eher ans Makabre, dass man einen lebenden Menschen zum Begräbnis salbt.

Deswegen dürfen wir auch getrost vermuten, dass die Frau ein anderes Motiv hatte als das, welches Jesus ihr gewissermaßen unterschiebt.

Sie wollte, wie ich schon anfangs sagte, ihm mit der Salbung die gebührende Ehre erweisen. Denn mit einer Fußsalbung – freilich in der Regel mit billigerem Öl – pflegte man damals seine Gäste zu begrüßen und zu ehren.

Aber Nardenöl, das etwa den Jahreslohn eines Arbeiteres kostete, das leisteten sich sonst nur Könige. Aber genau das sieht die Frau. Sie sieht in Jesus den König der Welt, den Pantokrator, so wie er auch im Kaiserdom in der Apsis abgebildet ist.

Und so nimmt sie tatsächlich etwas vorweg, aber nicht das Begräbnis, sondern die Thronbesteigung, wovon wir im Glaubensbekenntnis mit diesen Worten sprechen:

„… aufgefahren in den Himmel. Er – Jesus – sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters.“

Jesu Interpretation ist deswegen nicht falsch. Sie ist nur Antwort auf die Einwände der Menschen, die der Ansicht sind, dass man das Geld hätte sinnvoller verwenden können. Den wahren Hintergrund, ihn als den Herrn aller Herren zu ehren, würden sie noch weniger verstehen.

Das von Jesus genannte Motiv, die Salbung zum Begräbnis, ist schon schwer genug nachzuvollziehen: Jesus liegt nicht im Sterben, er ist noch jung und erfreut sich bester Gesundheit. Gerade erst war der prächtige Einzug in Jerusalem gewesen, das Volk war Jesus wohl gesonnen, so schien es zumindest. Alles deutete auf eine glänzende Zukunft hin. Was sollte da also das Gerede von seinem Begräbnis?

Es ist schade, dass wir nicht noch eine Reaktion der Widersacher hören, sondern die Erzählung mit dem Hinweis Jesu darauf endet, dass man diese Tat der Frau überall dort erzählen wird, wo man das Evangelium predigt.

Aber es geht ja auch nicht um die Einwände, sondern um das, was diese Namenlose getan hat. Es geht darum, dass wir uns an diese Tat erinnern. Wir müssen nicht darüber spekulieren, ob die Widersacher nur noch geschwiegen oder noch den einen oder anderen Einwand vorgebracht haben. Und wir sollen uns mit Jesu Worten zufrieden geben: hier ist etwas geschehen, das allen Menschen Vorbild sein soll. Hier wurde an ihm Gutes getan, und diese Gut-Tat war richtig.

Letztlich will uns die Erzählung bewusst machen, dass es richtig und würdig ist, dass wir vor Gott mit Ehrerbietung treten. Es ist angemessen und richtig, die Orte des Gottesdienstes – denn nichts anderes als einen Gottesdienst hat die Frau ja getan – mit Respekt und Achtung für die Gläubigen, die an diesem Ort Gottesdienst feiern, zu betreten.

Es ist richtig, dass wir uns regelmäßig aufmachen zum Gottesdienst, um ihm, unserem Herrn, die ihm gebührende Ehre zu erweisen. Es ist richtig, dass wir uns immer neu bewusst machen, dass er der Schöpfer des Himmels und der Erde ist, dass er der Herrn aller Herren ist, dass er es ist, der uns vom Tod erlöst hat und uns durch seinen Sohn Jesus Christus mit unendlicher Liebe begegnet.

Und es ist richtig, dass wir uns dafür die Zeit nehmen und es uns auch etwas kosten lassen. Es ist richtig, dass wir um des Gottesdienstes willen auf andere Dinge verzichten.

Denn nichts gibt es, womit wir die Liebe Gottes angemessen erwidern könnten, außer dies: dass wir ihm die Ehre erweisen.

Indem wir auf jene Frau schauen, können wir getrost abfällige Bemerkungen und Unverständnis von uns weisen. Denn solcher Dienst ist Gott wohlgefällig.

Das heißt natürlich nicht, dass wir die Sorge um unseren Nächsten vergessen sollen. Das kann man aus den Worten Jesu nicht schließen. Im Gegenteil. Er sagt ja: „Ihr habt allezeit Arme bei Euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun.“ Aber es hat, um es mit den Worten des Predigers Salomo zu sagen, ein jegliches seine Zeit:

Gottesdienst hat seine Zeit – Nächstenliebe hat seine Zeit.

Das eine schließt das andere nicht aus, zumal uns im Gottesdienst und dann vor allem in der Feier des Heiligen Abendmahls die Möglichkeit gegeben wird, Jesus, der ja inzwischen nicht mehr leibhaftig unter uns ist, in besonderer Weise nahe zu sein.

Amen

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Predigt zum Sonntag Laetare
26. März 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus Christus spricht: Mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.

Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das? Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war? Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. Aber es gibt einige unter euch, die glauben nicht. Denn Jesus wußte von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.

(Joh 6, 55-65)

Liebe Gemeinde!

Das Evangelium des Johannes liest sich nicht immer so wie die anderen Evangelien. Zwar gibt es auch so manche Erzählung, aber keine dieser Erzählungen bleibt ohne Deutung, die allerdings dann häufig alles andere als leicht verständlich ist.

So ist es auch mit unserem Predigttext. Am Anfang eines wesentlich längeren Textblocks steht das Wunder von der Speisung der 5000. Es ist eine der wenigen Geschichten, die Johannes gemeinsam mit den anderen Evangelisten erzählt. Als Zwischenspiel erfahren wir dann noch, wie Jesus auf dem See wandelnd seinen Jüngern im Boot zu Hilfe eilt, und dann begegnet Jesus wieder der Menge, die er am Tag zuvor mit Brot gesättigt hatte.

Für mich hat dieses Geschehen einen Gleichnischarakter. Es bildet etwas ab, das für uns heute genauso von Bedeutung sein kann wie für die Menschen damals.

Die Menschen, die Jesus nun in Kapernaum suchten, waren bewegt von dem Wunder, das sie erlebt hatten, und wollten auch an diesem Tag etwas ähnliches erleben. Sie wollten etwas Spktakuläres und Außergewöhnliches sehen. Das reizte ihre Neugier, und zugegeben, auch mich macht so etwas mitunter neugierig: das Spekatkuläre und Außergewöhnliche ist eben sehenswert. Und mal angenommen, ich hätte mal was ganz Außergewöhnliches gemacht und nun würden nächsten Sonntag ganz viele Menschen kommen, so dass der Platz nicht reichen würde, so kämen diese Menschen doch nur, um noch einmal so etwas Außergewöhnliches zu erleben.

Und so ist es nur verständlich, dass sich Jesus nicht über diesen Zulauf freut. Er hätte wohl sagen können: wie schön, dass Ihr wieder da seid. Kommt, setzt euch, ich habe hier fünf Brote und zwei Fische, wie gestern, das wird Euch alle satt machen.

Man sieht vielmehr förmlich durch die Worte des Evangelisten seine Augen vor Zorn funkeln, als er den Menschen vorwirft: Ihr seid nicht gekommen, um mich besser zu verstehen, sondern weil ihr euch wieder den Bauch vollschlagen wollt.

Und dann beginnt erst die lange Rede, die eigentlich mit dem Wunder von der Speisung der 5000 in enger Verbindung steht.

„Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist!“ (Joh 6, 27a), fordert Jesus seine Zuhörer gleich zu Beginn auf. Da könnte man natürlich erwidern: woher? Du hast uns doch die vergängliche Speise gegeben, dann gib du uns auch die unvergängliche Speise.

Schnell wird der Bezug zum Manna hergestellt, das vom Himmel kam, und da knüpft Jesus dann an, indem er darauf hinweist: dieses Manna wurde den Menschen vom himmlischen Vater selbst gegeben. Und mehr noch: der himmlische Vater wird auch das unvergängliche Brot, das wahre Brot vom Himmel, geben. Ihr müsst es von Gott erbitten.

Als die Menschen ihn dann baten, ihnen allezeit solches Brot zu geben, antwortet er mit den Worten:„Ich bin das Brot des Lebens.“ (Joh 6, 35a)

Wie das wohl klang? Ich könnte mir vorstellen, dass Jesus da bereits schon sehr ungeduldig geworden war, und es vielleicht so geklungen hat oder gemeint war:

„Begreift ihr es denn immer noch nicht? Ich bin das Brot des Lebens. Ich! Ich!

Und wie er in die ungläubigen Gesichter schaute und fast verzweifelt dann noch hinzufügte:„Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“(Joh 6, 35b)

In der Tat scheint es, als ob die Menschen nichts begriffen. Wenn diese Szene ein Bild in einem Comic wäre, würde man vermutlich über dem Kopf von Jesus ein großes Ausrufungszeichen abbilden, während über den Köpfen der zuhörenden Menge riesige Fragezeichen schwebten.

Aber andererseits muss man wohl auch zugeben, dass das, was Jesus da sagt, schwer nachvollziehbar ist. Wer hier mit Vernunft und Erfahrung die Worte Jesu verstehen will, muss scheitern.

Darum spricht Jesus ja auch vom Glauben und ermutigt uns dazu: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“ (Joh 6, 47b)

Es gibt Dinge, die geglaubt werden müssen, und dazu gehört auch diese Aussage Jesu:„Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist.“ (Joh 6, 51a)

Johannes hat in seinem Evangelium keine Beschreibung des Passahmahls, das wir als „Abendmahl“ kennen und in dem Jesus unsere Abendmahlsfeier einsetzt. Dafür gibt es bei ihm dieses 6. Kapitel, das die Kernaussagen einer Abendmahlstheologie formuliert und dies in die Auseinandersetzung Jesu nicht nur mit einer nicht-begreifenden Menge, sondern auch mit seinen murrenden Jüngern einbettet.

Und damit erreichen wir nun endlich auch unseren Predigttext. Die Menge kann es nicht nachvollziehen. ‚Wir sind doch keine Kannibalen. Was für einen Unsinn dieser Jesus da redet.‘

Doch Jesus bleibt dabei und sagt es noch deutlicher:

„Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben … und bleibt in mir und ich in ihm.“ (Joh 6, 54a+56b)

Wahre Speise ist eben nicht das Brot, das wir uns täglich vom Bäcker holen, sondern Jesu Fleisch. Es ist diese kleine, geschmacklose Hostie, die wir überhaupt nicht als sättigend empfinden, die aber der Seele alle nötige Nahrung gibt. Wahrer Trank ist nicht das Wasser oder der Orangensaft oder der Traubensaft, sondern das Blut Jesu, das wir in der Form des Traubensaftes im Abendmahl zu uns nehmen.

Während die Menschenmenge, die Jesus da bedrängt und nichts zu begreifen scheint, immer von den sichtbaren Dingen ausgeht und damit viel zu kurz greift, macht uns Johannes deutlich, dass es eigentlich um den Leib und das Blut Jesu geht und die Gestalt, in der wir es zu uns nehmen, zunächst völlig unbedeutend ist.

Im Glauben empfangen wir beides, Leib und Blut Christi, wenn wir zum Abendmahl geben, und damit empfangen wir die wahre Speise, die alle anderen Speisen übertrumpft und uns Nahrung ist auf dem Weg zum ewigen Leben in die Gegenwart Gottes. Denn „wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6, 58c)

Während man schon ganz gut nachvollziehen konnte, dass all die Menschen, die Jesus nur durch seine Wunder kannten und stets auf der Suche nach etwas Spektakulärem und Außergewöhnlichem waren, es einfach nicht begriffen, stimmt es traurig, dass dies offenbar auch unter seinen Jüngern schon zu einem Problem wurde.

Manche unter ihnen konnten oder wollten es einfach nicht glauben. Auch ihnen stand die Vernunft im Weg. Auch sie dachten vom Sichtbaren her.

Unsere Reformatoren haben rd. 1500 Jahre später noch schwer darum gerungen, was die Worte Jesu im Abendmahl eigentlich bedeuten „Dies ist mein Leib, für dich gegeben“ und „Dies ist mein Blut, für dich vergossen“.

Martin Luther blieb dabei dem Verständnis der römisch-katholischen Kirche am nächsten, wiewohl er es auch abschwächte. Aber er traute Gott dieses Wunder zu, dass im Brot und Wein der Leib und das Blut Christi gegenwärtig sind.

Calvin und Zwingli lehnten dieses Verständnis hingegen völlig ab und sahen im Abendmahl bestenfalls Zeichen, aber hielten es für undenkbar, dass sich unser Herr Jesus uns in essbarer Form ausliefern würde, auch wenn dies nur im und durch den Glauben geschieht. Dies war dann auch ein wesentlicher Grund dafür, dass zwei protestantische Kirchen entstanden: die Lutherische und die Reformierte. So ernst war es den Reformatoren, so ernst war es Martin Luther mit dieser Frage um die Gegenwart Jesu im Abendmahl, die Jesus hier im Johannesevangelium ja ganz eindeutig beantwortet mit den Worten: Ich bin das Brot des Lebens.

Und heute scheint es, als ob dies überhaupt kein Thema mehr wäre. Dass Jesus leibhaftig im Brot und Wein oder Traubensaft des Abendmahls gegenwärtig sein könnte, kann sich niemand vorstellen und will darum auch niemand glauben.

Aber das ist die falsche Denkrichtung. Zuerst gilt es, zu glauben: Jesus ist dieses Brot, das mir ewiges Leben schenkt. Nicht die Hostie, nicht der Saft. Mit diesem Glauben gehe ich zum Abendmahl und nehme das Brot und den Saft oder Wein, und dann sind diese Gaben des Abendmahls für mich auch Leib und Blut Christi. Es ist eine Sache des Glaubens.

Und wer das nicht glauben kann, der bitte Gott darum, dass er ihm diesen Glauben schenke.

Wohlgemerkt, es gab auch Jünger Jesu, die sich das nicht vorstellen konnten. Ihnen machte Jesus Mut, genauso, wie er uns Mut macht, zu glauben und uns nicht allein vom Verstand leiten zu lassen. „Der Geist ist’s, der lebendig macht“, (Joh 6, 63a) sagt er zu seinen Jüngern und macht damit deutlich, dass es hier einzig um den Glauben geht und nicht um Dinge, die in irgendeiner Weise wissenschaftlich belegbar wären.

Das ewige Leben – wir haben daran teil, sobald wir es glauben: Jesus ist das Brot des Lebens. Sein Leib und sein Blut werden uns im Abendmahl zugänglich gemacht durch den Glauben, damit wir leben und nicht sterben, damit wir eins mit ihm sind, er in uns und wir in ihm.

Amen

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Predigt zum Sonntag Invokavit
5. März 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht undass und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Da sprach Gott der HERR zum Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.

Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

(Gen 3, 1-19)

Liebe Gemeinde!

Was wäre das wohl für ein Leben, wenn Eva damals nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen hätte?

Was, wenn sie Adam nicht ebenfalls dazu ermutigt hätte, davon zu essen?

Was, wenn Adam ihr widerstanden hätte?

