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Kanzel

Kanzelworte

Hier sind in laufender Abfolge die Predigten zu finden, die in den letzten Wochen von Pfarrer Dr. Martin Senftleben in Gottes­diensten gehalten wurden.

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Predigt zum 2. Sonntag im Advent
4. Dezember in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus ging aus dem Tempel fort, und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Mt 24, 1-14

Liebe Gemeinde!

Ich gebe zu: als ich diesen Predigttext las, war ich nicht gerade begeistert. Auf den ersten Blick passt das alles nicht so recht zu dem, was wir in dieser Zeit bedenken und tun. Wir sind erfüllt von der Vorfreude auf das Christfest, es brennt bereits die zweite Kerze am Adventskranz, und an vielen Häusern sieht man schönen Lichterschmuck als Zeichen unserer Hoffnung und Freude.

Der Predigttext redet zwar auch von Zeichen, aber von ganz anderen. Die Zeichen, die hier erwähnt werden, machen keine Hoffnung. Im Gegenteil, sie kündigen das Ende der Welt an, und es scheint ein böses Ende zu sein, auf das niemand sich freuen kann.

Jesus erwähnt Menschen, die sich selbst zum Retter ernennen in seinem Namen, die aber in Wirklichkeit nur Scharlatane und Verführer sind. Sie versprechen einen leichten Weg aus der offensichtlichen Not heraus, aber in Wirklichkeit nutzen sie ihre Mitmenschen nur aus und treiben sie letztlich noch weiter ins Elend.

Hungersnöte, Kriege, Erdbeben – Zeichen, die aber nichts zu sagen haben. Sie deuten das Ende der Welt nicht an. Es wird vielmehr noch schlimmer kommen.

Ein Zeichen, das wir gar nicht nachvollziehen können, weil wir es am eigenen Leib nicht erleben, wird hier auch genannt: Die Jüngerinnen und Jünger, die Jesus nachfolgen, werden selbst verfolgt und getötet werden, so dass viele, die das erleben, abfallen und den Glauben aufgeben. Denn viele werden Angst um ihr Leben haben. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass die Nachfolge Jesu solche Konsequenzen haben würde.

In solch einer Situation befinden wir uns aber nicht. Christlicher Glaube gehört (noch) zum Allgemeingut in unserem Land, auch wenn es immer mehr und immer lautere Stimmen gibt, die sich gegen die Präsenz der Kirche und gegen ihren Anspruch wehren.

Aber immerhin brauchen wir nicht zu fürchten, ins Gefängnis geworfen zu werden, weil wir an Jesus Christus glauben. Und schon gar nicht wird jemand hier deswegen getötet.

Das heißt nicht, dass es nicht auch Länder gibt, in denen Christen systematisch verfolgt werden bis dahin, dass Christen wegen ihres Glaubens um ihr Leben fürchten müssen. Die Organisation OpenDoors listet 50 Länder, in denen Christen ihren Glauben nicht frei und ohne Einschränkung praktizieren können.

Andererseits gibt es weitaus mehr Länder, in denen Christen ihren Glauben frei praktizieren können.

Dass wir gehasst werden von allen Völkern, wie Jesus in unserem Predigttext ankündigt, kann man aber kaum sagen.

Aber das ist ja auch nicht alles.

Die Ungerechtigkeit wird immer größer werden, sagt er, die Liebe in den Menschen wird erkalten. Viele werden nicht mehr fähig sein zu lieben.

Das trifft nun wiederum auf unsere Zeit und auch auf unser Land zu. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, selbst in unserem eigenen Land, aber auch weltweit gesehen: Die Industrienationen vereinen 90% des gesamten Weltreichtums auf sich, und machen mal gerade 10% der Weltbevölkerung aus. Die Schere klappt noch weiter auf, der Abstand wird größer.

Das hat damit zu tun, dass die Liebe erkaltet. Viele Menschen empfinden keine Liebe mehr für ihre Mitmenschen, sondern nur noch für sich selbst. Sie schauen nur darauf, wie sie sich selbst immer besser stellen können, wie sie sich selbst so viel Gutes wie möglich tun können.

Dass Menschen, die populistische Parolen verkünden, immer mehr Zustimmung erhalten, ist ebenfalls ein Zeichen dafür, dass die Liebe erkaltet. Denn wenn wir nach solchen Parolen handeln, verweigern wir den in Not geratenen Menschen die nötige Hilfe.

Das ist bedrückend und frustrierend, denn wenn man selbst sich bemüht, anderen Menschen zu helfen, und dabei die Not sieht, in der diese Menschen leben, fragt man sich oft, warum so wenig Reiche bereit sind, von ihrem Reichtum für diese Menschen abzugeben.

In solch einer Situation gilt es auszuhalten, fest im Glauben stehen, bis ans Ende. So sagt Jesus.

Das Ende... man stellt es sich nach diesen Worten recht grausam vor, jedenfalls ein Ende mit Schrecken, weil Not und Elend bis dahin immer weiter zunehmen werden. Die Überheblichkeit und der Egoismus der Menschen werden eines Tages zu ihrem Ende, zu ihrer endgültigen Vernichtung führen.

So steht im Mittelpunkt dieses Textes offensichtlich keine Hoffnung, wie wir sie uns eigentlich für den heutigen Tag wünschen. Der Tod, Das Ende der Welt, die Zerstörung, die endgültige Vernichtung alles dessen, was uns lieb und wert ist, sind vielmehr das bestimmende Bild.

Das ist ziemlich deprimierend. Aber es ist eben doch nicht alles. Denn der Predigttext hört mit dieser düsteren Prognose nicht auf. Es steht da ein Satz am Ende, der letzte Satz, der all diese Hoffnungslosigkeit und vielleicht auch Verzweiflung, die in dem Text anklingt, aufzuheben vermag:

Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Das Evangelium, die frohe Botschaft wird gepredigt werden. Die Menschen hören vom Reich Gottes, trotzdem Christen verfolgt werden und trotzdem der christliche Glaube mittlerweile in den Industrieländern zunehmend an Bedeutung verliert.

Wenn hier von Predigen die Rede ist, ist damit natürlich nicht das Predigen von der Kanzel gemeint, denn Kanzeln gab es zu Jesu Zeiten noch nicht. Zu seiner Zeit erzählte man sich sich vom Reich Gottes und von seinem Wirken unter den Menschen in den Versammlungen der Gemeinde, wenn die Christen zusammenkamen, um gemeinsam das Mahl zu feiern.

Und auch heute erzählt man sich natürlich davon, in der ganzen Welt. Ohne Kanzel. Das Evangelium vom Reich Gottes wird überall gepredigt, es wird überall weitergesagt.

Und wenn es so weit ist, dann wird das Ende kommen.

Urplötzlich ist dieses Ende nicht mehr düster und beängstigend. Es erscheint jetzt so, als ob das Ende die Erfüllung der Predigt vom Reich Gottes ist. Und so ist es auch: Denn mit dem Ende der Welt ist nicht alles vorbei, sondern an die Stelle dieser Welt tritt das Reich Gottes, von dem man sich zuvor nur erzählt hatte.

Das Ende der Welt ist vollkommen, aber im positiven Sinn. Denn wo Gott herrscht, da gibt es keine Ungerechtigkeit mehr, keine Hungersnöte, keine Kriege, keine Katastrophen. Gott bringt das Ende der Welt, indem er zu uns kommt und sein Reich unter uns aufrichtet.

Aber wie können die Menschen, wie können wir davon wissen? Wie können wir vom Reich Gottes predigen, wenn es nicht da ist? Wenn wir in einer Welt leben, die vom Reich Gottes scheinbar unvorstellbar weit entfernt ist?

Auch wenn es in unserer Welt eigentlich recht düster und hoffnungslos aussieht, so gibt es doch einen Hoffnungsschimmer. Denn Gott hat uns nicht völlig allein gelassen. Er hat uns besucht, in und durch Jesus Christus. Die Evangelien, die guten Botschaften, reden davon. Und auch wenn Jesus längst nicht mehr körperlich unter uns ist, so ist es doch möglich, ihm auch heute zu begegnen, da er gesagt hat: <„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 20b)

Und das wird auf unterschiedliche Weise erfahrbar. Denn Jesus hat uns ja selbst gesagt, wie wir ihm begegnen können: indem wir z.B. den Hungernden zu essen geben, die Nackten kleiden, die Kranken besuchen und auch die Gefangenen (Mt 25).

Jesus hat uns in seinen Gleichnissen und in seinem Handeln immer wieder konfrontiert mit dem, was uns von Gott trennt.

Nun entsteht daraus aber nicht ein unüberwindbarer Berg von Forderungen. Denn zugleich wendet er sich uns als der Heiland zu, der bereit ist, uns in allem zu helfen, ja, der unsere Last auf seine Schultern legen will.

Er will unser Versagen, unsere Schuld auf sich nehmen und tilgen. Das erfahren wir besonders in der Feier des Heiligen Abendmahls – Das ist mein Leib, für dich gegeben – das ist mein Blut, für dich vergossen.

Jesus hat uns einen Blick werfen lassen in dieses Reich Gottes hinein durch sein Leben. Er hat uns vorgelebt, wie das Reich Gottes schon in dieser Welt, die damals keinen Deut besser war als heute, lebendig werden kann.

Er ruft uns in seine Nachfolge auf einen Weg, der uns aus der Dunkelheit heraus zum Licht führt. Es ist der Weg des Friedens, der Liebe und der Gerechtigkeit.

Das ist dann auch der Weg, der uns das Reich Gottes erkennen und davon reden lässt.

Gott lässt uns nicht allein. Es gibt eine Hoffnung, denn das Evangelium vom Reich wird gepredigt, und das Kommen dieses Reiches erwarten wir – jetzt, in der Adventszeit, aber natürlich auch und eigentlich vor allem unser Leben lang.

Ja, das Ende der Welt kommt, doch es kommt nicht als vernichtende Sintflut oder irgendeine andere Naturkatastrophe. Das Ende kommt auch nicht durch den Tod, denn der, das wissen wir seit Ostern, hat sein letztes Wort längst gehabt und muss nun schweigen.

Das Ende unserer Welt kommt, indem Gottes Reich sich ausbreitet und Raum gewinnt unter den Menschen. Zeichenhaft hat es begonnen durch Jesus Christus, und es wird weiter bekannt durch das Zeugnis all derer, die seine Liebe im Glauben erfahren haben.

So ist das nahende Ende kein Grund, Angst zu haben, sondern ein Grund der Freude. Je mehr wir diese Freude mit anderen teilen, desto näher kommt das Reich Gottes zu uns.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag im Advent
27. November in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der HERR unsere Gerechtigkeit“.

Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“, sondern: „So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

(Jer 23, 5-8)

Liebe Gemeinde!

„Früher war alles besser“. Diese Worte haben mich, als ich noch jünger war, manchmal ganz schön aufgeregt. Was sollte denn an „früher“ besser gewesen sein? Der Krieg? Der Idealismus? Der enorme wirtschaftliche Aufschwung? Die Zucht und Ordnung? Gehorsame Kinder, die auch in der Schule stets aufpassen und nur gute Zensuren nach Hause bringen?

Ich konnte dem „Früher“, das da angesprochen wurde, nichts abgewinnen. Als ich älter wurde und unsere Kinder heranwuchsen, wurde mir bewusst, dass sie in einer anderen Welt aufwachsen als in der ich aufgewachsen war. In meiner Jugend war ich enorm stolz auf eine Schreibmaschine, die ich zu meinem 10. Geburtstag bekommen hatte. Nichts tat ich lieber als Geschichten auf der Schreibmaschine schreiben, wobei ich natürlich schon sehr darauf achten musste, möglichst wenige Tippfehler zu machen.

Heute geht das mit dem Computer, und dazu noch deutlich einfacher als damals. Wenn man ein bisschen aufpasst und die Rechtschreibprüfung richtig zu nutzen weiß, kann man auch dann noch passable Texte verfassen, wenn man mit der Rechtschreibung nicht so gut zurecht kommt. Tippfehler werden einem manchmal sogar automatisch korrigiert.

Für unsere Kinder war das natürlich eine große Hilfe. Und auch ich ging mit der Zeit, lernte nicht nur den PC zu benutzen, sondern auch zu programmieren.

Aber mir wurde auch bewusst, dass es in meinem „Früher“ anders war als es heute ist, und ich empfand die damalige Zeit als angenehmer, interessanter, vielleicht auch aufregender. Während unsere Kinder nicht wenig Zeit mit Computerspielen und GameBoy usw. totschlugen, spielte ich noch mit Freunden, bastelte mir aus einem Trix-Metallbaukasten einen Kran oder andere Dinge, half dem Hausmeister bei der Gartenarbeit und überlegte mir so manchen Streich, den ich den Erwachsenen spielen konnte und manchmal dann auch aufrichtig bereute.

Und so sagte ich dann lieber: „Früher war alles anders“ als „Früher war alles besser“. Denn manches ist heute tatsächlich besser als vor 50 Jahren.

Aber dass heute alles anders ist, stimmt ja auch nur bedingt, denn es kann gar nicht alles anders gewesen sein. Es gibt Dinge, die verändern sich nicht, wie z.B. das Geborenwerden und das Altwerden und Sterben. Die Umstände, die Hilfsmittel usw. ändern sich, aber der Vorgang selbst bleibt derselbe.

Wenn man auf diese und andere Dinge schaut, die zum Menschsein gehören, dann merkt man, dass das Wesentliche, das, was uns ausmacht, konstant bleibt und über Jahrhunderte konstant geblieben ist. Jeder Mensch erlebt diese ganz fundamentalen Vorgänge des Lebens auf ganz eigene Weise, und so ist es wenig sinnvoll, darüber ein qualitatives Urteil zu fällen.

Dabei fällt auf: je älter man wird, desto deutlicher und wichtiger wird das Vergangene. Wir neigen dazu, unser Leben von der Vergangenheit, d.h. von unseren Erfahrungen her zu definieren und zu beurteilen. Was haben wir geleistet? Wie weit sind wir im Leben gekommen? Geht es uns besser als damals unseren Eltern (was sich ja auch unsere Eltern für uns wünschten)? Was können wir vorzeigen als Errungenschaft unseres Lebens?

Gleichzeitig fällt es immer schwerer, sich mit dem Hier und Jetzt abzufinden, und es wird noch schwerer, die Zukunft in den Blick zu nehmen. Dabei ist unsere eigene, persönliche Zukunft vielleicht gar nicht mal mehr so relevant. Wir denken aber durchaus auch an unsere Nachfahren, an die Jüngeren, da wir mittlerweile doch einen recht geschulten Blick für die globale Entwicklung haben, während man sich früher wohl im wesentlichen mit seinen Gedanken und Erfahrungen nur innerhalb der heimischen Grenzen bewegte.

Da ist z.B. die globale Erwärmung ein zentrales Thema geworden, das die Gemüter bewegt. Wie werden die klimatischen Bedingungen in 50 Jahren sein?

Der sorglose Umgang mit der Atomenergie und deren scheinbar leichte Verfügbarkeit hat uns anfangs völlig das Problems des nuklearen Mülls vergessen lassen. Heute bedrängt uns die Frage, wohin wir mit den strahlenden Resten sollen und vor allem, wer dafür aufkommen soll? Können wir Material, das noch jahrhundertelang radioaktiv ist, wirklich so sicher deponieren, dass niemand dadurch zu Schaden kommt?

Oder wir denken an den Raubbau der Natur, durch den die natürlichen Rohstoffe, die für die technische Entwicklung notwendig sind, verbraucht werden. Wobei das nicht das einzige Problem ist, sondern vielmehr die politischen Auswirkungen dieses Raubbaus, die in manchen Ländern zum Bürgerkrieg führten und damit viele Menschen in großes Elend stürzten.

Die meisten politischen Konflikte, womit Kriege gemeint sind, sind in unserer Zeit direkt oder indirekt durch das Verlangen motiviert, die Nutzung der natürlichen Rohstoffe besser kontrollieren zu können. Was, wenn diese Rohstoffe verbraucht sind? Wie wird es dann weiter gehen?

Weiter bedrängt uns die Frage, wie es wohl mit der Rente weitergehen wird. Es kann doch nicht sein, dass Menschen, die über 40 Jahre lang gearbeitet haben, kaum mehr als das Nötigste zum Leben haben, wenn sie endlich in den Ruhestand gehen können?

Wir feiern heute den Beginn eines neuen Kirchenjahres. Es ist der erste Adventssonntag. „Advent“ heißt „Ankunft“.

Diese Zeit lenkt unseren Blick von der vielleicht schon verklärten Vergangenheit hin auf die Zukunft. Sie ist von der Erwartung einer Zukunft geprägt, von der uns andere erzählt haben. Wir erwarten das Kommen des Herrn.

Im Evangelium wurde uns vom längst vergangenen Einzug Jesu in Jerusalem erzählt. Wir wissen, wie kurzlebig die Begeisterung der Menschen für den Messias Jesus war, für den, der von den Propheten, auch von Jeremia in unserem Predigttext, angekündigt worden war.

Paulus hat uns in seinem Brief an die Römer dazu ermahnt, aufzustehen vom Schlaf, weil unser Heil näher ist als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Denn jeder Tag bringt uns diesem Heil näher, jeden Tag kommt das Heil näher.

Zukunft. Manche möchten gar nicht darüber nachdenken, für sie genügt das Hier und Jetzt. Aber es ist wichtig, dass wir auch an die Zukunft denken, schon um unserer Kinder willen.

Aber da ist noch etwas Anderes: denn es wird eine Zeit kommen, in der Gott von uns Rechenschaft fordern wird für das, was wir getan haben. Sein Urteil über uns wird gerecht sein, so wie Jeremia es formuliert – nicht in dem Sinne, dass genau aufgerechnet wird. Vielmehr wird Gott sein eigenes Handeln in Jesus Christus mit in den Blick nehmen. Er wird seine Gerechtigkeit zum Maßstab machen, und diese Gerechtigkeit basiert auf liebevoller Gnade. Diese wird aber nur von denen in Anspruch genommen werden, die sich auch auf die Liebe Gottes in Jesus Christus berufen und ihr Leben im Vertrauen auf diese Gnade geführt haben.

Wenn wir die Zukunft von Gott her sehen, dann können wir ganz getrost sein. Wir machen uns bewusst, dass alles, was uns anvertraut ist, nicht uns gehört, sondern eine Gabe Gottes ist, mit der wir verantwortungsvoll und mit Rücksicht auf unsere Mitmenschen umgehen müssen. Und das kann durchaus auch bedeuten, den Fortschritt nicht mit allen Mitteln vorantreiben zu wollen.

Denn etwas anderes ist wichtiger: Dass wir nicht aufhören, mit dem Kommen unseres Herrn zu rechnen.

Unser Predigttext verkündet ein Wort des HERRN, das eine Zukunft verheißt, die hoffnungsvoll ist. Nicht, weil der Mensch alles in den Griff bekommt, sondern weil Gott für sein Volk sorgt, weil er es wieder aus dem Exil zurück bringt in das Land, das er einst Abraham versprochen hat.

Das ist eine ganz konkrete Ansage für das Volk Israel, mit der wir zunächst nicht viel anfangen können. Aber sie vermittelt uns doch eine wichtige Botschaft, die auch für uns gilt: dass wir nämlich mit Gott rechnen können und dürfen, ja eigentlich, dass wir es müssen.

Denn wenn wir es nicht täten, dann müssten wir für die Zukunft doch das Schlimmste erwarten. Es wird Verteilungskriege geben, die irgendwann auch vor unserer Haustür nicht mehr Halt machen. Das Wetter wird sich derart verändern, dass riesige Flächen nicht mehr bewohn- und nutzbar sein werden. Nahrungsmittel werden knapp, der radioaktive Müll verseucht Grundwasser und Nahrungsmittel, Erbschäden sind die Folge. Und so weiter …

Jeremia lässt uns wissen: Gott kann das Blatt wenden. Indem wir auf ihn vertrauen und uns als Kinder Gottes erleben, werden wir auch das, was um uns herum und mit uns geschieht, ganz anders bewerten können, als es meist getan wird. Und wir können zu Werkzeugen in der Hand Gottes werden, wenn wir erkennen, wenn nicht wichtig ist, was ich vor den Menschen gelte, sondern was ich vor Gott gelte.

Ich möchte das anhand einer kurzen Geschichte verdeutlichen:

Da sitzen zwei ältere Menschen auf einer Parkbank. Nachdenklich beobachten sie spielende Kinder. Sie sehen, wie eines der Kinder hinfällt. Sie merken auch, von der Weisheit des Lebens erfüllt, dass das Kind erst zu schreien anfängt, als die Mutter erschrocken den Namen des Kindes ruft und fragt, ob es sich wehgetan habe.

Sie sehen, wie das Kind nur wenige Sekunden später schon wieder fröhlich und offenbar ohne Schmerzen am Spiel der anderen Kinder teilnimmt und fröhlich über den Rasen rennt.

Und dann sagt, während er seine Hände auf seinen Stock stützt, der eine zum anderen: „Ja, so waren wir früher auch einmal: voller Lebensfreude und ohne jede Angst. Es wäre doch schön, wenn man die Zeit noch einmal zurück drehen könnte.“

Beide schweigen eine Weile. Dann sagt der andere: „Das, was du da siehst, ist nicht unsere Vergangenheit, sondern unsere Zukunft.“

Verwundert fragt der erste: „Wie kommst Du denn darauf?“

Und der andere erwidert: „Weißt du nicht, dass wir unser Leben noch vor uns haben? Dass wir sein werden wie die Träumenden? (Ps 126, 1b) Dass Gott alles Neu machen wird – also auch uns? Dass wir wieder wie Kinder sein werden?“

Beide schweigen. Und dann fangen sie beide an, aus vollem Hals zu lachen.

Eine Passantin, die zufällig vorbeikommt, bleibt stehen und schaut die beiden alten Herren verwundert an. „Warum lachen Sie denn so?“, fragt sie schließlich.

Da antwortet der erste: „Weil wir Kinder Gottes sind!“

Kopfschüttelnd geht die Dame weiter, und langsam hören die beiden wieder auf zu lachen. Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht sagt der andere:

„Ich habe gehört, dass sie noch Hilfe brauchen beim Deutschunterricht für die Flüchtlinge. Morgen gehe ich hin und biete meine Hilfe an.“

„Gute Idee“, sagte der erste. „Ich werde meinen Sohn besuchen und versuchen, mich mit ihm zu versöhnen. Ich verstehe gar nicht mehr, warum ich damals nicht bereit war, nachzugeben.“

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ (Jer 23, 5)

Amen

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Predigt zum Ewigkeitssonntag
20. November in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

(Den Predigttext finden Sie im Rahmen der Predigt.)

Liebe Gemeinde!

Es gibt wohl kaum ein Buch, über das so kontrovers nachgedacht wurde, wie das Buch der Offenbarung des Johannes. Man hat in diesem Buch den Schlüssel zu finden geglaubt, mit dem man das Datum des Weltenendes errechnen kann. Meister in diesen Berechnungen sind die Zeugen Jehovas, aber nicht nur sie.

Die in dem Buch enthaltenen Visionen wurden auf vielfältige Weise interpretiert. Oft bezog man sie auf die Ereignisse in der näheren Umwelt: der Begriff des tausendjährigen Reiches zum Beispiel, der in diesem Buch geprägt wird, ist nicht nur einmal auf eine politische Regierung angewandt worden.

Die Offenbarung wurde benutzt, um die römisch-katholische Kirche zu verteufeln, aber auch um politische Gegner als Feinde Gottes abzustempeln. Das geschieht auch heute noch.

Aber diese Art der Auslegung nahm auch kuriose Formen an: Auch die Eisenbahn galt als Werkzeug des Teufels, das in der Offenbarung angekündigt worden war.

Später kam man dahin, zu sagen, die Offenbarung sei ein Kind ihrer Zeit und beziehe sich auf ganz spezifische Ereignisse aus den ersten Jahren der jungen christlichen Gemeinden, habe also für uns überhaupt keine Bedeutung.

Aber weder das eine noch das andere ist richtig. Weder darf man dieses Buch zu einem Orakelbuch machen, dem man Weissagungen passend zu den politischen Ereignissen entnimmt, noch darf es abgewertet werden als zeitgeschichtliches Dokument, das für uns heute in der modernen Zeit keine Bedeutung mehr hat.

Die Offenbarung des Johannes ist nicht umsonst Teil des christlichen Kanons, sie ist nicht umsonst Teil unserer Bibel. Denn in ihr finden wir Worte des Lebens, die aufbauen, ermutigen, Hoffnung und Trost schenken.

Der Predigttext dieses letzten Sonntages im Kirchenjahr, des Ewigkeitssonntages, steht fast am Ende der Bibel, nämlich in diesem besagten Buch der Offenbarung, im 21. Kapitel. Der Seher Johannes schreibt:

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

Offb 21, 1-7

Das himmlische Jerusalem – wir werden gleich auch von dieser Stadt singen, und haben es auch schon in dem Lied "Wachet auf, ruft uns die Stimme" getan, wo es heißt:

„Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt, wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron!“ (EG 147, 3)

Es ist eine wundersame Stadt, die zeichenhaft auch im Gewölbe des Chorraumes abgebildet ist. Denn in diesem himmlischen Jerusalem wohnt Gott, ganz nah bei den Menschen. Merkwürdig klingt es, wenn es heißt: „siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!“

Wie kann Gott in einer Hütte wohnen? Nein, sondern alles, was je gebaut werden kann, ist für Gott nicht mehr als eine Hütte. Auch diese herrlich anzusehende Stadt. Aber, und das ist das Wesentlich: dort wohnt Gott, da ist er sichtbar und spürbar nahe. Er ist Nachbar, Mitbewohner dieser Stadt.

Nun mag man sich fragen, wieso das so etwas Besonderes ist. Denn wir reden doch oft davon, dass Gott mitten unter uns ist. Jesus hat uns das immer wieder deutlich gemacht, und er hat es von sich selbst gesagt: siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Er ist zwar körperlich nicht mehr unter uns, aber wohl im Geiste. Die körperliche Erfahrung seiner Nähe können wir dazu immer in der Feier des Heiligen Abendmahls machen.

Und doch ist es so, dass wir Gottes Nähe nicht immer spüren, ja, eigentlich müsste ich wohl sagen: meistens nicht spüren. Denn auch wenn wir seine Nähe erfahren wollen, ist die geistliche Erfahrung etwas anderes als die physische. Was wir sehen oder anfassen können ist natürlich etwas anderes als all das, was wir weder sehen noch anfassen können.

So wie die Luft uns umgibt, von der wir zwar wissen, dass sie da ist, die wir aber weder anfassen noch sehen können, so ist Gott um uns. Aber wie erfahre ich das?

In dieser wunderbaren Stadt, von der der Seher Johannes spricht, ist Gott immer und spürbar da. Er ist immer auch körperlich erfahrbar. Er ist sichtbar. Er tut, wonach wir uns hier immer wieder sehnen, das uns aber verwehrt bleibt, weil wir ihn nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen können und darum auch oft verzagen: er wischt unsere Tränen ab von unseren Angesichtern. Es gibt kein Leid, keine Klage mehr, keine Krankheit, ja, keinen Tod mehr, weil Gott da ist und uns vor all diesen Dingen schützt. Das himmlische Jerusalem, es ist die ewige Stadt, es ist die Ewigkeit.

Ja, wollte Gott, ich wäre in dir, an diesem wunderbaren Ort, der dem Paradies so ähnlich ist.

Das Lied, das wir gleich singen werden, gibt diese Sehnsucht in eindrucksvoller Weise wieder, eine Sehnsucht nach dem Tod, aber eigentlich doch nicht. Denn es ist eine Sehnsucht nach der Überwindung des Todes, danach, endlich die Seele frei zu geben von den Fesseln des Todes, damit sie in dieses himmlische Jerusalem aufsteigen kann.

Aber man mag sich fragen, ob das alles erst nach dem Tod erfahrbar ist. Und ob es in dieser, unserer Welt wirklich keine Möglichkeit gibt, gleiche oder wenigstens ähnliche Erfahrungen auch hier zu machen.

Wenn man sich dieses himmlische Jerusalem anschaut, kann man schon das Gefühl gewinnen. Denn diese unsere Welt zeigt sich uns immer wieder von der grausamsten Seite.

Viele unter uns haben einen lieben Angehörigen verloren, der Schmerz ist vielleicht noch gar nicht verklungen, es ist längst spürbar geworden, wie viel dieser Mensch bedeutet hat, und wie viel mit ihm fortgegangen ist.

Aber auch nicht so persönliche Ereignisse lassen einen an dieser vom Tod gezeichneten Welt verzweifeln. Die sinnlosen Kriege, die Hungersnöte, die Naturkatastrophen, der unsinnige Hass, der sich im Terrorismus Bahn bricht, aber auch die drohende Verarmung vieler Menschen auch in unserem Land, all das veranlasst einen, mit einzustimmen in diesen Ruf: „Jerusalem, du hoch gebaute Stadt, wollt Gott ich wär’ in dir!“ Wenn es nur endlich so weit wäre, denn was soll ich noch hier. Diese Welt hat mir nichts zu bieten, für das es sich zu leben lohnt.

Wenn ich nur in Gottes Nähe sein könnte, wenn er mir Trost spendete, wenn er dem Elend und der Not ein Ende machte, dann wäre alles gut.