Was, wenn er Eva daran gehindert hätte, hinein zu beißen?

Ach, warum frage ich: es war ja die Schlange, das listigste aller Tiere auf dem Feld, die uns die Möglichkeit geraubt hat, die Antwort auf diese Fragen zu finden.

Ohne die Schlange wären wir wohl noch im Paradies, würden die Fürsorge und Nähe Gottes genießen, müssten keine Hungersnot oder Naturkatastrophe fürchten, ja selbst der Tod wäre uns unbekannt.

Oder etwa nicht? Hat die Schlange wirklich etwas ganz Neues hervorgebracht? Oder hat sie nur etwas ausgelöst, was schon immer Bestandteil unserer menschlichen Natur gewesen ist und bis heute bleibt und darum früher oder später auch ohne sie zum Vorschein gekommen wäre:

das Verlangen nach Mehr, die stete Unzufriedenheit mit dem, das uns gegeben ist, die Sehnsucht, das Wirklichkeit werden zu lassen, wovon wir träumen, was aber nicht Wirklichkeit ist.

Vermutlich wären wir auch ohne Schlange heute nicht mehr im Paradies. Irgendwann hätten Adam und Eva doch nach der Frucht gegriffen.

Das Verbotene hat ja doch schon immer einen besonderen Reiz gehabt. Wer wird nicht neugierig, wenn gesagt wird: es ist verboten, in die Dose hinein zu schauen? Wen reizt es nicht, wenn da steht „Betreten verboten“?

Es braucht keine Schlange, um das Verlangen nach dem Verbotenen zu wecken.

Also lassen wir die Schlange Schlange sein und wenden uns dem zu, der uns das Paradies ein für alle mal versperrt hat: Gott.

Denn, ist es nicht so: er hätte uns doch ein bisschen gefügiger erschaffen können, ein bisschen gehorsamer.

Warum konnte er es denn nicht so einrichten, dass uns jeglicher eigener Wille fehlte, dass wir niemals seinen Willen hinterfragten und so auch nie das Paradies auf’s Spiel setzen würden?

Ich will diesen Gedanken etwas weiterspinnen, vielleicht hilft es uns, eine Antwort zu finden.

Stellen wir es uns nur einmal für einen Moment vor, wie es wäre, wenn uns dieses Verlangen, mehr zu wissen, mehr zu können, mehr zu lernen, alles besser zu machen, fehlte.

Was für eine Welt wäre das? Paradies? Wohl kaum. Wir wären zwar wunschlos, aber keineswegs glücklich.

Denn wenn es nichts gibt, nach dem es sich zu streben lohnt, dann kann es auch keine Freude darüber geben, es erreicht zu haben.

Auf der anderen Seite gäbe es allerdings auch keinen Grund, sich vor irgendetwas zu fürchten.

Es gäbe keine Verbrecher, keine Kriege, keine Hungersnot, denn es gäbe niemanden, der den anderen beneidete.

Es gäbe niemanden, der versuchte, reicher und reicher zu werden ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen, obwohl er längst viel mehr zusammengetragen hat, als er jemals in seinem Leben wieder sinnvoll ausgeben könnte.

Es gäbe niemanden, der achtlos an seinem Nachbarn vorüberginge, obwohl dieser gerade jetzt die Nähe eines verständigen Menschen bräuchte.

So schön es ist, stellt sich doch die Frage: Ist das Paradies, so gesehen, nicht langweilig?

Gott wusste schon, warum er uns so geschaffen hat und nicht anders, warum er uns dieses Verlangen mit in die Wiege legte und auch die Freiheit gab, selbst eine Entscheidung zu fällen.

Denn erst so wird unser Leben interessant, gibt es Überraschungen und Entdeckungen, gibt es Erfolgserlebnisse und natürlich auch die Niederlagen.

Erst so können wir überhaupt begreifen, was es bedeutet, Ebenbild Gottes zu sein.

Erst so werden wir in die Lage versetzt, Verantwortung zu übernehmen.

Es mag eine Zeit gegeben haben, so wie es uns diese Geschichte erzählt, in der die Menschen das Paradies bevölkerten.

Aber der ihnen eigene Drang nach mehr musste eines Tages dazu führen, dass diese Zeit ein Ende hat.

So oder so: Gottes Gebot würde von den Menschen gebrochen werden, das Paradies würde für uns verschlossen werden. Und es geschah so.

Ich möchte den Ausschluss aus dem Paradies nicht als Strafe ansehen. Es ist vielmehr der Anfang der Verwirklichung dessen, wozu Gott uns im wahrsten Sinn geschaffen hat.

Solange der Mensch im Paradies war, trug er keine Verantwortung, denn die lag allein in den Händen Gottes. Doch jetzt ist sie uns übergeben.

Gott schenkte uns von Anfang an die Freiheit zur Entscheidung, das Richtige zu tun – oder das Falsche.

Die Schwierigkeit ist, zu erkennen, was richtig oder falsch ist.

Gott hat uns dazu Richtlinien an die Hand gegeben. Sein Gesetz ist der Rahmen, in dem wir uns bewegen können und der eigentlich schon deutlich genug sagt, was geht und was nicht.

Aber wenn man frei ist, dann hört man nur ungerne das Wort »Gesetz«, man hört nur ungerne „Du sollst“ oder „Du sollst nicht“..

Jedes Gesetz wird vielmehr hinterfragt, vieles wird in seinen historischen Kontext eingeordnet und damit für unsere Zeit als ungültig oder zumindest unbedeutend erklärt.

Zum Beispiel die Aufforderung im 1. Brief des Paulus an die Korinther, dass die Frau ihr Haupt beim Gebet bedecke.

Jesus leistet uns dabei Schützenhilfe, indem er die Gesetzlichkeit seiner Zeitgenossen anprangert und verkündet, dass Gesetze um der Menschen willen gemacht sind und nicht die Menschen um der Gesetze willen.

Der Mensch braucht Freiheit, um sich weiter entwickeln zu können, und keine Schranken, die ihn daran hindern.

So richtig das ist, so sehr frage ich mich allerdings, ob wir dabei nicht manches Mal über das Ziel hinaus schießen und den zweiten Schritt vor dem ersten machen:

Sollen wir wirklich weiter Atomkraftwerke betreiben, wo wir doch bis heute nicht wissen, wie wir die radioaktive Strahlung in den Griff bekommen und was mit dem nuklearen, radioaktiven Müll geschehen kann?

Sollen wir wirklich soviel Kraft in die Erforschung der Gene investieren, um am Ende womöglich in der Lage zu sein, Clone zu erschaffen – womöglich nur als Ersatzteillager – obwohl wir es bis heute nicht geschafft haben, Krankheiten wie AIDS oder Krebs auszurotten?

Sollen wir wirklich Waffen erfinden, herstellen und dann womöglich auch einsetzen, die in der Lage sind, mit einem Schlag riesige Flächen zu zerstören und damit natürlich auch tausende von Menschen zu töten?

Ich gebe zu: es ist aufregend, immer Neues zu entdecken.

Die Erfindungsgabe des Menschen scheint keine Grenzen zu kennen.

Was vor dreißig Jahren noch unmöglich erschien, ist heute schon selbstverständlich geworden.

Im 19. Jahrhundert hat man oft noch die Eisenbahn als Werk des Teufels angesehen. Heute schmunzeln wir über solch eine Einstellung, weil wir längst erfahren haben, wie sinnvoll, sicher und gut dieses Verkehrsmittel ist.

Der Mensch ist zum Fortschritt geboren, und es scheint da auch wirklich keine Grenzen zu geben.

Nur den Tod haben wir nicht im Griff und werden wir auch in Zukunft icht in den Griff bekommen.

Es ist vielleicht die einzige Grenze, aber sie hat auch so etwas wie eine Signalfunktion. Denn sie erinnert uns daran, dass nicht jede Entwicklung, nicht jeder Fortschritt gut ist.

Doch lassen wir uns nicht gerne bevormunden. Das ist uns schon in die Wiege gelegt. Wir möchten uns in unserer Freiheit, in unserem Entdeckerdrang nicht einschränken lassen.

Wir wollen Freiheit und vergessen dabei, dass wir nie, keinen Moment unseres Lebens, wirklich unabhängig sind. Im Gegenteil.

Unsere Freiheit ist nicht grenzenlos, sie ist eingebunden in die Verantwortung, die Gott uns übertragen hat, schon vom ersten Tage der Schöpfung an.

Gott hat uns verantwortlich gemacht für das Leben in dieser Welt.

Das ist eine enorme Aufgabe. Aber auch eine lohnenswerte Aufgabe:

Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als Unternehmer seine Gewinne nicht mit Aktionären, sondern mit den Mitarbeitern teilte, die maßgeblich an diesem Gewinn mitgewirkt haben?

Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als Politiker Friedensverträge aushandelte, ohne einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen und ohne mit einem überwältigenden Waffenarsenal zu drohen?

Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als Ehepartner alles daran setzte, die Ehe zu erhalten, indem man das Vertrauen des Partners oder der Partnerin nicht missbraucht, sondern sich Zeit nimmt für einander und seine Wertschätzung füreinander zum Ausdruck bringt?

Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als wohlhabender Mensch einen Teil seines Wohlstandes abgibt, damit Menschen, die Hunger leiden, geholfen werden kann?

Wäre es nicht lohnenswert, wenn man als Nächster seinen Nächsten aufsucht und ihm zur Seite steht, wenn dieser Hilfe braucht?

Gott hat uns eine Verantwortung übertragen. Sie besteht nicht darin, unsere Freiheit bis zum Letzten auszunutzen, sondern darin, sie zum Wohle der ganzen Schöpfung einzusetzen.

Ich gebe zu, dass ich darin oft versage.

Und ich hätte sicherlich schon längst mit meinen Bemühungen aufgehört, wenn ich nicht wüsste, dass Gott auch aus meinem Versagen noch Gutes entstehen lassen kann.

Das Paradies – vielleicht besteht es ja darin, dass ich mir die Freiheit nehme, die Verantwortung, die Gott mir übertragen hat, wahrzunehmen.

Das Paradies – vielleicht besteht es ja darin, dass wir versuchen, anderen Menschen eine Paradieserfahrung zu ermöglichen.

Das Paradies – es besteht sicher darin, dass wir im Glauben die Vergebung Gottes durch Jesus Christus annehmen können, wenn wir versagen.

Eins ist gewiss: wir entfernen uns immer mehr vom Paradies, je weniger Zeit wir uns nehmen, inne zu halten.

Zeit, um darüber nachzudenken, was wichtig ist, für mein Leben und das meiner Mitmenschen.

Und Zeit, um still zu werden vor Gott, der uns trotz aller Ferne, die wir seit Adam und Eva erleben, doch in Jesus Christus ganz nah gekommen ist.

Amen

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Predigt zum Sonntag Sexagesimae
19. Februar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

(Mk 4, 26-29)

Liebe Gemeinde!

Eigentlich gehen wir ja ganz selbstverständlich mit Samen um. Wer einen Garten hat, bereitet jetzt vermutlich langsam das Frühbeet vor, oder sät den Samen im beheizten Gewächshaus aus.

So ein Samenkorn ist bemerkenswert. Aus einem winzigen Körnchen wird eine um ein Vielfaches größere Pflanze, die dem Aussehen nach überhaupt nichts mit dem Samenkorn gemein hat. Wasser, Nährstoffe aus dem Boden und Licht genügen, um dieses Wachstum zu ermöglichen.

Schließlich entstehen aus dieser Pflanze Blüten, die Insekten anlocken und aus denen dann wieder Samen entstehen, so dass der Kreislauf von neuem beginnen kann.

Manche Pflanzen überdauern nur ein Jahr. Andere werden Jahr für Jahr groß und größer, bis sie schließlich zu einem stattlichen Baum herangewachsen sind. Manche Eiche oder Linde ist schon Jahrhunderte alt, hat viele Menschengenerationen überdauert, so auch einige der Linden, die um den Kaiserdom herum vor vielen Jahren gepflanzt wurden.

Es ist ein unglaubliches Wunder, das man da erleben kann und an dem wir meist doch ohne darüber nachzudenken vorübergehen.

Warum spricht Jesus immer wieder von Samen? Ich glaube, er will uns damit deutlich machen, dass da etwas Neues ist, das sich zu unglaublicher Schönheit entfalten kann – wenn es nur den richtigen Nährboden findet.

Dazu passt das Gleichnis, das wir vorhin als Evangelium gehört haben. Der Same kann auch verloren sein, wenn er auf den Weg, unter die Dornen oder auf einen Felsen fällt. Aber wenn er Halt und Nahrung findet, wie im fruchtbaren Ackerboden, wird daraus eine Pflanze, die ihrerseits wieder viel Frucht bringt.

Das Gleichnis, das wir als Predigttext gehört haben, scheint eine etwas andere Zielsetzung zu haben. Es geht nicht um die Frucht und auch nicht um den Boden. Es geht diesmal wohl eher um den Bauern.

Noch ein anderes unterscheidet dieses Gleichnis von dem Gleichnis, das wir vorhin als Evangelium gehört haben. Unser Predigttext beginnt mit den Worten:

„Mit dem Reich Gottes ist es so...“

Ein merkwürdiges Reich Gottes, wenn man es sich recht überlegt.

Samen säen, nichts tun, ernten... Jeder Bauer würde ja auch sofort widersprechen: so einfach ist das nicht. Das Feld muss gepflegt werden, es muss genug Wasser da sein, das Unkraut muss entfernt werden. Da gibt es eigentlich immer etwas zu tun.

Aber darauf geht Jesus nicht ein, im Gegenteil, er stellt es tatsächlich so dar, als sei es dem Bauern völlig egal, wie es um die Saat bestellt ist – er weiß ja, dass am Ende die Frucht steht.

Wie ist es also mit dem Reich Gottes? Ich versuche mal, den Anfang des Gleichnisses auf verschiedene Weise zu vollenden:

1. Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn es einem völlig egal wäre.

Es gibt viele, denen das Reich Gottes tatsächlich völlig egal ist. Sie glauben, dass Gott eine Erfindung von Menschen ist, die Macht ausüben wollen. Die Geschichte bestätigt solche Ansichten, die aber die andere Seite völlig ignorieren, nämlich die Menschen, die im Glauben an Gott Halt und Zuflucht gefunden haben selbst in den schwersten Lebenssituationen. Es ist schon komisch, wollte man diese Wirkung allein der Selbstsuggestion zuschreiben. Hier ist Gott selbst am Werk.

Das Gleichnis beschreibt ja das Reich Gottes. Also kann es unmöglich meinen, dass es einem völlig egal ist.

Ein anderer Versuch:

2. Mit dem Reich Gottes ist es so wie auf dem Chefsessel.

Zwar setzt man den Anfang, man investiert etwas, aber am Ende schickt man seine Leute, um die eigentliche Arbeit zu tun. Denn es heißt ja: so schickt er alsbald die Sichel hin. Gemeint ist wohl, dass er Knechte hinschickt, um das Korn zu mähen. Das hört sich doch ganz gut an, so als Boss alles zu kontrollieren. Macht hat Menschen schon immer angezogen.