Und so gibt es wohl auch Menschen, die sich zurück ziehen wollen, die im Grunde schon gar nicht mehr in dieser Welt sind, weil sie doch wissen, dass etwas Besseres auf sie wartet.

Aber so ist das, was uns der Seher Johannes aufgeschrieben hat, wohl kaum gemeint. Dieses himmlische Jerusalem, das Johannes da beschreibt, ist nämlich gar nicht so himmlisch, wie es den Anschein hat. Diese heilige Stadt kommt vielmehr zu den Menschen. Es ist nicht so, dass sich der Mensch von dieser Welt verabschiedet, um in die entfernte, himmlische Stadt zu gehen und dort die Nähe Gottes zu erfahren.

Nein, sondern: Gott sucht uns Menschen auf. Er kommt uns entgegen.

Er tat es in seinem Sohn Jesus Christus. Durch ihn ist er uns so unvorstellbar nah gekommen, wie es hier beschrieben wird. Ja, durch ihn hat diese neue Erde und dieser neue Himmel bereits begonnen. Gott ist nicht fort von uns, nur weil Jesus von den Toten auferweckt und in die Gegenwart Gottes erhoben wurde. Im Gegenteil, und wie er selbst uns gesagt hat: er ist bei uns alle Tage.

Das ist Jesu zentrale Botschaft: das Reich Gottes ist mitten unter euch. Dieses himmlische Jerusalem: es ist hier. Nicht irgendwo in weiter Ferne, weder zeitlich noch räumlich, so dass wir immer nur uns vor Sehnsucht danach verzehren, sondern im Gegenteil: es ist spürbar da. Gott wischt unsere Tränen ab, er nimmt alles Leid von uns, er gibt uns Hoffnung und Zuversicht.

Das Problem besteht einzig und alleine darin, dass wir keine Augen dafür haben. Darum gibt es Dinge, die uns helfen, unsere Augen zu öffnen. Angefangen bei der Taufe, über die gemeinsamen Gottesdienste, bis hin zur Feier des Heiligen Abendmahls: es gibt viele Möglichkeiten, sich das immer wieder bewusst zu machen: Gott ist da, seine Hütte bei den Menschen ist längst gebaut, er wohnt mitten unter uns.

Sicher, es gibt den Tod, das Leid, das Elend und die Not dieser Welt. Aber es hilft nichts, sich davor zu verkriechen. Denn dann können wir es nicht erfahren, dass Gott alles neu macht, dass er uns Kraft schenkt, dass er den Tod schon besiegt hat.

„Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“

Amen

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Predigt zum Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr
Bittgottesdienst für den Frieden
13. November in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Siehe, des HERRN Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht hart geworden, sodass er nicht hören könnte, sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass ihr nicht gehört werdet.

Sie kennen den Weg des Friedens nicht, und Unrecht ist auf ihren Pfaden. Sie gehen auf krummen Wegen; wer auf ihnen geht, der hat keinen Frieden. Darum ist das Recht ferne von uns, und die Gerechtigkeit kommt nicht zu uns. Wir harren auf Licht, siehe, so ist’s finster, auf Helligkeit, siehe, so wandeln wir im Dunkeln.

Und dies ist mein Bund mit ihnen, spricht der HERR: Mein Geist, der auf dir ruht, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, sollen von deinem Mund nicht weichen noch von dem Mund deiner Kinder und Kindeskinder, spricht der HERR, von nun an bis in Ewigkeit.

Jes 59, 1.2.8.9.21

Jesus sagt: Fürchtet euch nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

Mt 10,26-28

Liebe Gemeinde!

„Kriegsspuren“ ist das Thema der Ökumenischen Friedensdekade in diesem Jahr. Eine Kriegsspur finden Sie auf dem Plakat der diesjährigen Kampagne, das auch auf der Vorderseite des Liedblattes abgedruckt ist.

Was man vielleicht ohne die Überschrift für ein Bohrloch halten könnte, ist ein Einschussloch. Was mich daran wundert, ist, dass man keine Kugel stecken sieht. Es scheint ein Durchschuss zu sein. Dahinter ist es finster, und man weiß noch nicht einmal, ob der Schütze sich auf dieser oder der anderen Seite der Wand befunden hat – oder vielleicht, zumindest zum Zeitpunkt des Fotos, noch auf der anderen Seite befindet.

Eine solche Kriegsspur, die wir nur auf einem Foto sehen, lässt uns in der Regel ganz unberührt. Was aber, wenn wir selbst daneben gestanden hätten, als die Kugel in die Wand ein- und sie dann durchschlug? Was, wenn ein Mensch, der uns nahe stand, durch die Kugel getroffen wurde und ums Leben kam?

Die Angst und der Schrecken würde uns noch heute im Nacken sitzen.

Kriegsspuren – die werden auch in unserer Stadt und in den Dörfern sichtbar. Nicht, weil wir im Krieg leben würden. Es sind vielmehr die Menschen, die hier bei uns Zuflucht, Schutz und Sicherheit suchen. Die Menschen, in deren Land Krieg herrscht. Menschen, denen vielleicht genau das widerfahren ist: Eine Kugel schlug direkt neben ihnen in die Wand ein und löste unsägliche Angst aus – nicht nur um ihr eigenes Leben, sondern auch um das Leben der Familie und aller, mit denen sie verbunden sind.

Auch wenn sie hier keine dieser Kugeln erreichen kann, sind manche unter ihnen derart traumatisiert, dass sie nicht mehr ruhig schlafen können und auf jedem ihrer Schritte Angst haben, eingeholt zu werden von den Schrecken des Krieges. Angst erfüllt und lähmt sie.

Auch die Älteren unter uns, die als Kinder den zweiten Weltkrieg erlebten, haben die Bilder des Schreckens nie vergessen. Manche erzählen mir davon, andere versuchen, die Bilder in ihrem Innern zu verstecken. Aber sie kommen dann doch wieder hoch und prägen das ganze Leben.

Kriegsspuren – die diesjährige Kampagne legt das Augenmerk auf die Tatsache, dass in vielen Krisengebieten Waffen aus deutscher Produktion zum Einsatz kommen. So merkwürdig es klingen mag: wir sind es, die diese Spuren im Irak, in Palästina, in Syrien und anderen Krisengebieten hinterlassen.

Natürlich kann man sich immer entschuldigen, indem man sagt: ich arbeite nicht in einer Firma, die Waffen produziert, und ich handle auch nicht mit Waffen. Ich bin also nicht verantwortlich. Aber ganz so einfach können wir es uns nicht machen. Denn wir dulden es, dass unsere Politiker Waffenexporte in einem Gesamtvolumen von jährlich rd. 10 Milliarden Euro genehmigen.

Nicht immer ist es die Regierung, also der Bundestag, die diese Entscheidung trifft. Im Jahr 2014 hat eine kleine Runde, bestehend aus Kanzlerin Merkel und vier Ministern der regierenden Parteien, beschlossen, 16.000 G3- und G36-Sturmgewehre sowie 40 MG3-Maschinengewehre und 30 Panzerabwehrwaffen in den Irak auszulieferen. Dazu kamen insgesamt 7 Millionen Schuss Munition und 500 Lenkflugkörper. Man stelle sich einmal vor, dass nur jeder 100. Schuss einen Menschen verletzt oder tötet. Dann wären das schon 70.000 Menschen, die durch allein diese Waffenlieferung im Irak zu Schaden gekommen sind oder ihr Leben verloren haben.

Kaum zu glauben ist die Tatsache, dass auch die Terrororganisation IS deutsch schießt und mordet, wie es in einem Bericht der Aktion heißt. Denn wenn die Waffen erst einmal unsere Lager verlassen haben, kann nicht mehr kontrolliert werden, wer sie letztlich benutzt. Als z.B. 2014 Mossul durch den IS erobert wurde, fiel dieser Terrororganisation auch ein großer Bestand deutscher Waffen in die Hände. Und dann gibt es auch auf dem lokalen Waffenmarkt die Möglichkeit, von Deutschland gelieferte Waffen zu erwerben. Und auf solchen Märkten fragt niemand mehr, wofür diese Waffen gebraucht werden.

Aber es wäre ohnehin eine müßige Frage. Denn Waffen dienen nur einem einzigen Zweck: zu töten.

Neben diesen Exporten von fertigen Waffen gibt es natürlich noch den Export von Maschinen und Waffenteilen, die an sich nicht unbedingt mit Waffen in Verbindung gebracht werden müssen, aber die zur Herstellung von Waffen genutzt werden können. Und bei solchen Produkten besteht nicht mehr die sonst übliche Hürde, dass in Gebiete, in denen Krieg herrscht, von Deutschland aus keine Waffen geliefert werden dürfen.

Wir haben vorhin zwei Texte gehört, einmal aus dem Buch des Propheten Jesaja und einmal aus dem Evangelium nach Matthäus, die natürlich nicht direkt mit diesem Thema zu tun haben, aber doch deutlich machen, dass Schuld nicht erst dann beginnt, wenn man selbst den Abzug drückt, sondern schon dann, wenn man die Waffen liefert, mit denen andere Menschen verletzen und töten.

„Eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch“, (Jes 59, 2) so ruft uns Jesaja zu und fährt fort: „Sie kennen den Weg des Friedens nicht, und Unrecht ist auf ihren Pfaden. Sie gehen auf krummen Wegen; wer auf ihnen geht, der hat keinen Frieden. Darum ist das Recht ferne von uns, und die Gerechtigkeit kommt nicht zu uns.“ (Jes 59, 8-9a)

Auf welchen Wegen gehen wir? Gehen wir die Wege mit, die unsere Regierung beschreitet, und bejahen wir damit diese Waffenlieferungen, die Jahr für Jahr neu beschlossen und damit ermöglicht werden? Oder stellen wir uns in den Weg und sagen: so darf es nicht weitergehen?

Denn das ist es, wozu uns Jesus aufruft: dass wir nicht im Verborgenen bleiben, sondern sagen, was er uns gesagt hat, und dies nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sondern durch unser Handeln unterstützt wird.

Ich möchte Ihnen einen Auszug aus einer Predigt vorlesen, die Helmut Gollwitzer am Buß- und Bettag im Jahr 1938, also knapp ein Jahr vor dem Beginn des zweiten Weltkrieges, in Berlin-Dahlem gehalten hat, und die heute an Aktualität kaum etwas verloren hat:

„Wer soll denn heute noch predigen? Wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestopft an diesem Tage? Können wir heute noch etwas anderes als nur schweigen? Was hat nun uns und unserem Volk und unserer Kirche all das Predigen und Predigthören genützt, die ganzen Jahre und Jahrhunderte lang, als dass wir nun da angelangt sind, wo wir heute stehen? Was muten wir Gott zu, wenn wir jetzt zu ihm kommen und singen und die Bibel lesen, beten, predigen, unsere Sünden bekennen, so, als sei damit zu rechnen, dass Er noch da ist und nicht nur ein leerer Religionsbetrieb abläuft! Ekeln muss es ihn doch vor unserer Dreistigkeit und Vermessenheit. Warum schweigen wir nicht wenigstens? Ja, es wäre vielleicht das Richtigste, wir säßen heute hier nur schweigend eine Stunde lang zusammen, wir würden nicht singen, nicht beten, nicht reden, nur uns schweigend darauf vorbereiten, dass wir dann, wenn die Strafen Gottes, in denen wir ja schon mitten drin stecken, offenbar und sichtbar werden, nicht schreiend und hadernd herumlaufen: wie kann Gott so etwas zulassen? – ach, wie viele von uns werden’s dann ja tun und in ihrer Blindheit keinen Zusammenhang sehen zwischen dem, was Gott zulässt, und dem, was wir getan und zugelassen haben.“

Sehen wir den Zusammenhang?

Ich lade Sie ein, vielleicht heute, jedenfalls in nicht allzu weiter Ferne, sich auf den Weg zu machen. Sicher gehen Sie gerne mal spazieren. Dieses Mal tun Sie es unter anderen Vorzeichen und vielleicht auch mit ungewohntem Ziel.

Heute ist ja auch Volkstrauertag. Da ist es durchaus angemessen und richtig, die Stätten aufzusuchen, die dem Gedenken der Opfer der Weltkriege dienen. Aber ich möchte Sie ermutigen, noch ein bisschen weiter zu gehen. Überlegen Sie, welcher Menschen an diesen Denkmälern nicht gedacht wird. Nehmen Sie einen Stein mit, auf den Sie den Namen oder einen Hinweis auf diese Menschen mit einem Marker geschrieben haben, und legen diesen Stein an dem Denkmal ab.

Oder schauen Sie sich die Grabsteine auf den Friedhöfen an. Machen Sie Halt an den Gräbern der Menschen, die in der Zeit eines Krieges gestorben sind, und stellen dort ein Grablicht auf. Denn wer weiß, auf welche Weise sie gestorben sind. Oder tun Sie das gleiche an den Gräbern von Menschen, die beide Weltkriege erlebt und überlebt haben.

Verweilen Sie an diesen Stätten und überlegen Sie, was für Lasten diese Menschen getragen haben und wie viele Lasten wir den Menschen zumuten, die, vom Krieg gezeichnet, heute bei uns Zuflucht suchen.

Oder suchen Sie einen Ort auf, der für Sie in besonderer Weise ein Ort des Friedens ist. Hinterlassen Sie dort ein Zeichen des Friedens – z.B. eine Blume oder eine Kerze …

Fragen Sie, wo Sie mithelfen können, um Menschen, die von Kriegsspuren gezeichnet sind, ein Gefühl des Friedens zu vermitteln.

Denn auf diese Weise legen wir Friedensspuren, die vielleicht irgendwann auch die Kriegsspuren überdecken können, wenn wir nur beharrlich dran bleiben.

Amen

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Predigt zum 23. Sonntag nach Trinitatis
30. Oktober in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt. Denn viele leben so, dass ich euch oft von ihnen gesagt habe, nun aber sage ich’s auch unter Tränen: Sie sind die Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist die Verdammnis, ihr Gott ist der Bauch und ihre Ehre ist in ihrer Schande; sie sind irdisch gesinnt. Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.

(Phil 3, 17-21)

Liebe Gemeinde!

Häufig ist es so, dass wir uns an sogenannten Vorbildern orientieren. Manchmal redet man dann auch von Idolen, was im Grunde das gleiche bedeutet, denn ein Idol ist ein Bild.

Aber dieser Begriff verrät dann auch schon etwas, sobald man sich in die englische Sprache hineinbegibt und dort das gleiche Wort in einer leichten Variation betrachtet: idolatry. Denn das meint Götzenanbetung.

Idol, das ist im Englischen ein Götterbild, das, wovon uns gesagt wird, dass wir es nicht machen und erst recht nicht anbeten sollen. Luther verzichtete auf dieses Gebot, das in der reformierten Kirche andererseits eine besondere Bedeutung gewonnen hat, weil er sah, was für Schätze aufgrund dieses Gebotes zerstört wurden.

Bilder sind hilfreich, und sie waren es damals, als die meisten Menschen kaum lesen konnten, mehr als heute, da schon die Kinder durch die Filmwelt erfahren, dass Bilder nicht zwangsläufig die Realität darstellen.

Sie helfen uns aber auch heute, die Bilder. Sie können zum Ziel unserer Gedanken werden, können uns helfen, den Fokus zu finden, den Punkt, auf den es ankommt, der wichtig ist.

Aber sind Bilder das gleiche wie Vorbilder? Vorbilder sind ja in der Regel doch lebendige Menschen, sie sind eine Lebensgeschichte, so könnte man sagen, die es nachzuahmen gilt.

Fußballer, Politiker, Künstler usw. können für Menschen zu Vorbildern werden. Aber nicht nur sie. Jede und jeder einzelne von uns ist Vorbild in dem, was wir tun. Dabei ist mit dem Wort Vorbild noch nicht gesagt, ob wir ein gutes oder schlechtes Vorbild sind, also wert, nachgeahmt zu werden, oder doch nicht wert.

Nur gibt es immer Menschen, die sich an anderen Menschen orientieren, und dazu gehören auch wir, und zwar in beiden Positionen: wir sind Vorbilder, und wir nehmen uns andere zum Vorbild.

Denn: wenn alle es so machen, warum sollte ich es anders machen? Oder: es nützt nichts, gegen den Strom zu schwimmen. Ich orientiere mich an der Masse. Die Mehrheit wird zum Vorbild.

Wer Kinder hat, weiß, dass man schnell auch mal ungewollt zum Vorbild wird. Da sprechen Kinder Worte nach, ohne ihre Bedeutung zu kennen, und man selbst hatte eigentlich gewollt, dass sie solche Worte nie lernen. Nur hat man es irgendwann einmal gesagt, und das Kind hat es aufgeschnappt und wiederholt es nun fröhlich und ohne irgendeinen Hintergedanken. Kinder lernen ja durch Nachahmung, weil die Eltern, aber nicht nur die Eltern, ihre Vorbilder sind.

Eigentlich hört es nie auf. Denn das Vorbild gibt einem auch, wie schon gesagt, die Möglichkeit, für sein eigenes Verhalten eine Entschuldigung zu haben: das machen doch alle so. Dabei sollte uns immer bewusst sein, dass die anderen genauso denken und sich uns zum Vorbild nehmen.

Paulus spricht von Vorbildern und ist dabei zunächst einmal ganz selbstbewusst: Folgt mir, liebe Geschwister, und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt.

Er ist also das Vorbild. Nun fällt es uns natürlich schwer, diesem Vorbild zu folgen, weil wir ihn nur aus Briefen und aus den Erzählungen in der Apostelgeschichte kennen. Könnte das nicht eher so etwas wie ein Idol sein, das uns schon die frühe Gemeinde gezeichnet hat, ein Bild, das nicht mehr der Realität entspricht?

Da kann schon der Wunsch in einem wach werden, damals gelebt zu haben, Paulus auch mal ganz persönlich kennengelernt zu haben. Aber auch das wäre ja nur ein Streiflicht gewesen, und je nachdem, ob er während unserer Begegnung mit ihm nun gerade gut drauf war oder nicht, hätten wir dieses oder jenes Bild von ihm.

Und da merken wir, wie schwierig es ist mit den Vorbildern. Was ahmen wir eigentlich nach? Ist es nicht häufig das, was uns am angenehmsten, am einfachsten erscheint, was wir uns insgeheim wünschen?

Genau davor warnt uns Paulus und mahnt: Sucht euch die richtigen Vorbilder!

In den Domandachten haben wir in diesem Jahr Lebensbilder von Menschen betrachtet, die in den Evangelischen Namenskalender aufgenommen wurden.

Wer im Evangelischen Namenkalender steht, gilt als Vorbild im Glauben, so wie die römisch-katholische Kirche ihren Kanon der Heiligen hat, die alle als Vorbilder im Glauben angesehen werden können.

In der gestrigen Domandacht ging es nun um einen Menschen, den ich nicht unbedingt als so vorbildhaft bezeichnen würde, denn die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte er in Angst und Wut. Es fehlten ihm da die Eigenschaften, die ich von einem Menschen, der aus dem Glauben heraus lebt, erwarten würde.

Und so heißt es dann auch in einer der Biographien: er war kein Heiliger, aber ein Apostel der Barmherzigkeit. Dieses Apostolat hat er aber nur eine begrenzte Zeit seines Lebens wahrgenommen. Müsste jemand, der Vorbild sein soll, nicht sein ganzes Leben in mustergültiger Weise geführt haben?

Nun, kein Mensch ist vollkommen. Wir leben mit unserer Unvollkommenheit. Deswegen brauchen wir Vorbilder, um an unsere Unvollkommenheit erinnert zu werden und das Verlangen in uns zu wecken, mehr zu sein als das, was wir sind.

Und solche Vorbilder sind Menschen wie der Gründer des Roten Kreuzes, Henri Dunant, an den wir gestern erinnerten, oder wie Paulus, der Völkerapostel, oder wie Maria, die Magd Gottes, oder wie Hildegard von Bingen, die sich über alle Konventionen hinwegsetzte, sich aber immer als Werkzeug Gottes sah.

Nun warnt uns Paulus aber auch vor den Feinden des Kreuzes Christi. „Ihr Gott ist ihr Bauch und ihre Ehre ist in ihrer Schande; sie sind irdisch gesinnt.“ Wir erfahren nicht genau, was diese „Feinde des Kreuzes Christi“ nun eigentlich getan oder gesagt haben, aber es wird deutlich, dass sie keinen Bezug zur Liebe Gottes haben. Sie orientieren sich allein an dem, was „irdisch“ ist.

Was ist dieses „irdische“? Ich würde es mal so beschreiben: Irdisch ist alles, was vom Menschen her gedacht ist.

Dem stellt Paulus nun das Himmlische gegenüber, indem er sagt: „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel.“ (Phil 3, 20a)

Wir gehören also zum Himmel, zum Reich Gottes. Ich könnte mir denken, dass das grundsätzlich auch auf die von Paulus „Feinde des Kreuzes Christi“ genannten Personen zutrifft, nur haben sie den Spagat zwischen Himmel und Erde nicht geschafft und stehen nun mit beiden Füßen wieder auf der Erde.

Das würden viele Menschen auch für absolut richtig halten, denn man soll ja mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und sich nicht irgendwelchen Phantasien hingeben. Aber für uns Christen kann das nicht genug sein, denn wir rechnen mit einer Kraft, die weit über das Irdische hinaus geht und alle Gesetze der Physik sprengen kann.

Wir rechnen mit dem Schöpfer des Himmels und der Erde, mit dem, der der Anfang und das Ende aller Dinge ist.

Glaube nennt man das, wenn man sein Leben von Gott her denkt, wenn das Reich Gottes für einen Menschen kein Phantasiegebilde, sondern Realität ist.

„Unser Bürgerrecht ist im Himmel.“ Was macht eine solche Aussage mit uns?

Ich wünsche mir, dass es uns zu Menschen der Barmherzigkeit macht, zu Menschen, die Liebe üben, wo man sich hasst, die verzeihen, wo man sich beleidigt, die die Wahrheit sagen, wo Irrtum herrscht, die von ihrem Glauben reden, wo Zweifel drückt, die Hoffnung wecken, wo Verzweiflung quält, die ein Licht in der Finsternis anzünden, die nicht das Ihre suchen, sondern die trösten, verstehen, lieben und verzeihen; dass nicht Angst ihr Handeln regiert, sondern das tiefe Vertrauen in die Güte Gottes.

Das Bürgerrecht im Himmel dürfen wir nicht als Anspruch verstehen, der an uns gerichtet ist, sondern als Geschenk. Es ist nichts, was von uns erwartet wird, sondern was uns geschenkt wird.

Wenn wir dieses Geschenk annehmen, dann haben wir alles, was wir brauchen, um etwas vom Reich Gottes in dieser Welt sichtbar werden zu lassen.

Wie das aussehen kann, dafür gibt es nun kein Patentrezept, aber vielleicht hilft es, wenn wir uns bei allem, was wir tun, die Frage stellen, wie viel Ewigkeit darin liegt. Denn diese Frage macht uns selbst immer neu sensibel für das, was uns geschenkt ist. Unser Bürgerrecht ist im Himmel. Da gehören wir hin.

Mögen wir das nie aus den Augen verlieren, sondern immer einen Fuß im Himmel behalten, damit wir Vorbilder sind, die auch anderen den Weg zum Himmel weisen.

Amen

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Predigt zum 22. Sonntag nach Trinitatis
23. Oktober in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter
Diamantenes und Eisernes Konfirmationsjubiläum

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz, das mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

(Röm 7, 14-25a)

Liebe Jubilare, liebe Gemeinde!

Wieviel Erinnerung haben Sie wohl an Ihre Konfirmandenzeit? Was ist von damals hängen geblieben? Vermutlich erinnern Sie sich an den einen oder anderen Streich, den Sie spielten, evtl. an das notwendige Auswendig lernen, vielleicht auch an die eine oder andere Strafe für ungebührliches Benehmen.

Was haben Sie inhaltlich mitgenommen?

War Ihnen schon damals die Luther-Übersetzung schwer zu verstehen? Oder sind Ihnen manche Texte in Fleisch und Blut übergegangen, können Sie sie noch heute auswendig, und haben sie sich Ihnen dann nach und nach erschlossen, dass Sie sie dann besser verstanden haben und sie Ihnen auch zur Hilfe wurden?

Sicher hat dieser Text aus dem Römerbrief nicht zu den Stücken gehört, die Sie auswendig lernen mussten.

Mir ist aus diesem Abschnitt vor allem eins hängen geblieben:

Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. (Röm 7, 19)

Doch ist da ja mehr, und das kann ganz schön verwirrend sein.

Paulus stellt anfangs das geistliche Gesetz der fleischlichen Sünde gegenüber, aber dann redet er auch vom fleischlichen Gesetz, vom Gesetz der Sünde. Das ist ziemlich verwirrend, zumal dann eben dazu kommt, dass er das Gute, das er will, nicht tut, wohl aber das Böse, das er nicht will.

Mit anderen Worten: Paulus stellt fest, dass er dem Gesetz der Sünde folgt.

„Ich elender Mensch!“ ruft er am Ende aus und scheint an diesem Elend fast zu verzweifeln. Einzig der letzte Satz des Dankes bringt etwas Licht in diese Trübnis: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“ (Röm 7, 25a)

Aber wofür dankt er Gott? Paulus bleibt uns diese Antwort im Grunde schuldig. Wenn wir den nachfolgenden Satz noch dazulesen, werden wir auch nicht wirklich schlauer:

„So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.“ (Röm 7, 25b)

Paulus weiß nicht, was er tut, so könnte man seine Worte verstehen.

Manchmal benutzen wir solch eine Aussage als Ausrede: Ich wusste nicht, was ich da tat. Mir war es nicht bewusst, was für Folgen das hat – wenn z.B. durch das Spielen mit Streichhölzern plötzlich ein Haus in Brand steht; oder wenn man beim Autofahren mit dem Handy telefonierte und deshalb nicht schnell genug reagieren konnte, als das Kind auf die Straße lief; oder wenn man seinen Hund das Geschäft auf dem Gehweg erledigen lässt, ohne die Spuren zu beseitigen, und ein anderer Passant tritt dann mitten rein.

Wie viele Streiche hat man in jungen Jahren wohl gespielt, durch die andere Menschen zu Schaden kamen – was man eigentlich gar nicht gewollt hatte. Man wollte doch nur etwas Spaß haben.

Immer wieder hören wir es als Entschuldigung: Ich wusste nicht, was ich da tat bzw. was für Folgen das haben könnte. Es ist schon so, als ob es da ein Ich gibt, das mit dem wahren Ich nichts zu tun hat. Irgendwie ist da noch jemand, der mich handeln lässt, ohne dass ich mir dessen bewusst bin.

Aber im Grunde wusste man natürlich schon, was man tat. Man dachte nur nicht lange über die möglichen Folgen nach.

Paulus versucht auch erst einmal, die Theorie von den zwei Ichs in einer Person zu entwickeln: So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Natürlich, die Sünde war’s.

Aber das ist ja völliger Unfug. Als ob die Sünde eine eigenständige Persönlichkeit wäre. Wenn er wenigstens „Teufel“ gesagt hätte. Damit könnte man vielleicht noch etwas anfangen.

Der Teufel ist für uns ein Gegenüber, so wie Gott ein Gegenüber ist. Er handelt eigenständig, er sitzt einem Menschen mitunter im Nacken und treibt seine Späße mit ihm. Da kann man nichts gegen machen – den Teufel abschütteln, das ist nicht so leicht.

Aber auf solch eine Gegenüberstellung lässt sich Paulus dann doch nicht ein, und das sollte uns nachdenklich machen.

Sünde tut man, die Sünde selbst tut nichts. Sie ist das Ergebnis unseres Denkens und Handelns. Und so sind letztlich doch wir es, die handeln, die tun, was wir nicht wollten, aber dann doch getan haben.

Paulus weiß das, davon bin ich überzeugt, aber er will dennoch mit aller Kraft versuchen, das eine vom anderen zu trennen. Er ist doch ein guter Mensch, er will es durch und durch sein.

Und damit nimmt er im Grunde auch Bezug auf den Schöpfungswillen Gottes: siehe, es war sehr gut, so erzählt der Schöpfungsbericht auch über den Menschen, der als Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Und als solch ein Ebenbild Gottes kann man unmöglich etwas falsch machen.

Aber von diesem Ebenbildsein sind wir weit entfernt. Und das kann man eigentlich nur durch etwas anderes, durch eine fremde Macht, zu erklären versuchen. Die Sünde eben. Aber dabei kann Paulus dann doch nicht stehen bleiben.

Er gibt zu, dass diese böse Macht in ihm wohnt (Röm 7, 17f). Sie ist ein Teil von ihm.

Aber wo kommt sie her? War sie von Anfang an da? Wenn ja, dann wären wir bei dem Modell der Erbsünde, mit dem sich heutzutage immer weniger Menschen anfreunden können:

Der Mensch ist böse von Geburt an – die Überheblichkeit, die Machtgier, der Neid, die Eifersucht, die Habgier, der Egoismus, sie alle sind Ausdruck des Verlangens, wie Gott sein zu wollen, seinen Platz einzunehmen, alles und jeden unter Kontrolle zu haben, auch sich selbst. Dieses Verlangen schlummert in jedem Menschen und verschafft sich mehr oder weniger sichtbar Raum.

„Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7, 19)

Wie kommt Paulus nur auf solch einen Gedanken? Er selbst ist doch ein Musterchrist. Wenn nicht er, wer kann dann noch von sich sagen, dass er ein aufrechter und aufrichtiger Mensch ist? Wer kann dann noch hoffen, gerecht genannt zu werden? Schon als Pharisäer hatte Paulus durch seinen Lebenswandel großes Ansehen erlangt, weil er sich treu an die Gebote Gottes hielt, und als Christ war er Vorbild in aller Demut und Aufrichtigkeit.

Weil Paulus also einer ist, dem man solche Selbstvorwürfe noch am wenigsten abnimmt, liegt es nahe, zu vermuten, dass es ihm hier um das Menschsein schlechthin geht. Indem er die „Ich“-Form in diesem Abschnitt verwendet, will er seine Leser dazu ermutigen, sich selbst in diese Überlegungen hinein zu versetzen und sie auf sich selbst anzuwenden.

Aber das fällt schwer. Denn natürlich möchten auch wir nicht von uns sagen: ich will das Gute, aber ich tue es nicht, sondern vielmehr das Böse, das ich nicht tun will, das tue ich. Wir sind doch auch keine bösen Menschen!

Es geht in unserem Predigttext um unser Verhältnis zu Gott. Wir stehen in einer Beziehung zu Gott, ob wir es wollen oder nicht, denn wir sind Geschöpfe Gottes, er ist der Allmächtige, dem alle Welt untertan ist. Und darum gibt es natürlich auch eine Beziehung zu ihm, unserem Schöpfer. Diese Beziehung, so stellt Paulus fest, ist abgrundtief zerrüttet. Das Gute, das wir tun wollen, tun wir nicht, sondern das Böse, das wir nicht tun wollen – und auch nicht tun sollen.

Paulus antwortet mit unserem Predigttext auf die Aussage anderer, dass das Gesetz in der Lage sei, diese zerrüttete Beziehung wieder herzustellen, nämlich indem man das Gesetz hält und danach tut. Paulus hält dagegen, dass das Gesetz nur das hervorbringt, was schon längst da ist, nämlich die Sünde. Durch das Gesetz wird die Sünde klar erkennbar; ohne Gesetz wäre die Sünde zwar da, aber man würde sie nicht als solche erkennen sondern denken, es wäre menschlich, was man da tut. Nun ist aber das Gesetz da, und darum auch die Sünde.

Folglich ist der Mensch dem Tod verfallen, denn darauf läuft das Gesetz hinaus. Weil es keine Möglichkeit gibt, das Gesetz einzuhalten, darum muss am Ende das Todesurteil stehen.

Das Gesetz ist eine Gabe Gottes, und lange Zeit haben es die Menschen als Geschenk der Gnade angesehen. Vielleicht ist es das auch. Aber das Gesetz kennt keine Gnade, es ist unerbittlich, weswegen wir ja auch manchmal sagen: Gnade vor Recht ergehen lassen, oder mit anderen Worten: einmal nicht nach dem Gesetz urteilen, sondern nach dem Willen zur Gnade, zur Vergebung.

Das Gesetz ist also das unerbittliche, unbarmherzige Ende, und darum ruft Paulus schließlich in seiner Verzweiflung: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leib?“ (Röm 7, 24)

Denn auch im Gesetz Gottes ist keine Erlösung da, keine Gnade, keine Vergebung.

Woher also kann Erlösung kommen?

Der Dank, der unmittelbar auf diesen Ruf der Verzweiflung folgt, ist die Antwort: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“ (Röm 7, 25a) Die Erlösung kommt also, genauso wie das Gesetz, das zur Verdammnis führt, von Gott her, durch Jesus Christus.

Unser Verhältnis zu Gott kann nur durch Gott selbst zurecht gerückt werden, denn das Gesetz kann dies nicht leisten. Wer meint, ein unbescholtener Bürger zu sein würde genügen, um vor Gott gerecht zu werden, hat geirrt. Denn Gott schaut in das Herz des Menschen. Er versteht unsere Gedanken von ferne, heißt es im 139. Psalm.

Und das Gesetz Gottes wirkt sich nicht nur auf unsere Taten aus, sondern eben auch auf unsere Gedanken, auf unsere Gefühle und Sehnsüchte. Paulus führt dazu das 9. und 10. Gebot an, in denen es heißt: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.“

Jesus hatte es in der Bergpredigt schon auf den Punkt gebracht: Ihr habt gehört: Du sollst nicht töten. Ich aber sage euch: wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig.

Der Gedanke alleine reicht aus.

„Wir sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten“, (Röm 3, 23) sagt Paulus einige Kapitel vorher.

Durch das Kreuz Jesu sind wir nun nicht mehr todgeweiht, wir sind nicht mehr verdammt. Christus ist unser Leben, er holt uns heraus aus diesem Dilemma, dass wir das Gute zwar wollen, aber das Böse tun.

Aber das geschieht nicht, indem er alles Böse einfach ausschaltet und wir nur noch gute Menschen sind, sondern indem er das Böse, das wir tun, vergibt, indem er Gnade vor Recht walten lässt.

Unser Leben ist jetzt nicht mehr ein Leben nach dem Fleisch, wie Paulus wenig später schreibt. Es ist kein Leben mehr, in dem wir mit allen Kräften versuchen, unsere Erlösung selbst zu erwirken, indem wir ganz nach dem Gesetz handeln, was uns ja sowieso nicht gelingen kann.

Unser Leben ist vielmehr ein Leben nach dem Geist, und das bedeutet: wir vertrauen ganz auf die vergebende Gnade Gottes. Es ist ein Leben im Glauben und durch den Glauben.

Denn eins ist für Paulus klar: ohne Jesus Christus bleiben wir Kinder des Todes. Erst wenn wir im Glauben Gott an uns handeln lassen durch Jesus Christus, erst wenn wir seine Gnade annehmen und auch uns selbst zugeben, dass es Gnade ist und nicht unser eigener Verdienst, erst dann kommen wir zum Leben.

Das Abendmahl ist sichtbares Zeichen der vergebenden Liebe Gottes. Indem wir am Abendmahl teilhaben, vergewissern wir uns der Gnade, die uns erlöst von unserem todverfallenen Leib.

Das erfüllt uns mit Dank, gerade auch in dieser Stunde, da wir uns an die Konfirmation vor 60 und mehr Jahren erinnern. Denn wir erkennen die Güte Gottes, die uns damals bei unserer Konfirmation zugesprochen wurde, seine Gnade und Barmherzigkeit, die uns all die Jahre begleitet hat.

Und so können wir aus ganzem Herzen mit Paulus ausrufen: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“

Amen

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Predigt zum 21. Sonntag nach Trinitatis
16. Oktober in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter
– Männersonntag –

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Liebe Gemeinde!

Sehnsucht – vorhin wurde sie beschrieben als etwas, das uns treibt und das vor Augen stellt, was wir wollen und auch erreichen können. Beim zweiten bin ich mir etwas unsicher. Können wir wirklich alles erreichen, wonach wir uns sehnen? Ist es nicht vielmehr so, wie es ein Sprichwort sagt: die süßesten Trauben hängen immer am höchsten?

Mit anderen Worten: das, wonach wir uns am meisten sehnen, ist unerreichbar. Und so kann es dann mit der Sehnsucht auch schief gehen, dann nämlich, wenn wir, anstatt uns von ihr anspornen zu lassen, resignieren und aufgeben und sagen: es hat ja doch keinen Zweck, was soll ich mich noch abmühen.

Man hört auf, nach der Leiter zu suchen (oder sie sich selbst zu bauen), die es möglich machen würde, die am höchsten hängenden Trauben zu pflücken.

Sehnsucht kann ein Motor sein, aber sie kann auch zur Blockade werden.

In dem Werkheft, das von der Evangelischen Männerarbeit für diesen Sonntag zur Verfügung gestellt wird, findet sich eine Meditation von Volkmar Seyffert zu dem Thema: Von der Sehnsucht Gottes nach den Menschen, die uns hilft, unsere eigene Sehnsucht im Licht Gottes zu sehen. In dieser Meditation kommen die beiden Bilder vor, die Sie am Eingang erhalten haben.

Ich lese Ihnen den Text einmal vor:

Aus lizenztechnischen Gründen kann hier nur auf die Vorlage, die im Internet auf der Seite der Nordkirche verfügbar ist, hingewiesen werden:

PDFVon der Sehnsucht Gottes nach den Menschen als PDF (312 KB)

Soweit Volkmar Seyffert.

Die Sehnsucht Gottes nach dem Menschen vermischt sich quasi mit der Sehnsucht des Menschen, die letztlich zu Gott führt. Beide finden gemeinsam ihr Ziel – in der Gemeinschaft miteinander.

Die Sehnsucht nach Gott ist uns ins Herz gelegt, wie der Prediger Salomo schreibt. Und Paulus beschreibt den Menschen, der nur auf das Irdische hofft, der also keine Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott hat, als den elendsten Menschen überhaupt.

Möge darum diese Sehnsucht nach Gott in uns wachsen und zur Gemeinschaft mit ihm führen.

Amen

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Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis
9. Oktober in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Weiter, liebe Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus – da ihr von uns empfangen habt, wie ihr leben sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut –, dass ihr darin immer vollkommener werdet. Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus.

Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist ein Richter über das alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.

(1. Thess 4, 1-8)

Liebe Gemeinde!

Vollkommenheit – ob das ein erstrebenswertes Ziel ist? Schon die Konfirmanden wissen: wenn alles vollkommen ist, wird’s langweilig. Denn Vollkommenheit wird nur im Gegenüber zur Unvollkommenheit wahrgenommen. Wenn alles vollkommen ist, gibt es nichts, wonach wir uns sehnen, worauf wir hoffen und wonach wir streben können.

Aber zur Vollkommenheit werden wir ja auch nicht aufgerufen, sondern dazu, immer vollkommener zu werden – also nach der Vollkommenheit zu streben – und das geht nur angesichts der eigenen Unvollkommenheit.

Paulus sieht die christliche Gemeinde als eine Gemeinschaft, die auf dem Weg ist, die immer wieder Fehler macht, die aber auch aus ihren Fehlern lernt. Der Weg führt zur Vollkommenheit, aber die ist dann auch das Ziel, das Ende dieses Weges.

Heißt das, wir sollen uns in unserem Bemühen um Vollkommenheit vielleicht zurückhalten? Damit wir nicht zu früh am Ziel sind, vor den anderen?

Ich glaube, da brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.

Denn auch wenn wir uns noch so sehr abmühen: die wahre Vollkommenheit erreichen wir nicht. Was immer wir tun, es bleibt Stückwerk. Denn am Ende steht der Tod, der uns unsere Unvollkommenheit so deutlich wie nichts sonst vor Augen führt.

Wir sind Geschöpfe, und damit Abhängige. Wir machen Fehler, weil wir die Komplexität der Schöpfung nie ganz werden erfassen können. Zurückblickend in die Geschichte der Menschheit erkennen wir: auch wenn man immer wieder geglaubt hat, das absolut Richtige zu tun und zu sagen, so hat sich dieses Handeln am Ende doch immer wieder als fataler Fehler entpuppt.

Wir experimentieren heute mit den genetischen Bausteinen der Natur, und können die Folgen dieses Handelns gar nicht überblicken. Genauso wie mit der Kernkraft, mit der sich noch unsere Kindeskinder beschäftigen müssen, weil wir einmal glaubten und häufig auch heute noch glauben, man könne sie in den Griff bekommen, obwohl uns z.B. die Asse etwas ganz anderes lehrt.

„Der Wille Gottes ist eure Heiligung“, sagt Paulus, und schon sind wir mitten drin in einem Thema, das uns immer wieder beschäftigt hat und auch weiter beschäftigen wird: Unzucht, gierige Lust und ähnliches.

Dort, wo am stärksten Zucht und Enthaltsamkeit gepredigt wurde, ist es immer wieder zu Übergriffen und zum Missbrauch gekommen. Nun kann man zwar sagen, dass es nicht nur dort geschehen ist, sondern auch in vielen anderen Einrichtungen, in denen Kinder anderen zum Schutz übergeben wurden, aber das macht es in keiner Weise weniger schlimm.

Und mal abgesehen davon, dass die Zahl der Missbrauchsfälle an Kindern in Familien weit höher ist als im kirchlichen Bereich – rd. 80% der Täter kommen aus dem sozialen Umfeld der Kinder –, ist ein einziger solcher Fall schon ein Fall zu viel. Es darf nicht sein, dass Schutzbefohlene von denen, die die Liebe Gottes weiterzugeben beauftragt sind, an Körper und Seele Schaden leiden.

Das ist die eine Seite, die uns betroffen und ratlos macht und uns deutlich macht, dass wir kaum weiter von der Heiligung entfernt sein können.

Aber auf der anderen Seite gibt es auch dies: mit der Forderung nach Selbstbestimmung geht auch die sexuelle Freizügigkeit einher. 1950 wurden rd. 11 Ehen pro tausend Einwohner geschlossen. 2008 waren es nur noch 4,6 Eheschließungen. Die Scheidungsrate hat sich zugleich von 19% auf 50% erhöht. Auch absolut gesehen war die Zahl der Scheidungen 1950 wesentlich niedriger als heute.

Vor einiger Zeit sah ich ein Plakat, auf dem stand: „Ein Urlaub ohne Kondome ist wie ein Strand ohne Sonne.“

Das Plakat sollte vor den Gefahren von AIDS warnen. Mit dem Slogan wird aber zugleich suggeriert, dass es normal ist, im Urlaub öfter mal den Sexualpartner zu wechseln.

Das ist die Welt, in der wir leben. Diese Welt schüttelt den Kopf über eine Kirche, die Treue einfordert.

„Ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus“, schreibt Paulus an die Thessalonicher. Von welchen Geboten redet er? Es kann eigentlich nur dies eine sein: Du sollst Gott von ganzem Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.

„Leben, um Gott zu gefallen“, schrieb Paulus zu Beginn unseres Predigttextes.

Das bedeutet: leben nach eben diesem Gebot der Liebe, dann gefallen wir Gott. Was daran aber interessant ist: Paulus schiebt gleich hinterher: was ihr ja auch tut. Ihr lebt ja schon, um Gott zu gefallen. Euer Leben hat längst die richtige Richtung.

Meint er das jetzt nur im Blick auf die Thessalonicher, denen er diesen Brief jetzt schreibt? Waren das irgendwelche Heiligen, die aus der Masse hervorstachen? Oder kann bzw. darf dies jede christliche Gemeinde, also auch wir, auf sich beziehen?

Ich glaube, dass die Thessalonicher keinen Deut besser waren als andere. Es ist eine Taktik des Paulus, dass er das, was er einfordert, zugleich denen, von denen er es fordert, auch zuspricht. Dieser Zuspruch erwächst aus seinem eigenen Glauben. Denn er weiß, dass diese Dinge durch den Glauben geschenkt werden.

Wenn er sagen würde: das tut ihr nicht, dann würden die Empfänger dieser Botschaft meinen, sie hätten versagt. Oder sie wenden sich von Paulus ab, weil sie ihn für arrogant halten. Das will Paulus aber nicht. Er bringt nur zum Ausdruck, dass es noch besser geht, und macht dazu Mut, indem er sein Anliegen auf diese Weise formuliert.

Darum ermahnt und ermutigt er im folgenden Abschnitt. Denn es bleibt ein Weg, auf dem sich die Gemeinde befindet. Es ist wohl der richtige Weg, aber eben: das Ziel ist noch nicht erreicht. Es ist noch nicht so, dass man sich entspannt zurück lehnen kann.

Paulus führt an zwei Beispielen aus dem Leben aus, was es bedeutet, nach dem Willen Gottes, nach dem Gebot der Liebe, zu leben.

Da ist zum einen die sexuelle Freizügigkeit, von der schon die Rede war. Das Gebot der Liebe gebietet Respekt und Ehrerbietung. Sexuelle Freizügigkeit, wie sie auch damals schon üblich war, passt nicht zusammen mit dem Gebot, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. Denn das heißt, dem anderen kein Leid zuzufügen, sondern im Gegenteil alles zu tun, damit dem anderen kein Leid widerfährt.

Leid aber entsteht schon dann, wenn der nötige Respekt fehlt, wenn Vertrauen missbraucht oder enttäuscht wird, wenn Hoffnungen zerstört oder Versprechen nicht eingehalten werden.

Das andere Beispiel, das Paulus anführt, hat mit dem Handel zu tun, also Kaufen und Verkaufen. Früher war das häufig auch schlicht ein Tausch. Man gab das eine und empfing dafür das andere.

Paulus mahnt die Gemeinde in Thessalonich und damit auch uns, nicht zu übervorteilen, wenn wir Handel treiben. Für uns heißt das schlicht: wenn wir einkaufen. Denn schon beim Einkauf kann es zu Übervorteilung kommen.

Wissen wir, woher die Lebensmittel, die wir beim Discounter einkaufen, kommen, und was die Erzeuger dafür als Lohn bekommen haben?

Wenn ein Discounter z.B. mit einer Käserei einen besonders niedrigen Preis aushandelt, weil er riesige Mengen bestellt, dann sind die wahren Leidtragenden die Bauern, die die Milch dafür produzieren und diese nicht zu einem angemessenen Preis verkaufen können.

Am Ende sind sie womöglich gezwungen, ihre Kühe zu verkaufen und damit die Milchproduktion einzustellen, weil sie nicht genug Geld verdienen, um sie noch länger halten zu können. Nur wer die nötigen Flächen hat, um hunderte oder gar tausende Kühe zu halten, kann dann noch mit dem Milchverkauf Geld verdienen.

Was fehlt oder bei uns zu teuer wäre, wird für wenig Geld aus anderen Ländern importiert.

Im Bioladen sieht das anders aus. Da sind die Preise realistisch, d.h. Erzeuger und Händler bekommen so viel, dass sie nicht unter Druck geraten, und die Produkte stammen in den meisten Fällen aus der näheren Umgebung, auf jeden Fall aber aus Deutschland.

Produkte, die in unserem Land nicht hergestellt werden, können nur über den Fairen Handel ohne Übervorteilung der Bauern und Handwerker, die diese Produkte erzeugen, gekauft werden. Denn der normale Handel ist immer auf den größtmöglichen Gewinn bedacht, der vor allem denen zugute kommt, die am Transport und Verkauf der Endprodukte beteiligt sind, nicht aber denen, die am Anfang der Produktionskette stehen. So sind Bauern mit kleineren Landflächen kaum mehr in der Lage, ihren Lebensunterhalt zu fristen.

Der Faire Handel schafft angemessene Bedingungen, so dass die Bauern mit ihren Familien einen gesicherten Lebensunterhalt haben, die Kinder zur Schule gehen können und zugleich auch die Qualität ihrer Produkte gesteigert wird.

Da ist z.B. der Kaffee, mit dem der Faire Handel bei uns bekannt wurde. Auch Reis gehört zu den Produkten, deren Erzeuger häufig erst durch den fairen Handel einen gesicherten Lebensunterhalt haben. Angefangen hat es aber schon in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit Handwerks­produkten.

Weit über 80% der hier verkauften Schnittblumen werden importiert, ein guter Teil davon aus Entwicklungs­ländern, wo die Arbeiter in den Pflanzungen meist unter katastrophalen Bedingungen für Hungerlöhne arbeiten. Oft sind sie auch schutzlos Pestiziden ausgesetzt, die zu schweren Erkrankungen führen.

Davon sehen wir hier nichts. Die Blumen sind schön, das ist alles, was wir wahrnehmen.

Wenn Sie mal wieder welche kaufen, fragen Sie, woher die Blumen kommen. Und wenn Sie keine klare Antwort bekommen, verzichten Sie vielleicht darauf.

Es gibt übrigens auch für Blumen ein Siegel, das ausgegeben wird, wenn die Arbeitsbedingungen in den Pflanzungen den unseren entsprechen.

Das Konzept des Fairen Handels ist erfolgreich, obwohl es bis heute nur einen sehr kleinen Prozentsatz des Gesamtumsatzes in unserem Land ausmacht. Der Marktanteil von fair gehandeltem Kaffee z.B. beträgt nur mal gerade 2%. Ähnlich ist es mit anderen Produkten.

Wenn wir noch mehr als bisher darauf achten, Waren aus dem fairen Handel zu kaufen, setzen wir um, wozu Paulus uns auffordert: „Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel.“

Wir sind auf dem Weg, und es ist ein langer, mitunter auch beschwerlicher Weg. Es ist ein Weg, der nicht immer klar ist. Ein Weg, auf dem wir straucheln und fallen können. Und es gibt auch immer wieder mal schwarze Schafe, die genau das tun, was wir vermeiden wollen.

Aber indem wir selbst nach unseren Möglichkeiten darauf achten, dass wir niemandem Schaden zufügen, beschreiten wir den Weg der Heiligung, der uns zur Vollkommenheit führt.

Und so ist es dann auch ein spannender Weg, der uns immer Neues entdecken lässt.

Amen

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Predigt zum Erntedankfest
2. Oktober in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Zu dem Lied „Wir pflügen und wir streuen“ (EG 508)

Liebe Gemeinde!

ich möchte mit Ihnen heute einmal das Lied, dessen erste Strophe wir gerade gesungen haben, betrachten. Es dürfte vielen unter uns vertraut sein. Ich habe allerdings feststellen müssen, dass es nicht zum ökumenischen Liedgut gehört. Dennoch kann ich mir denken, dass es allgemein bekannt ist, denn kurz nach seiner Entstehung verbreitete es sich im 19. Jahrhundert schnell sowohl in evangelischen als auch in römisch-katholischen Schulen. Dabei entstanden in kurzer Zeit mehr als zehn unterschiedliche Melodien, was auch auf die Popularität des Textes hinweist.

Denn damals wurden in den Gesangbüchern meist nur die Texte abgedruckt, so dass man bei neuen Liedern oft nicht wusste, zu welcher Melodie das Lied gesungen werden sollte. Also komponierte ein begabter Mensch eine Melodie dazu überall dort, wo der Wunsch bestand, das Lied zu singen.

Man mag es angesichts der Popularität, die das Lied heute genießt, kaum glauben, aber erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, genauer Anfang der neunziger Jahre, wurde es dann auch in den Stammteil des Evangelischen Gesangbuchs aufgenommen. Vorher fand es sich nur in den Regionalteilen einiger Gesangbuchausgaben.

Matthias Claudius hat das Lied gedichtet, von dem auch das berühmte und beliebte Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ stammt. Sein Lied „Wir pflügen und wir streuen“ ist zum klassischen Erntedanklied geworden, denn es ruft uns auf, daran zu denken, woher die Gaben, die wir ernten und von denen wir uns ernähren, kommen.

Es beginnt schon in der ersten Strophe:

„Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.“

Ursprünglich ist das Lied Bestandteil einer Geschichte gewesen, die das Gegenüber von Adligen und Landarbeitern zum Thema hat. Dabei werden die Landarbeiter gewissermaßen durch ihre Arbeit geadelt, mit der sie dafür sorgen, dass Nahrung da ist, während die adligen Herrschaften nur Nutznießer dieser Arbeit sind.

Es wird in der Geschichte, die von Matthias Claudius stammt, ein Erntedankfest beschrieben, in dem die Landarbeiter dann dieses Lied anstimmen.

So ist also das „Wir“ zu erklären, das wir aber auch auf uns selbst beziehen können, denn zumindest früher hatte ja fast jeder Haushalt auch einen Garten, in dem wenigstens Gemüse und Obst gezogen und schließlich geerntet wurden.

Wir sorgen also dafür, dass der Same in die Erde kommt, aber mehr können wir dann doch nicht tun. Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.

Das Lied hatte ursprünglich fünf Strophen, und die erste dieser fünf Strophen ist nicht ins Gesangbuch aufgenommen worden. Sie blickt zurück auf den Anfang der Welt, an dem Gott sein schöpferisches Wort sprach, aus dem alles entsprungen ist, und schließt: „und wie es angefangen, so geht’s noch diesen Tag.“

Das Wachsen und Gedeihen liegt im Willen des Schöpfers und geht auf den Anfang der Welt zurück. Zwar wird heute gentechnisch manches unternommen, um das Wachsen und Gedeihen zu beeinflussen, und das sicher auch mit einigem Erfolg. Aber diese Eingriffe in den schöpferischen Willen Gottes sind nicht ohne Folgen, und ich glaube, dass wir da bisher nur die Spitze eines Eisberges wahrnehmen.

Die erste Strophe des Liedes von Matthias Claudius erinnert uns daran, dass wir nicht die Macht haben, das Korn zum Keimen zu bringen, und dass wir das Wachstum nicht wirklich beeinflussen können.

In der zweiten Strophe liegt dann der Schwerpunkt auf dem, was das Wachsen und Gedeihen ermöglicht:

„Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein
und wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot
es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“

Wenn man diese Zeilen bedenkt, hat man das Gefühl, dass es keine Unwetter, keinen Hagel, kein Gewitter, keine Stürme gibt.

Dass das nicht stimmt, wissen wir aus unserer Erfahrung. Aber es geht hier um die Dinge, die das Wachsen und Gedeihen möglich machen: Tau und Regen, Sonnen- und Mondenschein (wobei ich nicht so genau weiß, inwieweit der Mondenschein zum Gedeihen beiträgt – aber es gibt ja durchaus Literatur dazu, wie man nach dem Mond seinen Acker und Garten pflegt). Claudius bezeichnet diese Gaben als den Segen Gottes, der sich zuerst über das Feld gewissermaßen ergießt und schließlich auch im Brot landet.

Dieser Segen Gottes, der schon ganz am Anfang da war, geht durch bis zum Ende, kann von uns gewissermaßen gegessen werden, aber es bleibt der Segen Gottes, ganz gleich, ob wir Knäckebrot oder Müsliriegel, Kartoffeln, Kohl, Wurst, Fisch, Bonbons oder Joghurt essen. Immer steckt da der Segen Gottes drin.

Gott will uns Gutes tun, und wir erfahren es u.a. dadurch, dass wir zu essen haben, dass wir uns keine Sorgen machen müssen über das Morgen.

Dankbar sind wir für diesen Segen, den wir natürlich nicht nur durch unsere Nahrung erfahren.

Aber darin ist er doch am deutlichsten erkennbar und erfahrbar.

Lasst uns nun die zweite Strophe singen.

Claudius führt uns in der dritten Strophe etwas weg von dem, was uns satt macht:

„Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne, das Sandkorn und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter und Korn und Obst von ihm
das schöne Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm.“

Jetzt ist die ganze Natur gemeint und alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. In ihnen allen steckt der schöpferische Wille Gottes, sein schöpferisches Wort. Alles kommt von ihm – und wer dieses alles so erfährt, ängstet sich auch nicht im Unwetter, sondern vertraut der Güte des Herrn, die sich denen zuwendet, die ihn anrufen.

Man könnte an dieser Stelle vielleicht auch die Dinge einfügen, die uns so gar nicht natürlich erscheinen: Autos, Fernseher, Computer, Smartphones usw. Wer meint, dies alles sei von Menschen gemacht, der irrt. Es geht nur durch unsere Hände, die Ursprungsstoffe aber, die man allgemein auch „Rohstoffe“ nennt, stammen aus der Erde, sie sind Teil der Schöpfung Gottes. Von ihm kommt alles her.

Lasst uns diese dritte Strophe nun singen.

In der vierten Strophe wird noch einmal deutlich, wie wunderbar der Segen Gottes wirkt:

„Er lässt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf;
er lässt die Winde wehen und tut die Wolken auf.
Er schenkt uns soviel Freude, er macht uns frisch und rot;
er gibt den Kühen Weide und seinen Kindern Brot.“

Gott will uns Freude schenken, und ich glaube, dass Sie das auch spüren, wenn Sie aus dem Fenster blicken oder auf dem Balkon sitzen oder in der freien Natur Spazieren gehen.

Immer spürt man doch, dass man umgeben ist von den Wunderwerken Gottes. Und dieses Gefühl macht uns getrost, denn wir wissen, dass Gott, der alles so wunderbar geschaffen hat, damit nichts und niemand Not leiden muss, auch für uns sorgt. Er birgt uns, wenn wir Schutz brauchen, er trägt uns, wenn wir keine Kraft mehr haben, er hält uns, wenn wir fallen.

Und so stimmen wir dankbar ein auch in den Refrain, in dem wir aufgerufen werden, Gott zu danken. Denn nichts anderes kann uns eigentlich einfallen, wenn wir die Wunder der Schöpfung betrachten, als dass wir Gott danken und auf seine Güte vertrauen:

„Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn.“

Lasst uns nun die vierte Strophe gemeinsam singen.

Nur eines möchte ich nun noch anfügen:

Das Lied mag etwas naiv erscheinen, denn es blendet überwiegend all das aus, was uns Leid verursacht. Auch im Refrain wird das deutlich, wenn davon die Rede ist, dass „alle gute Gabe“ von Gott her kommt. Was ist mit den schlechten Dingen? Was ist mit dem Hagel, der die Ernte zerstört, was ist mit der Krankheit, die uns Schmerzen verursacht, was ist mit den Menschen, die unter Krieg oder Hunger leiden, was ist mit denen, die von einer Naturkatastrophe heimgesucht wurden?

Ich könnte zwar versuchen, diese Fragen zu beantworten, aber es würde unterm Strich nicht anders sein als die Gespräche Hiobs mit seinen Freunden. Und daraus habe ich dies eine gelernt: Ich brauche Gottes Handeln nicht zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Ich weiß aber, dass ich mich auf ihn verlassen kann, was auch immer geschieht.