Aber sie ist nicht jedermanns Sache. Mal abgesehen davon, dass nicht jeder die Chance bekommt, Macht auszuüben, so gibt es auch viele Menschen, die gar nicht das Bedürfnis danach haben. Und darauf will das Gleichnis wohl kaum hinaus, denn es widerspricht dem, was Jesus sonst über das Verhalten von uns Menschen gesagt hat.

Noch ein Versuch:

3. Mit dem Reich Gottes ist es so wie Ferien.

Man muss nichts tun. Das Samenausstreuen tut sich ja fast von selbst, das ist ein Spaziergang, bei dem man die Arme etwas bewegt.

Das Ernten wird dann vielleicht etwas Arbeit, aber in dem Gleichnis heißt es ja: er schickt alsbald die Sichel hin. Der Bauer geht ja gar nicht selber, auch wenn sich das schon etwas mysteriös anhört: „er schickt die Sichel hin“. Aber unterm Strich kann man schon sagen: Das Himmelreich ist ein lauer Lenz. So richtig was für Faulenzer und Langschläfer. Alles ist bestens, es gibt fast nichts zu tun, es ähnelt dem Schlaraffenland, oder: es ist das Paradies!

Bei all diesen Varianten haben wir immer den Bauern im Blick gehabt. Was ist mit der Saat? Sie geht auf und wächst ohne irgend jemandes Zutun. Sie muss nur in die Erde gelegt werden, damit daraus eine Pflanze werden kann. Regen und Sonnenschein – dafür sorgt Gott.

Sollte man also sagen:

Mit dem Reich Gottes ist es so wie mit einem Saatkorn?

Aber dann verschiebt sich wieder das Bild: der Bauer gerät völlig aus dem Blick.

Es ist also schwer, wenn nicht gar unmöglich, das Gleichnis in einem Satz zusammen zu fassen. Es gehört alles zusammen.

Im Grunde ist das Gleichnis schon ein Aufruf zur Gelassenheit.

Jesus hat den Samen eigentlich immer als Bild für das Evangelium, für das Wort Gottes genommen. Nehmen wir mal an, dass der Bauer für Gott steht, der dieses Wort an die Menschen – das ist der Acker – austeilt, dann erfahren wir durch das Gleichnis:

das Wort breitet sich aus, es wächst und trägt Frucht, ohne dass irgend jemand etwas dazu tun müsste.

Wenn wir uns als christliche Gemeinde, als christliche Kirche betrachten im Vergleich zu den Menschen, die damals, vor fast zweitausend Jahren, gerade Christen geworden waren, dann haben wir wohl eines mit ihnen gemeinsam:

beide stellen wir eine kleine Gruppe dar in einer Menge von Menschen, denen das, was wir tun, nahezu gleichgültig ist. Viele zahlen zwar regelmäßig die Kirchensteuer, aber wenn man bedenkt, dass knapp zweitausend Menschen zur Gemeinde gehören und davon weniger als 50 zu den Gottesdiensten kommen und vielleicht insgesamt 200 sonst irgendwo in den Kreisen der Gemeinden vorkommen, dann lässt das einen schon nachdenklich werden.

Reden wir jetzt also von uns, die wir hier versammelt sind, als Gemeinde, und denken dabei auch an all die andern, die sich regelmäßig immer wieder in ihren Kirchen zum Gottesdienst oder auch anderswo zum gemeinsamen Bibellesen und Gebet versammeln, um Gott zu danken, auf sein Wort zu hören und zu ihm zu beten. Insofern sind wir der damaligen Gemeinde des Anfangs sehr ähnlich.

Aber uns unterscheidet auch Einiges:

Damals hatte man das Gefühl, zu einer wachsenden Gemeinschaft zu gehören. Fast täglich kamen Menschen dazu. Immer mehr wurden von dem Wort Gottes ergriffen, die Gemeinden wuchsen. Noch immer waren die Gemeinden etwas Besonderes in ihrem Umfeld, so besonders, dass man Angst vor ihnen bekam und sie zu verfolgen begann. Aber anstatt auf diese Weise die christliche Gemeinde zu vernichten, wurde vielmehr der Eifer und die Begeisterung geschürt, die christliche Gemeinde wuchs weiter und weiter. Denn das Geheimnisvolle, das diese Gemeinden umgab, wirkte auch anziehend.

Das ist heute bei uns anders. Immer wieder fragen sich Menschen, warum sie in der Kirche sind, und entscheiden sich angesichts der Kirchensteuer oder anderer Motive dann doch irgendwann, aus der Kirche auszutreten. Sie haben ja nichts davon. Für ihren persönlichen Glauben brauchen sie keine Steuern zu zahlen. Auch ohne die Kirchensteuer können sie gelegentlich mal einen Gottesdienst besuchen.

Und es sterben mehr Gemeindeglieder, als Kinder getauft werden. Die Zahl der Gemeindeglieder nimmt also stetig ab, und damit auch die Einnahmen der Kirchen.

Die Kirchenleitungen beschließen darum Sparpläne, es wird abgebaut – man müsste wohl richtiger sagen: angepasst. In immer mehr Kirchen findet auf dem Lande nur noch unregelmäßig ein Gottesdienst statt. Gerade vor kurzem sagte mir einer, er wollte sonntags zum Gottesdienst gehen, stand dann aber vor verschlossenen Türen. Es gab an den Türen keinen Hinweis darauf, ob in einer anderen Kirche in der Nähe Gottesdienst wäre oder warum heute in dieser Kirche kein Gottesdienst stattfand. Die Tür war einfach zu. Das ereignete sich im Randbereich einer großen Stadt, wo diese Person zu Besuch war.

Es ist nicht nur dort so. Pfarrstellen werden gestrichen, die finanziellen Zuweisungen für ganze Bereiche der landeskirchlichen Arbeit werden teilweise drastisch gekürzt, so dass sich diese Arbeit völlig neu mit deutlich weniger Möglichkeiten gestalten muss – so in unserer Kirche etwa die Kirchenmusik oder die Frauenhilfe. Die Sanierung von Gemeindehäusern wird nur noch teilweise von der Landeskirche mit finanziert.

Andererseits wird dann auch wieder viel investiert. Es werden besondere Gottesdienste und Events veranstaltet, die viele Menschen, vor allem auch solche, die sonst nicht in die Kirchen gehen, anziehen. Es werden Zentren eingerichtet, die eine bestimmte Zielgruppe ansprechen.

Es werden bestimmte, touristisch interessante Kirchen mit vielen Millionen restauriert und saniert, damit man einen Publikumsmagneten hat.

Es werden Hochglanzbroschüren gedruckt und in alle Himmelsrichtungen verschickt, um auf sich aufmerksam zu machen: es lohnt sich doch, zu uns zu kommen!

Die Kirchen passen sich an die Bedürfnisse und Interessen der Gesellschaft an.

Um wieder zum Gleichnis zurück zu kehren: man hat den Eindruck, dass sich da Menschen auf das Feld begeben und kräftig die sprießende Saat niedertreten, während sie andererseits versuchen, das Wachstum der verbleibenden Halme durch Ziehen und Zupfen zu beschleunigen.

Dabei passiert genau das Gegenteil: die zarten Wurzeln reißen, und die Pflanzen sterben ab. Am Ende bleibt gar nichts.

Martin Luther hat einmal an seine Frau geschrieben:

„Liebe Katharina, nach einem langen Tag sitze ich bei einem Maß Bier und denke mir, der liebe Gott wird es schon machen.“

Ein langer Tag. Martin Luther hatte von morgens bis abends gearbeitet, er hatte gepredigt, er hatte Gespräche geführt, er hatte geschrieben. Sieht er die Frucht seiner Arbeit? Nein. Er weiß nur: Gott wird es schon machen.

Das ist es, worum es in dem Gleichnis geht. Es ist Gelassenheit, die wir gut gebrauchen können.

Wir legen zwar die Hände nicht in den Schoß. Auch der Bauer sorgt sich um die Saat, und die Saat selbst sammelt alle Kraft, um zu wachsen und zu gedeihen, aber letztlich kommt das Gelingen doch nur von Gott her.

Selbst Jesus hat uns gezeigt, was Gelassenheit bedeutet. Nicht immer war er für die Notleidenden da. Zwar hat er hier und dort welche geheilt, oder er hat für Speise gesorgt, aber er hat sich auch zurück gezogen, um zu Gott zu beten. Denn letztlich kommt es auf diese Verbindung zu Gott an: dass wir tun, was uns zu tun aufgetragen ist, und gleichzeitig darauf vertrauen, dass Gott daraus Gutes wachsen lässt. Dieses Vertrauen wächst durch das Gebet.

Nicht Aktionismus hilft der Kirche auf, sondern Gottvertrauen. Das Gleichnis ist in dieser Hinsicht verräterisch: die Aktion des Bauern wird mit nur sechs Worten beschrieben: Ein Mensch wirft Samen aufs Land. Und dann folgt die ausführliche Beschreibung des Wachstums, das ganz von selbst vonstatten geht: „Der Same geht auf und wächst – er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“ Da wird es richtig eloquent. Der Bauer spielt überhaupt keine Rolle mehr, sein Handeln ist nicht wichtig! Erst zur Ernte kommt er wieder in den Blick.

Wenn wir also uns selbst anschauen, in unsere Herzen schauen, dann ist es vielleicht angebracht, sich diese Frage zu stellen: was hindert mich in meinem Handeln daran, auf das Handeln Gottes zu vertrauen?

Und wenn wir da etwas finden, dann bringen wir es im Gebet vor Gott und bitten ihn, es fort zu nehmen, damit wir wieder diese Gelassenheit gewinnen, die uns hilft, Kraft zu schöpfen für unsere Arbeit im Reich Gottes. Denn mit dem Reich Gottes ist es nicht so, dass wir die Hände in den Schoß legen könnten, im Gegenteil. Das Reich Gottes ist von der Verkündigung des Evangeliums erfüllt, es hallt an allen Orten wider: Gott ist in unserer Mitte, er wischt ab alle Tränen von unseren Angesichtern, er offenbart uns seine Liebe, er schenkt uns Leben.

Das können wir schon hier erfahren, in dieser Welt, die manchmal auch das Reich des Todes genannt wird.

Wir alle sind Arbeiter im Reich Gottes! Aber diese Aufgabe ist nicht verbunden mit hohen Erwartungen und Anforderungen, sondern mit der Zusage Gottes: ‚Tut ihr das Eine, verkündigt ihr das Evangelium. Schaut nicht auf Statistiken, macht Euch keine Sorgen um das Geld – denn um all das kümmere ich mich.‘

Vertrauen wir darauf, dass Gott mitten unter uns ist und er alles in seiner Hand hat, dass er alles lenkt und schenkt, was nötig ist.

Amen

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Predigt zum Sonntag Septuagesimae
12. Februar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus sprach: Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

(Lk 17, 7-10)

Liebe Gemeinde!

Es ist lange her – wir alle haben diese Zeiten nicht mehr erlebt: Zeiten, in denen Fürsten noch Fürsten waren, Könige noch Könige, Herzöge noch Herzöge. Zeiten, in denen einzelne Menschen und ihre Familien regierten, ohne sich reinreden zu lassen, und das Volk sich nach ihrem Willen richten musste.

Zeiten, nach denen man sich allerdings auch zurück sehnte, als manches mit der neu und meist blutig gewonnenen demokratischen Regierungsstruktur noch nicht so funktionierte, wie man es sich vorstellte.

Inzwischen können wir uns ein Leben ohne Demokratie gar nicht mehr vorstellen und sind der Ansicht, dass in jedem Land der Welt die gleichen Strukturen herrschen müssten. Es spielt dabei kaum eine Rolle, dass bei uns meist mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht nicht Gebrauch machen und sich eine deutliche Ermüdung beim Wahlwillen abzeichnet. In anderen sogenannten demokratischen Ländern sieht die Wahlbeteiligung noch deutlich schlechter aus. Die Demokratie sehen wir als eine unaufgebbare Errungenschaft der Zivilisation an. Dafür, so sagen uns die Politiker, kämpfen unsere Soldaten ja auch, zum Beispiel in Afghanistan.

Dass es wieder eine Monarchie geben könnte, ist unvorstellbar, auch wenn sich offensichtlich eine Menge Menschen gerade für das Ergehen der verbliebenen Monarchenfamilien interessieren – sonst wären die Auflagenzahlen einschlägiger Illustrierter ja längst nicht so hoch, oder sie würden gar nicht existieren.

Mit der Demokratie gehen zahlreiche Errungenschaften einher, die wir nicht aufgeben wollen. Neben einer gerechten Entlohnung für unsere Arbeit, Urlaubsanspruch und Krankenversorgung haben wir auch das Recht, unzumutbare Forderungen abzuweisen.

Und darum fällt es uns wohl schwer, den Worten Jesu zu folgen, die uns eine Situation schildern, die spätestens seit dem 2. Weltkrieg kaum mehr vorkommt und in die wir auch gar nicht bereit wären, uns hinein zu versetzen.

„Unnütze Knechte“? Wo gibt’s denn so was!

Natürlich machen wir unsere Arbeit, aber irgendwann ist dann auch Schluss, denn wir haben ein Recht auf einen Feierabend; das Essen soll sich der Chef bitteschön selber machen.

Das Bild, das Jesus uns vor Augen malt, ist uns fremd geworden. Das erkennt man auch daran, wie sich manche prominente Christen in der Öffentlichkeit darstellen. Das hat nichts mit Demut zu tun, da erklingt kein „ich bin ein unnützer Knecht“, sondern stolz erhobenen Hauptes freut man sich an seiner Prominenz. Je öfter man in den Medien vorkommt, desto besser.

Das Bild vom Herrn und seinem Knecht verstand man damals zur Zeit Jesu sofort, weil solche Verhältnisse bekannt waren. Man konnte es auch sofort umsetzen, denn man wusste: es handelt nicht vom Verhältnis der Menschen zueinander, sondern vom Verhältnis des Menschen zu Gott.

Aber so richtig einverstanden sind wir auch dann nicht mit diesen Worten Jesu.

Eigentlich könnte man schon gleich aufbegehren bei dem „unnütze Knechte“ sein, denn wenn wir unsere Pflicht und Schuldigkeit getan haben, dann sind wir alles andere als unnütz gewesen. Wir haben ja schließlich unsere Arbeit getan, die Aufgabe, die uns gestellt wurde, ist erledigt.

Und man kann auch fragen, ob man sich Gott wirklich als feudalen Herren vorstellen muss. Schließlich ist er in Jesus Christus uns zum Bruder geworden, ganz nah gekommen. Er hat uns seine unendliche Liebe offenbart, nicht weniger! Das würde solch ein feudaler Herr wohl eher nicht tun, sondern stets Distanz wahren.

Doch die Worte Jesu wollen ja nicht den Herrn in den Blick rücken. Es geht vielmehr um den Knecht. In was für einer Haltung tut der gute Knecht seine Arbeit?

Es ist eine selbstverständliche Haltung der Demut. Der Knecht erniedrigt sich nicht – er befindet sich in einer Position, die er nach bestem Vermögen ausfüllt und die seiner Existenz entspricht.

Für uns bedeutet das: Wir sollen nicht besser von uns denken, als wir tatsächlich sind. Das ist Demut. Und dabei spielt es keine Rolle, was für eine Position wir bekleiden oder ob wir 10 Millionen Euro im Jahr dafür verdienen, dass wir den Umsatz einer Firma steigern, oder ob wir 25.000 Euro im Jahr dafür verdienen, dass wir Tag für Tag unsere Arbeit tun. Immer tun wir nur das, was wir zu tun schuldig sind.

Natürlich können wir andererseits auch stolz sein auf das, was wir geleistet haben. Aber das Geleistete macht uns in keiner Weise besser als die Menschen, die um uns herum leben und genauso wie wir das tun, was sie zu tun schuldig sind.

Und es heißt auch nicht, dass wir mit unserem Tun von Seiten Gottes ein besonderes Lob verdient hätten. Denn was können wir Gott schon bieten? Nichts.

Das, was wir tun, ist nun mal das Mindeste, was uns zu tun aufgetragen ist, es ist die Pflicht. Von der Kür sind wir weit entfernt, dazu fehlt uns meist die Kraft und das Durchhaltevermögen. Und selbst wenn wir mehr täten, es wäre noch immer kein Grund, überheblich zu werden. Denn unterm Strich ist es doch nicht mehr, als was wir zu tun schuldig sind.

Es stimmt also schon. Am Ende sind wir unnütze Knechte, weil wir nur das Mindeste zu leisten vermögen, und nicht mehr. Wir haben getan, was wir zu tun schuldig sind.

Aber nun muss doch einmal die Frage gestellt werden, was das eigentlich ist. Was sind wir zu tun schuldig?

Vielleicht hilft es, erst einmal anders zu fragen: woraus erwächst diese Schuld? Da brauchen wir, so denke ich, nicht lange zu überlegen: unsere Schuld erwächst aus der Zuwendung Gottes.

Gott hat uns als sein Gegenüber geschaffen. Wir sind nicht um unserer selbst willen da, sondern um seinetwillen. Das müssen wir uns, glaube ich, immer wieder aufs Neue bewusst machen. Wir sind Geschöpfe Gottes.

Und in diesem Schöpfungsgedanken steckt noch mehr: er will, dass wir die Gottesebenbildlichkeit, zu der er uns geschaffen hat, sichtbar werden lassen.

Aber das ist praktisch unmöglich. Wir können zwar unsere Fähigkeiten nutzen in einer Weise, die dem Handeln Gottes sehr nahe kommt, aber wir werden ihn doch nie erreichen können, und vor allem: seine Liebe können wir nie in gleicher Weise erwidern.

Darum, weil die Menschheit an dieser Aufgabe eigentlich immer gescheitert ist, hat Gott einen neuen Weg beschritten: er ist in Jesus zu uns gekommen, um uns zu zeigen, wie diese Gottesebenbildlichkeit tatsächlich aussieht.

In Jesus wird im Grunde genau das sichtbar, was er mit den Worten vom „unnützen Knecht“ selbst zum Ausdruck bringt. Er ist ein Mensch, der sich den Kranken, den Ausgestoßenen, den Hungernden, den Verzweifelten zuwendet.

Ein Mensch, der die Angriffe gegen sich selbst erduldet, obwohl er diese Feindseligkeit in keiner Weise verdient hat. Er ist ein Mensch, der sich ohne Schuld ans Kreuz schlagen lässt und sich darüber nicht etwa beklagt, sondern vielmehr noch um Vergebung bittet für die, die ihm das angetan haben.

Das ist Gottesebenbildlichkeit: voller Liebe zu sein für die Geschöpfe Gottes, für die sogenannte Krone der Schöpfung, den Menschen, aber auch für die übrige Kreatur. Da haben Eitelkeit, Rechthaberei und Verlangen nach Aufmerksamkeit und Zuwendung keinen Platz. Es ist allein Demut, Liebe und Hingabe, die zählen.

Genau das sind wir zu tun schuldig.

Wie das konkret umgesetzt werden kann, darauf lässt sich keine allgemein gültige Antwort geben. Jeder Mensch hat Gaben bekommen, die ihn dazu befähigen, bestimmte Dinge besonders gut und mit Hingabe zu tun.

In unserer Gemeinde gibt es davon eine ganze Menge. Ich denke da zum Beispiel an den Besuchsdienst.

Es braucht immer ein bisschen Mut, an der Tür zu klingeln, wenn man einen Besuch das erste Mal macht. Man wird mitunter einem völlig fremden Menschen gegenüber stehen – wie wird man aufgenommen?

Die Erfahrungen bei solchen Besuchen sind sehr vielfältig, und sie können einen auch sehr betroffen machen. Man lernt die Lebenssituation der Gemeindeglieder kennen – und nicht immer ist das, was man hört und sieht, erfreulich.

Aber durch den Besuch wird diesem Menschen etwas Gutes getan. Manchmal spürt man das als Besuchender ganz deutlich – es strahlt einem eine große Dankbarkeit entgegen.

Aber nicht um dieses Dankes will gehen die Damen und Herren des Besuchsdienstes dorthin, sondern weil sie sich dazu berufen fühlen, weil sie es als ihre Aufgabe erkannt und angenommen haben. Darum nehmen sie das Risiko auf sich, abgewiesen zu werden oder eine auch sie belastende Lebenssituation kennen zu lernen.

Wir sind unnütze Knechte – und doch nicht unnütz – denn durch diese Arbeit wird die Liebe Gottes sichtbar.

Ich denke auch an die verschiedenen Gruppen und Kreise, in denen Gemeinschaft gepflegt wird, wie sie grundlegend ist für den christlichen Glauben. Hier wird miteinander geteilt, es wird mitgeteilt, es wird Gemeinschaft erlebt. Alle, die daran teilnehmen, machen die Erfahrung, dass sie nicht alleine sind. Und das ist mitunter viel wert.

Und ich denke an unsere Gottesdienste, in denen wir gemeinsam Gott loben, auf sein Wort hören, zu ihm beten und uns dann auch wieder von ihm senden lassen, um weiter zu tun, was wir zu tun schuldig sind. Hier antworten wir auf das Handeln Gottes an uns in ganz besonderer Weise. Aber auch der Gottesdienst ist keine herausragende Leistung. Wir tun nur, was wir zu tun schuldig sind.

Und doch werden wir in diesem Tun immer wieder beschenkt. Wir erfahren Dankbarkeit. Wir erfahren Gemeinschaft. Wir empfangen den Segen Gottes. Und wenn wir gemeinsam das Abendmahl feiern, haben wir Teil an seinem Leiden und Sterben, aber auch an seiner Auferstehung.

Es ist also nichts Unterwürfiges, wenn wir sagen: wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. Es ist Demut, die uns angesichts der unendlichen Liebe Gottes nur gut tun kann.

Amen

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Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias
5. Februar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

(Ex 3, 1-10)

Liebe Gemeinde!

In Indien ist es selbstverständlich, dass man sich die Schuhe auszieht, wenn man die Wohnung eines anderen betritt. Man vermeidet auf diese Weise, den Dreck von der Straße in die Wohnung hinein zu tragen. Da man in der Regel Sandalen trägt, ist das auch praktisch überhaupt kein Problem.

Genauso verhält man sich dort auch, wenn man einen Tempel oder einen Kirchenraum betritt. Während eines Gottesdienstes häufen sich vor der Tür die Sandalen, und man wundert sich schon manchmal, dass hinterher niemand ohne Fußbekleidung nach Hause gehen muss. Alle Gottesdienstbesucher finden ihre Sandalen wieder.

In unserem Land ist das anders, denn oft lässt es die Witterung gar nicht zu, dass man barfuß oder in Strümpfen einen Kirchenraum betritt. Meist ist es zu kalt, höchstens im Sommer könnte man sich das mal trauen, aber man will sich ja nicht die Füße schmutzig machen.

Und natürlich kann man sich auch fragen: warum eigentlich? Was macht diesen Ort so anders, dass man ihn nicht mit seinen Schuhen betreten sollte?

Wir haben gerade gehört, dass es schon eine Begründung für das Schuheausziehen gibt: dies ist heiliges Land.

Aber ist das wirklich eine Begründung? Denn eigentlich gibt es doch gar keine heiligen Orte. Gott ist überall. Und er ist an keinem Ort weniger als an einem anderen. Und natürlich auch an keinem Ort mehr als an einem anderen. Er ist überall gleich da.

Darum gibt es ja auch Menschen, die es nicht für nötig erachten, in den Gottesdienst zu gehen, weil sie der Ansicht sind, dass sie irgendwo anders genauso gut mit Gott reden können.

Wir merken an der Erzählung, wie die Art und Weise, in der man sich damals, als die Geschichte aufgeschrieben wurde, Gott vorstellte, kaum angemessen ist: Denn Gott erscheint als einer, der überrascht zu sein scheint, als sich Mose dem Dornbusch nähert. Oder er merkt zumindest erst, als sich Mose aufmacht, den Dornbusch näher zu besehen, dass es jetzt zu einem Sakrileg kommen könnte.

Doch eigentlich hätte Gott das schon längst gewusst, denn er ist ja der Ewige, für den Zeit keine Rolle spielt. Er ist das Gestern, Heute und das Morgen. Er ist Alles in Allem.

Doch fiel es den Menschen damals noch schwer, sich von den Bildern zu lösen, in denen man von Gott zu reden pflegte, und so bleibt es in dieser Geschichte dabei, dass er durchaus menschliche Züge hat.

Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. 5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! (Ex 3, 4-5)

Ja, es wird noch besser, wenn Gott gewissermaßen in den brennenden Dornbusch reingezwängt wird, als wäre er eben nicht allgegenwärtig, sondern nur in diesem kleinen Dornbusch.

Doch da müsste man dann fragen: was ist danach, wenn Mose sich wieder auf den Weg macht? Bleibt Gott dann dort im Dornbusch zurück?

Natürlich nicht. Gott verspricht ja auch wenig später, dass er immer und überall da sein wird, indem er Mose seinen Namen offenbart: „Ich werde sein“, so hat es Martin Luther übersetzt. „Ich-Bin-Da“, so übersetzten es Franz Rosenzweig und Martin Buber, die beiden jüdischen Gelehrten.

Diese zweite Übersetzung, „Ich-Bin-Da“, gefällt mir ehrlich gesagt besser, denn sie macht in besonderer Weise deutlich, was für Gott gilt: Er ist da, wo ich bin – und das darf jeder Mensch für sich in Anspruch nehmen: Gott ist da, bei mir.

Was soll das also nun mit dem heiligen Land? Wobei mit Land ja kein politisches Land wie Deutschland oder Italien oder Brasilien gemeint ist, sondern schlicht das Stück Erde, auf dem man steht. Wie kann so ein Stück Land heilig werden?

Fangen wir bei den Kirchen an, könnten wir darauf verweisen, dass vor dem Beginn eines Kirchbaus der Boden, auf dem die Kirche stehen soll, gesegnet wird. Und bevor der erste Gottesdienst in der Kirche stattfindet, wird auch der Raum gesegnet.

Mit diesen Segenshandlungen wird deutlich gemacht: dieser Ort ist bestimmt für den Gottesdienst, und zwar ausschließlich. Er ist ein Ort, an dem die Begegnung mit Gott in besonderer Weise ermöglicht wird.

Man nennt solche Handlung darum auch Weihe, was es vielleicht noch deutlicher zum Ausdruck bringt, denn der Ort wird einem bestimmten Zweck, nämlich dem Gottesdienst, geweiht.

Heilig wird er aber dadurch nicht, auch wenn Kirchengebäude die Begegnung mit Gott ganz bewusst ermöglichen wollen. Denn kein Gebäude kann Gott fassen – das hatte schon Salomo erkannt. Und so bleibt auch eine Kirche zunächst einmal nur Bauwerk, bis sich diese Begegnung mit Gott ereignet.

Schauen wir noch einmal auf die Geschichte mit Mose. Mose sieht den brennenden Dornbusch. Es gibt dafür naturwissenschaftliche Erklärungen, und das Phänomen gibt es in der Wüste öfter als nur dieses eine Mal. Andere Menschen wären vermutlich achtlos daran vorüber gegangen, weil sie das Bild gewohnt waren. So aber nicht Mose. Er wird aufmerksam. Er hat etwas erkannt, was andere nicht sehen, und will es sich näher betrachten.

Doch weiß er noch nicht, was er sich da anschauen will. Erst durch die Ansprache Gottes wird es offenbar: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! (Ex 3, 5)

Tritt nicht herzu – komm nicht näher. Denn offensichtlich ist er schon nah genug. Er hatte es zunächst unklar gespürt, dass hier etwas Besonderes ist, und nun wird es ihm von Gott selbst offenbart: Heiliges Land! Mitten in der Wüste.

Nein, das ist kein Grundstück, das für einen Kirchbau vorgesehen ist, sondern es ist die Gegenwart Gottes, die dieses Land heiligt.

Dennoch hat man später, das sein nur am Rande vermerkt, dort, wo man den Ort des brennenden Dornbuschs vermutete, ein Kloster errichtet, das sogenannte Katharinenkloster.

Doch zurück zu Mose. Er kann uns zum Vorbild werden, denn für jeden Menschen gibt es solche brennenden Dornbüsche, wie auch Mose ihn gewissermaßen entdeckt hat.

So wie Mose in der Eintönigkeit des Wüstenlandes kaum Aufregendes zu erwarten hatte, ist auch unser Leben von der Alltäglichkeit geprägt. Selten gibt es mal etwas Außergewöhnliches. Und auch der brennende Dornbusch war für Mose sicher nicht etwas Außergewöhnliches. Man kann wohl vermuten, dass er so etwas schon öfter gesehen hatte. Aber dieses Mal ist es nun doch etwas Besonderes.

Mose hatte dieses Besondere gespürt, obwohl es nicht offensichtlich war. Und er gab seiner Neugierde nach und wich von dem vorgegebenen, geplanten Pfad ab. Er bewegte sich auf den Dornbusch zu und begegnete Gott.

Solche Erfahrungen sind auch für uns möglich. Vermutlich sehen unsere brennenden Dornbüsche aber anders aus. Doch das spielt keine Rolle.

Es geht darum, dass wir achtsam werden und sind für die Begegnung mit Gott. Denn es erfordert ein Abweichen vom gewohnten Pfad. Das fällt uns nicht leicht, denn es bedeutet ja auch, dass wir unsere Sicherheit, den vertrauten Rahmen, verlassen müssen. Aber das ist es, was Gott von uns erwartet. Dass wir diesen Schritt tun vom Gewissen ins Ungewisse hinein, um dann zu erkennen: hier ist heiliges Land. Hier ist Gott. Hier ist der „Ich-Bin-Da“.

Und dann, wenn ich meine Sicherheiten aufgegeben habe, kann ich mich auch von Gott ansprechen lassen und antworten: „Hier bin ich“.