Und darum kann ich auch gelassen umgehen mit dem, was mir geschenkt ist. Ich muss nicht horten, auch wenn einem dies immer wieder durch die Werbung suggeriert wird. Ich kann mich darauf verlassen, dass Gott für mich sorgt.

Und dann kann ich auch die Menschen in den Blick nehmen, die Not leiden, und vor allem die, die hungern. Ich kann mit ihnen teilen, und ich kann mich für sie einsetzen. Ich kann mich stark machen dafür, dass ihr Land nicht durch den Raubbau multinationaler Konzerne, deren Produkte wir ja gerne kaufen, derart ausgebeutet wird, dass ihnen ihre Lebensgrundlage entzogen wird.

Wenn wir uns das bewusst machen und unsere Lebensweise entsprechend ändern, dann können wir etwas von dem Segen an jene Menschen weitergeben.

Gott ist auch und gerade bei denen, deren Ernte zerstört wurde, die krank sind und Schmerzen leiden, die von Krieg bedroht sind oder hungern, die Opfer einer Naturkatastrophe wurden. Und im Vertrauen auf seine Güte werden wir zu Werkzeugen in seiner Hand.

So wollen wir jetzt auf den Kinderchor hören, der das Lied singt:

„We are marching in the Light of God“ – zu Deutsch: Wir wandeln im Licht Gottes.

Wir wandeln im Licht Gottes, indem wir auf seine Güte vertrauen und begreifen, dass wir die Gaben, die uns im Überfluss zur Verfügung stehen, nicht horten, sondern mit den Menschen teilen, die in Not sind und Hunger leiden.

Wir wandeln im Licht Gottes, indem wir Flüchtlinge aufnehmen und willkommen heißen und sie teilhaben lassen an unserem Überfluss. Denn Gott sorgt für uns, darauf können wir uns verlassen.

Amen

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Predigt zum 17. Sonntag nach Trinitatis
18. September in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).

Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?« So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Röm 10, 9-17

Liebe Gemeinde!

„Was ich glaube, geht niemanden etwas an.“ Das ist eine Aussage, die ich häufig höre. Sie spiegelt wider, was schmerzhaft errungen wurde und was wir eigentlich sehr hoch schätzen: die Religionsfreiheit.

Wie viele blutige Kriege wurden wegen des Glaubens gefochten. In jedem dieser Kriege ging es darum, dass der Gegner den falschen Glauben hatte und deswegen bezwungen werden musste.

Schon Kaiser Konstantin hat nach der Legende die Schlacht gegen seine heidnischen Gegner durch das Kreuzeszeichen gewonnen, das er auf Fahnen und Schilde anbringen ließ.

Die Kreuzzüge sind Zeugnisse christlicher Überheblichkeit, die dreißigjährigen Kriege waren zwar nicht nur religiös motiviert, aber die Grenzen waren zwischen römisch-katholischen und protestantischen Lagern gezogen. Die anderen glaubten, um es schlicht zu sagen, das Falsche.

Auch die Kolonialisierung der Entwicklungsländer ist ein Zeugnis christlicher Überheblichkeit, die den nichtchristlichen Einheimischen jegliches Recht auf Selbstbestimmung absprach.

Im Dritten Reich wurden Juden systematisch verfolgt und ermordet, wobei der jüdische Glaube selbst zwar eine untergeordnete Rolle spielte, aber nicht gänzlich bedeutungslos war.

Zur Zeit des Kalten Krieges galten Kommunisten als Diener Satans. Sie gehörten dem Reich der Finsternis an, während die Christen – natürlich – dem Reich des Lichts angehörten.

Immer wieder spielte und spielt der Glaube der Menschen eine entscheidende Rolle in den blutigen Auseinandersetzungen, die die Menschheitsgeschichte begleiten.

Religionsfreiheit sichert zu, dass so etwas nicht mehr passiert. Zumindest sollte sie das. Dass das nicht immer gelingt, erkennt man daran, dass das öffentliche Bekenntnis zu einer Religion unter bestimmten Umständen verboten ist und sogar drastische Strafen nach sich ziehen kann.

Muslimischen Lehrerinnen wird verboten, bei der Ausübung ihrer Arbeit ein Kopftuch zu tragen. Eltern (mitunter auch solche, die – noch – der Kirche angehören) klagen, wenn in den Klassenzimmern öffentlicher Schulen Kreuze aufgehängt sind. Der Grundsatz der Religionsfreiheit schränkt, so scheint es, die Ausübung der Religion zumindest in der Öffentlichkeit deutlich ein, denn all diese Verbote sind möglich, weil der Staat in Sachen Religion zur Neutralität verpflichtet ist.

Das ist wohl auch der Grund, warum die meisten Menschen nicht über ihren Glauben reden. Man möchte niemanden provozieren oder verletzen. Und man möchte selber natürlich auch nicht provoziert oder verletzt werden. Denn wer sich zu einem bestimmten Glauben bekennt, der macht sich angreifbar, heute wohl mehr als noch vor einigen Jahrzehnten.

Existenziell erleben es viele Menschen in der ganzen Welt. Auch heute sterben Menschen wegen ihres Glaubens. Nicht immer schaffen sie es dann bis in unsere Medien. Aber manchmal schon. Meist, wenn es um Christen geht, wird darüber berichtet.

„Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist“ – so leitet Paulus den Predigttext ein.

Es wäre ja viel einfacher, wenn da stünde: wenn du wie ein guter Christ lebst. Denn das kriegen wir alle noch hin, ohne irgendwo Anstoß zu erregen. Aber das genügt Paulus nicht. Für ihn gehört das Bekenntnis dazu, das Bekenntnis zu dem Glauben, den wir in unserem Herzen tragen, das Bekenntnis mit dem Mund, so dass alle es hören können: „Ich glaube an Jesus Christus.“

Für die Christen damals war das Bekenntnis mit viel größeren Risiken verbunden als für uns heute hier in Europa. Damals ging es meist um die ganze eigene Existenz. Wer sich zum Christentum bekannte, musste mit Widerstand rechnen bis hin zum Tod.

An der Spitze der Verfolgerländer, wenn man sie so nennen soll, ist heute Nordkorea, wo gezielte Kampagnen gegen Christen durchgeführt werden. Christen werden dort gefangen genommen, gefoltert, in Arbeitslager gebracht oder hingerichtet – wegen ihres Glaubens.

Im Iran kommt es immer wieder zur Verhaftung von Christen, Kirchen werden geschlossen, Gefangene werden misshandelt.

In Somalia werden immer wieder Christen ermordet aufgrund ihres Glaubens.

Und so könnte die Liste immer weiter geführt werden. Sie zeigt, wie gut es uns geht, die wir die Freiheit haben, unseren Glauben zu leben, ohne in irgendeiner Weise daran gehindert zu werden oder dadurch irgendwelche Nachteile zu erleiden. Und wenn es dann doch einmal zu Benachteiligungen wegen unseres Glaubens kommen sollte, können wir die Instrumente des Rechtsstaates nutzen, um zu unserem Recht zu kommen.

Trotz dieser großen Freiheit und dieses umfassenden Schutzes beschränkt sich das Bekenntnis zum christlichen Glauben in unserem Land meist auf den Gottesdienstbesuch und auf den Versuch, nach christlichen Grundsätzen zu leben, wobei diese eher allgemeine ethische Standards sind, die eigentlich jeder Mensch befolgen sollte.

„Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“

Für Paulus gehört natürlich Beides zusammen. Nur wenn Beides da ist, Glaube und Bekenntnis, ist auch die Rettung gewiss. Er wiederholt diese Feststellung gleich noch einmal, mit einem kleinen Unterschied:

„Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit seinem Munde bekennt, so wird man gerettet.“

Heute machen wir meist nach dem ersten Halbsatz Halt. Es reicht doch, wenn wir gerecht werden. Darum ging es ja auch Martin Luther, um dieses „gerecht werden“. Was brauchen wir mehr? Warum sollen wir anderen auf die Füße treten, indem wir von unserem Glauben auch noch erzählen, indem wir ihn hinausposaunen? Ist das wirklich notwendig, oder reicht es nicht doch aus, gerecht zu sein vor den Augen Gottes, also in meinem Herzen zu glauben?

„Was ich glaube, geht niemanden etwas an“ – und damit interessiert mich auch nicht, was andere glauben. Das ist die fast logische Folgerung, auf jeden Fall aber die Konsequenz aus dem Grundsatz der Religionsfreiheit. Denn der Glaube eines Menschen darf bei nichts im Weg stehen. Ob ich nun einkaufe oder ein Haus baue, ob ein Arbeitsplatz besetzt werden soll oder ein Praktikumsplatz für eine Schülerin gesucht wird, der Glaube darf nicht von Bedeutung sein bei den Entscheidungen, die in dem Zusammenhang gefällt werden. Ob die Firma, die ich beauftrage, einem Christen, einem Muslim oder einem Atheisten gehört, muss egal sein.

Allein die Kirchen haben hier in Deutschland das Recht, Ausnahmen zu machen. Wer in der Kirche arbeitet, muss auch Mitglied der Kirche sein. Dieser Grundsatz wurde immer wieder auch von höchstrichterlicher Stelle bestätigt, wird aber zunehmend kritisiert.

Man kann aber auch beobachten, dass wir die Religionsfreiheit im Blick auf unsere muslimischen Mitbürger nicht mehr so freizügig auslegen. Da wird meist genauer hingeschaut. Es besteht schon eine Hemmschwelle, was man auch daran erkennt, dass es vielen Menschen schwer fällt, in einen muslimischen Laden zu gehen, um dort etwas einzukaufen.

Wer Moslem ist, wird in heutzutage von vielen fast automatisch mit Terrorismus oder wenigstens der Neigung dazu in Verbindung gebracht. Und meist sind es ja auch muslimische Länder, in denen Christen verfolgt werden. Es passt also scheinbar alles zusammen. Aber eben nur scheinbar.

Ich kenne viele Muslime, die alle terroristischen Aktivitäten verdammen, besonders aber die, die von Muslimen angeblich im Namen des Islam durchgeführt werden. Für sie hat die Achtung und die Erhaltung menschlichen Lebens höchste Priorität, ohne dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion eine Rolle spielt. Das ist das Gebot Gottes, und nicht die Vernichtung Andersgläubiger, die ja eine ganze Zeit lang auch auf der Tagesordnung der Christen stand. Ob wir uns an so ein Islam-Bild gewöhnen können?

Vermutlich eher nicht, da die Medien solch einen Islam nur sehr selten ins Blickfeld rücken.

Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist … – Wie kann das denn aussehen? Paulus spricht von Predigt, aber es ist wohl so, dass nicht alle zum Predigen geboren sind.

Und vielleicht muss es ja auch nicht gleich irgend eine Kanzel sein, von der herab man seinen Glauben bekennt. Es genügt, davon zu reden bei den ganz alltäglichen Begegnungen.

Sicherlich werden wir es uns verkneifen, der Kassiererin im Supermarkt, wenn sie uns das Wechselgeld gibt, zu sagen: „Übrigens, ich glaube, dass Jesus der Herr ist!“ Das wäre sicherlich unpassend, mindestens aber komisch.

Aber warum nicht mal den Nachbarn oder die Nachbarin ansprechen: ‚Übrigens, ich gehe morgen in die Kirche, wollen Sie nicht mal mitkommen? Mir tut das gut, und ich würde mich freuen, mit Ihnen dahin zu gehen!‘

Ist das so abwegig? Selbst wenn wir eine Ablehnung vorhersehen oder tatsächlich dann auch erhalten, kann es sein, dass sich daraus ein interessantes Gespräch entwickelt, das Ansatzpunkte liefert für weitere Gespräche. Und dann sind wir auch schon mittendrin im Bekennen – und im Predigen. Ohne es wirklich zu merken.

Anders als viele Christen in der ganzen Welt, können wir nichts verlieren, wenn wir etwas offener mit unserem eigenen Glauben umgehen. Eher im Gegenteil. Der Glaube wird gefestigt, je mehr wir mit anderen darüber ins Gespräch kommen. Und wenn man selbst nicht weiter weiß – es gibt kundige Menschen in der Gemeinde, die helfen können. Sie sind ganz in der Nähe.

Wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.

Lassen wir uns doch auf diese Verheißung ein, nehmen wir sie an und fangen wir an, darüber zu reden, was Gott für gute Dinge an uns getan hat und noch tut.

Amen

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Predigt zum 16. Sonntag nach Trinitatis
11. September in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

2. Tim 1, 7-10

Liebe Gemeinde!

Was war am 5. November 2015, also vor rund 10 Monaten, los?

Uns beschäftigte unter anderem

  • die VW-Abgasaffäre
  • der Absturz eines russischen Passagierflugzeugs über der Sinai-Halbinsel
  • Man arbeitet an einer Lösung für die Flüchtlingskrise
  • Ärzte beklagen sich über Arbeitsbelastung
  • Griechenland bietet Stoff für Spekulationen

Vermutlich fragen Sie sich, warum ich mir ausgerechnet den 5. November rausgesucht habe. Nun, am 5. November 2015 ist etwas geschehen, das für sehr viele Menschen tragisch war und im Grunde unmittelbar mit uns zu tun hat:

In Brasilien brachen die Dämme zweier Rückhaltebecken, in denen die Abwasser eines Eisenerzbergwerks gesammelt wurden.

In diesem Abwasser befanden sich große Mengen von hochgiftigen Schwermetallen. Rund 60 Millionen Kubikmeter ergossen sich über das angrenzende Dorf Bento Rodriguez und dann in den Rio Doce, wodurch auf lange Zeit hunderttausende Menschen entlang des Flusslaufs von der Trinkwasser­versorgung abgeschnitten wurden bzw. nur noch vergiftetes Wasser zur Verfügung haben.

16 Menschen kamen bei dem Dammbruch ums Leben, rund 500 wurden obdachlos, weil ihre Häuser zerstört wurden.

Der Betreiber wurde zur Zahlung von Schadensersatz in Millionenhöhe aufgefordert und kündigte postwendend an, die Arbeiter nicht mehr zu bezahlen, damit er das dafür nötige Geld aufbringen könne. Der größte Teil der Menschen, die in Bento Rodriguez leben, arbeiten in der Mine.

Acht Monate später, also von uns aus vor zwei Monaten, hat die Betreiberfirma Samarco keine einzige der geforderten Maßnahmen zur Minimierung der Folgeschäden umgesetzt.

Nun werden Sie sich vermutlich fragen, was das mit uns zu tun hat.

Nun, die Mine fördert Eisenerz, das wir in großen Mengen importieren. Die deutsche Industrie importiert mehr als 50% ihres Bedarfs aus Brasilien, also zumindest damals auch von dieser Mine.

Die Dämme der Rückhaltebecken brachen nicht aufgrund eines kleinen Erdbebens, wie der Betreiber der Mine behauptete, sondern weil aus wirtschaftlichen Gründen in den Monaten davor die Fördermenge um fast 40% angehoben wurde, was zu einem starken Mehraufkommen an Klärschwamm und damit einer Überbelastung der Staudämme führte. Schon zwei Jahre vorher hatten Sicherheitskontrolleure auf Mängel an den Staudämmen hingewiesen, was den Betreiber aber nicht weiter störte. Korruption machte es möglich, dass nichts an der Sicherheit der Dämme getan wurde.

Und nun werden Sie sich vermutlich die dritte Frage stellen: Was hat das mit unserem Predigttext zu tun?

Nun, in dem Predigttext heißt es: Gott hat uns einen Geist gegeben.

Es ist ein Geist der Kraft. Ein Geist, der nicht gleich klein bei gibt. Ein Geist, der sich durchzusetzen vermag. Ein starker Geist, der von uns in Anspruch genommen werden will. Dieser Geist ist in uns.

Es ist auch der Geist der Liebe, die den Nächsten sucht, den, dem es noch schlechter geht als uns, der Geist, der bereit ist, für die zu sprechen, die sich selbst nicht wehren können.

Und es ist der Geist der Besonnenheit, der durchaus darüber nachdenkt, ob das, was man erreichen möchte, maßlos ist oder nicht, und dazu anleitet, nur das zu fordern und zu erwarten, was angemessen und richtig ist.

Wenn wir im Zusammenhang mit jener menschengemachten Katastrophe von diesem Geist reden, merken wir, dass beides eng miteinander verbunden ist.

Denn es geht darum, einzutreten für die Rechte der Menschen, die keine Lobby haben – das wären in diesem Fall die vielen indigenen Stammesvölker, die von der Katastrophe entlang des Rio Doce betroffen sind.

Es geht darum, sich erneut bewusst zu werden, dass wir in einem maßlosen Wohlstand leben, den wir weder verdient noch auf den wir einen Anspruch haben.

Die Katastrophe in Brasilien hat direkt damit zu tun, dass unser Land solche Mengen Eisenerz benötigt – und eigentlich doch nicht. Denn es dient nur der weiteren Anhebung unseres Lebensstandards und hat offensichtlich die Lebensgrundlage vieler Menschen in Brasilien zerstört.

Die Tatsache, dass fast alle Nachrichtenquellen zu diesem Unglück inzwischen versiegt sind, bedeutet nicht, dass alles wieder gut ist, sondern dass sich Politiker und Betreiberfirma darüber geeinigt haben, wie sie mit der Öffentlichkeit umgehen.

Alles wird schön geredet, die Giftstoffe, die sich im Fluss und im Trinkwasser befinden, werden von offizieller Seite her nicht mehr mit dem Unglück in Verbindung gebracht.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Ich möchte diese drei Eigenschaften des Geistes Gottes einmal mit dem Wort „Wachsamkeit“ zusammenfassen. Denn das ist es, worum es im Grunde geht: dass wir wachsam sind für die Nöte unserer Mitmenschen und genau darauf achten, inwieweit wir durch unsere Ansprüche damit verbunden sind.

Wir leben in einer Welt, die sich selbst global sieht.

Wir können kaum mehr etwas kaufen, das ausschließlich in Deutschland hergestellt wurde. Am ehesten hat man da wohl auf dem Wochenmarkt Chancen, aber Vorsicht: zumindest Teile der Futter- und Düngemittel und anderer Chemikalien, die benutzt werden, damit Fleisch, Gemüse und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse auf unserem Tisch landen können, werden oft nicht in Deutschland produziert.

Und genau darauf kommt es an: wachsam zu sein, hinzuschauen, nicht einfach nur zu konsumieren, sondern sich bewusst zu machen: wo leiden andere Menschen, damit ich ein leichtes Leben haben kann?

Doch will ich jetzt noch ein bisschen tiefer in unseren Predittext eintauchen.

Man mag sich fragen, wo der Geist her kommt, von dem hier die Rede ist. Sicher, es ist Gottes Geist, er kommt also von Gott, aber Paulus beschreibt in seinem Brief kurz vor unserem Predigttext den Weg, den dieser Geist gewissermaßen gegangen ist.

Er kommt demnach nämlich nicht vom Himmel herab, nicht in einer plötzlichen Erleuchtung. Vielmehr ist er durch den Glauben, den Timotheus’ Mutter Eunike und seine Großmutter Lois bereits hatten, auch zu ihm, Timotheus, gekommen. Es sind seine Vorfahren, die ihm den Glauben und damit den Geist Gottes vermittelt haben.

Es sind die Vorfahren, die Eltern und Großeltern, die die Kinder im Glauben einüben, ihnen die Grundlagen ins Herz legen, die sich dann entfalten können und den Menschen zu einem Kind Gottes machen, das vom Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit erfüllt ist.

Darum fährt Paulus auch fort und sagt: „Schäme dich nicht des Evangeliums.“ Sage es weiter an deine Kinder, deine Familie, deine Mitmenschen, denn dieser Glaube kann Leben retten und bewahren, auch wenn es so aussieht, als sei das Gegenteil der Fall. Gib diese Kraft weiter, die Kraft Gottes, die in dir ist durch seinen Geist.

Paulus war ein Gefangener, weil er mit seinem Glauben nicht hinter dem Berg gehalten hatte. Er hatte verkündigt, was er glaubte, durch den Geist der Kraft, und war darum ins Gefängnis geworfen worden. Was aus ihm werden würde, das wusste er nicht, aber er sah hier die Möglichkeit, das Evangelium auch an die Oberen, die Richter, weiter zu sagen, und verzagte nicht vor Angst, er könne womöglich zu Tode verurteilt werden. In allem, was ihm widerfuhr, sah er das Wirken Gottes und war bereit, für das Evangelium sein Leben zu geben.

Darum schäme dich nicht des Evangeliums, sondern sei bereit, dafür zu leiden, Rückschläge hinzunehmen oder verachtet zu werden.

Denn in dir lebt der Geist der Kraft, der dich stark macht. Er lässt dich durchhalten, er lässt dich hoffen, wo die Lage hoffnungslos zu sein scheint.

Sicher, heute müssen wir kein Gefängnis fürchten, nur, weil wir von Gott erzählen, von Jesus Christus, von dem, der uns frei gemacht hat zur Liebe für einander. Wir dürfen unseren Glauben frei ausüben. Niemand kann uns daran hindern. Und doch haben wir Angst, es weiter zu sagen, ja, wir schämen uns des Evangeliums.

Es fällt uns schwer, es weiter zu sagen, weiter zu geben an unsere Kinder und Kindeskinder, ihnen deutlich zu machen, was sie damit aufgeben. Denn wir fürchten, belächelt zu werden, oder auch beschimpft, weil der Glaube doch eine Privatsache sei, und jeder nach seiner Facon selig werden soll.

Aber nein, der Glaube ist keine Privatsache, die man irgendwo im Stübchen oder beim Spaziergang im Wald zwischen sich und Gott aushandelt. Der Glaube, der christliche Glaube, ist eine Sache, die zutiefst auf Gemeinschaft ausgelegt ist. Was wäre das für ein Glaube, der niemanden hat, dem er sich in Liebe zuwenden kann? Der also nicht in Taten sichtbar wird? Und der nicht bereit ist, sich von anderen lieben zu lassen?

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Gott hat uns berufen, sein Sprachrohr zu sein für die Menschen, die ein Spielball der Mächte sind, indem er uns seine Gnade offenbart und geschenkt hat. Kann man da still sein?

Paulus kann so mutig sein und sein Leben riskieren, weil er weiß, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Durch die Auferstehung von Jesus Christus ist unvergängliches Wesen an das Licht gebracht worden. Der Tod ist überwunden. Diese Gewissheit haben auch wir durch den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Durch den Geist Gottes werden wir gerufen, Verantwortung zu übernehmen für unser Reden und Handeln. Wir werden gerufen, wachsam zu sein für die Menschen, mit denen wir wie durch ein unsichtbares Band verbunden sind, also auch die Menschen z.B. in Brasilien, viele tausend Kilometer von hier entfernt.

Das ist der Geist der Liebe und der Besonnenheit, der uns lehrt, dass Leben weit über das hinaus geht, was wir für erstrebenswert halten und meist mit dem Wort „Wohlstand“ bezeichnen.

Amen

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Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis
4. September in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass eben dieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

(1. Petr 5, 5c-11)

Liebe Gemeinde!

Eines der Tagzeitengebete, nämlich die Complet, enthält einen Ausschnitt aus unserem Predigttext. Abend für Abend rufen sich Mönche und Nonnen in den Klöstern sowie Geschwister in Geistlichen Gemeinschaften diese Worte zu:

Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben. (1. Petr 5, 8-9a)

Weil wir Studenten während meines Studiums die Complet regelmäßig gehalten haben, sind mir diese Worte besonders vertraut. In beeindruckender Weise versinnbildlichen sie die Gefahr, in der wir als Christen stehen.

Dabei werden hier Dinge genannt, die unserem aufgeklärten, protestantischen Bewusstsein schon etwas fremdartig, vielleicht auch unzeitgemäß erscheinen.

Was hat es mit dem Teufel auf sich? Ist er wirklich einer, der irgendwie von außen auf uns eindringt, der uns auflauert wie solch ein Löwe, der nach Beute schreit?

Jedenfalls ist dieses Bild hilfreich und wird noch unterstrichen von der Vorstellung, dass er wie ein hungriger Löwe brüllend umhergeht und nach Beute sucht. Wer könnte einem solchen Löwen widerstehen?

Die meisten werden wohl schon einen Löwen gesehen haben, allerdings eher im Zoo, wo man eine solche Situation nicht erlebt. Die Löwen sind dort immer gut gefüttert, und so liegen sie meist ganz faul da.

In freier Wildbahn sieht das anders aus. Und wer schon mal gesehen hat, wie ein Löwe seine Beute reißt, der weiß, dass man besser sicher in einem geschützten Raum ist, wenn sich in der Nähe ein hungriger Löwe herumtreibt.

Aber dann merkt man auch, dass das Bild nicht so ganz passt. Denn Petrus fordert uns auf, dem fest im Glauben zu widerstehen. Und das deutet ja wohl eher an, dass da irgend etwas ist, was uns lockt, was wir toll finden und wovon wir ganz gerne etwas haben würden.

Denn Glaube hilft nicht wirklich im Kampf gegen einen Löwen. Da ist vielmehr physische Stärke gefragt, und die hilft einem Menschen eigentlich auch nicht, weil der Löwe stärker ist.

Wenn wir beim Teufel bleiben, dann müssen wir ihn uns so vorstellen, dass er uns lockt mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, damit wir seine Beute werden.

Das einzige Anliegen des Teufels ist es, uns daran zu hindern, unser Vertrauen ganz und einzig auf Gott zu setzen.

Und dazu setzt er Mittel ein, denen man tatsächlich nur schwer widerstehen kann.

Doch hat unser Predigttext noch ein bisschen mehr zu bieten, und ich möchte das anhand der vier Stichworte, die wir dort finden und die man als wichtige Eigenschaften eines Christenmenschen bezeichnen könnte, etwas entfalten.

Da geht es zunächst um Demut.

Die Aufforderung zur Demut wurde früher oft missbraucht, um eigene Machtansprüche durchzusetzen. Das Wort leitet sich ab von einem Wort, mit dem früher Diener und Untertanen bezeichnet wurden.

Demut ist zwar eine Tugend, aber sie ist nicht gerade zeitgemäß. Vielmehr gilt es in unserer Zeit, selbstbewusst aufzutreten und auf keinen Fall den Eindruck zu erwecken, sich unterwerfen zu wollen.

Doch kann man das nur für das Verhalten anderen Menschen gegenüber sagen. Wenn wir Gott gegenüber treten, ist das anders. Wir sind und bleiben Geschöpfe, auch wenn es im 8. Psalm heißt; dass wir wenig niedriger als Gott gemacht sind. (Ps 8, 6)

Aber dann doch niedriger als Gott; wir sind Geschöpfe, und so ist es nur würdig und recht, dass wir vor unseren Schöpfer mit Demut treten.

Denn der Demütige erkennt und akzeptiert, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt. Darum wird Demut als die Haltung empfohlen, mit der wir Gott begegnen sollen. Nur wer in Demut vor Gott tritt, darf auch von Gott etwas erwarten.

Was das ist, wird von Petrus auch gleich beschrieben: Gnade.

Indem wir Gott demütig gegenüber treten, erfahren wir also seine Gnade. Gnade ist eine unverdiente Gabe, so wie in der Taufe Gott sich uns zuwendet, ohne dass wir etwas dazu beitragen könnten. Außer diesem einen, dass wir zu ihm kommen.

Und das erwartet Gott schon von uns, dass wir uns zu ihm hin wenden. Aber wenn wir das in Demut tun, dann dürfen wir erleben, wie er sich voll grenzenloser Liebe uns zuwendet, so wie eine Mutter sich ihrem Kind zuwendet.

Die zweite Eigenschaft ist „Gelassenheit“.

Wer aufmerksam zuhörte, fragt sich vielleicht, wo dieses Wort im Predigttext vorgekommen ist.

Es kam nicht vor. Aber es klingt deutlich an, wenn Petrus uns auffordert: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ (1. Petr 5, 7)

Bleibt also gelassen, auch dann, wenn es mal eng wird, wenn die Arbeitssuche vergeblich ist, wenn das Geld am Monatsende (oder schon früher) knapp wird oder wenn eine Krankheit einem alle Kräfte raubt. Gott sorgt für uns.

Das mag man natürlich nicht den Millionen von hungernden Menschen in der Welt sagen – dazu hätten wir gar nicht das Recht, da wir hier in solchem Überfluss leben. Und es fällt auch schwer, es einem Menschen zu sagen, der aus irgendeinem Grund in Schwierigkeiten geraten ist.

Wenn wir aber als solche, denen es gut geht und die mehr als nötig haben, einem Menschen begegnen, der nichts anderes als Sorge kennt, dann sollten wir aufmerksam werden. Denn es kann gut sein, dass Gott uns solche Menschen schickt, damit wir ihnen diese Botschaft nicht mit Worten, sondern mit Taten vermitteln: indem wir ihnen helfen, die Sorgen los zu werden.

Deswegen finde ich es so unsäglich, dass es Stimmen gibt, die angesichts der vielen Flüchtlinge, die in unser Land kamen, zu stöhnen begannen und sagten, die Last wäre zu groß, und Deutschland müsse den Deutschen gehören, usw.