Wer ist dieses „Ich“? Von Mose wissen wir:

  • Er war ein Findelkind, das auf dem Hof des Pharao groß geworden war;
  • Er war ein Mörder;
  • Er war ein Flüchtling und damit heimatlos.

Wir kennen auch unsere eigene Geschichte. Wir können Antwort geben auf die Frage, wer wir sind. Aber ich bin ziemlich sicher, dass jede und jeder unter uns Dinge erlebt und getan hat, die man lieber vergessen möchte, die man aus der eigenen Lebensgeschichte streichen möchte.

Doch nun ist da die Begegnung mit Gott. Und da bin ich, Gott gegenüber, an einem Ort, der durch die Gegenwart Gottes geheiligt ist. Nichts bleibt verborgen. Gott kennt mich durch und durch.

Das Spannende an der Begegnung des Mose mit Gott ist, dass Gott ihm nun nicht erst einmal Vorhaltungen macht und sagt: Du hast ohne Grund einen Ägypter erschlagen, oder: du hast dich vor deiner Verantwortung gedrückt und bist abgehauen. Sondern Gott nimmt diesen Mose und sendet ihn zum Pharao zurück, dorthin, von wo er aus Angst um sein Leben geflohen war.

Kein Wunder, dass Mose versucht, sich da rauszureden. Das würden wir sicher auch tun. Aber letztlich überwindet ihn Gott, denn auf jeden Einwand hat er schon die entwaffnende Antwort parat.

Mose wird gehen, denn Gottes Ansprache ist überwältigend, sie ist lebensverändernd.

Solche Ansprache können auch wir erleben. Wenn wir aufmerksam unsere Wege gehen, wenn wir damit rechnen, dass Gott etwas abseits von unseren gewohnten Wegen auf uns wartet, und wenn wir dann dorthin gehen, um es näher zu besehen, werden wir auch die Stimme Gottes hören.

Ob wir bereit sind? Ich glaube, man kann nicht wirklich bereit sein. Mose war es auch nicht. Und sicher werden wir uns genauso wenig wie Mose geeignet fühlen für das, was Gott von uns will.

Doch Gott erwartet von uns nichts Unmögliches, wie wir an dem weiteren Verlauf der Geschichte von Mose und dem Volk Israel erkennen können. Er wird dem, der auf ihn vertraut, immer zur Seite stehen. Denn er ist der „Ich-Bin-Da“. Das ist sein Name, auf den wir vertrauen dürfen.

So wünsche ich uns, dass wir stets wachsam sind und nicht achtlos an unserem brennenden Dornbusch vorübergehen, sondern uns von Gott ansprechen lassen und uns dann auf den Weg machen, den er für uns bestimmt hat.

Amen

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Predigt zum 4. Sonntag nach Epiphanias
29. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn! (Mt 14, 22-33)

Liebe Gemeinde!

Fünftausend hatten sich versammelt. Sie waren Jesus nachgefolgt, um ihn zu hören, aber auch, um durch ihn Krankheiten heilen zu lassen. Eigentlich hatte Jesus allein sein wollen mit seinen Jüngern. Aber es war nicht möglich – immer wieder kamen die Menschen innerhalb kurzer Zeit zu ihm.

Nur knapp beschreibt Matthäus, wie er auf die große Menge eingeht: Jesus sah die große Menge; und sie jammerten ihn und er heilte ihre Kranken.

Sicher hatte er auch gute Worte für sie, Worte des Lebens. Aber am Abend des Tages war es dann genug. Die Jünger bitten Jesus: lass die Menschen gehen, damit sie sich etwas zu essen kaufen. Doch Jesus fordert sie auf, selbst für das Essen zu sorgen. Und dann wird aus fünf Broten und zwei Fischen nach Jesu Dankgebet so viel, dass alle 5000 sich satt essen können, und am Ende bleiben noch zwölf Körbe übrig.

Wer wollte da wohl noch nach Hause gehen? Jesus war da, der die Kranken geheilt hatte, der ihnen Worte des Lebens gesagt hatte. Der Hunger war gestillt – nicht nur der Hunger des Körpers, sondern auch der Seele. Alles durch diesen einen: Jesus. Warum sollte man nun gehen?

Aber auch Jesus braucht mal einen Freiraum, eine Ort, an dem er von niemandem bedrängt wird – einen Raum, in dem er Gott begegnen kann. Und so schickt er schon mal seine Jünger los: bereitet alles für das Nachtlager vor – am anderen Ufer des Sees. Er selbst wollte das Volk, die 5000, noch entlassen: geht hin in Frieden.

Und sie gingen. So kam auch Jesus endlich zur Ruhe.

Aber nicht lange. Die Jünger waren mit ihrem Boot in Not geraten. Winde hatten sich erhoben, Wellen türmten sich auf und drohten, das Boot zum Kentern zu bringen. Was sollte werden? Sie waren allein – Jesus war nicht bei ihnen. Sie hatten seine Macht über die Kräfte der Natur schon erlebt – da war er mit ihnen im Boot gewesen und hatte geschlafen. Mit einem Wort hatte er den Sturm gestillt. Doch jetzt, da sie allein waren – was sollte werden?

Die Jünger waren in Panik. Beständig schöpften sie Wasser aus dem Boot und versuchten, es am Kentern zu hindern. Und dann sahen sie eine Gestalt auf dem Wasser. Immer wieder halb von den Wellen verdeckt, bewegte sich ein Wesen in weißem Gewand auf sie zu. Im Dunkel des Sturms und bei peitschendem Regen war es unmöglich, ein Gesicht zu erkennen.

Es musste ein Geist sein – der Tod vielleicht, der sie alle holen wollte!

Angst ergriff sie, noch lauter schrien sie einander zu, das Wasser aus dem Boot zu schaufeln. Petrus aber stand am Bootsrand und hielt sich an der Takelage fest. Gebannt blickte er in die Dunkelheit, zur hellen Gestalt hin. Und dann hörte er schon die vertraute Stimme: „Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht.“ (Mt 14, 27) Eine vertraute Stimme, aber wer weiß schon – kann nicht auch der Tod jede Stimme nachahmen?

„Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“ (Mt 14, 28) Eine verrückte Bitte ist das. Was, wenn es der Tod ist? Natürlich würde der sofort den Befehl aussprechen, und hätte leichte Beute. Es gäbe keinen Halt für Petrus, er würde sofort versinken und jämmerlich ertrinken.

Warum spricht Petrus solch eine Bitte aus? Wusste er nicht, dass man Gott nicht versuchen soll?

Es war ihm wohl in diesem Moment nicht bewusst. Er sehnte sich nach seinem Heiland. Vieles andere mag noch durch seinen Kopf gegangen sein – aber am Ende wollte er wohl doch nur eins: Gewissheit. Wenn es nicht der Herr war, dann wären sie ohnehin verloren. Also wagte er es: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“

„Komm her!“ (Mt 14, 29a) ist die knappe Antwort. Der leichtsinnige, hitzköpfige Petrus zögert nicht lange. Sofort steigt er aus dem Boot und – steht, er steht auf dem sich wild bewegenden Wasser. Es ist, als ob ihn nichts erschüttern könnte. Um ihn ist es ruhig, er fühlt sich sicher und geborgen trotz der peitschenden Wellen und trotz des heulenden Windes, der nur zaghaft an seiner Kleidung zerrt.

Der Sturm wütet. Das Schiff entfernt sich. Die helle Gestalt ist noch immer zu weit fort, als dass er sie erkennen könnte. Rings um ihn herum kommt das tosende Meer immer näher. Langsam wird der Grund unter seinen Füßen weich, dann feucht, er steht mit den Füßen im Wasser. Schon reicht es ihm bis zu den Knien:

„Herr, hilf mir!“ (Mt 14, 30b) ruft er voller Angst. Mit einer Bewegung ist Jesus bei ihm und reicht ihm die Hand. „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ (Mt 14, 31b)

Petrus hätte wohl viel auf diese Frage antworten können. Es war plötzlich nichts mehr da, was ihm in irgendeiner Weise hätte Halt geben können. Das Boot hatte sich entfernt, und Jesus war noch nicht nah genug gewesen, um sich an ihm festzuhalten. Und so schwand ihm auch der Boden unter den Füßen. Denn die Mächte, die auf ihn eindrangen, waren so stark, dass die kaum zu erkennende Gestalt auf dem Wasser in der Ferne genauso wenig Hoffnung hätte geben können wie das Boot der Jünger, das sich immer weiter fortbewegte und zusehends seinen Blicken entschwand.

Natürlich muss man da zweifeln, wenn es rundherum tost, als ob die Hölle los wäre!

Das geht uns ja genauso. Wenn z.B. das Geld hinten und vorne nicht reicht. Oder wenn ein Streit eskaliert und es keinen Weg mehr zu geben scheint, sich wieder zu versöhnen. Oder wenn ein Unfall plötzlich die Lebensverhältnisse dauerhaft verändert, weil die Verletzungen zu einer Behinderung führen. Oder wenn eine Krankheit uns oder einen lieben Menschen fest im Griff hat und eine Genesung aussichtslos erscheint.

Dann fällt es schwer, den Glauben zu behalten. Man konzentriert sich ganz auf die Umstände, die lebensbestimmend werden. Gott, der unser Heil will, ist nur noch verschwommen erkennbar. Die Gemeinschaft der Glaubenden wird nicht mehr als tragfähige Gemeinschaft erkannt.

Und so fangen wir an zu versinken. Wir nehmen immer weniger von dem wahr, was uns retten könnte.

Petrus weiß trotz aller Unsicherheit, die ihn in diesen Sekunden erschüttert, dass es nur einen Weg gibt, da rauszukommen. Er ruft laut: „Herr, hilf mir!“ Er ruft es, obwohl das tosende Wasser und der heulende Wind seine Stimme im Nu verschlucken. Was soll er sonst auch rufen? Wer sonst kann ihm in solcher Situation noch helfen? Und wer sonst könnte ihn in solch einer Situation noch hören?

Und sofort ist Jesus da, ergreift seine Hand. Und dann ist auch das Boot da, die Jünger, die Gemeinschaft der Gläubigen. Petrus sieht, dass diese Gemeinschaft eben doch tragfähig ist mit ihrem Gebet, mit ihrer Zuwendung, mit ihrem Glauben. Sich von ihr zu trennen, mag ein Fehler gewesen sein – aber zu ihr zurück zu kehren ist kein Problem. Diese Gemeinschaft sperrt niemanden aus.

Und dann legt sich sogar der Sturm.

Petrus war ein Wagnis eingegangen. Er hatte sein Vertrauen verloren – er vertraute weder dem Boot, dass es ihn zusammen mit den anderen Jüngern noch würde tragen können in diesem Sturm, noch vertraute er dem Wort Jesu, das ihnen so klar zugerufen worden war: „Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!“

Er zweifelt schon da, als er seinen Fuß über die Bordwand auf das Wasser setzt, von dem er eigentlich weiß, dass es ihn nicht tragen kann. Aber das Wort „Komm her!“ hatte ihm dazu Mut gemacht. Für einen Augenblick. Da war nochmal ein Zeichen gewesen – seine Bedingung war erfüllt, so dass er es wagen wollte.

Aber was hätte ihn dann über Wasser halten können? Nur Jesus selbst. Wenn er gleich neben ihm gestanden hätte, dann wäre er auch nicht eingesunken, dann hätte das Wasser auch dann noch Balken gehabt.

Aber er hätte den Weg zu Jesus im Vertrauen, im Glauben weitergehen müssen – das kurze Stück, das dann doch immer länger wurde, angesichts der bedrängenden Wellen um ihn herum. Und das konnte er nicht. Der Weg, auf dem er so ganz auf sich gestellt, ganz auf seinen Glauben zurückgeworfen war, den schaffte er nicht. Das Wasser gab nach, die Balken schwanden.

„Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“ (Mt 14, 33b) – mit diesem Bekenntnis endet die Erzählung. Es ist das Bekenntnis der Gemeinde, das wir aufnehmen und etwas ausführlicher in unseren Gottesdiensten mit den Worten des Apostolischen Glaubensbekenntnis sprechen.

Es ist das, was uns trägt in den Stürmen des Lebens. Es gibt uns die Sicherheit, dass Gott uns nicht allein lässt, sondern dass er immer in erreichbarer Nähe ist, wenn wir uns ihm zuwenden.

Um die Tragfähigkeit des Glaubens zu demonstrieren, will ich eine Anekdote wiedergeben, die mir vor vielen Jahren erzählt wurde.

Es gab ganz abgelegen ein Kloster, das man nur über einen Fluss erreichen konnte, der durch tiefe Schluchten führte. Eines Tages machte sich der Bischof auf, das Kloster zu besuchen, denn er hatte gehört, dass es dort Probleme mit dem Verständnis der Trinität gäbe. Als er dort ankam, wurde es auch gleich offensichtlich. Die Mönche sagten nämlich „Gott Vater, Sohn und Heilige Mutter“ anstatt der bekannten Formel „Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist“. Eine Woche blieb der Bischof dort und übte mit den Mönchen die richtige Formel, damit es keinen Grund zum Anstoß mehr gäbe. Zugleich war er beeindruckt von der einfachen Frömmigkeit der Mönche, von ihrem tiefen Glauben.

Schließlich machte er sich, recht zufrieden mit dem Ergebnis seiner Bemühungen, wieder auf, um zurück zu kehren. Er segnete die Mönchsgemeinschaft im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und stieg in das Bott. Er stellte sich am Heck des Bootes auf, um das Kloster und die Gemeinschaft der Brüder, die dort am Ufer standen, noch eine Weile zu sehen, und sann über ihre tiefe Frömmigkeit nach, als plötzlich einer dieser Brüder auf das Wasser trat und hinter dem Boot hergelaufen kam – auf dem Wasser. „Was willst du, mein Sohn?“ rief der Bischof ihm zu. Der Mönch antwortete: „Ach, lieber Vater, verzeih. Wir sind uns wieder unsicher geworden. Wie heißt es nochmal: Gott Vater, Sohn und Heilige Mutter?“ Der Bischof lächelte und sagte nur: „Es ist gut.“ und segnete den dankbar lächelnden Mönch.

Es kommt im Glauben nicht darauf an, ein bestimmtes Lehrmuster zu erfüllen. Der Glaube ist einfältig und bedarf keiner großartigen theologischen Gedankensprünge. Das wird ja auch deutlich in den Worten des Paulus aus dem 1. Brief an die Korinther: „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt.“ (1. Kor 1, 27a)

Der Glaube sitzt im Herzen und nicht im Kopf.

Das ist wichtig, wenn wir uns Gott zuwenden. Wir fragen nicht danach, ob unser Glaube richtig ist oder falsch, sondern wir glauben. Gott kann Wunder vollbringen, er kann uns auf das Wasser rufen, auf dem sonst niemand stehen kann außer dem, der glaubt. „Komm her!“, ruft uns Jesus zu. „Nimm es an, dass ich es bin, auch wenn ich nur verschwommen und undeutlich bin.“ „Ich bin’s, fürchtet euch nicht!“ (Mt 14, 27b)

Wenn wir das glauben, dann können auch wir Wunder vollbringen – und wir können auf jeden Fall an den Wundern Gottes, die sogar die Kräfte der Natur aussetzen können, teilhaben.

Amen

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Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias
22. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum. Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank. Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.

Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.

Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.

(Joh 4, 46-54)

Liebe Gemeinde!

Da ist einer, der wandert umher und tut Wunder. Immer wieder tauchen Berichte auf, wie jemand von einer unheilbaren Krankheit geheilt wurde. Nicht durch die Kunst der Ärzte, sondern durch eine Handauflegung, oder gar nur durch ein simples Wort.

Irgendwo, relativ weit weg von uns, geschieht das.

Nehmen wir mal an, es würde uns berichtet dass jemand in Nordhausen so ein Wunder vollbracht hätte.

Wie würden wir reagieren? Ich würde jedenfalls nicht viel darauf geben. Ich würde erst einmal vermuten, dass der sogenannte Wundertäter ein Scharlatan ist – vermutlich war der Geheilte gar nicht wirklich krank, sondern nur ein Hypochonder, und die Nähe dieses Menschen hat ihm geholfen, über seine Ängste hinweg zu kommen. Vielleicht war es auch ein Komplize, der nur so tat, als ob er krank wäre.

Und die Medien neigen sowieso dazu, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen – vielleicht war die Krankheit gar nicht so gefährlich, wie es dargestellt wurde. Vielleicht war ja auch die Diagnose der Ärzte schon falsch gewesen – das hat es schon öfter gegeben und wäre nichts Außergewöhnliches.

Soll ich deswegen etwa nach Nordhausen fahren und den Wunderheiler bitten, hierher zu kommen, um auch hier ein Wunder zu vollbringen? Ich würde es nicht tun. Wie würde ich dastehen, wenn sich der Mensch als Scharlatan erweisen würde? Da vertraue ich doch lieber auf die Kunst unserer Ärzte, auch wenn diese eine schlechte Prognose für den Verlauf einer Krankheit gestellt haben.

So muss man sich in etwa die Situation vorstellen, der sich der Mann im Dienste des Königs ausgesetzt sah. Er hatte ein krankes Kind, um dessen Wohl er sich sorgte. Die Krankheit würde zum Tod führen – so viel wusste man, das war ihm von den Heilkundigen gesagt worden, und man sah es dem Kind wohl auch an. Bestimmte Krankheiten erkannte man auch mit weniger Diagnosemöglichkeiten als heute, und ihren Verlauf kannte man nur zu gut.

Der Arzt hatte also gesagt, dass seinem Sohn nicht mehr zu helfen sei. Linderung konnte man dem armen Kind wohl verschaffen mit Hilfe bestimmter Medikamente, aber den Tod konnte man dadurch nicht aufhalten.

In seiner Verzweiflung zog dieser„Mann im Dienst des Königs“ – ich gebe ihm mal den Namen Levi – los, um den Wunderheiler, von dem er gehört hatte, aufzusuchen.

Und so geht es ja auch heute noch manchen Menschen, für die die Ärzte keine Hoffnung mehr haben, dass sie oder ihre Angehörigen sich aufmachen und nach anderen Wegen suchen, weil man die Unabwendbarkeit des Todes nicht ertragen kann und darum nach Wegen sucht, ihn doch noch abzuwenden, selbst dann, wenn alles dagegen spricht. Es schadet ja nichts, es wenigstens zu versuchen!

Levi macht sich also auf – der Weg ist nicht weit von Kapernaum nach Kana, es sind vielleicht 40 Kilometer, das kann man zu Fuß an einem Tag schaffen, wenn man zügig geht. Aber es sind 700 Meter Höhenunterschied, das ist dann doch ganz schön beschwerlich, da man nach Kana den Berg hinauf muss.

Vermutlich hatte Levi ein Reittier, mit dem ginge es noch schneller. Aber es ist von „gehen“ die Rede. Und das ist schon etwas Besonderes. Denn Levi ist sicher nicht nur ein Diener. Er hat selbst Diener, wie wir im Laufe der Erzählung erfahren, muss also schon einen gehobenen Status haben. Und so einer macht sich zu Fuß auf, einen so langen Weg zu gehen?

Was hindert ihn, das Reittier, das ihm sicher zur Verfügung steht, zu nehmen?

Vielleicht will er sich alles in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Ob er wohl das richtige tut, wenn er sich jetzt diesem Jesus zuwendet, diesem Menschen, von dem so viele schon erzählt haben.

Levi braucht Zeit und nimmt sie sich.

Das ist ein erster Impuls, den wir aus dieser Erzählung mitnehmen können: sich Zeit nehmen. Trotz der drängenden Nähe des Todes. Der Weg zu Gott braucht seine Zeit, denn auf ihm setzen wir uns auch mit uns selbst auseinander, werfen alles Unnötige ab und besinnen uns immer stärker auf das Wesentliche: die Begegnung mit dem Allmächtigen.

Vielleicht ist es bei Levi schlicht Gottvertrauen: ich begebe mich jetzt auf den Weg, um meinen Sohn zu retten. Führe du, Gott, mich auf den rechten Weg.

Schrecklich muss der Gedanke für ihn sein, dass das Kind sterben könnte, während er noch auf dem Weg ist. Dass er nicht an der Seite seines Sohnes sein kann, wenn dessen letzte Stunde geschlagen hat.

Oder ob er gerade deswegen auf jede Abkürzung, jede Beschleunigung, verzichtet? Weil er es nicht ertragen kann, seinen Sohn sterben zu sehen? Aber dann würde er wohl doch bald umkehren.

Wenige unter uns können ermessen, was es bedeutet, ein eigenes Kind zu verlieren. Kinder begraben ihre Eltern, nicht umgekehrt. So soll es sein. Schon der Gedanke daran, dass das eigene Kind sterben könnte, kann tiefen Schmerz verursachen, selbst wenn das Kind völlig gesund ist.

Solch ein Schmerz kann eine Starre verursachen. So wie die Maus wie versteinert vor der Schlange verharrt, bevor diese zupackt und ihr Opfer verschlingt, so erstarren wir manchmal vor dem Angesicht des Todes.

Doch Levi macht sich auf. Er gerät in Bewegung. Er will dem Tod nicht das letzte Wort lassen, sondern will Gott begegnen, indem er Jesus begegnet.

Wenn wir diese Begegnung wollen, müssen wir uns auch auf den Weg machen, so wie Levi. Wir müssen manches, was uns lieb und wert ist, hinter uns lassen, damit wir die Fülle der Güte und Gnade Gottes erleben können.

Schließlich gelangt Levi zu seinem Ziel. Erschöpft ist er sicher, aber er erreicht den Mann, von dem ihm schon so viel gesagt wurde. „Herr, komm, hilf meinem Sohn, er ist todkrank.“

Jesu Antwort ist verletzend und enttäuschend: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ (Joh 4, 48)

Verallgemeinerungen sind immer verletzend. Levi will kein Wunder, er will nur, dass sein Sohn nicht stirbt. Das ist alles. Und natürlich wäre das ein Wunder, aber es geht Levi doch nicht darum. Er glaubt längst, sonst hätte er sich doch nicht auf den Weg gemacht. Wenn der Tod überwunden werden kann, dann nur durch diesen Mann, nur durch Jesus.

Und so bittet er noch einmal: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!

Und nun ist die Antwort Jesu eine ganz andere: „Geh hin, dein Sohn lebt!“ (Joh 4, 50a)

Levi macht sich nicht sofort auf den Weg. Es wird schon dunkel, und er ist erschöpft. Morgen wird er sich auf den Rückweg machen.

40 km, die zwischen Jesus und Kapernaum liegen. Da könnte man schon misstrauisch werden. Will Jesus ihn nur los werden? Denn wenn er dann nach Hause kommt und sein Kind stirbt doch, müsste er sich wohl noch einmal auf den Weg begeben, um Jesus zur Rechenschaft zu ziehen – aber wäre es das wert? Der Scharlatan hätte seine Show gehabt, und Levi hätte alles verloren.

Der Rückweg wird ein Weg zwischen Zweifel und Hoffnung, ein qualvoller Weg. Vielleicht ist ihn Levi noch langsamer gegangen als auf dem Weg nach Kana.

Und dann kommen ihm die Knechte entgegen: „Dein Kind lebt.“, sagen sie. (Joh 4, 51)

Drei Worte. Worte, die allen Zweifel wegwischen. Die Krankheit ist überwunden. Und wann? Gestern um die siebte Stunde. Als er mit Jesus gesprochen hatte, als Jesus ihm sagte: „Dein Sohn lebt.“ Es wird ihm gesagt von denen, die Zeugen waren des Wunders, ohne dabei Jesus selbst zu sehen. Und dieses Zeugnis bekräftigt seinen Glauben.

Dein Sohn lebt. Was levi da wohl gefühlt hat, als er diese Worte hörte? Jedenfalls empfand er Bestätigung: Sein Weg war ein Weg mit Gott gewesen, ein gesegneter Weg.

Das zweite Zeichen – so heißt es am Ende der Erzählung. Das macht uns noch einmal stutzig. Wie kommt Levi darauf, Jesus so viel Vertrauen entgegen zu bringen? Bisher hatte es, wenn wir dem Evangelisten Johannes folgen, nur ein Wunder gegeben: die Verwandlung des Wassers in Wein.

Genügt das, um in Jesus die Macht über den Tod zu vermuten? Es gab offenbar doch keine Berichte über Wunderheilungen, eigentlich gar nichts Spektakuläres. Nur einige philosophische oder theologische Diskurse liegen zwischen dem Wunder bei der Hochzeit in Kana und dieser Begegnung, und dazu vielleicht noch einige Wochen Zeit.

Levi hatte sich auf einen Weg begeben, der für ihn die Entscheidung zwischen Tod und Leben bedeutete. Es war ein Weg der Begegnung mit Gott. Am Ende seines Weges stand Jesus, von dem Johannes der Täufer gesagt hatte, dass er das Lamm Gottes sei, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. In Jesus erwartete Levi das Leben, das stärker ist als der Tod. Aber die Veranlassung, diesen Weg zu gehen, waren nicht irgendwelche Berichte. Es war der Glaube an die Macht Gottes, die in Jesus wirksam werden kann.

Können wir so glauben?

Vielleicht ging Levi der 23. Psalm durch den Kopf, als er sich aufmachte: und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich. (Ps 23, 4)

Levi vertraute jedenfalls darauf, dass Gott ihm seine Herrlichkeit offenbaren würde. Und dieses Vertrauen wurde nicht enttäuscht.

Wäre es nicht gut, wenn Jesus auch heute leibhaftig, so wie damals, unter uns wäre? Wenn er tatsächlich in Nordhausen wäre? Oder in Cremlingen? Oder gar in Königslutter? Wenn er hier und da ein Wunder vollbrächte, damit wir wüssten: das Reich Gottes ist mitten unter uns?

Aber hat Levi das gewusst? Er machte sich nur einfach auf den Weg, ohne irgendwelche Gewissheit. Nur mit etwas Glauben.

Und so geht es uns doch auch heute. Was haben wir schon, das uns gewiss machen könnte? Es ist nicht viel. Allein der Glaube schenkt uns diese Gewissheit.

Jesus ist da. Und es geschehen Wunder – hier und da. Auch im Sterben, auch im Tod. Ich erlebe es immer wieder, an mir selbst, in den Begegnungen in unserer Gemeinde, aber auch aus Erzählungen anderer: Jesus ist mitten unter uns, und mit ihm das Leben. Trotzdem der Tod um uns herum genauso sein Unwesen treibt, wie er es damals tat, zur Zeit Levis. Jesus, das Leben, ist da.

Machen wir uns auf, gehen den Weg, der uns zum Leben führt. Es ist immer ein Weg der Unsicherheit. Aber am Ende dieses Weges steht die Begegnung mit Gott selbst, die unser Leben verwandeln kann.

Dieser Gottesdienst ist ein Bild für diesen Weg: Wir haben uns auf den Weg gemacht, um hier Jesus im Abendmahl zu begegnen: das Brot des Lebens, der Kelch des Heils, für dich – Kraft für den Weg, Lebenskraft. Und der Weg zurück nach Hause mag ein Weg des Zweifels sein, bis wir endlich die Worte hören: das Leben – es siegt, durch Jesus Christus. Der Tod ist nicht mehr. Aber es ist uns schon gesagt, an Ostern hören wir den Ruf erneut: Er, der tot war, lebt!

Amen

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Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias
Gottesdienst mit dem Pfarrverband Königslutter
15. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

(Ex 33, 17b-23)

Liebe Gemeinde!

Manchmal komme ich hier in die Kirche, setze mich an einen Platz und versuche, still zu werden. Das gelingt besonders gut, wenn sonst niemand in der Kirche ist. Aber dann wird es in mir unruhig, und ich frage mich: warum suchen nicht mehr Menschen einen Ort der Stille, so wie diese Kirche, auf?

Andererseits gibt es natürlich auch Zeiten, wo es hier gar nicht still ist. Irgend jemand unterhält sich oder erklärt gerade irgendeine Besonderheit, es findet gerade eine Führung statt, oder es wird umgebaut oder sauber gemacht, oder das Belüftungs- und Heizsystem macht lautstark auf sich aufmerksam.

Doch wenn ich dann die Augen schließe, werden die Geräusche immer leiser, und irgendwann wird es ganz still.

Auch in mir. Oder nur in mir? Das weiß ich gar nicht so genau. Jedenfalls ist das der Zeitpunkt, wo ich anfangen kann zu beten, mit Gott zu reden.

Und währenddessen kommt mir manchmal auch die Bitte des Mose in den Sinn:

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Denn es scheint mir, als wäre ich in solch einer Situation nah dran: weit weg von dem Lärm des Alltags, mit ein bisschen Glück auch frei von ablenkenden Gedanken, ganz auf Gott konzentriert.

Haben Sie so etwas auch schon erlebt? Oder wenigstens den Wunsch verspürt, die Herrlichkeit Gottes zu sehen?

Natürlich darf die Frage erlaubt sein, ob solch eine Bitte nicht vermessen ist. Denn es wäre ja ein außerordentliches Privileg, wollte Gott mir diese Bitte gewähren. Und ist Mose nicht eine herausragende Persönlichkeit, auf besondere Weise von Gott berufen, während ich als ganz gewöhnlicher Sterblicher gar nicht das Recht habe, solche Gedanken und Bedürfnisse zu äußern?

Nun, wenn ich es genau betrachte, stehe ich in einer ganz ähnlichen Situation wie Mose.

Da sind ja zunächst die Worte Gottes: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“ Ist das ein Privileg, das nur Mose für sich in Anspruch nehmen kann?

Nein. Denn das ist es, was Gott zu uns spricht, wenn wir getauft werden. Alles, was in der Taufe geschieht, dreht sich darum: die Gnade Gottes, mit der wir befreit werden von all unserer Schuld (Mose musste immerhin noch regelmäßig Opfer darbringen lassen, um die Schuld zu sühnen), und dann die Ausrufung des Namens vor Gott, damit er ihn in das Buch des Lebens einschreibt.