Wer so denkt, hat keine Liebe. Und es fällt mir schwer, diese Menschen zu verstehen, denn es geht uns doch ausgesprochen gut, auch jetzt, und es ist schon abzusehen, dass die Flüchtlinge, die bei uns bleiben, keine Last, sondern eine Bereicherung für uns sind. Das werden und können sie aber nur dann werden und sein, wenn wir ihnen offen und ohne Vorbehalte begegnen und sie teilhaben lassen an unserem Überfluss.

Ja, Gelassenheit steht uns gerade in solch einer Situation sicher gut an.

Aber nicht nur in materiellen Dingen ist Gelassenheit möglich, sondern auch in all den anderen Dingen, die uns Sorgen bereiten. Es gilt, was der Apostel Petrus schreibt: Gott sorgt für Euch. Er weiß wie es um uns steht, und er eröffnet uns Wege, die aus der Sorge heraus führen. Sicher werden das nicht immer die Wege sein, die wir uns vorstellen. Aber die Zusage bleibt: Er sorgt für uns.

Übrigens ist die Gelassenheit ganz eng mit der Demut verknüpft. Denn in der Regel ist es ja so, dass wir meinen, alle Dinge selbst bewältigen zu müssen. Wir meinen auch, dass wir das schon irgendwie schaffen werden.

Da tut dann ein bisschen Demut ganz gut. Denn da ist Gott, der alle Dinge in der Hand hält. Wir müssen nicht alles können und wir müssen auch nicht alles selbst schaffen. Wir können getrost alle Sorge auf ihn legen.

Und nun kommt die Nüchternheit.

Seid nüchtern und wacht. Bei dem Wort „Nüchtern“ denkt man ja vermutlich eher an das Nicht-Betrunken-Sein, und indirekt stimmt das auch, aber Nüchternheit ist nicht nur die Abwesenheit eines Zustandes – also des Betrunkenseins – sondern sie ist eine positive Eigenschaft, die uns hilft, ganz sachlich eine Situation zu deuten und zu verstehen.

Es ist immer gut, nüchtern zu sein und sich nicht in seinem Handeln, Denken und Tun von negativen Gefühlen leiten zu lassen. Denn wer z.B. zornig ist, reagiert ganz anders als wenn man erst einmal eine Nacht drüber geschlafen hat und die ganze Angelegenheit am nächsten Tag nüchtern betrachtet.

Und schließlich ist da die Wachsamkeit.

Jesus hat uns immer wieder zur Wachsamkeit aufgefordert, denn wir wissen weder Tag noch Stunde, wann der Herr kommen wird. Aber das ist nicht das Einzige.

Anfangs habe ich schon deutlich gemacht, dass da einer ist, der nichts lieber möchte als dass wir aufhören, Gott zu vertrauen. Und dazu setzt er alle Hebel in Bewegung.

Dabei habe ich zunehmend den Eindruck, dass er sich gar nicht mehr viel Mühe machen muss. Denn wir haben inzwischen so viele Möglichkeiten, uns ablenken zu lassen und andere Dinge in den Vordergrund zu stellen als das Gotteslob, dass er sich im Grunde nur noch gemütlich zurück lehnen braucht und sich einen nach dem anderen schnappen kann, um noch einmal das Bild vom Löwen anzudeuten. Denn wir nehmen die Gefahr, die von diesem Widersacher ausgeht, gar nicht mehr ernst, ja, wir glauben, dass sie nicht existiert.

Seid wachsam, denn dieser Löwe wird niemals satt. Werdet nicht zur leichten Beute.

Seid wachsam!

Petrus macht uns darum auch auf etwas aufmerksam, was uns immer bewusst sein sollte: da sind Christen in der Welt, die in einer ganz anderen Situation leben als wir. Sie werden verfolgt, bedroht, sie müssen um ihr Leben fürchten – weil sie Christen sind. Für sie ist es ganz real: Der Widersacher geht umher wie ein brüllender Löwe …

Not lehrt beten, so sagt man und meint damit, dass die Menschen fromm werden, wenn sie in Not geraten. Dabei sind es wir, die das Gebet brauchen. Denn wenn es einem gut geht, so wie uns, dann vergisst man allzu leicht, wo der Wohlstand herkommt.

Das wird besonders deutlich daran, dass überall dort, wo Menschen im Wohlstand leben, mehr und mehr Kirchen geschlossen oder zu Kulturzentren umfunktioniert werden, weil niemand mehr in die Gottesdienste kommt, um Gott für seine Wohltaten zu danken.

Darum: seid demütig, gelassen, nüchtern und wachsam.

Amen

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Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis
21. August in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus sprach zu dem, der ihn eingeladen hatte: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade weder deine Freunde noch deine Brüder noch deine Verwandten noch reiche Nachbarn ein, damit sie dich nicht etwa wieder einladen und dir vergolten wird. 13Sondern wenn du ein Mahl machst, so lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein, 14dann wirst du selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten. (Lk 14, 12-14)

Amen

Liebe Gemeinde!

Jesus ist zu Gast in dem „Haus eines Oberen der Pharisäer“, wie Lukas schreibt. Ich möchte kurz bei dieser Feststellung bleiben, denn wir neigen ja eher dazu, „die Pharisäer“ als die Bösen anzusehen, zumindest als Gegner Jesu. Zudem benutzt man auch heute noch das Wort, um einen Heuchler zu bezeichnen, was deutlich macht, dass es mit starken Vorurteilen behaftet ist.

Pharisäer waren nicht alle Heuchler. Und auch wenn Jesus selbst manchmal pauschalierend von ihnen redet, so hat er dann doch auch differenziert, und vor allem hat er auch das Gespräch mit ihnen gesucht.

Und wie wir durch den heutigen Predigttext erfahren, hat er auch Einladungen von Pharisäern angenommen, da gab es für ihn gar keine Frage. Ob die einladende Person Hintergedanken hatte oder nicht, spielte auch keine Rolle – Jesus durchschaute seine Gastgeber und die übrigen Gäste ja ohnehin.

Aber Jesus ließ sich zunächst ganz vorbehaltlos auf die Einladung ein.

Nun berichtet Lukas davon, wie Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten, die da versammelt waren, provozierte. Er fragte sie: „Ist‘s erlaubt, am Sabbat zu heilen oder nicht?“ (Lk 14, 3)

Die so Befragten gaben keine Antwort, denn sie ahnten oder wussten vielleicht sogar, dass Jesus selbst die Antwort geben und wie diese Antwort sein würde.

Jesus provoziert, er stichelt. Er stellt eine Frage, die man eigentlich gar nicht richtig beantworten kann, denn beide Antworten sind möglich, und beide haben auch ihre Berechtigung. Aber an beiden Antworten kann man auch Kritik üben, und so ist es doch spannend, zu sehen, welche Antwort Jesus selbst als die richtige sagen würde.

Und dann war natürlich die Frage, ob er vielleicht noch ein As aus dem Ärmel ziehen würde, das auch die zum Schweigen brächte, die mit dieser Antwort nicht einverstanden sind.

Es ist also spannend, und eines ist klar: Mit den Provokationen machte sich Jesus unter den Pharisäern viele Feinde. Aber es gab sicher auch solche, die sich ihm gegenüber offen zeigten und die selbst schon an den festgefügten Strukturen, die durch die jahrhundertealte Lehre entstanden waren, ihre Zweifel und vielleicht auch Kritik geübt hatten. Für sie kam Jesus als offener Kritiker sehr gelegen, und ich glaube schon, dass er unter den Pharisäern viele ernstgemeinte und vielleicht auch verändernde Diskussionen ausgelöst hatte.

Die Frage Jesu, ob man am Sabbat heilen darf, hätte der eine oder andere unter den Pharisäern und Schriftgelehrten sicher mit „Ja“ beantwortet. Aber man darf ja schon fragen, ob es nun unbedingt am Sabbat sein muss und man nicht noch einen Tag hätte warten können – vor allem, wenn der Mensch chronisch krank ist wie in diesem Fall. Da kommt es auf einen Tag nun wirklich nicht an.

Aber Jesus geht es darum, etwas anderes deutlich zu machen – und das ist gewissermaßen das „As“, das er aus dem Ärmel zieht: er heiligt den Sabbat, indem er dem Menschen das Heil Gottes widerfahren lässt und es damit auch denjenigen, die es sehen, das Heil Gottes offenbart. Besser kann man den Sabbath wohl kaum begehen, als durch die Heilung und in diesem Sinn auch Heiligung des Menschen, denn dem Geheilten ist ja das Heil Gottes widerfahren, er ist also geheiligt worden.

Und so heilte Jesus einen wassersüchtigen Menschen, so ganz nebenbei, und schließt dann ein Gleichnis an, das mit den Worten endet: „Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.“ (Lk 14, 11)

Diese Aufforderung zur Demut hat schon direkt mit unserem Predigttext zu tun. Denn man stritt sich am Tisch darum, wer nun zuoberst sitzen dürfe. Je höher, desto besser, desto angesehener, desto wichtiger, desto bedeutender.

Aber kommt es darauf an? In den Augen Gottes spielt die Sitzordnung keine Rolle. Vielmehr geht es darum, Demut zu üben.

Denn Demut ist eine gute Eigenschaft, das wissen auch die Pharisäer und Schriftgelehrten. Doch es gibt auch Menschen, die schaffen es, ihre Demut zu einer Goldkrone zu machen, die sie stolz auf ihrem Haupte tragen. Und das hat dann nichts mehr mit Demut zu tun.

Und nun sagt Jesus die Worte, die wir gerade als Predigttext gehört haben. Jetzt nicht mehr zu allen versammelten Gästen, sondern zum Hausherrn. Und er empfiehlt ihm etwas, was auch wir wohl zumindest als schwierig bezeichnen würden.

Wildfremde Menschen an meinen Tisch einladen? Menschen, die nichts haben? Bettler und Arme? Verkrüppelte, Lahme und Blinde? Da muss man doch ständig auf der Hut sein! Die klauen einem doch alles, wenn man nur einen Augenblick lang nicht aufpasst! Wie kann Jesus so etwas von mir erwarten?

Ja, wie kann er das erwarten?

Jesus macht uns darauf aufmerksam, worauf es im Leben ankommt, damit auch wir, denen es gut geht, das Heil Gottes erfahren können.

Dabei durchbricht er die bestehenden Konventionen, die uns üblicherweise dazu bewegen, Einladungen auszusprechen: man möchte Ansehen erlangen, und man möchte natürlich auch von den anderen eingeladen werden. Denn das beweist, dass man etwas bedeutet.

Die eigene gesellschaftliche Stellung wird durch solche Einladungen verbessert, je höher die einladende Person in der gesellschaftlichen Rangordnung anzusiedeln ist.

Aber das hat für Jesus überhaupt keine Bedeutung. Er lässt sich genauso von den Verachteten einladen wie von den Angesehenen. Er macht keinen Unterschied.

Und damit macht er uns deutlich, dass unser Leben nicht dadurch wertvoll wird, dass andere Menschen uns aufwerten. Es wird vielmehr dadurch wertvoll, dass Gott uns achtet und wert schätzt. Und Gott hat nun mal ganz andere Maßstäbe als wir Menschen.

Gott liebt alle Menschen in gleicher Weise. Er tritt darum auch und besonders für die ein, die in unserer Welt benachteiligt sind – sei es dadurch, dass sie in einem Land mit schlechten Lebensverhältnissen geboren sind, sei es durch eine Krankheit oder durch die Gier anderer Menschen.

Gott wendet sich vor allem diesen Menschen zu, damit auch sie seine Liebe erfahren. Und er will, dass wir seinem Blick folgen, dass wir diese Menschen beachten, ihnen wieder aufhelfen, ihnen zeigen, wie sehr Gott sie liebt.

Denn auf diese Weise haben wir teil an dem, was Maria im Magnifikat gesagt hat:

Die Gewaltigen stößt er vom Thron, und die Niedrigen erhebt er. Die Hungrigen füllt er mit Gütern, die Reichen lässt er leer ausgehen. (Lk 1, 52f)

Wir werden gewissermaßen zum Werkzeug Gottes.

Wenn wir etwas tun wollen, dann sollen wir nicht darauf schauen, was wir davon haben, sondern auf das, was wir bereits von Gott empfangen haben. Denn Gott beschenkt uns über die Maßen, wir haben mehr, als wir brauchen. Und aus dieser Fülle sind wir eingeladen, die daran teilhaben zu lassen, die solche Fülle in ihrem Leben nicht erfahren können.

Gott stellt uns in die Verantwortung für die Benachteiligten, für die, die nichts an ihrem Schicksal ändern können. Damit wir ihnen helfen können, hat Gott uns so reich beschenkt. So lasst uns die Liebe Gottes sichtbar machen für die, die am Leben verzweifeln und die vor Sorgen um den morgigen Tag die Liebe Gottes nicht mehr erkennen können.

Möge Gott uns den Blick schärfen, dass wir die Not der Menschen erkennen, und möge er unsere Hände stärken, dass wir dort helfen, wo Hilfe nötig ist.

Amen

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Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis
7. August in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht - aus Gnade seid ihr selig geworden -; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen. Eph 2, 4-10

Liebe Gemeinde!

Wenn ich Eltern, die ihr Kind taufen lassen wollen, von der Bedeutung der Taufe erzähle, dann gehört dazu selbstverständlich auch dies:

Durch das Wasser der Taufe wird alle unsere Sünde von uns gewaschen, wir werden rein, nicht im physischen Sinn, sondern seelisch, also: Unsere Seele wird rein gewaschen.

Natürlich wird dann auch festgestellt, dass es eigentlich ja gar nicht sein kann, dass ein Baby schon von Sünde rein gewaschen werden muss. Denn es weiß ja noch gar nicht, was falsch und was richtig ist, es kann also in dem Sinne auch nichts falsch machen.

Die Wirkung der Taufe endet allerdings nicht mit ihrem Vollzug, so wie man isst und danach wieder hungrig wird, sondern sie wirkt für das ganze Leben, und es gibt keinen Menschen, der nicht auch der Vergebung bedürfte. Und da setzt dann die Taufe ein.

Aber auch für Säuglinge hat die Taufe durchaus eine Bedeutung.

Der Kirchenvater Augustinus, der im 4. Jahrhundert lebte und dessen Gedenktag in genau drei Wochen begangen wird, hat mal versucht, das zu begründen, indem er von einer Beobachtung erzählte, die er selbst gemacht hatte. Ein Kind, das noch nicht sprechen konnte, war blass vor Zorn und Neid, weil sein Zwillingsbruder an der anderen Brust der Mutter gestillt wurde. Körperlich, so schreibt er, war das Kind noch nicht fähig zur Sünde, wohl aber seelisch. Es kannte schon Neid und Eifersucht. Man müsse den Kindern diese Eigenschaft erst langsam und mühsam abgewöhnen.

Mit dieser Beobachtung scheint Augustin nicht ganz unrecht zu haben. Erst mit der Zeit wächst sich dieses Neidgefühl aus, wir können das an unseren Kindern recht deutlich beobachten, wie sie langsam lernen, dass man nicht immer das haben muss, was der Bruder oder die Schwester nun gerade hat. Dieses Verlangen aber, dieser Neid, liegt im Wesen des Menschen, es wird ihm angeboren.

Nun könnte man daraus folgern, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens die Chance hat, eben diesen Neid zu überwinden und so zu einem guten, sündfreien Menschen zu werden. Denn offenbar lernt man ja doch, mit dem Neid umzugehen.

Man zeigt ihn nicht mehr, im Gegenteil, man gibt deutlich zu erkennen, dass man dem anderen sein Glück gönnt. Das können wir jetzt zur Zeit bei der Olympiade immer wieder sehen, wenn Verlierer zwar enttäuscht sind, aber doch dem Gewinner gratulieren.

Aber ist das wirklich so neidlos, wie es scheint? Ich kann mir das kaum vorstellen. Man lernt nur mit der Zeit, dieses Gefühl zu unterdrücken, es nicht nach außen zu tragen. In Wirklichkeit sitzt es ja doch ganz tief drin, das Verlangen, so gut zu sein wie der oder die andere, es so gut zu haben wie der oder die andere, oder anders herum: einfach nicht zufrieden zu sein mit dem, was man hat und was man ist.

Natürlich beschränkt sich die Sünde nicht auf dieses Gefühl, aber sie gehört zu dem, was man als „Erbsünde“ bezeichnet hat: Sie gehört zum Menschsein dazu, ist angeboren und darum nicht wegzukriegen.

Und so ist dieses Verlangen genau das, was uns gefangen hält, was es uns im Grunde unmöglich macht, frei zu sein. Denn wir werden Gefangene unseres eigenen Verlangens.

Dabei verlieren wir Gott. Denn wir wollen unser Leben selbst gestalten, wir wollen selbst bestimmen, wo es lang geht und was wir erreichen. Wir wollen mehr und sind darum nicht zufrieden mit dem, was wir sind.

Wir verachten dabei die Tatsache, dass es Gott ist, dem wir alles zu verdanken haben, und setzen uns selbst an seine Stelle.

Das ist es, was die ersten Menschen, Adam und Eva, im Paradies wollten. Sie wollten selbst entscheiden, sie wollten ihr Leben selbst bestimmen, sie wollten sich nicht von Gott in irgendeiner Weise einschränken lassen.

Natürlich wurde die Schlange für das Fehlverhalten der Menschen verantwortlich gemacht, denn auch das gehört zum Menschsein dazu: nicht die Verantwortung übernehmen zu wollen für das eigene Handeln.

Aber dass das nicht funktioniert, wurde schnell deutlich.

Die Konsequenz des Verlangens nach Selbstbestimmung war der Tod. Der Tod ist gewissermaßen das Symbol dafür, dass wir Gott nicht das Wasser reichen können. Der Tod ist eine Erinnerung daran, dass es eine Grenze gibt, die wir niemals werden überwinden können.

Säuglinge genauso wie Erwachsene kommen davon nicht los. Wir alle sehen dem Tod entgegen, die einen früher, die anderen später, aber es ist der Lauf der Dinge – am Ende steht der Tod.

Denn in uns allen steckt mehr oder weniger deutlich spürbar das Verlangen, wie Gott sein zu wollen: wir wollen Dinge beeinflussen, die schlicht und einfach nicht von uns beeinflusst werden können – oder wenn doch, dann sind die Folgen unabsehbar.

Viele zunächst bahnbrechend erscheinende Entwicklungen sind später zum Fluch geworden, man denke nur zum Beispiel an die Atomenergie.

Mit jedem Wollen stellen wir den Willen unseres Schöpfers in Frage, und damit ihn selbst. Darum steht der Tod am Ende unseres Lebens, um uns dies ganz klar vor Augen zu führen: Wir sind nicht Gott, und wir können es niemals sein.

Viele scheuen sich davor, diese Tatsache anzunehmen, sie sehen den Tod als eine Bedrohung an, der man am besten aus dem Weg geht, indem man sie ignoriert.

Dann haben sie auch für einige Zeit das Gefühl, frei zu sein, sind es aber letztlich doch nicht. Denn der Tod bleibt, er ist nur für eine Zeit aus dem Gesichtsfeld herausgenommen. Einige Zeit mag das gut gehen – aber eben nur eine Zeit lang, bis wir vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden müssen. (2. Kor 5, 10) Und so wird der Tod dann auch denen zur Bedrohung, die sich ganz auf sich selbst verlassen haben und nur das Ihre gesucht haben.

Für uns aber, die wir durch die Taufe die Liebe Gottes erfahren haben, hat der Tod nichts Bedrohliches an sich. Er ist zwar der Lohn der Sünde – wir haben ihn verdient und wir können ihm nicht entrinnen, so sehr wir uns auch bemühen – aber es gibt einen, der diesen Tod überwunden hat, der seine Bedrohlichkeit fort genommen hat.

Dieser eine ist Jesus Christus. Er hat durch seine Auferstehung dem Tod alle Macht genommen – durch ihn wissen wir, dass der Tod eben doch nicht unser Ende bedeutet. So können wir uns furchtlos mit dieser Tatsache befassen, wir können unsere Begrenztheit annehmen, weil wir wissen, dass diese Grenze durch Gott selbst überwunden wurde. Gottes Gnade ist es, die uns diese Grenzenlosigkeit schenkt.

Eine Grenzenlosigkeit, die sich jetzt nicht unbedingt sp bemerkbar zu machen scheint, wie wir es uns vielleicht wünschen. Denn wir spüren, dass unser Körper mit den Jahren schwächer wird, dass vieles schwerer fällt und manches nicht mehr möglich ist, was früher selbstverständlich war und leicht von der Hand ging.

Aber die Grenzenlosigkeit ist dennoch da. Gott schenkt sie uns, ganz gleich, wie unsere körperliche Verfassung ist: Grenzenlosigkeit, die allerdings nur durch Jesus Christus erfahrbar werden kann, denn er hat ja dieses Grenze überwunden.

Grenzenlosigkeit, die nicht dazu führt, dass wir anderen ihre Grenzen setzen, sondern die uns dazu verhilft, dass wir andere ebenfalls herausholen aus ihrer Begrenztheit.

Grenzenlosigkeit, die sich nicht darin ausdrückt, dass wir tun und lassen, was wir wollen, sondern darin, dass wir all das, was uns daran hindert, in Liebe einander zu begegnen, ablegen und Schritte der Liebe und des Vertrauens wagen.

Grenzenlosigkeit, die nicht die eigene soziale und wirtschaftliche Sicherheit und Unabhängigkeit meint, sondern die sich um all die Menschen sorgt, die in der Nähe und weit von uns entfernt in Armut und Elend leben.

Gott hat uns geschaffen, er hat uns unsere Grenze gesetzt, aber er hat diese Grenze auch wieder genommen – nicht damit wir überheblich werden, sondern damit wir seine grenzenlose Liebe erfahren, durch die alle Schuld von uns genommen wird und die uns ein Leben in Freiheit ermöglicht.

Dadurch, dass wir wissen, dass der Tod keine Macht mehr über uns hat, brauchen wir nicht mehr in Konkurrenz zu unseren Mitmenschen zu treten. Denn vor Gott sind wir immer wert geachtet. Nichts kann uns das nehmen, außer wir selbst, indem wir in die alten Muster verfallen und meinen, Gottes Stelle einnehmen zu müssen.

Gottes Liebe stiftet uns zur Liebe an. Durch die Liebe Gottes werden Grenzen überwunden. Also „lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt“. (1. Joh 4, 19)

Amen

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Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis
26. Juni in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter
– Domfest –

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“ Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben. Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

(1. Kor 1, 18-25)

Liebe Gemeinde!

Während draußen vor dem Dom die Stände aufgebaut werden und wohl auch schon einige Besucher eintreffen, feiern wir hier Gottesdienst.

Ich will nicht darüber klagen, dass viele der Menschen, die heute hierher kommen, nicht am Gottesdienst teilnehmen. Aber ich will ein paar Gedanken dazu äußern, warum wir Gottesdienst feiern.

Ein Grund ist offensichtlich: es ist Sonntag. Es ist der Tag der Auferstehung Jesu. Wir feiern den Gottesdienst am Morgen, weil das die Zeit der Auferstehung ist.

Das stimmt zwar nur ansatzweise, denn das geschah ja frühmorgens, als die Sonne aufging – da müssten wir deutlich früher mit dem Gottesdienst beginnen. Aber dann wäre die Kirche sicher leer.

Für viele Menschen ist aber auch die Zeit, zu der der Gottesdienst heute beginnt, äußerst ungünstig – 10 Uhr ist immer noch zu früh, da schläft man noch, oder da der Sonntag einer von zwei arbeitsfreien Tagen ist, hat man was anderes vor und will sich nicht vom Gottesdienstbesuch den Tag kaputt machen lassen.

Ein weiterer Grund, um Gottesdienst zu feiern ist der: Gott hat so große Dinge an uns getan, dass wir schlicht dankbar sind und diese Dankbarkeit auch zum Ausdruck bringen wollen. Das, was andere für selbstverständlich hinnehmen, ist für uns alles andere als selbstverständlich: wir empfangen unser Leben und alles, was wir haben, aus der Hand Gottes, ganz so wie es in dem bekannten Lied von Matthias Claudius zum Ausdruck gebracht wird:

Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt,
und hofft auf ihn.
(EG 508)

Zu solchem Dank kann eigentlich keine Zeit falsch oder ungünstig sein.

Nun haben wir gerade einen Text gehört, bei dem es um die Taten Gottes, genauer um die Erlösungstat Gottes, geht. Es geht um das Kreuz.

Das Kreuz ist ein wichtiges Symbol für uns, es gehört zur christlichen Kultur dazu, und es wird auch mitunter als Symbol für das so genannte „Abendland“ verwendet.

Als vor 500 und mehr Jahren die Menschen am Peter-und-Paul-Tag hierher kamen, um an diesem besonderen Tag den Segen Gottes und die gewisse Zusage der Sündenvergebung zu empfangen, da wurde das Kreuz oft vorneweg getragen. Es war sichtbares Symbol der Tatsache, dass dies ein Weg der Buße ist, der Umkehr.

Ich will dabei bewusst nicht auf den Missbrauch durch den Ablasshandel eingehen, sondern stelle mir vor, welche Not die Menschen damals empfanden. Manche Sünde war ihnen bewusst, die schwer auf ihnen lastete, und nun suchten sie die Vergebung.

Das Kreuz rief ihnen gewissermaßen zu: euch sind eure Sünden vergeben! Aber das alleine genügte nicht. Es musste ihnen auch zugesprochen werden aus berufenem Munde, von den Priestern, die hier in dieser Kirche ihren Dienst versahen.

Der Peter-und-Paul-Tag war für sie gewissermaßen ein Garant, dass diese Zusage der Vergebung auch gültig sein würde. Immerhin galten und gelten Petrus und Paulus als die größten Apostel.

Zugleich hat man das Kreuz auch als Schutzwall angesehen. Es sollte böse Kräfte abwehren und vor Unfall und Krankheit schützen. Sterbenden wurde es in die Hand gelegt, um damit die bösen Mächte, die möglicherweise nach dem Tod auf sie warteten, abwehren zu können. In allen Häusern hingen Kreuze, um den Schutz und Segen Gottes zu sichern.

Diese Schutzwirkung des Kreuzes erwarten viele wohl heute noch. Viele Menschen tragen ein Kreuz am Hals – auch solche, die gar nicht der Kirche angehören. Es wird wie ein Talisman getragen.

Es fing schon vor rund 1700 Jahren an. Das Kreuz war für den Kaiser Konstantin das Zeichen des Sieges – und zwar des Sieges über seine Feinde. Der Erfolg im Krieg unter dem Zeichen des Kreuzes machte ihn zu einem Verbündeten der Christen, obwohl er sich erst kurz vor seinem Tod taufen ließ. Das Kreuz war für ihn ein Zeichen des Beistandes Gottes, was sich bis heute durchgetragen hat.

In den Kirchen finden wir das Kreuz nur als Symbol dafür, dass hier ein Ort ist, an dem sich Christen zum Gebet und Gotteslob versammeln.

Und so ist es auch gemeint. Das Kreuz ist ein Erkennungszeichen. Es bietet keinen besonderen Schutz nur durch seine Existenz in irgendeinem Raum, oder wenn es einem um den Hals hängt. Es ist ein Symbol, das darauf hinweist, woran wir glauben, wohin wir gehören.

Aber zunächst gilt es, sich bewusst zu machen, wofür das Kreuz an sich steht. Wir finden es häufig an Stellen wieder, zu denen es am ehesten passt: auf Grabsteinen und Todesanzeigen. Denn das Kreuz ist ein Symbol des Todes. Es erinnert uns an das Leiden und Sterben von Jesus Christus. Es erinnert uns an einen grausamen, qualvollen Tod.

Wir hängen oder stellen also ein Symbol des Todes in unsere Räume, wir schmücken uns mit diesem Symbol des Todes. Glauben wir Christen also an den Tod?

So haben wohl viele Zeitgenossen des Paulus gedacht, und das denken auch viele unserer Zeitgenossen.

Aber wir glauben nicht an den Tod, im Gegenteil: wir glauben an das Leben! Denn Christus ist ja nicht tot geblieben – er wurde von den Toten auferweckt, das Kreuz war gewissermaßen nur das Tor zum ewigen Leben, es war das Werkzeug zur Überwindung des Todes.

Dieses Zeichen des Kreuzes, das Symbol des Todes, verdeutlicht also unseren Glauben an das Leben. Aber das tut es nur für den, der diese Tatsache auch im Glauben angenommen hat.

„Ohne Kreuz keine Krone“, steht über dem Tor der Großen Kreuzkirche in Hermannsburg. Das Leben, die Freude, der Erfolg fallen uns nicht in den Schoß, sie können nur durch Leiden gewonnen werden, will dieser Spruch sagen.

Dabei war, als diese Worte dort aufgeschrieben wurden, vor allem die Mission im Blick: Man wollte vielen Menschen in der weiten Welt das Evangelium predigen, und man wusste, dass dies nicht ohne Leid geschehen würde.

So zogen viele Missionare aus, die mit ihren Frauen nie wieder in ihre Heimat zurückkehren sollten – sie starben dort, wo sie ihren Dienst versahen, an den Krankheiten, die die tropischen Verhältnisse mit sich brachten, oft nachdem viele ihrer Kinder schon an diesen Krankheiten gestorben waren.

Ohne Kreuz keine Krone: das Leiden gehört zum Leben eines Menschen dazu, es ist der Weg zu dem Leben, das keinen Schmerz mehr kennt, keine Trauer, kein Leid.

Es war das Kreuz, das die Missionare veranlasste, ihr Kreuz auf sich zu nehmen.