Beides ist da, so wie bei Mose, und es gilt für uns alle: wir haben Gnade vor Gottes Augen gefunden, und er kennt jeden einzelnen mit Namen.

So ist Gott, durch Jesus Christus.

Da sollten wir nicht die gleiche Bitte wie Mose äußern dürfen?

Doch, wir dürfen.

Aber trotz der idealen Situation, der Stille und so vielem, was einem das Gefühl vermittelt, dass man persönlich Gott ganz nah ist – nicht nur in dieser Kirche, sondern natürlich in jeder Kirche – wird diese Bitte nicht erfüllt.

Und dann muss ich auch wieder an Mose denken.

Er darf Gottes Angesicht nicht schauen.

Und mir kommt in den Sinn, was ich oft denen sage, die von mir mehr über Gott wissen wollen: es wäre völlig falsch, ihn mir wie einen Menschen vorzustellen.

Das kann ich zwar, wenn ich an Jesus denke, aber Gott ist kein Mensch, auch wenn es am Anfang der Bibel heißt, dass er den Menschen zu seinem Bilde schuf.

Damit sind wohl doch eher die Möglichkeiten gemeint, die Gott uns mitgegeben hat, die Freiheit und Grenzenlosigkeit, die uns gottähnlich macht und manche Menschen auch glauben lässt, sie seien allmächtig und könnten sich alles erlauben.

Es scheint dann doch sehr archaisch, wenn Gott wie ein Mensch beschrieben wird: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“

Nun könnte man sagen, dass das ein Beweis dafür ist, dass Gott nur erfunden ist, dass es ihn in Wahrheit gar nicht gibt. Gott sei immer nur eine Erfindung der Menschen, weil sie mit ihrer Begrenztheit sonst nicht zurecht kommen könnten.

Aber ich würde dann doch eher dahin tendieren, zu sagen, dass man in der damaligen Zeit eher dazu neigte, sich Gott wie eine Person vorzustellen. Das ist das typische Bild eines Kindes, und auch Konfirmandinnen und Konfirmanden antworten auf die Frage, wie sie sich Gott vorstellen, ganz ähnlich. Und da wir sonst keine Möglichkeit hätten, uns Gott vorzustellen, warum dann nicht hin und wieder wenigstens so?

Aber kurz bevor Gott diese Worte sagt, dass Mose sein Angesicht nicht sehen könne, gibt es noch eine andere Aussage: „ Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen“.

Und das ist nicht die Herrlichkeit, es ist auch nicht das Angesicht Gottes. Plötzlich wird Gott transzendiert, er ist nicht mehr Mensch-ähnlich, sondern so wie Johannes in seinem 1. Brief mit den Worten „Gott ist die Liebe“ (1. Joh 4, 16b) schreibt, ganz abstrakt. Er ist etwas, was man nur beschreiben und spüren, aber nicht wirklich sehen oder fassen kann. Und so könnte man auch hier aus dem Gesagten folgern: „Gott ist die Güte“. Und die lässt sich nicht fassen, sie lässt sich nur beschreiben und erfahren, aber nicht mit unseren Sinnen, sondern mit unserem Sein.

Gott ist die Güte: Das passt schon, wenn man die Geschichte des Volkes Israel, des auserwählten Volkes Gottes, bis dahin betrachtet: angefangen bei Abraham, der aus seiner Familie herausgerufen wird und der entgegen allem, was wir wissen, der Stammvater des Volkes Israel wurde, über die Josefgeschichte, in der sich eine Katastrophe nach der anderen in Segen verwandelt, bis zur Bewahrung, als die Ägypter von den Plagen heimgesucht werden, und schließlich die Freiheit, die das groß gewordene Volk Gottes auf den Weg in das verheißene Land bringen wird.

Gottes Güte war da natürlich immer wieder erfahrbar geworden, und nun sollte Mose sie auch sehen dürfen. Wie das wohl geht? Ich weiß es nicht. Und die Bibel erzählt es auch nicht. Sie erzählt es anders, wieder mit archaischen Denkmustern: Gott als Mensch, mehr oder weniger, als räumlich begrenztes Wesen.

Und dann doch anders.

„Es ist ein Raum bei mir“, sagt er zu Mose, und diese Worte lassen mich nachdenklich werden. Was für ein Raum ist das? Gott als der Allmächtige und Allgegenwärtige hat überall Räume. Von was für einem Raum ist hier die Rede?

Man könnte an den brennenden Dornbusch denken, wo es dann ja heißt: „zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ (Ex 3, 5)

Gottesnähe.

Die Orte, wo wir die Nähe Gottes erfahren, sind heilige Orte. Und von solch einem Ort redet Gott, wenn er sagt: es ist ein Raum bei mir.

Raum bei Gott – man muss aufpassen, nicht in die archaischen Muster zurück zu fallen und sich Gott als räumlich begrenztes Wesen vorzustellen. Solche „Räume bei Gott“, davon bin ich überzeugt, gibt es für jeden unter uns, also im Grunde überall, und sie werden für jeden anders sein, sich anders zeigen.

In der Mose-Erzählung kann man natürlich eine Verbindung zum Berg Horeb herstellen und folgern, dass irgendwo auf diesem Berg dieser Raum ist, von dem Gott spricht. Aber ich glaube, dass da mehr gemeint ist, und vor allem: anderes.

Der Raum bei Gott ist nicht fixierbar, er kann nicht mit irgendwelchen Koordinaten lokalisiert werden. Er ist vielmehr immer da, wo Menschen bereit sind, sich ganz auf Gott einzulassen. Für solche Menschen hat Gott auch solch einen Ort bereit.

Das kann zu Hause sein, es kann aber auch in einem Bus sein, oder an einer Straßenecke, oder … denn Gott ist ja allgegenwärtig.

Aber wir wissen: nicht jeder Ort liefert die Rahmenbedingungen, die einem dazu helfen, die Nähe Gottes zu erfahren. Auch wenn es die Straßenecke sein kann: nur wenige Menschen würden es dort überhaupt erst versuchen.

Und darum möchte ich wieder zurück kehren zu dem, was ich am Anfang geschildert habe. Denn solche Orte, Räume bei Gott, sind auch und besonders die Kirchen.

Sie sind es nicht ausschließlich, und sie sind es auch nicht für jeden, der eine Kirche betritt. Aber sie bieten die Rahmenbedingungen, die uns helfen, die Nähe Gottes zu spüren und ihn zu erkennen.

Darum bin ich sehr dankbar, dass der Kaiserdom und auch die Stadtkirche und manche andere Kirche zumindest tagsüber offen sind und so allen Menschen die Möglichkeit bieten, still zu werden und sich Gott zu nähern.

Mir kam nun der Gedanke, als ich über diesen Predigttext nachdachte, für uns als Pfarrverband einen Vorschlag zu machen: Wie wäre es, wenn wir unsere Kirchen, d.h. alle Kirchen des Pfarrverbandes, öffneten, so dass Menschen wenigstens tagsüber dorthin gehen können, um zu beten und die Nähe Gottes zu suchen?

Ein Gemeindeglied könnte die Verantwortung des Auf- und Zuschließens übernehmen, und ein größerer Kreis könnte verabreden, selbst öfter in die offene Kirche zu gehen.

„Es ist ein Raum bei mir“, hat Gott zu Mose gesagt, und ich glaube, dass Gott solche Worte auch anderen Menschen sagt und sie vielleicht dann auch auf unsere Kirchen hinweist.

Wie traurig ist es, wenn die Klinke einer Kirchentür gedrückt wird und sich die Tür dann nicht auftut, sondern hartnäckig Widerstand leistet und dem Besucher förmlich entgegen ruft: Hier darfst du nicht herein, dieser Ort ist nur einmal in der Woche zugänglich für die, die sich strikt an den Zeitplan halten.

Ich kann mir denken, dass da viel Angst vor Vandalismus und Diebstahl im Weg steht, aber dort, wo Kirchen offen sind, auch ohne Aufsicht, zeigt sich, dass diese Angst unbegründet ist. Es gehört etwas Gottvertrauen dazu, diesen Schritt zu wagen, aber davon sollten wir eigentlich eine Menge, auf jeden Fall genug haben.

Auch wenn nicht wir es sind, die bestimmen, wo der Raum Gottes für einen Menschen ist: Es ist schon viel wert, wenn wir die Möglichkeit eröffnen, einen solchen Raum zu finden. Mehr wollen Kirchen nicht sein. Aber das können sie sein, und darum sollten sie auch nicht den suchenden Menschen verschlossen bleiben.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias
8. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Als Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Mt 4, 12-17

Liebe Gemeinde!

Wir sind ganz am Anfang. Nachdem Jesus von Johannes getauft worden war, hatte er sich vierzig Tage lang fastend in der Wüste aufgehalten, wo er schließlich vom Teufel versucht wurde.

Jesus hatte den Versuchungen widerstanden. Nach seiner Rückkehr aus der Wüste, und hier beginnt unser Predigttext, erfährt er, dass der Täufer Johannes gefangen genommen worden war.

Diese Nachricht bedeutete Gefahr, auch für ihn. Er stand erst am Anfang seines Wirkens. Man erinnerte sich vielleicht noch an die Ereignisse bei seiner Taufe, an die Worte des Täufers und vielleicht auch an die Stimme vom Himmel, die verkündete: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Aber was bedeutete das schon? Jesus war zu dem Zeitpunkt noch ein Niemand. Nur ein ängstlicher Herrscher könnte ihn gewissermaßen vorsorglich gefangen nehmen. Aber genau das war auch möglich. Dabei lag der Auftrag ja noch vor ihm.

Und so entzog sich Jesus dem Zugriff des Herrschers, der Johannes gefangen genommen hatte.

Jesus handelte allerdings nicht aus Angst. Er wusste ja, dass ihn der Tod erwarten würde. Aber seine Stunde noch nicht gekommen. Wenn er jetzt schon gefangen gesetzt und womöglich getötet worden wäre, hätte man ihn kaum wahrgenommen. Es musste erst deutlich und für alle sichtbar werden, was bei der Taufe über ihn offenbart worden war: dass er der Sohn Gottes ist.

Also wich er aus, zog nach Kapernaum, ganz im Norden am See Genezareth. Dort ist er nicht völlig aus der Reichweite der politischen Macht, aber Kapernaum ist auch keine so bedeutende Stadt, dass man sie ständig im Auge hat. Und so kann er hier beginnen, seinen Auftrag zu erfüllen.

Die ersten Worte, die er dort verkündet, sind wie ein Programm, das als Überschrift über den folgenden Jahren seines Handelns und Redens stehen soll: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“

Das ist es, worum es geht in allem, was Jesus tut: die Menschen zur Buße rufen und die Nähe des Himmelreiches verkündigen.

Tut Buße. Bei dem Wort Buße denken wir meist an Wiedergutmachung. „Er muss für seine Taten büßen“, so heißt es über einen Menschen, der etwas Böses getan hat. Oder wir reden von „Bußgeld“, wenn jemand eine Geldstrafe zahlen muss, z.B. wenn man zu schnell gefahren ist.

Durch die Buße machen wir etwas wieder gut. Wenn wir Buße geleistet haben, ist das, was wir falsch gemacht haben, gewissermaßen getilgt, es ist nicht mehr – zumindest in der Theorie. Viele Straftäter, nachdem sie ihre Strafe „abgebüßt“ haben, haben es dann dennoch schwer, wieder Fuß zu fassen in der Gesellschaft. Oft werden sie wieder rückfällig, sie begehen wieder eine Straftat, und so wird es zu einem sich stetig wiederholenden Kreislauf.

Grundsätzlich gilt: wenn man Buße getan hat, dann steht man gewissermaßen bei Null und kann wieder von vorn anfangen.

Vor allem von der katholischen Kirche kennen wir das Wort Buße auch im theologischen Zusammenhang. Nach der Beichte kommt die Buße: für die begangenen Taten, die man gebeichtet hat, wurde einem in der Regel eine Art Strafmaß auferlegt zur Buße: z.B. durch das Beten einer bestimmten Anzahl von Ave Marias wurde man in die Lage versetzt, für seine Schuld zu büßen.

In der katholischen Kirche gilt die Beichte verbunden mit der Buße als ein Sakrament.

Martin Luthers 95 Thesen richteten sich gegen einen Missbrauch der Buße. Verknüpft mit der Lehre vom Fegefeuer, in dem die Menschen nach ihrem Tod für ihre Sünden büßen müssen, hatte die Kirche ein System entwickelt, durch das sich Menschen gewissermaßen freikaufen konnten, indem sie sich mittels Spenden der Absolution, also der Freisprechung von den Strafen, durch die Kirche versicherten. Man erhielt als Gegenleistung für seine Spende einen Ablassbrief, der sogar den Umfang des Ablasses definierte.

Der Handel mit dem Ablass wurde bereits im 16. Jahrhundert in der katholischen Kirche mit der Strafe der Exkommunikation versehen. Den Ablass selbst aber gibt es noch heute. Denn für die begangene Sünde gibt es immer eine Strafe, die abgebüßt werden muss. Und der Ablass befreit von dieser Strafe.

So erklärte Papst Johannes Paul II. Das Jahr 2000 zu einem Ablassjahr – was übrigens nichts Außergewöhnliches ist, denn etwa alle 25 Jahre gibt es ein solches Ablassjahr. Das Jahr 2000 war nun ein besonderes, da ein Millennium zu Ende ging, und in diesem Jahr konnte man z.B. durch das Aufsuchen einer bestimmten Kirche einen vollkommenen Erlass aller Strafen erlangen.

Als Protestanten tun wir uns mit dieser Vorstellung zu Recht schwer, denn nach unserem Verständnis des Evangeliums hat Jesus für uns am Kreuz bereits alle Strafe erlitten. Er hat sie auf sich selbst genommen und damit, wenn man so will, ewigen Ablass von allen Strafen bewirkt.

Warum also Buße?

Wenn Jesus den Menschen zuruft: „Tut Buße“, meint er nicht das, was wir meist unter Buße tun verstehen.

Sondern er meint die Umkehr. Der Ruf „Tut Buße“ ist im Grunde der Ruf Gottes hinter einem Menschen her, der sich von Gott abgewendet hat und von ihm fortgeht. Tu Buße! Kehre um! Wende dich wieder mir zu!

Das bedeutet dieser Ruf Jesu. Anstatt dass sich die Menschen von Gott abkehren, sollen sie sich ihm wieder zuwenden. Es hat also in diesem Zusammenhang überhaupt nichts mit Strafe abbüßen zu tun.

Dieser Ruf Jesu: Tut Buße!, ist in unserer Zeit aktuell wie wohl nie zuvor. Denn damals, zur Zeit Jesu, glaubte wohl jeder Mensch daran, dass es Gott gibt – nur die Art und Weise, wie man Gott begegnete oder meinte begegnen zu müssen, war fragwürdig geworden.

Heute sieht das vor allem in den Industrieländern anders aus: immer mehr Menschen glauben, dass es überhaupt keinen Gott gibt. Und für die meisten der übrigen Menschen ist der Glaube so unkonkret, dass sie sich damit nur in den seltensten Fällen, meist in Notsituationen, überhaupt beschäftigen. Das Leben ist nicht vom Glauben geprägt, denn Gott spielt für viele Menschen im besten Fall eine Nebenrolle.

„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ so lautet der ganze Satz, der über dem Wirken Jesu gewissermaßen als Überschrift zu lesen ist.

Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen – das ist eine Aussage, die für die Menschen der damaligen Zeit dann auch in der Person Jesu sichtbar wurde. Er heilte Kranke, ja, er machte sogar Tote wieder lebendig. Er offenbarte in seinem Handeln die Liebe Gottes zu allen Menschen, auch zu denen, die als Sünder angesehen wurden. Jesus versöhnte sie mit Gott. Und so wurde es sichtbar: Das Himmelreich war nahe herbeigekommen in der Gestalt Jesu.

Und heute? Das Reich Gottes ist heute nicht etwa wieder in die Ferne gerückt, nur weil Jesus in den Himmel aufgenommen wurde. Es ist immer noch nahe bei uns.

Nur ist es nicht ganz so offensichtlich erfahrbar. Und das liegt wohl auch daran, dass uns der Mut fehlt, diesen Ruf aufzunehmen und es der Welt zu sagen: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“

Wir fühlen uns dazu nicht bevollmächtigt. Und wir haben Angst, es belegen zu müssen, denn wir wissen nicht so recht, wie wir das tun sollen.

Aber wenn dieser Ruf nicht damals, nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, von seinen Jüngerinnen und Jüngern aufgenommen worden wäre, dann gäbe es heute wohl keine christliche Kirche. Der Beweis dafür, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen ist, sind im Grunde wir, die christliche Gemeinde, die sich auch heute zum Gottesdienst versammelt, um Gott zu loben und zu danken für die Liebe, die er uns bewiesen hat, und um Gemeinschaft miteinander zu haben.

Es ist der Auftrag der Kirche, die Worte Jesu immer wieder in die Welt hinaus zu rufen. Diesen Auftrag formuliert der auferstandene Jesus am Ende des Matthäus-Evangeliums:

„Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker; Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 18-20)

In diesem Auftrag ist alles drin. Jesus sendet uns hinaus, dass wir die Welt zur Umkehr rufen. Macht sie zu Jüngern. Ruft sie, dass sie sich zu Gott wenden. Tauft sie, macht sie fest als Kinder Gottes. Und lehrt sie, lasst sie erfahren, dass das Himmelreich ganz nahe ist.

Unser Ruf klingt also ganz genauso wie der, den Jesus am Anfang seines Wirkens von sich gab: Wendet euch nicht von Gott ab, sondern kehrt zu ihm zurück. Glaubt nicht, ihr könntet ohne ihn auskommen.

Das schönste aber ist der Grund für diesen Ruf. Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Das wird für uns in den Worten Jesu sichtbar: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.

Er lässt uns nicht allein. Er bleibt bei uns. Daraus können wir Mut schöpfen. Es ist eine Zusage ohne Einschränkung. Es heißt nicht: wenn Ihr dies oder jenes tut, sondern es heißt schlicht: Ich bin bei euch … Jesus ist bei uns, ganz nah.

Die Welt ist der Acker, auf den wir alle den Samen des Wortes Gottes, des befreienden Evangeliums, ausstreuen dürfen.

Kehrt um – das ist ein Ruf der Liebe und kein mahnender Ruf.

Zu diesem Ruf gehört die Verheißung der Nähe und Liebe Gottes, wie sie sich in Jesus Christus offenbarte.

Dass wir diese Nähe und Liebe bitter nötig haben, zeigt sich in der zunehmenden „sozialen Kälte“ in unserer Gesellschaft, die immer deutlicher sichtbar wird, z.B. darin, dass Dauerarbeitslose von den meisten Menschen als Schmarotzer abgestempelt werden. Die Tatsache, dass auch Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben, sich kaum mehr als das Nötigste zum Leben leisten können, gehört ebenfalls zur sozialen Kälte in unserem Land dazu.

Dazu gesellt sich das sogenannte Nord-Süd-Gefälle, d.h. der Reichtum der Industrieländer im Vergleich zur Armut der sogenannten Entwicklungsländer, wobei dieses Gefälle eben darauf zurück zu führen ist, dass die Industrienationen die Schwäche der Entwicklungsländer systematisch ausnutzen.

Gott will, dass wir alle Menschen so sehen, wie er uns sieht: als seine geliebten Kinder.

Darum: lasst uns diesen Ruf hinaustragen in unsere Welt mit Wort und Tat, damit die Liebe Gottes sichtbar wird, wo immer Liebe verloren zu sein scheint.

Denn er hat uns zuerst geliebt.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach dem Christfest
1. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der heilige Geist war mit ihm. Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun läßt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden. Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte, und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Lukas 2, 25-38

Liebe Gemeinde!

Manchmal wünschte ich mir, damals zu leben, zur Zeit Jesu, und seinen Fußstapfen folgen zu können. Wäre das nicht wunderbar? Direkt aus seinem Munde die Worte zu hören, die wir nur nachlesen können, und dazu seine Ausstrahlung zu spüren und zu sehen, wie er Kranke heilt?

Ich wünschte mir manchmal, mit eigenen Augen zu sehen, wie er Sturm und Wellen gebietet, oder wie er den Lazarus von den Toten auferweckt.

Aber es ist wohl vermessen, so etwas zu wünschen. Und wenn ich es mir genau überlege: alles, was damals geschah, möchte ich auch nicht mitmachen müssen.

Ich möchte nicht die Zweifel haben, die sicher die Jünger gequält haben, als sie sahen, wie Jesus seinem Tod entgegen ging. Ich möchte nicht, auch nicht von ferne, zusehen müssen, wie er am Kreuz stirbt, ohne zu wissen, dass damit das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Aber so ist es den Jüngerinnen und Jüngern ja damals ergangen. Sie hatten zwar das Privileg, ihn leibhaftig vor sich zu sehen, aber dafür gab es unzählige Zweifel, Ängste und unerfüllte Hoffnungen.

Nicht nur anfangs, nicht nur die ersten Monate, sondern über Jahre und Jahrzehnte, ja, über Jahrhunderte hinweg war man sich nicht einig, wer oder was Jesus nun eigentlich war. Gottes Sohn? Aber wenn, wie war das möglich? Wie konnte der Sohn Gottes am Kreuz sterben?

Als Lukas sein Evangelium aufschrieb, mussten ihn ähnliche Fragen umgetrieben haben. Er hatte sorgfältig recherchiert, so schreibt er am Anfang seines Evangeliums, und nun gab er wieder, was er empfangen hatte von denen, „die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Wortes gewesen sind.“ (Lk 1, 2b)

Dazu gehört dieser schon etwas merkwürdige Abschnitt, den wir gerade als Evangeliumslesung gehört haben und der von dem berichtet, was sich 33 Tage nach der Beschneidung Jesu, also 40 Tage nach seiner Geburt, ereignete.

Jesus wird als erstgeborener Sohn gemäß den Weisungen Gottes, nach denen das Volk Israel lebte, dem Herrn dargestellt, und Maria bringt das vorgeschriebene Opfer für ihre Reinigung dar.

Dort, im Tempel, wartet Simeon, ein alter Mann, Symbol für die Sehnsucht des Volkes Israel nach dem Messias, der schon so viele Jahrhunderte vorher angekündigt worden war.

Simeon ist fromm, und er wusste eins, denn es war ihm vom Heiligen Geist gesagt worden: du wirst den Tod nicht sehen, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast.

Darauf vertraute er. Woher er nun die Gewissheit hatte, dass das, was ihm da gesagt war, oder von dem er meinte, dass es ihm gesagt war, auch wirklich vom Heiligen Geist, also von Gott, stammte, wird nirgends gesagt. Es ist eben so.

Niemand wagte damals, ihn einen Spinner zu nennen. Vielleicht schüttelte der eine oder die andere den Kopf über ihn, aber sie respektierten seine Erwartung, seine Hoffnung, und ließen ihn gewähren.

Er kam an diesem Tag „auf Anregen des Geistes in den Tempel.“ (Lk 2, 27a)

Wie oft habe ich es schon erlebt, dass ich mich aus irgendeinem Grund plötzlich aufmachte und dann etwas geschah, wovon ich hinterher nur sagen kann: Da hat Gott seinen Segen ausgebreitet?

Aber ich hätte vorher nie sagen können: da treibt mich der Heilige Geist. Es sind banale Dinge, weswegen ich mich in Bewegung setze oder auch, weswegen ich es etwas später tue, als ich mir eigentlich vorgenommen hatte – woraus dann eben dies kleine Wunder entsteht, das den Segen Gottes sichtbar werden lässt.

Auch hier ist es ja so: Lukas weiß es nur im Nachhinein: da trieb ihn der Geist in den Tempel.

Er begegnet dem Kindlein und seinen Eltern.

Es gibt für ihn kein Vertun: dieser ist der Messias. Eine Gewissheit, die kaum nachzuvollziehen ist. Woher kann er sich so sicher sein? Nichts zeichnet dieses Kindlein aus. Es hat sicher keinen Heiligenschein um den Kopf, wie es später auf Gemälden oft dargestellt wird.

Wer weiß, ob nicht gleichzeitig ein anderes Paar auch mit seinem Kind zum Tempel kam? Ist es so unwahrscheinlich, dass noch andere Kinder am Tag der Geburt Jesu geboren wurden? Sie alle, soweit es erstgeborene Jungen sind, würden an diesem Tag zum Tempel gebracht.

Aber Nichts verunsichert den alten Simeon. Er geht direkt auf das Paar zu, nimmt den kleinen Jesus auf seine Arme – etwas, was ich wahrscheinlich an Stelle der Mutter gar nicht erlauben würde – und beginnt seinen Lobgesang:

Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
den du bereitet hast vor allen Völkern,
ein Licht, zu erleuchten die Heiden
und zum Preise deines Volkes Israel.

(Lk 2, 29-32)

Seit vielen Jahrhunderten haben diese Worte ihren Platz in den Tagzeitengebeten gefunden. Jeden Abend werden sie auch heute noch vielfach nachgebetet.

Warum eigentlich? Wer kann das denn heute von sich sagen, den Heiland Gottes gesehen zu haben?

Nun, sicher ist es nicht so geschehen, wie es Simeon selbst erlebt hat. Wir konnten kein Kind auf den Arm nehmen und zugleich wissen, dass dieses Kind ein Licht sein würde, das die Heiden erleuchtet und das Volk Israel preisen wird.

Aber wir haben dennoch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel sehen wir Christus in der Feier des Heiligen Abendmahles: Brot und Wein – Leib und Blut Christi.

Wir sehen ihn auch in vielen Abbildungen, was aber, zugegeben, nicht wirklich zählen muss.

Am wichtigsten aber ist wohl: wir sehen ihn in unserem Nächsten, indem wir uns an die Worte erinnern, die er in einem Gleichnis zu uns sagte: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25, 40b)

Die Geschichte vom Schuster Martin von Leo Tolstoi veranschaulicht dies in schöner Weise:

Martin ist ein Schuster, dessen Dienste gern in Anspruch genommen werden, weil er sorgfältig arbeitet und nicht zu viel Geld nimmt. Er liest täglich in der Bibel. Eines Tages, als er wieder die Bibel zur Hand nimmt, hört er eine Stimme: „Martin, ich will zu dir kommen.“ Ob das Jesus war, der zu ihm gesprochen hatte?

Am nächsten Tag kamen, wie eigentlich immer, viele Menschen in seinen kleinen Kellerraum, um Schuhe zum Flicken abzugeben oder fertig gewordene Schuhe abzuholen. Doch sah er an diesem Tag auch einen Mann mit alten Soldatenstiefeln, der den Schnee beiseite schippte und dabei an die Grenze seiner Kraft kam. Da lud ihn Martin in seine Stube ein: „Komm und wärme dich.“, und gab ihm etwas Warmes zu trinken.

Wenig später sah er durch sein kleines Kellerfenster eine Frau im dünnen Kleid, die versuchte, ihr Kind zu wärmen. Er rief sie herein, gab ihr von der Suppe, die er für sich selbst gekocht hatte, und kümmerte sich um das Kind.

Als sie gegangen war, sah er, wie ein Junge einer Marktfrau einen Apfel aus dem Korb gestohlen hatte. Die Marktfrau hatte den Jungen aber erwischt und hielt ihn an den Haaren fest: „Ich bringe dich zur Polizei“, rief sie wütend. Martin, dem der dünne und spärlich bekleidete Junge leid tat, ging hinaus und sprach beruhigend zu der Frau: „Lass ihn doch laufen. Ich will dir den Apfel bezahlen.“ Da entschuldigte sich der Junge und half der Marktfrau, den schweren Apfelkorb zu tragen.

Als der Schuster Martin wieder in der Bibel las, hörte er wieder eine Stimme: „Martin, ich bin bei dir gewesen. Hast du mich gesehen?“ Verwundert fragte Martin: „Nein, wann bist du bei mir gewesen?“. „Schau dich um“, erwiderte die Stimme.

Martin erhob seine Augen und erkannte im Schein der Kerze den alten Mann, die Frau mit dem Kind und den Jungen mit der Marktfrau. Dann waren sie verschwunden. Als er wieder in die Bibel schaute, las er die Worte Jesu: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Den Heiland können wir auch heute sehen, jeden Tag. Es bedarf keiner allzu großen Anstrengung. Es genügt, offen zu sein für diese Begegnung, die Gott uns ermöglichen will, jeden Tag auf’s Neue. Denn auch uns spricht er zu:

„Heute will ich zu dir kommen.“

Ob wir dafür bereit sind? Oder lieber doch wegschauen, wenn das Elend und die Not der Menschen uns vor Augen gestellt werden?

Denn die Begegnung mit Jesus kann zu einer Herausforderung werden. Jesus scheidet die Geister – das wird in den folgenden Worten des Simeons, die er an Maria richtet, deutlich.

Auch wenn hier von Israel geredet wird, wäre es verkehrt, wollten wir mit dem Finger auf das Volk Israel zeigen und nicht zugleich auch uns selbst prüfen.

Jesus wird zu einem Zeichen, dem widersprochen wird: auch heute, und heute vielleicht mehr als damals. Denn immer öfter werden grundlegende Glaubensaussagen in Frage gestellt. Immer seltener traut man Gott zu, dass er in diese unsere Welt hinein wirkt.

Und da wird deutlich: wir brauchen das neue Herz und den neuen Geist, von dem Hesekiel schreibt. Denn nur mit einem Herzen, das Gott uns schenkt, und dem Geist, der von Gott kommt, werden wir in der Lage sein, ihn zu erkennen und ihm zu folgen.

Lassen wir uns also beschenken. Lassen wir es zu, dass Gott uns verwandelt. Bitten wir darum, dass er uns ein neues Herz und einen neuen Geist gibt, damit wir die Welt so sehen können, wie er sie sieht, und wir in seinen Wegen wandeln.

Dann werden wir auch Jesus begegnen. Wir werden ihn erkennen in denen, die unserer Hilfe bedürfen.

Amen

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