Ein Weiteres wird in dem Kreuz sichtbar, und das ist das Eigentliche, Wesentliche, warum es zum zentralen Symbol der Christenheit geworden ist. Das Kreuz ist ein Symbol der Liebe.

Es ist Symbol der Liebe Gottes, denn genau das hat sich am Kreuz ereignet: Liebe. Gott ließ seinen Sohn am Kreuz sterben, damit wir leben können. Er erleidet unseren Tod. Das ist Liebe.

Doch das ist schwer zu verstehen: wenn Gott liebt, wie kann er seinen Sohn töten? Wie kann er überhaupt töten? Müsste er nicht allen das Leben schenken?

Und noch weiter: Wenn Jesus Gottes Sohn ist, wie wir glauben, wie kann er dann am Kreuz sterben? Ist Gott nicht unsterblich? Was ist denn da überhaupt passiert, am Kreuz?

Diese Fragen sind es, an denen Paulus mit unserem Predigttext ansetzt. Wer seinen Verstand gebraucht, muss eigentlich sagen: die Christen spinnen. Was für ein Gott ist das, der sich töten lässt? Oder anders: Wie kann man an einen Gott glauben, der getötet werden kann? Das ist doch völlig absurd und abwegig! Solch ein Gott ist doch ein Schwächling, er hat nichts von Allmacht an sich! Er hat sich selbst aufgegeben, er ist völlig unbedeutend.

Es ist eine Torheit, an einen solchen Gott zu glauben.

Denn Gott hat ganz wesentliche Eigenschaften aufgegeben, als er sich der Menschheit in der Person Jesus Christus offenbarte. Gott wurde Mensch. Eine Unmöglichkeit wird möglich, weil Gott, der Allmächtige, es so wollte – durch seine Allmacht konnte er diese Allmacht aufgeben.

Es war sein Wille – und das macht es für manche so unbegreiflich.

Gott wurde verwundbar, weil er wusste, dass er die Menschen nur durch einen sichtbaren Beweis seiner Liebe wieder gewinnen kann. Also kam er und predigte die Liebe, er kam und trat für die Liebe ein, bis die machthungrigen und selbstgerechten Menschen sich dazu entschlossen, ihn zu töten.

Ja, es ist merkwürdig und kaum vorstellbar. Gott wird Mensch: so etwas gibt es sonst eigentlich nur noch im Hinduismus. Und da bleibt Gott, was er ist: Gott. Er kann nicht getötet werden. Er ist unsterblich. Er maskiert sich höchstens, damit er als Mensch seinen Spaß haben kann unter den Menschen, oder auch, um den Menschen zu zeigen, was sie besser machen können. Aber nach einer Zeit kehrt er wieder in seinen göttlichen Zustand zurück.

Bei uns Christen ist das anders: Christus ist nicht nur zu Besuch da gewesen. Er hat vielmehr durchgesetzt, wozu kein Mensch fähig sein könnte. Er ist konsequent den Weg der Liebe gegangen, ohne Selbstsucht, ohne Habgier, ohne irgendeinen Hintergedanken. Er opferte sich selbst, um das Heilswerk Gottes zu vollenden.

Das Kreuz ist also das entscheidende Symbol der Liebe Gottes. Und das ist etwas, woran sich viele ärgern. Sie können und wollen es nicht einsehen, weil das Kreuz eigentlich für Schwachheit und Versagen steht, zwei Dinge, die nichts Göttliches an sich haben.

Auch uns fällt es manchmal schwer, das zu verstehen. Denn wenn Gott die Menschen liebt, wenn er sie so sehr liebt, dass er bereit ist,. seinen eigenen Sohn zu opfern, dann müsste er doch auch alles tun, um dem Elend in dieser Welt ein Ende zu bereiten.

Nun, Gott stirbt aus Liebe zu uns, denn er weiß, dass es nur dann zu einer wahren Verwandlung der Herzen kommen kann. Erst wenn die Menschen aus eigener Erkenntnis heraus umkehren und Jesus Christus auf dem Weg der Liebe nachfolgen, kann wirklich eine Veränderung eintreten. Wir wären nicht besser als Marionetten, wenn er dazwischenfahren würde, um Ungerechtigkeit und Krieg zu unterbinden. Und wer weiß, was dabei unterm Strich rauskäme? Vielleicht wäre die Welt dann doch nicht so, wie wir sie uns vorstellen und wünschen.

Gott fährt nicht dazwischen, weil er uns zur Verantwortung zieht. Als freie Menschen haben wir auch die Aufgabe und Verantwortung, uns zu entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen. Gott stellt uns durch das Kreuz vor die Wahl. Er hat uns einen gangbaren Weg gezeigt, der allerdings durchaus unvernünftig erscheint.

Denn der Weg der Liebe ist kein leichter Weg, das ist ganz deutlich. Und dennoch versuchen viele, ihn zu gehen. Denn wenn wir das Kreuz betrachten, wenn wir das, was sich dort ereignet hat, im Glauben annehmen, dann müssen wir ja erfüllt werden von Dankbarkeit für diese große Liebe, die Gott uns bewiesen hat.

Wir werden natürlich auch erkennen, dass die Liebe nicht nur uns gilt, sondern allen Menschen, und so wird der erste Schritt auf unserem Weg der sein, in unseren Mitmenschen einen Geliebten Gottes zu erkennen.

Es spielt dabei zunächst keine Rolle, ob jener Mensch sich selbst so sieht. Es genügt, wenn wir es tun und ihm auf diese Weise zeigen, dass da mehr ist als der kleine, enge, begrenzte Raum, in dem wir uns in der Regel bewegen.

Auf diese Weise beginnen wir, die Welt zu ändern, sie zu verwandeln. Wenn wir uns bemühen, konsequent in der Liebe zu bleiben, wenn wir versuchen, treu zu bleiben in der Liebe, dann kann es die Menschen um uns herum ja nicht kalt lassen. Auch sie müssen sich von dem Feuer der Liebe entzünden lassen.

Auch darin wird etwas deutlich von der Torheit des Kreuzes. Denn das bisschen, was wir tun können, wird verstärkt durch die Kraft Gottes. Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Kor 12, 9) Die kleine Kraft, die wir haben – je geringer sie ist, um so besser. Denn dann müssen wir der Kraft Gottes Raum geben, sie muss in und durch uns wirksam werden.

Die erste und vordringlichste Frage eines Christenmenschen sollte sein:: Wo kann Gott mich gebrauchen? Mit dem bisschen, was ich habe, bin ich bereit, mich gebrauchen zu lassen. So wie Maria damals sagte: „Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lk 1, 38)

Gottes Kraft wird in den Schwachen mächtig: nicht, damit sie stark werden. Unsere Schwachheit gibt vielmehr der Macht Gottes Raum. Wir sind, so könnte man sagen, wie ein Wasserschlauch, der Wasser befördert, das dann die Pflanzen bewässert, damit sie wachsen können. Wir sind nur der Schlauch, das Wasser ist der Segen Gottes.

Vielleicht haben Sie es auch schon mal selbst erlebt, dass die Begegnung mit einem Menschen, vielleicht einem wildfremden Menschen sogar, Ihr Leben verändert hat. Irgendetwas, was dieser Mensch getan hat, hat sie angerührt, und in der Folge dessen haben Sie Entscheidungen getroffen, die sie sonst vielleicht nie getroffen hätten. Vermutlich ist es diesem Menschen gar nicht bewusst geworden, aber für Sie war diese Begegnung ein Schlüsselerlebnis. Ist es nicht vorstellbar, dass Gott da am Werk war?

Und so können auch wir Werkzeuge Gottes werden, vielleicht sogar ohne dass wir es bemerken.

Heute ist ein guter Tag, sich erneut bewusst zu machen, dass wir vom Kreuz her unser Leben empfangen. Lasst uns also das Wort vom Kreuz in die Welt hinaus tragen, lasst es uns allen Menschen mitteilen, diese Torheit, diesen Widerspruch: Gott wird im Schwachen stark. Seine Liebe wird deutlich in der Ohnmacht. Sein Kreuz beweist, dass die Verwandlung nicht durch Heer oder Macht, sondern durch Liebe geschehen kann und wird.

Lassen wir uns darauf ein, gehen wir den Weg der Liebe.

Amen

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Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis
12. Juni in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter
– Gemeindefest –

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Es nahten sich Jesus aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben. und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte, und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Lk 15, 1-3.11b-32

Liebe Gemeinde!

Der jüngere Sohn ist zurück! Das ist für den Vater ein Grund zum Feiern. Denn monatelang hatte er sich Sorgen um ihn gemacht – obwohl das ja gar nicht nötig war. Denn der jüngere Sohn hatte zum einen sein Erbteil erhalten – er war also mit genügend Geld ausgestattet – und zum andern hatte er selbst gesagt, dass er sein Leben in die eigenen Hände nehmen wolle.

Da kann man den Ärger des älteren Sohnes schon verstehen: er ist verantwortungsbewusst, stets bereit, seinem Vater zu helfen, er arbeitet von morgens bis abends auf dem Hof und den Feldern, so wie auch an dem Tag, als sein jüngerer Bruder zurückkehrte. Er bekam es noch nicht einmal mit – kein Bote wurde zu ihm gesandt.

Ich glaube, ich würde mich in seiner Situation ganz schön verletzt fühlen. Denn sonst besprachen der ältere Sohn und sein Vater vermutlich ja auch alles miteinander. Der ältere Sohn war so verantwortungsbewusst, dass er es nicht wagte, einmal ein Fest mit seinen Freunden zu feiern, weil das ja doch mit erheblichen Ausgaben verbunden wäre. Und es war immer noch der Besitz seines Vaters, den er nicht so einfach antasten wollte.

Also ein wahres Muster von einem Sohn, so könnte man sagen. Dennoch tut er in dieser Situation das Falsche. Er schmollt und bereitet damit seinem Vater mitten in der Freude doch großen Kummer.

Diese Erzählung ist ein Gleichnis. Gleichnis heißt: die Erzählung steht für etwas anderes.

Nicht immer ist es leicht, dieses andere zu erkennen. In unserem Fall fällt es aber nicht schwer. Denn es sind Pharisäer und Schriftgelehrte, denen Jesus diese Geschichte erzählt, und zwar weil diese sich darüber beklagen, dass Jesus Gemeinschaft, ja sogar Tischgemeinschaft hat mit Zöllnern und Sündern.

Das war für die Schriftgelehrten und Pharisäer ein Unding. Sünde war für sie wie eine ansteckende Krankheit. Man begab sich nicht in die Gesellschaft von Sündern, weil man sich schon dadurch an ihrer Sünde beteiligte.

Bei den Zöllnern war es offensichtlich: sie hatten sich am Geld anderer bereichert, und wenn man sich von solchen einladen ließ, dann wurde man gewissermaßen mit diesem unrechtmäßig erworbenem Geld bewirtet. Das ging gar nicht.

Und Jesus ließ sich ständig darauf ein. Immerhin erkennen wir an dieser Kritik, dass sie Jesus als Rabbi durchaus anerkannten – nur konnten sie sein Handeln nicht nachvollziehen.

Jesus belehrt sie mit diesem Gleichnis und macht deutlich:

Sünde ist nicht ansteckend. Sünde schreit gewissermaßen nach Vergebung. Keine billige Vergebung natürlich, nach dem Motto: solange es keiner merkt, ist es auch keine Sünde.

Vielmehr steht an erster Stelle, und das erkennen wir in der Geschichte, die uns heute schon vorgelesen und vorgespielt wurde, besonders deutlich, die Buße, die Umkehr.

Das kommt in dem Gleichnis besonders klar zum Ausdruck. Immer weiter hatte sich der jüngere Sohn von dem entfernt, was die Gemeinschaft mit seinem Vater ihn gelehrt hatte. Und dann ging er in sich und kehrte um.

Mit der Umkehr ist das Bekenntnis der Schuld verbunden. Nur wer seine Schuld erkannt hat und benennen kann, kann auch wirklich umkehren.

Wie geht man mit solchen Menschen um? Rümpft man die Nase? Wendet man sich ab? Fordert man Wiedergutmachung?

Jesus zeigt in dem Gleichnis eine andere Möglichkeit auf: man feiert. Denn wenn ein Mensch so tief gesunken ist und aus dieser Tiefe heraus um Vergebung bittet, geht es darum, ihm wieder das Leben in Würde zu ermöglichen und ihn nicht noch einmal in den Staub zu treten.

Tatsächlich muss der Sohn noch nicht einmal sein Schuldbekenntnis sagen, da fällt ihm schon der Vater um den Hals. Aber die Einladung zum Fest folgt dann doch erst, als der Sohn es ihm sagt:

„Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“ (Lk 15, 21)

Jetzt ist die Voraussetzung erfüllt, damit das Fest starten kann. Also keine Wiedergutmachung. Kein „Du hast recht, ich werde dich bei mir anstellen, solange, bis du alles zurückgezahlt hast, was du verprasst hast.“

Gott will, dass wir umkehren und leben. Er belohnt uns mit einem Fest in seiner Gegenwart.

Für uns sind solche Feste die Gottesdienste und besonders die Feier des Heiligen Abendmahls. Denn in diesen Feiern haben wir Gemeinschaft mit Gott.

Manche mögen da ihre Zweifel haben und vielleicht der Meinung sein, dass die Gottesdienste fröhlicher sein müssten, abwechslungsreicher, interessanter oder schlicht ansprechender.

Doch abgesehen davon, dass darunter jeder Mensch etwas anderes versteht, kommt es nicht darauf an, dass wir uns im Gottesdienst wohlfühlen. Vielmehr trägt jede Person, die am Gottesdienst teilnimmt, ihren Teil dazu bei, damit er gelingen kann.

Der Gang zum Gottesdienst ist im Grunde wie der Gang des jüngeren Sohnes zurück zum Vater. In der Regel sind wir natürlich nicht so tief gesunken wie er, aber wenn wir das Geschehen der Woche betrachten, merken wir doch, dass es hier und da Situationen gab, wo wir andere Menschen verletzt haben oder unseren eigenen Vorteil suchten usw.

Im Gottesdienst versammeln wir uns in dem Bewusstsein, dass wir der Gnade Gottes bedürfen. Und diese wird uns dann auch zugesprochen.

Und dann, zumindest wenn das Abendmahl gefeiert wird, ist es im Grunde so wie das Fest, das der Vater im Gleichnis ausrichtet: wir feiern die vollendete Gemeinschaft mit Gott – frei von aller Schuld, denn er hat sie uns vergeben durch Jesus Christus.

„Das große Fest“, so ist das Thema dieses Tages. Wir gehen nachher hinaus und werden ein Fest feiern – unser Gemeindefest. Aber das große Fest geschieht eigentlich schon hier, indem wir gemeinsam vor Gott treten, zu ihm beten, ihm unsere Schuld bekennen und seine Gnade empfangen. Hier geschieht das, was unsere Seele heil macht, was uns wahren Grund zur Freude und zum Feiern gibt.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis
29. Mai in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

1. Joh 4, 16b-21

Liebe Gemeinde!

Wer oder was ist Gott eigentlich? Können wir auf diese Frage eine klare Antwort geben?

Manche Menschen meinen jedenfalls, dass sie das können. Sie haben eine genaue Vorstellung davon, wer Gott ist, und tun dies kund, indem sie die Gottesvorstellung anderer Menschen von ihrer eigenen abgrenzen.

Dazu gehört auch die Aussage: „Wir beten zu einem anderen Gott“, die immer wieder einmal, vor allem in christlichen Kreisen, im Blick auf das Miteinander von Christen und Muslimen gemacht wird.

Mit dieser Aussage wird der Eindruck erweckt, dass man genau weiß, zu was für einem Gott wir beten, und auch zugleich weiß, zu was für einem Gott andere Menschen beten.

Ich habe mit solch einer Aussage aber einige Probleme. Denn sie stellt den Versuch dar, Gott auf ein Schema festzulegen, das unserer doch sehr begrenzten Vorstellungswelt entspricht und entsprungen ist.

Gewiss lassen sich einige Eckpunkte festhalten, und vor allem ist das Handeln Gottes durch Jesus Christus ein deutliches Unterscheidungsmerkmal.

Aber sobald wir diese Eckpunkte zur Ab- und Ausgrenzung benutzen, laufen wir Gefahr, das Gebot der Liebe zu missachten, das grundsätzlich allen Menschen gilt.

Kein Mensch ist in der Lage, sich Gott in seiner ganzen Größe und Wahrheit vorzustellen. Alles, was wir tun können, ist, die Erfahrungen, die jeder Mensch in irgendeiner Weise mit Gott gemacht hat, zu erfassen und daraus Rückschlüsse zu ziehen auf das Wesen Gottes. Aber dass dies dann nur ein sehr bruchstückhaftes Bild sein kann, müsste eigentlich jedem einleuchten.

In der Bibellese für den gestrigen Tag aus dem Ökumenischen Bibelleseplan war der Ausschnitt aus dem 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes zu lesen, in dem Paulus davon redet, dass wir jetzt alles nur stückweise erkennen können. Es kommt die Zeit, da wir alles werden sehen können, aber bis dahin können wir wohl nie sagen: so ist Gott. Das einzige, was wir von ihm durch Jesus Christus mit Gewissheit sagen können, ist, dass er gnädig und barmherzig ist.

Die Erfahrungen, anhand deren wir uns ein Bild von Gott zu machen versuchen, sind schon außer­ordentlich vielfältig. Ein weiser Mensch hat einmal gesagt, dass es so viele Gottesvorstellungen gibt, wie es Menschen gibt. Und das hat damit zu tun, dass unsere Gottesvorstellung geprägt ist von unseren eigenen Lebenserfahrungen, und diese sind bei jedem einzelnen Menschen unterschiedlich – selbst dort, wo zwei Menschen in der Ehe miteinander verbunden sind und ihr Leben tagaus-tagein teilen.

In der Bibel lesen wir davon, wie Gott in der Geschichte gewirkt hat – und merken, dass es da Veränderungen gibt. Wir sehen Bilder vom barmherzigen Gott genauso wie von dem Gott, der ganze Städte zerstört.

Da ist der Gott, der den Menschen zu seinem Ebenbild erschuf, und da ist der Gott, der dieses sein Ebenbild aus dem Paradies vertreibt. Da ist der Gott, der die ganze Menschheit – bis auf Noah und seine Familie – in der Sintflut ausrottet, und da ist der Gott, der seinen Sohn opfert und so seine grenzenlose Liebe offenbart.

Dazu gibt es unsere eigenen Erfahrungen, die diese Erfahrungsberichte aus der Bibel ergänzen und facettenreich machen. Da sind gute Erfahrungen: Gott hat einem durch tiefes Leid oder Trauer hindurch­geholfen, man hat von ihm Wegweisung empfangen, man hat seine Nähe und Kraft gespürt, als man krank war oder nach Hilfe suchte.

Aber es gibt auch die andere Erfahrung: Gott hat einen im Stich gelassen, er war nicht da, als man ihn brauchte, er ließ eben keinen Wegweiser auftauchen, als man nicht mehr weiter wusste.

Er ließ den geliebten Ehepartner viel zu früh sterben, und er lässt es zu, dass Tag für Tag, Stunde um Stunde tausende von Menschen, darunter viele Kinder, Hungers sterben.

Mir wurde von Gemeindegliedern – meist in meinen früheren Gemeinden – erzählt, dass sie, als sie noch Kinder waren, mit ansehen mussten, wie ihre eigenen Eltern von feindlichen Soldaten misshandelt oder ermordet wurden. Andere haben ihre Eltern im Laufe des Krieges verloren; der Vater fiel im Krieg, die Mutter wurde verschleppt oder ging an den Strapazen des Krieges zugrunde.

Man wundert sich kaum, wenn Menschen, die so etwas durchgemacht haben, an Gott zweifeln oder gar nicht mehr an ihn glauben können oder wollen.

Gott hat viele Gesichter, und keins dieser Gesichter ist offenbar das eine, einzige, von dem wir sagen könnten: das ist Gott.

Unser Predigttext, der Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief, macht nun eine einzige Aussage über Gott: Gott ist die Liebe!

Gott ist die Liebe. Diese Aussage kann nicht jeder Mensch teilen. Schnell möchte man ergänzen, dass er das eben nicht allein ist, sondern dass da noch mehr dazu gehört. Gott ist nicht nur die Liebe. Denn wenn er es wäre, dann könnte er doch nicht das Elend in dieser Welt, das so grausam ist, zulassen.

Und doch hören wir diese Worte, müssen wir sie heute anhören: Gott ist die Liebe.

Bei dem Wort „Liebe“ denke ich zunächst an die Liebe zweier Menschen zueinander. Sie sind füreinander da, sie gehen gemeinsam durch dick und dünn, sie stützen und stärken einander in schweren Tagen, und sie genießen gemeinsam die Freude, wenn sie Gutes erfahren.

Liebe, dabei denke ich auch an die Liebe, die ich meinen Mitmenschen gegenüber empfinde. Ich erkenne in ihnen liebenswürdige Geschöpfe Gottes. Ich verachte sie nicht, sondern ich versuche, ihnen Gutes zu tun, sie spüren zu lassen, dass sie geliebt sind.

Liebe – das ist nicht das sexuelle Vergnügen, etwa so: „wir haben uns geliebt“ – für eine Nacht. Liebe ist vielmehr immer die Wertschätzung des anderen, der Respekt für den anderen. Liebe dient nicht dem eigenen Vergnügen, sondern Liebe dient dazu, das Leben des anderen lebenswert zu machen.

Liebe ohne ein Gegenüber, das gibt es nicht. Liebe ist immer auf ein Ziel hin gerichtet. Das bedeutet auch: es kann Liebe als eigenständige Größe gar nicht geben. Wenn es also hier heißt: „Gott ist die Liebe“, dann müsste das eigentlich bedeuten: „Gott liebt“. Und automatisch müsste man sagen: „Gott liebt uns!“

Aber das ist nun doch nicht gemeint. Denn sonst würde alles Weitere aus unserem Predigttext keinen Sinn machen. „Gott ist die Liebe“ – vielleicht ist er – oder sie - genau das: die Liebe.

In Jesus Christus wurde diese Liebe manifestiert, sie wurde sichtbar, und sie hat sich nicht nur ein paar Menschen zugewendet, sondern der ganzen Menschheit, allen.

Gott ist die Liebe: Wenn das so ist, dann sind alle die, die Liebe für ihre Mitmenschen empfinden, auf dem richtigen Weg, sie sind auf dem Weg Gottes. Sie beten den „richtigen“ Gott an.

Johannes fordert uns auf, in der Liebe zu bleiben, denn dann bleiben wir in Gott. Dazu gehört, alle Furcht zu überwinden und die ersten Schritte auf unbekannten Wegen zu wagen.

Wenn wir in der Liebe bleiben, dann lieben wir natürlich auch unsere Mitmenschen. Und darin kann es dann auch keine Unterscheidung geben – es kann nicht angehen, dass wir manche Menschen von der Liebe ausnehmen. Denn wenn Gott die Liebe ist, dann macht auch er keinen Unterschied. Oder was wäre das für eine Liebe, die nur manche Menschen zum Ziel hat, und andere nicht?

Es wäre keine vollkommene Liebe. Kann das aber sein, dass Gott unvollkommen ist? Sicher nicht. Darum „lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt“.

Es bleibt die Frage, wie es dann zu dem Elend und der Not in der Welt kommen kann.

Nun, Gott ist die Liebe – und wir sind in ihm. Wenn das so ist, dann sind wir es, die diese Liebe Gottes für alle Menschen sicht- und spürbar machen.

Bei solchen Gedanken erinnere ich mich an den Vortrag eines afrikanischen Bischofs, der sagte: uns geht es schlecht, euch geht es gut. Als Christen habt ihr die Pflicht, uns zu helfen, damit wir die Liebe Gottes erkennen können.

Da kann man zwar leicht „Ja, aber …“ sagen, aber es ist auch ganz gut, wenn man erst einmal über diese Aussage eine Weile nachdenkt.

Weil Gott die Liebe ist, darum besteht diese Welt überhaupt noch. Weil es Menschen gibt, die von dieser Liebe erfüllt sind, die in Gott bleiben. Das Elend dieser Welt und ihre Ungerechtigkeit kann ja von der Liebe überwunden werden – sie kann von uns überwunden werden. Auch so wird sichtbar und erkennbar, dass Gott die Liebe ist.

Darum lasst uns in der Liebe bleiben, damit wir diese Liebe durch unser Reden und Tun weitertragen. Lasst die Liebe spürbar werden für alle Menschen, die uns begegnen, damit offenbar wird: Gott ist die Liebe.

Amen

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Predigt Pfingstsonntag
15. Mai in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):

»Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.

(Apg 2, 1-18)

Liebe Gemeinde!

Wenn ich die Pfingstgeschichte höre, wie sie uns Lukas erzählt, dann erinnere ich mich an die Bildchen, die immer im Kindergottesdienst ausgeteilt wurden und auf denen die Jünger mit kleinen Feuerflammen über ihren Häuptern zu sehen waren. Anfangs konnte ich damit nicht viel anfangen – wieso brennen die Köpfe der Menschen? Sie sahen für mich aus wie menschliche Kerzen – etwas bedrohlich schien es mir.

Erst viel später wusste ich, dass diese Feuerzungen Symbole sind für den Heiligen Geist. Es ist ja auch so: das Bild selbst kann gar nicht wirklich wiedergeben, was sich da damals in Wahrheit zugetragen hat. Denn in der Geschichte wird ja nur von einer Erscheinung geredet, die wie Feuerzungen aussah.

Ob das wirklich sichtbar gewesen ist, steht gar nicht zur Debatte. Vielmehr werden diese „Feuerzungen“ gleich interpretiert als Erscheinungsform des Heiligen Geistes, der sich dann auf sie setzte und sie erfüllte.

Also war das mit den Feuerzungen wohl nur ein kurzer Moment, wenn es überhaupt sichtbar war. In der nachfolgenden Erzählung, als sie sich dann hinaus begeben, verwundern sich die Menschen ja auch nicht über die Feuerzungen auf ihren Häuptern, sondern über das, was der Heilige Geist in ihnen bewirkt hatte.

Und das ist nun wirklich außergewöhnlich: Menschen aus Galiläa, nicht gerade hoch gebildet, aber natürlich auch nicht völlig dumm, reden so, dass Menschen aus der ganzen damals bekannten Welt sie verstehen können.

Das ist das eigentliche Wunder, das man allerdings auf Bildern nicht darstellen kann, weswegen man sich wohl lieber mit den Feuerzungen begnügt.

Das Pfingstfest, dieses erste Pfingstfest der Christenheit, brachte Einheit, wo sie seit Anbeginn der Menschheit nicht mehr möglich war. Seit dem Turmbau zu Babel gibt es verschiedene Völker und Sprachen.

Die Verständigung untereinander konnte nur dann geschehen, wenn man sich die Mühe machte, die Sprache der anderen auch zu erlernen. Das wird heutzutage bei dem Versuch, Flüchtlinge zu integrieren, in besonderer Weise wieder deutlich.

Sprache grenzt ab. In den letzten Jahrzehnten kam es zu mehreren Staatengründungen, weil sich Bevölkerungsgruppen, die eine eigene Sprache pflegten, von der Regierung nicht ausreichend repräsentiert sahen. Neue Grenzen wurden gezogen.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel, in der davon die Rede ist, wie es zu der Vielfalt der Sprachen kam, musste übrigens auch herhalten für eine theologische Begründung der Apartheid, die bis vor fast 25 Jahren in Südafrika herrschte. Die Trennung der Völker sei gottgewollt, so hieß es – wie könnten wir uns dagegen stellen?

Doch wer so denkt und redet, übersieht völlig das, was sich zu Pfingsten ereignete, wo Gott selbst durch seinen Geist die Verbindung zwischen den Völkern wieder herstellte.

Bemerkenswert ist dabei wohl, dass nicht davon die Rede ist, dass sich die Menschen jetzt plötzlich untereinander verständigen können, sondern nur davon, dass sie die Rede von den großen Taten Gottes verstehen können.

Einigkeit, die kannte die christliche Gemeinde allerdings schon vorher. Christus war in den Himmel aufgefahren – danach zerstreuten sich seine Jüngerinnen und Jünger nicht etwa, sondern sie versammelten sich regelmäßig zum Gebet und zum gemeinschaftlichen Mahl.

Nun war es für sie nicht weiter kompliziert, diese Einheit darzustellen. Sie hatten alle den gleichen Hintergrund, waren etwa drei Jahre lang mit Jesus unterwegs gewesen und hatten sich in dieser Zeit sehr gut kennengelernt. Sie waren gute Freunde, und Freundschaften halten mitunter ein Leben lang, das wissen wir aus eigener Erfahrung.

Aber es hätte auch anders sein können. Denn was für einen Grund gab es nun noch, sich zu versammeln, beieinander zu bleiben? Jesus war fort, und mit ihm das Besondere, die Kraft, die böse Geister auszutreiben und Kranke zu heilen vermochte. Mit ihm war auch die Kraft des Wortes geschwunden, die Vollmacht, mit der er religiöse Oberhäupter provoziert und politische Herrscher ins Grübeln gebracht hatte.

Noch viel wichtiger aber: jetzt fehlte die Ermutigung, der Zuspruch, die Gewissheit, dass es sich lohne, diesen Weg, seinen Weg, mit zu gehen.

Aber dieser ganze Mangel führte nicht etwa dazu, dass sie sich trennten und jeder wieder seine eigenen Wege ging. Im Gegenteil: sie spürten diesen Mangel sehr deutlich, denn sie wussten ja, dass das alles möglich war. So war ein Funke, eine Hoffnung in ihnen geblieben, dass es wieder so werden könnte. Dazu trat, dass Jesus ihnen ja auch den Tröster verheißen hatte, wie wir im Johannes-Evangelium lesen können:

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. (Joh 14, 15-20)

Dieser Verheißung – und ihrer eigenen Erfahrung – vertrauten sie. Darum blieben sie beieinander, darum blieben sie eine Gemeinde, kraftlos zwar, aber nicht ohne Hoffnung.

Dass sie damit zugleich eine Bedingung für das Wirken des Heiligen Geistes erfüllten, ist ihnen vermutlich nicht einmal bewusst gewesen. Aber es ist so: der Geist weht zwar, wo er will, aber er wirkt besonders da, wo Menschen sich im Gebet und im Vertrauen auf die Liebe Gottes versammeln.

Denn der Geist Gottes bildet Gemeinschaft, und er sucht Gemeinschaft: wir finden diesen Gedanken auch im Glaubensbekenntnis wieder, wenn im dritten Artikel, in dem es ja um den Heiligen Geist geht, auch von der Gemeinschaft der Heiligen und der einen christlichen Kirche geredet wird. Dies wird durch den Heiligen Geist gewirkt.

Und plötzlich ist das, was für sie schon selbstverständlich gewesen war: das Füreinander-Da-Sein, das Zueinander-Gehören, das Sich- Unter-Dem-Evangelium-Versammeln, nicht mehr nur für sie von Bedeutung: es wirkt sofort hinaus in die Welt. Die Einigkeit, in der sich die ersten Christen durch den Heiligen Geist offenbaren, vereint sogleich auch all die Menschen, die eigentlich gar nicht zusammen gehören können, weil sie sich untereinander nicht verstehen.

Die christliche Gemeinde, die Einheit der christlichen Gemeinde ist es, die nun die Brücke schlägt. Durch das Evangelium – es sind die „großen Taten Gottes“ (Apg 2, 11), von denen sie reden – werden Parther, Meder, Elamiter, Ägypter, Römer, Kreter, Araber und all die anderen plötzlich eins.

Der Geist verbindet, er führt zusammen.

Verwundert es, dass die Welt draußen das nicht versteht? Ist es wirklich verwunderlich, dass die, die immer ihre Grenzen gezogen haben und lieber für sich allein leben als in der Gemeinschaft mit anderen, da, als sie bemerken, dass es auch anders geht, dass Gemeinschaft möglich ist, einen Rückzieher machen und behaupten: sie sind voll von süßem Wein?

Denn das, was hier durch den Heiligen Geist in Gang gesetzt wird, gefährdet etwas, was in unserer Gesellschaft längst zum Gott erhoben wurde: den wirtschaftlichen Erfolg, der im Kleinen wie im Großen das Leben aller Menschen zu bestimmen scheint.

Der Heilige Geist schafft dagegen Gemeinschaft, die füreinander da ist. Wenig später schon, noch im gleichen Kapitel, ist in der Apostelgeschichte davon die Rede, wie diese Gemeinschaft aussieht:

Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. (Apg 2, 42-45)

Wenn man genau hinsieht, dann wird einem klar: das ist Kommunismus in seiner reinsten Form. Nur dass wir dieses Wort nicht so gerne hören, denn uns sind die Auswirkungen des politischen Kommunismus nur allzu deutlich vor Augen – wir wissen, dass das nicht funktioniert hat.

Aber wie sollen wir es nennen? Christliche Kirche? Christliche Gemeinde? Christliche Gemeinschaft? Kommunität?

Oder tun wir das Ganze ab und sagen, es sei doch alles nur ein Traum? In Wahrheit habe das doch nie funktioniert, es könne gar nicht funktionieren, genauso wenig wie der politische Kommunismus?

Oder ist dieser Bericht tatsächlich Zeugnis der Entstehung einer Gesellschaftsform, die sich abhebt von dem Rest dieser Welt und diese Welt verändern könnte, wenn sie nur Bestand gehabt hätte?

Fest steht, dass die etablierte, institutionalisierte Kirche nur wenig davon widerspiegelt. Spätestens seit der christliche Glaube zur Staatsreligion erhoben wurde, dürfte diese Gesellschaftsform, die hier Ausdruck fand, in den Hintergrund getreten und vergessen worden sein.

Aber doch hat es immer Gemeinschaften gegeben, die genau das leben: klösterliche Gemeinschaften, im protestantischen Bereich oft Bruderschaften oder Kommunitäten genannt, versuchen, diese Gesellschaftsform wirklich werden zu lassen.

In unserem Predigttext wird der Geburtstag der Kirche geschildert, wie sie gemeint ist: eine Gemeinschaft der Heiligen, die aus der Vergebung der Sünden heraus lebt und wirkt in einer Welt, die Macht und Geld als die wichtigsten Güter menschlicher Existenz ansieht. Das bedeutet: die Kirche ist anders. Sie lässt sich nicht mit wirtschaftlichen Maßstäben messen und sucht schon gar nicht danach, wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Dagegen setzt die christliche Gemeinde ihr Wissen von der Allmacht Gottes, der letztlich alle Dinge in der Hand hat und vor dem es egal ist, ob man reich ist oder nicht.

Aber dieses Wissen glaubhaft zu machen, fällt uns heute schwer. Das liegt schon daran, dass die Kirche in viele Kirchen zersplittert ist, und geht weiter bis dahin, dass Menschen, ja, sogar Kinder, in ihr missbraucht wurden.

Es geht manchmal, so kann man wohl sagen, allzu menschlich zu in der christlichen Kirche. Und darum stellt sich die Frage: Wer will einer solchen Kirche noch glauben? Wer kann ihr Zeugnis von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes noch ernst nehmen?

Nun, der Heilige Geist macht es möglich. So wie damals Hunderte sich sogleich taufen ließen, obwohl der Zweifel noch viel mehr Menschen davon abhielt, so kann es auch heute sein. Der Geist wirkt auf eine Weise, die sich uns nicht ohne Weiteres erschließt. Aber seine Kraft sollten wir niemals unterschätzen; wir dürfen nie aufhören, mit ihm zu rechnen.

Beten wir also darum, dass Gott, der Vater, sich in seiner Kirche als der Allmächtige und der Barmherzige offenbart;

Beten wir darum, dass Gott durch seinen Geist die Einheit schafft, die wir Menschen nicht herstellen können;

Beten wir darum, dass Gott durch seinen Sohn die Schuld vergibt, die uns belastet und unglaubwürdig macht.

Damit die Kirche sei, wie sie von Anfang an gemeint ist: eine Gemeinschaft der Heiligen, die Gemeinde der Auserwählten Gottes, die Versammlung derer, die sich Kinder Gottes nennen dürfen.

Amen

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Predigt Sonntag Exaudi
8. Mai in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

(Eph 3, 14-21)

Liebe Gemeinde!

Die Paulusbriefe stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Die Sprache verlangt aufmerksames Hinhören und und -schauen, und mit einem Mal ist es dann sicher nicht getan. Ich will darum dem Text gewissermaßen nachgehen und versuchen, zu verstehen, worum es da eigentlich geht.

Zwei Sätze sind es im Griechischen Original, drei in der Übersetzung Luthers. Ich wüsste schon gerne, wie lange der Verfasser an diesen zwei Sätzen gesessen hat, sie feilte, überarbeitete und immer wieder neu entwarf, bis er endlich sicher war: so kann es auf den Papyrus gelangen.

Das ist Kunst, Sprachkunst, die gerade hier völlig angemessen und richtig ist. Denn es geht um Gott, und ihm gebührt, dass man sich ihm mit dem besten, was wir zu bieten haben, annähert, denn das Beste ist ja längst nicht gut genug.

Wir können mit unseren Worten gar nicht beschreiben, wer Gott ist und wie er in diese Welt wirkt. Und wenn wir es doch versuchen, kann es eigentlich nur auf die kunstvollste Weise geschehen, die uns zu Gebote steht. So etwas geht nicht in der Sprache von Twitter & Co. Oder fänden Sie es ausreichend, wenn man sagt: „Gott ist cool!“? Ein solcher Satz würde uns vielleicht ein Lächeln abzwingen, aber wir würden doch auch gleich spüren, dass das nicht angemessen, nicht ausreichend ist.

Es gibt ein Buch, das heißt „Und Gott chillte“. Es nimmt für sich in Anspruch, die Bibel in Form von SMS-Texten, also in Kurznachrichten, zusammenzufassen. Sicher gelingt das auch, denn es hat nur 330 Seiten und enthält doch die ganze Bibel.

Die Frage ist nur, zu welchem Preis das gelingt (nicht, wie viel das Buch kostet, sondern wieviel auf- oder preisgegeben wird). Hören wir einmal hin, wie unser Predigttext da lautet:

„Gott ist dein Vater in Himmel und auf Erden. Er gibt dir die Kraft, Liebe, Erfüllung und das Verstehen in alle Ewigkeit.“

Das war’s schon. Reicht das? Ist uns das genug, um die Größe und Herrlichkeit Gottes zu beschreiben? Kann mit diesen Worten deutlich werden, wie Gott unter uns Menschen wirkt?

Natürlich nicht. Denn wir haben es hier nicht mit einer Nachricht zu tun, die man morgen schon vergessen hat, wie das bei all den Kurznachrichten in der Regel der Fall ist. Hier geht es vielmehr um weltbewegende und lebensverändernde Aussagen, die eine andere Hülle brauchen als eine schlichte Kurznachricht.

Ich lese noch einmal den Anfang des Predigttextes vor:

Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,

Paulus beugt seine Knie vor dem Vater, also vor Gott. Das heißt mit anderen Worten: er betet. Wann haben Sie das letzte Mal solche Worte gehört? Wann hat Ihnen jemand gesagt: ich bete für Dich?

Und wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand so etwas sagt? Ich kann mir vorstellen, dass solche Worte dann auch schnell in den falschen Hals geraten, dass man das Gefühl hat, man habe ein Defizit, eine Schwachstelle, die der andere kennt und die ihn doch eigentlich gar nichts angeht – und überhaupt, man hat doch gar keine Schwachstelle. Warum also will diese Person für mich beten?

Vielleicht aber wären Sie auch schlicht dankbar, dass da jemand ist, der für sie betet. Ich wäre es. Und ich kann bezeugen, dass es hilft – nicht immer so, wie man es sich wünscht, aber das Gebet verändert unser Leben – ob wir nun diejenigen sind, die für andere beten, oder diejenigen, für die gebetet wird. Ich habe schon oft gespürt und erlebt, dass das Gebet geholfen hat, und kann nur empfehlen, es selbst zu pflegen – auch das Gebet für unsere Mitmenschen.

Paulus beschreibt mit erhabenen und erhebenden Worten das Erhabene und Erhebende – oder besser: den Erhabenen und Erhebenden. Er beschreibt den Vater als den rechten Vater über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, und das heißt doch letztlich über alle, die sich ihm zuwenden.

Paulus bittet ganz konkret für die Christen in Ephesus, dass dieser Gott ihnen Kraft schenke,

dass er, so schreibt Paulus, euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,...

Da öffnet sich eine Welt, die wir gerne übersehen. Es geht nicht um die Kraft, Bäume zu fällen, Schränke zu verschieben, Steine zu tragen oder in einem sportlichen Wettkampf zu gewinnen, sondern es geht um Kraft an dem inwendigen Menschen, und das bedeutet, Kraft zu bekommen, um dem zu widerstehen, was dem inwendigen Menschen – nennen wir es ruhig Seele – schaden könnte. Oder positiv ausgedrückt:

Es geht um die Kraft, durch die uns das Reich Gottes in einer Weise erschlossen wird, dass es uns durch nichts genommen werden kann.

Paulus schreibt es so:

dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.

Das passt natürlich nicht gerade zu dem Lebensmodell, das allgemein in unserer Gesellschaft propagiert wird. Es gibt inzwischen tausende verschiedene Angebote, die einem helfen sollen, sein Leben so zu gestalten, dass man möglichst erfolgreich ist und möglichst überzeugend usw. wirkt. Selbstmanagement nennt man so etwas und meint damit die Fähigkeit, das Beste aus sich selbst heraus zu holen – natürlich für sich selbst.

Immer gibt es dazu auch Vorbilder, die es irgendwohin geschafft haben und denen man nacheifern will, weil man es ebenfalls dahin schaffen will.

Für uns als Christen gilt aber erst einmal ganz schlicht: ich bin Gottes Kind. Ich bin der, der aus dem Willen Gottes heraus entstanden ist, der, so wie er ist, seine Aufgabe in dieser Welt hat, und der sich darauf verlassen kann, dass Gott ihn nicht allein lässt.

Wir spüren die Liebe Gottes, die uns umfängt, die uns wertschätzt, ohne dass wir irgend eine Leistung erbringen müssten. Vor Gott bin ich die Nr. 1. Ich bin ihm über alles wichtig – so wichtig, dass er seinen Sohn in den Tod gab, damit ich von all dem Ballast befreit würde, der die Menschheit seit Menschengedenken belastet.

Und dieser Ballast drückt sich in der Tat auch in dem Verlangen aus, etwas Besonderes zu sein, von seinen Mitmenschen geachtet und gelobt zu werden – und etwas besser zu sein als die anderen.

Doch das sind wir nicht. Und wenn wir es dann doch wären, würde es uns nichts nützen. Denn indem wir diesem Verlangen nachgeben, werden wir hineingezogen in den Sumpf, der uns immer weiter von Gott entfernt. Denn wir versuchen letztlich nur, alles aus uns selbst heraus und ohne Gott zu sein.

Und wenn wir so weit sind, dann haben wir aufgegeben, Gottes Kinder zu sein.

Unsere Stärke ist nicht der Erfolg im Beruf oder die Anerkennung durch unsere Mitmenschen, sondern die Liebe Gottes, die uns selbst zur Liebe ermutigt und gewissermaßen auch anstiftet.

Die Liebe Gottes ist es, die uns zu Heiligen – und damit natürlich zu etwas Besonderem – macht. Durch sie begreifen wir,

welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.

Wollten wir einen Maßstab anlegen, hätten wir lange zu tun, um die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe Gottes auszumessen. Irgendwann würden wir feststellen, dass das nicht geht, denn hier begegnen wir der Unendlichkeit, dem Ewigen. Da ist nichts mehr zu messen, sondern nur noch zu begreifen.

Wenn wir das Wort „begreifen“ wörtlich nehmen, dann stellen wir fest, dass es um Erfahrung geht. Denn die Gottesfülle ist unbeschreiblich; sie kann nicht definiert werden; sie kann aber erfahren werden.

Letztlich geht es um die Liebe Christi, die Torheit des Kreuzes, das Handeln Gottes, das wie eine Niederlage erscheint und doch ein Sieg ist.

Diese Liebe gibt unserem Leben einen Sinn und ein Ziel. Denn was sonst sollte uns die Kraft zum Leben geben, den Mut und den Willen zum Sein, wo doch der Tod alles zunichte macht, was wir aus eigener Kraft erreichen?

Es ist immer die Liebe, und an erster Stelle steht da die Liebe Gottes zu uns, die wir mit unserer Liebe erwidern mögen.

Während ich arbeite, höre ich gerne Musik. Ich habe nahezu alle unsere CDs, die wir uns im Laufe unseres Lebens angeschafft haben, auf dem PC gespeichert und kann mir dann nach Belieben die Musik vorspielen lassen. Ich kann sogenannte Playlists einrichten, z.B. eine mit meinen Lieblingsstücken, eine mit den Stücken, die ich am wenigsten gehört habe, usw.

Vor einigen Wochen habe ich mich entschlossen, mal wieder alles durchzuhören. Im Ganzen sind das 11642 Musikstücke, von Bach bis zur fast heutigen Rockmusik, bunt durcheinander gewürfelt. Die Spieldauer – wenn die Musik ohne Unterbrechung gespielt würde – wäre 35 Tage und 13 Stunden.

Und gestern, während ich an der Predigt arbeitete, wurde ein Lied von Joan Osborne aus dem Jahr 1995 gespielt. Es heißt „One of Us“ und erzählt davon, was wohl wäre, wenn Gott einer von uns wäre. Seinerzeit war das Lied ein Hit, der sich immerhin 2 Wochen auf Platz 1 der Charts in den USA behauptete.

Der Refrain ist simpel: Yeah, yeah, God is great, Yeah, yearh, God is good... Gott ist groß, Gott ist gut.

Merkwürdig, dass dieses Lied gerade gestern zu dieser Zeit im meiner langen Playlist dran war. Ich spürte sofort, dass es mit unserem Predigttext in einer engen Verbindung steht.

Denn auch in diesem Lied geht es um die Größe und Güte Gottes, um seine Liebe, um das Unbegreifliche, dem wir uns stellen dürfen, dem wir uns gewissermaßen ausliefern dürfen in dem Wissen, dass das nur Gutes für uns bedeutet.

Ich möchte den Text, der fast nur aus Fragen besteht, einmal auf Deutsch vortragen:

Wenn Gott einen Namen hätte, wie würde er lauten?
Und würdest du ihn auch mit diesem Namen rufen,
wenn du ihn in all seiner Herrlichkeit sehen würdest?
Was würdest du fragen,
wenn du nur eine einzige Frage stellen dürftest?
Was, wenn Gott einer von uns wäre?
Ein dreckiger Stadtstreicher so wie einer von uns?
Ein Fremder im Bus, der nur nach Hause will?
Wenn Gott ein Gesicht hätte, wie würde es aussehen?
Und würdest du es sehen wollen,
wenn das bedeuten würde, dass du glauben müsstest
an den Himmel und an Jesus
und an die Heiligen und an all die Propheten?
Er versucht, nach Hause zu kommen, zurück in den Himmel,
und niemand versucht, ihn anzurufen,
außer vielleicht der Papst in Rom.

Ich finde, in diesem Lied kommt deutlich die Erhabenheit und Herrlichkeit Gottes zum Ausdruck, obwohl nun gerade die Frage gestellt wird, was wohl wäre, wenn er einer von uns, also ein Mensch, wäre.

Es ist natürlich eine rhetorische Frage, denn Gott ist einer von uns geworden, ein Fremder, den niemand so recht verstand – wie auch, da Gott auf so wunderbare Weise an uns handelt, wenn seine Menschwerdung unser Heil bedeutet und damit alles Verstehen von Gott eigentlich auf den Kopf gestellt wird?

In dem Lied wird die Gottesfülle schon deutlich, und zugleich die Achtlosigkeit so vieler Menschen, die nichts davon wissen wollen, die sich lieber ganz auf sich selbst verlassen und meinen, die einzigen zu sein, die etwas zu ihrem Glück beitragen können. Sie alle sind gescheitert oder werden scheitern, denn das wahre Glück kann doch nur von Gott her kommen.

Das Gute und Beruhigende ist: Gott schenkt uns dieses Glück, wenn wir ihm vertrauen. Es ist ein Geschenk, das wir nicht erwidern müssen. Aber es ist ein so großes Geschenk, dass wir nicht unberührt bleiben können. Wer sich als Gottes Kind erfährt, wer seine liebevolle Zuwendung spürt, der wird sie auch erwidern – es geht gar nicht anders.

Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen...

Darum sind wir heute hier versammelt, darum feiern wir regelmäßig Gottesdienst und laden ein zu Andachten und Gebet.

Und eigentlich, so sollte man meinen, müssten unsere Kirchen zu diesen Zeiten voll sein, denn es sind so viele Menschen, denen Gott sich zuwendet.

Das Lied von Joan Osborne bringt aber wenigstens indirekt auch das zum Ausdruck: Die Hinwendung zu Gott fordert immer auch Konsequenzen, und ich glaube, dass viele Menschen davor zurück scheuen, plötzlich von Gott in Anspruch genommen zu werden, denn im Gottesdienst spricht er uns an.

Und da ist es doch leichter, wenn wir den Blick abwenden, wenn wir nicht hingehen, wenn wir uns ganz auf uns selbst konzentrieren, wenn wir die Fragen, die Joan Osborne stellt und die uns direkt mit Gott konfrontieren, einfach nicht beantworten.

Dass man dabei unendlich viel verliert, merkt man nicht, denn da man es nicht erfahren hat, kann man auch das Ausmaß, die Breite und Länge und Höhe und Tiefe, nicht erfassen.

Darum bitten auch wir hier für all die Menschen, die heute nicht mit uns Gottesdienst feiern können oder wollen, dass sie in der Liebe eingewurzelt und gegründet werden und dann auch bleiben.

Amen

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Predigt zu Christi Himmelfahrt
5. Mai 2016 vor der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus zeigte sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter den Aposteln vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes. Und als er mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr, so sprach er, von mir gehört habt; ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.

Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.

Apg 1, 3-11

Liebe Gemeinde!

„Jesus zeigte sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige...“ Wenn ich solche Worte höre, frage ich mich fast unweigerlich: wer glaubt das eigentlich noch?Wer glaubt, dass der auferstandene Herr Jesus, der Christus, sich seinen Jüngern zeigte, nicht nur einmal, sondern viele Male?

Viele Theologen haben die Aufgabe der Interpretation dieser Erzählungen längst an die Tiefenpsychologen abgetreten, denn es gehe hier doch eher nur um Hirngespinste, wobei man natürlich nicht dieses Wort gebraucht, denn das wäre doch allzu abwertend, es aber durchaus meint.

„Glaubensbilder“, könnte man vielleicht anstelle von „Beweisen“ sagen – Bilder, die beschreiben wollen, wie der Auferstandene die Herzen der Jünger – und ich möchte natürlich auch die Jüngerinnen dazu zählen – aufwühlte.

Merkwürdig nur, dass uns gar nicht so viele „Beweise“ überliefert wurden. Da haben wir die Geschichte von den Emmaus-Jüngern, die uns Lukas, der Verfasser auch der Apostelgeschichte (und damit unseres Predigttextes), selbst überliefert. Dann erzählt er noch einmal davon, wie Jesus den Jüngern erschien, und das war’s dann auch schon. Markus verzichtet eigentlich ganz auf solch einen Beweis, und Matthäus beschränkt sich auf die eine Begegnung in Galiläa, wo der auferstandene Herr die Jünger auffordert, das Evangelium in die Welt hinauszutragen und alle Völker zu Jüngern zu machen.

Nur das Johannes-Evangelium geht etwas detaillierter auf die Zeit nach der Auferstehung ein: Da ist die Erzählung davon, wie Jesus den Jüngern die Vollmacht überträgt, Sünden zu vergeben. Da ist der Bericht vom sogenannten „ungläubigen Thomas“, und dann berichtet der Evangelist noch von der Erscheinung des Auferstandenen am See Tiberias.

Aber eigentlich noch nicht genug, um von „vielen Beweisen“ zu reden, denn, manche dieser Erzählungen überschneiden sich ja auch.

Und dennoch spricht Lukas davon, als seien es viele und als seien diese vielen Beweise allen bekannt. Und für die damalige Gemeinde war es ja auch so. Denn die Apostel hatten ja davon erzählt, und alle Gemeinden hatten davon teilweise aus erster, oft aus zweiter und höchstens aus dritter Hand gehört. Die Berichte der Augenzeugen waren im Umlauf, sie wurden erzählt und wurden zum Schatz der Erinnerung für die christliche Gemeinde.

Da gab es keinen Grund zum Zweifel, anders als für viele Menschen heute. Es scheint, dass, je größer der zeitliche Abstand zum eigentlichen Geschehen wird, desto bereiter ist man, aufzugeben, was die Christenheit jahrhundertelang geglaubt hat. Natürlich ist man heute aufgeklärt, die Vernunft hat gesagt, da haben solche Geschichten eigentlich keinen Platz – höchstens für Kinder sind sie noch gut.

Aber geht es hier wirklich um neuen Wein in alten Schläuchen? Geht es darum, dass wir mit der Zeit gehen müssen und endlich das, was uns die Alten erzählt haben, hinter uns lassen? Geht es darum, Inhalte des Glaubens an unsere Zeit anzupassen?

Aber was für ein Glaube ist das, der der Beliebigkeit menschlichen Denkens und Handelns ausgeliefert wird? Sind nicht gerade diese Erzählungen, diese „Beweise“, der Kern unseres Glaubens?

„Der Herr ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Wenn wir uns das zu Ostern zurufen, dann tun wir das doch nicht nur, weil es schön klingt oder irgendwie etwas Mystisches hat, mit dem man gerne mal in Kontakt tritt, sondern weil wir es glauben: Gott hat den Tod überwunden, er hat das wahre Leben möglich gemacht.

Und tatsächlich redet der Auferstandene Jesus ja auch genau davon, von diesem wahren Leben, indem er vom Reich Gottes erzählt oder, besser gesagt, mit ihnen über das Reich Gottes spricht.

Das Reich Gottes, das wir üblicherweise „Himmel“ nennen, ist die Wahrheit Gottes. Es ist die Verwirklichung dessen, was wir hoffen und glauben. Es bedeutet Gerechtigkeit, die Gott uns schenkt, die also nicht durch irgendeine Handlung unsererseits erst erworben wird. Denn wir könnten gar nicht den Ansprüchen Gottes genügen, wenn nicht Gott selbst uns alles schenken würde.

Jesus Christus hat durch sein Kreuz und seine Auferstehung gewissermaßen die Tür geöffnet, damit wir nicht mehr wie die Kinder vor der Weihnachtsstube nur durch ein Schlüsselloch hindurch schauen und versuchen, rauszukriegen, was da alles sein könnte. Die Tür ist weit offen, wir dürfen eintreten in das Reich Gottes, oder wenigstens einen Blick hinein werfen.

Das Reich Gottes, es ist mitten unter uns – und so bekommt auch die Himmelfahrt Jesu eine etwas andere Bedeutung, als der Name nahelegen könnte. Denn Jesus wurde aufgenommen in das Reich Gottes, er nahm dort seinen Platz ein, und das hat nun nichts mit da oben zu tun, sondern mit der Universalität seiner Existenz: er ist nun überall und für alle Zeiten gegenwärtig. Das bedeutet Himmelfahrt.

„Was steht ihr da und seht zum Himmel?“, werden die Jünger gefragt, nachdem sich die Tür aufgetan hatte.

Diese Frage sollten wir uns immer wieder stellen. Wo ist Jesus für uns? Ist er irgendwo weit weg, so weit weg wie der Himmel über uns ist?

Nein. Jesus ist mitten unter uns. Er begegnet uns in unseren Mitmenschen:

In dem, der unsere Hilfe braucht – in diesen Tagen besonders in den Flüchtlingen, die zu uns gekommen sind, um Schutz und Hilfe zu finden. Menschen, die in ihrer Heimat nicht mehr bleiben konnten und viel aufgegeben haben, um hier neue Heimat zu finden.

Er begegnet uns in den Kranken und Schwachen, die jemanden brauchen, der ihnen hilft, wieder gesund zu werden und Kraft zu gewinnen.

Er begegnet uns in den Hoffnungslosen, deren Leben ziellos geworden ist, die Rat und Wegweisung brauchen.

Er begegnet uns in den Sterbenden, die den Zuspruch der Liebe Gottes brauchen.

Er begegnet uns aber auch in der Stille, wenn wir das Wort Gottes lesen und für uns selbst um Weisung bitten.

Er begegnet uns im Gottesdienst, wenn wir gemeinsam mit anderen Christen ihn anrufen, mit unseren Liedern loben und auf sein Wort hören.

Er begegnet uns leibhaftig in der Feier des Heiligen Abendmahls, wenn er sich uns hingibt zur Vergebung unserer Sünden.

Was seht ihr zum Himmel? Jesus kommt, und dieses Kommen ist nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern es ereignet sich schon jetzt, heute und hier. Er kommt zu uns.

Die Himmelfahrt ist also kein Abschiednehmen, sondern ein Willkommen.

Deswegen sollten wir es uns nicht allzu gemütlich machen in dieser Welt. Denn unsere Heimat ist das Reich Gottes, von dort empfangen wir unsere Kraft, dort werden wir in Ewigkeit bleiben.

Und das ist Grund zur Freude! Jesus Christus hat die Tür geöffnet, damit auch wir das Reich Gottes erfahren können, damit das Wirken Gottes in unserem Leben sichtbar werden kann für viele Menschen, damit auch wir getröstet und gestärkt werden, wenn es wieder einmal einen Rückschlag, eine Enttäuschung gegeben hat.

Denn wir sind Kinder Gottes – auch das bedeutet das Reich Gottes – und dürfen fest darauf vertrauen, dass er für uns da ist, was auch immer geschieht.

Und so können wir getrost all die diffusen Ängste ablegen, die hier und dort und vielleicht auch unter uns existieren: Z.B.

Die Angst davor, allein gelassen zu werden, weil in unserer Gesellschaft das „Ich“ wichtiger ist als das „Du“;

Die Angst davor, nicht genug zum Leben zu haben, weil die Rente nur sehr knapp bemessen ist und die Preise stetig steigen;

Die Angst davor, dass das Leben bedeutungslos sein könnte, weil sowieso niemand danach fragt, wer ich bin oder was ich tue;

und manche andere Ängste, wie zum Beispiel die Angst vor dem Tod, vor langer Krankheit usw.

Heute erfahren wir, dass wir Gottes Kinder sind. Wir sind sein; er ist unser „Du“, und er spricht zu uns das „Du“, das uns gewiss macht: wir sind nicht allein, wir sind nicht bedeutungslos, wir werden immer genug zum Leben haben, denn er sorgt für uns, und das Wichtigste: wir haben das Leben, der Tod ist besiegt, er hat keine Macht mehr über uns.

Amen

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Predigt Sonntag Rogate
1. Mai in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.
(1. Tim 2, 1-6a)

Liebe Gemeinde!

So ein bisschen merkwürdig ist der Predigttext schon, denn er scheint ein Verhalten fördern zu wollen, das wir in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich verlernen sollten.

Paulus lebte in einer Zeit des Feudalismus. Die Menschen waren Untertanen, und dazu noch von Herrschern, die nicht zum eigenen Volk gehörten.

Die Römer herrschten im Grunde über alle Länder rund um das Mittelmeer. Mit unterschiedlichen Methoden, durchaus auch mit Gewalt, sorgten sie dafür, dass die Menschen, über die sie herrschten, ihnen gehorsam blieben.

Paulus selbst war als römischer Bürger geboren, obwohl er kein Römer war. Das römische Bürgerrecht konnte man sich erwerben, oder es wurde einem verliehen. Auf welche Weise seine Eltern dieses Bürgerrecht erlangten, wissen wir allerdings nicht.

Für Paulus waren die Römer aber nicht aus diesem Grund keine Feinde, wie es viele seiner jüdischen Genossen sahen. Vielmehr war es ihm ziemlich gleichgültig, wer über ihn herrschte. Es hätten auch Ägypter oder Griechen oder Germanen sein können: er hätte sie alle mit den gleichen Augen gesehen: als Menschen, die durch Jesus Christus mit Gott versöhnt werden können – wenn sie es denn wollen.

Aber scheinbar zeigt er in unserem Predigttext auch keinen Missionseifer, wie wir ihn eigentlich doch von ihm kennen, denn er hat ja schließlich einige Gemeinden selbst gegründet und sich sein Leben lang für die Ausbreitung des Evangeliums eingesetzt.

Im Gegenteil: er fordert dazu auf, für die Obrigkeit, also für die römischen Herrscher, zu beten, damit „wir“ als Christen „ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“ (1. Tim 2, 2b)

Diese Aufforderung macht uns nachdenklich, denn zwei Dinge gehören doch eigentlich zum Christsein dazu: (1.) die Verkündigung der Frohen Botschaft und (2.) das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden. Zu beidem hat uns Jesus aufgerufen.

Aber beides kann uns hindern, das zu tun, was Paulus offenbar für erstrebenswert hält.

Wer die Frohe Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus, verkündet, lief schon damals Gefahr, von den Oberen als Aufwiegler gefangen genommen und im schlimmsten Fall zum Tod verurteilt zu werden.

Dieser Gefahr setzen sich auch heute Christen in vielen Ländern aus, schon dann, wenn sie sich zum Gottesdienst versammeln, und nicht erst, wenn sie sich hin begeben zu den Menschen, die die Frohe Botschaft noch nicht gehört haben.

Oft tun die Christen in solchen Ländern das auch gar nicht. Aber es gibt subtile Arten der Mission: In Indien etwa sind bei jedem Gottesdienst Lautsprecher, die außen an der Kirche angebracht waren, angeschaltet, die die Predigt laut hörbar machen für alle, die vorübergehen. Auf diese Weise wird die Frohe Botschaft, das Evangelium, Sonntag für Sonntag in die Welt hinaus hörbar. Ähnlich mag es in anderen Ländern sein, in denen eine grundsätzliche Religionsfreiheit besteht, die Mission aber untersagt ist.

Für manche ist solch ein Vorgehen eine Provokation, andere werden vielleicht aufmerksam und wollen mehr hören.

In Ländern, wo es keine Religionsfreiheit gibt, kann man das allerdings nicht tun, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen. Dass es auch heute solche Länder gibt, erfahren wir immer wieder aus den Nachrichten.

Das andere, das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden, wird in Ländern mit totalitären Regimen selten gerne gesehen. Auch in manchen Ländern, in denen angeblich demokratische Verhältnisse herrschen, wird erwartet, dass man sich auf der Linie der Regierung hält, wenn man sich öffentlich zu bestimmten Ereignissen äußert. Wer zivilen Ungehorsam übt, weil die Regierung ungerecht gehandelt hat oder im Begriff ist, ungerecht zu handeln, muss in solchen Ländern damit rechnen, gefangen genommen und im schlimmsten Fall auch gefoltert oder gar getötet zu werden.

Der sogenannte „Arabische Frühling“ mag uns daran erinnern, dass man auf diese Weise zwar viel erreichen kann, man aber nicht unbedingt ein Veränderung der Verhältnisse erreichen kann. Denn oftmals sind die Menschen in dem Land von gesellschaftlichen Strukturen geprägt, die den demokratischen Grundlinien nicht entsprechen. Und so kann eine neue Regierung schnell in alte Verhaltensmuster zurückfallen.

Vielleicht ist auch das der Grund, warum Paulus nur dazu auffordert, für die Obrigkeit zu beten, damit man ein ruhiges und stilles Leben führen kann.

Aber dabei kann es nicht bleiben, vor allem dann nicht, wenn Menschen ungerecht behandelt werden – und mit „ungerecht“ meine ich nicht die Frage, ob ein Mensch die Äpfel vom Baum des Nachbarn pflücken darf, wenn die Äste des Baumes über sein Grundstück reichen.

Es geht um das Recht, zu leben – wenn z.B. die Firma Siemens in Brasilien Staudämme errichten will, die den Lebensraum der Munduruku und anderer Volksstämme, deren Geschichte lange vor der Besiedlung Südamerikas durch die portugiesischen Kolonialherren begonnen hat, vernichten werden.

Die Regierung hat dem Vorhaben zugestimmt, wobei dies nach der brasilianischen Rechtslage eigentlich nicht zulässig ist. Aber im sogenannten Interesse der Allgemeinheit kann die Regierung so ziemlich jedes Gesetz ignorieren bzw. neue Gesetze fassen, es sei denn, man kann belegen, dass das geplante Vorhaben nicht nötig ist.

Aber hier geht es um Geld. Es sollen Wasserkraftwerke entstehen, die für einen steten Geldfluss sorgen würden. Die deutsche Firma Siemens bietet dazu das Know-How und die Technologie.

Dies ist nur ein Beispiel für viele, woraus sich die Frage ergibt: sollen wir als Christenmenschen, die daran glauben, dass Gott die Liebe ist und allen Menschen in Liebe begegnet, solches Unrecht einfach geschehen lassen?

Paulus’ Aufforderung scheint genau dies zu meinen. Aber er selbst führt dann auch dieses Argument an: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Tim 2, 4)

Die Wahrheit ist, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben und Freiheit hat, und beides wird vielen Menschen, auch z.B. den Munduruku, genommen. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, in Ruhe und Frieden leben zu können.

Wir sollen beten – das ist es, wozu uns Paulus als erstes auffordert. Wir sollen beten auch für die Obrigkeit, für die Regierungen, aber heute vielleicht noch viel mehr für die Verantwortlichen in der Wirtschaft, deren einziges Interesse es ist, den Umsatz ihrer Firma zu steigern, ganz gleich, ob dies anderen Menschen schadet.

Aber wird das Gebet genügen?

Nun, wir erfahren oft nicht, ob unser Gebet wirklich das bewirkt hat, worum wir gebeten haben. Ich weiß aber dies: das Gebet ist nicht vergeblich. Gott hört uns, wenn wir zu ihm rufen. Und manchmal ist das Gebet das Einzige, was wir tun können.

Auf jeden Fall ist es ein Baustein in unserem Handeln. Indem wir beten, beziehen wir Gott in unser Leben mit ein. Es hilft dabei, uns daran zu erinnern, dass wir Kinder Gottes sind – genauso wie alle Menschen auf dieser Erde.

Natürlich beten wir auch für die, die Unrecht tun, aber nicht, dass es ihnen gut geht und sie das Unrecht weiter pflegen können, sondern dass sie ihr Unrecht erkennen und damit aufhören – dass sie, mit anderen Worten, die Wahrheit erkennen.

Wir beten darum, dass das, was Gott für alle Menschen will, möglich wird.

So kann man dann auch die Aufforderung des Paulus verstehen und annehmen. Es geht nicht um Duckmäusertum oder gar Feigheit, sondern darum, uns immer neu des Beistandes und der Hilfe Gottes zu vergewissern, wenn wir die Frohe Botschaft in diese Welt hinaus tragen und für Gerechtigkeit und Freiheit eintreten.

Paulus selbst hat die Auseinandersetzung nie gescheut, wenn es um Gerechtigkeit und Freiheit ging. Er hat auch sein Leben aufs Spiel gesetzt, indem er die Frohe Botschaft dort verkündigte, wo die Menschen ihr gegenüber ablehnend waren.

Daran erkennen wir, dass der Wunsch nach einem ruhigen und stillen Leben nicht bedeutet, Unrecht gegenüber den Menschen und Unkenntnis der Liebe Gottes zu ignorieren, sondern für Gerechtigkeit und die Erkenntnis der Wahrheit einzutreten. Denn letztlich können wir nur dann ein ruhiges und stilles Leben führen, wenn genau dies geschehen ist: dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

So gebe uns Gott den Mut, dafür mit unseren Gebeten und unserem Handeln einzutreten.

Amen

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Predigt Sonntag Kantate
24. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer i. R. Urich Hesse

Ichthys

Predigt zu Kol. 3, 12-17

In einem der Briefe des Neuen Testamentes, im Brief des Paulus an die Gemeinde in KOLLOSSAE, im Griechenland des klassischen Altertums, heißt es:

Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den anderen und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den anderen; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!

Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit, mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

Und alles, was ihr tut mit Worten oder Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Liebe Gemeinde!

Um was geht es? Um Nachfolge geht es dem Paulus, um Nachfolge in der Gemeinschaft der Glaubenden, also der Christen, mithin der Kirche.

Diese Gemeinschaft aber ist eine Gemeinschaft der Glaubenden. Es ist eine Gemeinschaft von Menschen, in der die Menschlichkeit des Menschen aus der Liebe erwächst. Diese Liebe jedoch hat ein Vorbild. Ihr Vorbild wurzelt in der Liebe, die der Christus Gottes, der Zimmermannssohn aus Nazareth gelebt hat.

Diese Gemeinschaft der so Glaubenden: Wie ist sie organisiert? Wie stellt sie sich dar?

Paulus nennt die Menschen in Kollossae die Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten. Es sind Bilder, ja mehr noch Titel und Würdenamen für Menschen, die dieser Gemeinschaft angehörten. Im Blick auf sie hatte Paulus eine Gemeinschaft vor Augen,

  • in der Erbarmen, Güte Milde, Demut und Großmut an der Tagesordnung war,
  • in der gegenseitiges Ertragen und gegenseitige Vergebung selbstverständlich war,
  • die umschlossen war durch Liebe
  • und in der ein Friede herrschte, der von Christus ausging und der mehr war als nur ein Zustand von Nichtkrieg.

Kann man sich heute annähernd Gleiches vorstellen? Ähnelt so etwas nicht einer faszinierenden Utopie, einem schönen Traum, gar dem Paradies auf Erden?

Indes: Die Wirklichkeit damals war nicht anders als die Wirklichkeit heute. Menschliche Gemeinschaft lebte ja schon immer mit der Gefährdung durch das, was wir das Böse nennen. Darum fordert und ermahnt Paulus. Mithin: schon innerhalb der ersten christlichen Gemeinde war es nicht anders als heute; auch in ihr ginge es offensichtlich nicht immer so zu, wie Gott und Christus es wollten, und so, wie die ersten Zeugen meinten, dass es genauso sein sollte, so paradiesisch, so ideal.

Nebenbei gefragt:

Entspricht eigentlich jemals das Idealbild einer Sache eben jener, mit der man es tatsächlich zu tun hat?

Und umgekehrt:

Muß die Wirklichkeit, wenn sie denn veränderbar bleiben will, nicht immer ein Idealbild ihrer selbst vor Augen haben, auf das hin sie geformt werden kann?

Als Christen nun wissen wir einerseits: Jeder Mensch und also auch jeder Christ hat vor Gott Schuld auf sich geladen; keiner ist frei von Versagen.

Doch andererseits: darüber gilt es, sich Klarheit zu verschaffen; das bedeutet dann jedoch Bereitschaft zum Nachdenken, dann auch zur Selbsterkenntnis und Buße – d.h. übersetzt: Umkehr! – und nicht zuletzt auch Hoffnung, frei von Angst und in Hoffnung auf Gnade von Gott vor Gott immer wieder neu anfangen zu dürfen.

Schuld bezeichnet die Bibel als Sünde, d.h. als ein gegen Gott gerichtetes Verhalten. In diesem Zusammenhang sagte MARTIN LUTHER einmal:

Die Sünde hat zwei Orte, wo sie ist. Entweder ist sie bei dir, dass sie dir auf dem Halse liegt, oder sie liegt auf Christus, dem Lamme Gottes. Wenn sie nun dir auf dem Rücken liegt, so bist du verloren; wen sie aber auf Christus ruhet, so bist du frei und wirst selig. Nun greife zu, welches du willst.

Der Mensch – so LUTHER – ist Gerechter und Sünder zugleich. Und das besagt nach LUTHER:

  • Der Mensch lebt aus der Liebe Gottes und weiß zugleich, dass er diese Liebe nur gelegentlich, wenn überhaupt, weitergibt.
  • Der Mensch öffnet sein Herz und schärft sein Gespür für den Anderen; trotz allem versagt er wiederholt.
  • Der Mensch weiß um das stärkende Wort seines Gottes, im gleichen Augenblick jedoch hört er es in der Regel nicht oder will es nicht hören.

Aus dem Grunde MAHNT und BITTET unser Text:

  • Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit!
  • Seid dankbar!
  • Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen!

Paulus redet von der Liebe Gottes. Sie gelangt in seinem Wort und durch sein Wort zu uns! GOTTES WORT aber ist Mensch geworden; dieser Mensch heißt JESUS, war Mensch wie Du und Ich. Wir Christen bekennen: Er ist dieses Wort, vergibt, stärkt, weist in die Zukunft, richtet auf und tröstet!

Wann und wo geschieht dies? Eben auch bei einem solchen Anlass wie diesem, im Gottesdienst, in der Begegnung von Menschen hier und im Alltag der Welt. Darum gilt:

  • Jeder Gottesdienst und jede menschliche Begegnung ist das Ereignis, durch das diese Liebe bezeugt wird.
  • Jeder Gottesdienst und jede menschliche Begegnung spricht darum von der Hoffnung, dass Liebe zur Tat wird.
  • In jedem Gottesdienst und in jeder menschlichen Begegnung kann dann die Menschlichkeit des Menschen zum Vorschein kommen!

Das menschgewordene Wort, Jesus der Zimmermannssohn, ist das Wort Gottes, hörbar und vernehmbar durch den Geist der Liebe durch die Zeiten hindurch bis zu uns auf den heutigen Tag.

Und darum gilt auch: Das Wort Christi ist nichts anderes als das Wort, das nun er selbst an uns richtet.

Es ist sein Ruf zur Umkehr und zum sich Einlassen auf Gott; es ist sein Bemühen um den, der zu schwach ist oder der zu kurz kam; es ist sein Dasein für Andere im Namen Gottes; es ist seine Solidarität mit der Menschlichkeit des Menschen.

Es ist aber zugleich auch sein Wort, das von ihm gesagt wird. Es ist das Wort, das von seinem Leiden erzählt, seinem Sterben für uns und seinem Auferstehen am Ostermorgen. Es ist das Wort, das in seinem Namen zum Glauben an den Leben schaffenden Gott ruft.

Dieses Wort will jeden Sonntag, will in jedem Gottesdienst, will in jeder unserer Taten im Alltag der Welt unser Ohr und Herz und das Ohr und das Herz auch unseres Nächsten finden. Es will wirksam werden, nicht nur so bloß dahergeredetes Wort sein. ES WILL RETTENDES UND DAMIT FÜR UNS HEILSAMES WORT SEIN, ES WILL ZUM FUNDAMENT UNSERES LEBENS WERDEN.

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen!

Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit!

HALTEN WIR FEST: GOTT SCHENKT SICH UNS SELBST!

GOTT schenkt sich uns in der Gestalt des Jesus aus Nazareth.

Er schenkt sich uns, indem er uns in Christus wahre Menschlichkeit zeigt und ermöglicht.

Es geht in jedem Gottesdienst und im Alltag der Welt um den ganzen Menschen. Sein Leben ist von Gott bestimmt. Paulus:

Und alles, was ihr tut mit Worten oder Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus!

Dankt Gott, dem Vater, durch ihn!

Wir hören das Wort der Liebe in unserem menschlichen Alltag. Und darum danken wir Gott, dass er es uns ermöglicht, Mensch mit anderen Menschen zu sein: Mensch eben und Mitmensch zugleich, Bürger im Reiche Gottes, Mensch in der Welt vor Gott, die nur Schwestern und Brüder kennt und darum auch keine trennenden Schranken. Wir danken Gott, dass sein heilsames Wort an uns und in uns hörbar wird. Wir danken Gott, dass er uns die Chance gibt zu leben: sinnvoll zu leben!

So wird ein Gottesdienst und Leben im Alltag zum Gotteslob: zum Lob des Vaters, der uns liebt; zum Lob des Sohnes, in dem die Liebe Gestalt annahm; zum Lob des Geistes, durch den wir leben und zu Zeugen der Wahrheit in der Welt Gottes werden als Mensch und Menschen über alle Schranken der Rassen, Völker und Nationen.

Amen.

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Predigt Sonntag Jubilate
17. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Amen

(1. Joh 5, 1-4)

Liebe Gemeinde!

Als ich den Predigttext das erste Mal las, war ich verwirrt. Wer ist von wem geboren? Gleich im ersten Vers finden wir diese merkwürdige Formulierung: „Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.“

Fangen wir ganz vorn an:

Wer glaubt.

Da kann einem viel zu einfallen, z.B. die Worte „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 24), die der Vater des besessenen Knaben ausruft. Oder:

„Wenn ihr Glaube habt wie ein Senfkorn,“ so könnt ihr Berge versetzen (Mt 17, 20b) oder:

„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Mk 9, 24b)

Glaube ist ganz offensichtlich eine Kraft, die Dinge ermöglicht, die normalerweise nicht möglich sind. Und weil wir in der Regel in diesem „normalerweise“ feststecken, weil wir das Unmögliche nicht möglich machen können, müsste man ja eigentlich folgern, dass wir nicht glauben.

Aber so weit möchte ich nicht gehen, und das will uns auch Johannes nicht sagen. Seine Worte laufen auf ein anderes Ziel hinaus.

Doch spielt der Glaube da schon eine wichtige Rolle. Die Frage ist aber nicht, wie groß der Glaube ist, sondern welchen Inhalt er hat.

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, heißt es, und damit wird zunächst ein Eckpfosten eingeschlagen. Es geht darum, dass Jesus der Christus ist.

An dieser Formulierung erkennen wir, dass Christus kein Nachname ist, wie manche Menschen vielleicht denken, sondern ein Titel. Jesus ist der Messias, der Erlöser, der Gesalbte Gottes. Das ist es, was Christus bedeutet. Von ihm haben die Propheten gesprochen.

Anders gesagt: Gott hat Jesus gesalbt und eingesetzt zu dem dreifachen Amt als Prophet, Priester und König.

1. Er ist der Prophet, der Gottes Wahrheit in unserer Welt offenbart hat. Er ist das Fleisch gewordene Wort.

2. Jesus ist der eine Hohepriester, der das vollkommene Opfer darbrachte, damit wir mit Gott versöhnt würden. Durch sein Opfer ist alle Schuld getilgt.

3. Jesus hat den Tod überwunden, er ist auferstanden und hat seinen Platz zur Rechten Gottes eingenommen; dort herrscht er als König aller Könige und Herr aller Herren.

Das alles und noch mehr steckt in diesen wenigen Worten: „Jesus ist der Christus“.

Glauben wir das? D.h.: sind wir davon überzeugt, dass es so ist? Denn „glauben“ kann man ja auch ganz unterschiedlich verstehen. Es ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein Für-Wahr-Halten oder ein Vermuten, sondern es ist eine feste Überzeugung, eine Gewissheit von dem, was sich nicht beweisen lässt.

Ein solcher Glaube birgt eine ungeheure Kraft, wohl auch die, Berge zu versetzen.

Aber zunächst tut der Glaube etwas anderes: er macht zu Kindern Gottes. Denn wer so glaubt, der ist von Gott geboren, schreibt Johannes.

So sind wir also alle Kinder Gottes, denn wir glauben ja, dass Jesus der Christus ist. Oder?

Ich will einmal versuchen, anhand einer kurzen Geschichte deutlich zu machen, worum es in diesem Glauben geht.

Ein langes Seil war über die Niagarafälle gespannt. Ein Seiltänzer bewegte sich darauf mit großer Leichtigkeit. Viele schauten zu und jubelten bei jeder Aktion, die das Leben des Seiltänzers besonders gefährdete. Schließlich verließ der Artist das Seil und kehrte mit einer Schubkarre zurück. Er schob sie auf das Seil und ging einige Meter. Die Menge jubelte ihm erneut zu. Er kehrte wieder zurück und fragte dann in das Publikum hinein: „Glaubt ihr, dass ich das Gleiche auch mit einem Menschen in der Schubkarre machen kann?“ Die Menge jubelte. „Ja, das kannst du!“

„Na dann, wer von euch möchte es wagen und sich in die Schubkarre setzen?“

Plötzlich wurde es still. Manche blickten betreten auf den Boden, andere schauten um sich, ob sich vielleicht ein Freiwilliger melden würde, einige waren so entsetzt, dass sie die Zuschauertribüne verließen und fortgingen.

Niemand war bereit, sein Leben dem Seiltänzer anzuvertrauen.

Genau darum geht es aber, wenn Johannes von Glauben spricht: dass wir unser Leben ganz und gar Jesus Christus anvertrauen, dem Herrn aller Herren und König aller Könige. Denn wir sind nicht nur Zuschauer, sondern wir haben Teil an dem Werk Gottes.

Und darum gehen wir natürlich auch ein Risiko ein, weil wir uns nicht gesellschaftlichen Regeln leiten lassen, sondern weil wir nach dem Willen Gottes fragen und auf seinen Wegen wandeln wollen.

Viele Menschen haben dafür kein Verständnis. Denken wir an Noah, der gegen allen Augenschein eine Arche auf trockenem Land baute, weil Gott es so von ihm erwartete – er wurde verlacht und verspottet, was ihn aber nicht daran hinderte, den Bau der Arche zu vollenden – und so teilzuhaben an dem großen Werk Gottes, das einerseits zerstörerisch, andererseits aber auch bewahrend und durchaus schöpferisch war. Wohlgemerkt: am Anfang steht der völlig absurd erscheinende Bau der Arche.

Wer sich heute außerhalb der Kirchenmauern zu Jesus Christus bekennt, wird von vielen Zeitgenossen kaum noch ernst genommen, es sei denn, er verpackt seinen Glauben so, dass niemand merkt, wodurch das, was man redet oder tut, ausgelöst wurde.

In der Regel geht man dann aber Kompromisse ein, die dem Willen Gottes widersprechen. Man handelt oft so, wie es das Sendschreiben an die Gemeinde in Laodicea aus der Offenbarung des Johannes beschreibt:

„Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, will ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ (Offb 3, 15f)

Wer glaubt, der brennt – bildlich gesprochen natürlich, aber ein gutes Bild, so finde ich: der Glaubende brennt, er erfährt den Glauben als Energiequelle, als Kraft, die ihn voran treibt gegen alle Widerstände, gegen alle Verachtung, Spott und Hohn, und natürlich auch gegen alle Gleichgültigkeit.

Wer glaubt, der liebt – so sagt Johannes in unserem Predigttext weiter. Das ist schön, denn so stellen wir uns Gott ja auch vor, den lieben Gott, der alles vergibt, der für jeden Raum hat, wo alle willkommen sind.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Die Liebe Gottes ist zwar universal, sie gilt jedem Menschen, aber sie ist nicht Selbstzweck, sondern sie hat ein Ziel. Sie will nämlich, dass wir wieder zu dem gelangen, wozu wir seit der Schöpfung bestimmt sind: Ebenbilder Gottes zu sein, die nicht das Beste für sich selbst, sondern das Beste für alle Menschen suchen.

Gott hat uns gezeigt und gesagt, was gut ist – die zehn Gebote sind der Maßstab, an dem sich heute viele Verfassungen der Länder dieser Welt und auch die Menschenrechte orientieren. Wer sie konsequent einhält, schafft zumindest in seinem Umfeld eine Welt, die der Welt Gottes sehr nahe kommt.

Jesus hat uns allerdings deutlich gezeigt, dass das Einhalten der Gebote nicht ganz so einfach ist, wie wir uns das vorstellen. Denn das fünfte Gebot etwa – du sollst nicht töten – wird erst dann richtig gehalten, wenn wir jeden, auch unsere Feinde, aufrichtig lieben.

Und da merken wir dann allerdings unsere Grenzen, denn es kommt ja schon auch zu Streitigkeiten zwischen Menschen, die einander in der Regel sehr freundlich gesonnen sind. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht schon mit seinem Ehepartner oder seiner Ehepartnerin gestritten hat. Und das ist doch der Mensch, dem man eigentlich immer mit bedingungsloser Liebe begegnen sollte. Wie soll das dann also gegenüber denen möglich sein, mit denen wir nicht so vertraut sind?

Wir sind Menschen, wir machen Fehler, kann man wohl sagen, und es stimmt auch.

Mit dieser Feststellung dürfen wir allerdings nicht aufhören und achselzuckend sagen: so ist das nun mal. Im Gegenteil: wir dürfen mit diesem Zustand nicht zufrieden sein. Wer glaubt, will nämlich das Ziel erreichen, das Gott für uns gesetzt hat.

Und das bedeutet letztlich, wie Johannes ja auch schreibt, dass wir diese Welt überwinden. „Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1. Joh 5, 4)

Wir sind von Gott Geborene. Wir sind es, die die Welt überwinden, die Habgier, den Neid, die Missgunst.

Und so möchte ich noch einmal aus dem Sendschreiben an die Gemeinde in Laodicea vorlesen. Dort geht es folgendermaßen weiter:

„Du sprichst: Ich bin reich und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich würdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.“ (Offb 3, 17f)

Wo beziehen wir unsere Kraft her? Ist es unser Wohlstand? Ist es die Tatsache, dass wir seit über 70 Jahren keinen Krieg mehr erlebt haben?

Unser Glaube ist der Sieg. Er ist unsere Kraft, durch ihn überwinden wir, durch ihn allein finden wir den Weg zu Gott.

Amen

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Predigt Sonntag Quasimodogeniti
Konfirmation
3. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen. Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis, dass du das Gebot unbefleckt, untadelig haltest bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.

1. Tim 6, 12-16

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Vorhin haben wir die Worte des Paulus gehört. Ein Brief an Timotheus (ein für unsere Ohren komisch klingender Name) – einen jungen Mann, den Paulus bei einem Besuch in Lystra getauft hatte.

Bei der zweiten Missionsreise des Apostels hatte Timotheus ihn dann begleitet. Sie beide sind also vertraut miteinander, und ich kann mir vorstellen, dass Paulus in Timotheus mehr als einen Schüler sah. Tatsächlich bezeichnet er ihn als „rechten Sohn im Glauben“ (1. Tim 1, 2). Timotheus ist für ihn also wie ein Sohn.

Timotheus heißt übrigens in etwa „Gott die Ehre“. Es war damals kein unüblicher Name, der in der abgekürzten Form „Tim“ auch heute verwendet wird.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich diesen Predigttext mit etwas Unbehagen gelesen habe. Denn ich kann mir gut vorstellen, dass ihr eigentlich die Nase voll habt von Ermahnungen und Anweisungen, wie sie in diesem Text anklingen.

„Ich gebiete dir“, heißt es da, und dabei ist jetzt doch eigentlich der Zeitpunkt gekommen, wo euch niemand mehr etwas gebieten sollte – außer ihr selbst.

Es ist noch nicht allzu lange her, da markierte die Konfirmation für viele Menschen das Ende der Schulzeit. Es begann das Erwachsenenleben. Aber glaubt jetzt nicht, dass sie sich ausruhen oder einfach machen konnten, was sie wollten.

An die Konfirmation schloss sich fast nahtlos die Ausbildung an und dann die Bewährung im Beruf, bevor man mit seiner Hände Arbeit auch Geld verdienen konnte. Daran führte kein Weg vorbei.

Das musste man tun. Denn die Konfirmation bedeutete, Verantwortung für sein eigenes Leben und mitunter auch für die Familie zu übernehmen.

Heute ist das anders. Ihr habt noch Zeit, bevor Ihr mit einer Ausbildung oder dem Studium beginnt. Ihr könnt noch Eure Kräfte erproben und die Möglichkeiten erkunden, die sich da vor Euch auftun, bevor Ihr dann tatsächlich vollständig die Verantwortung für Euer Leben übernehmt.

Aber in einer Sache wenigstens bekommt ihr heute tatsächlich das Ruder in die Hand: Das ist der Glaube.

Ihr werdet heute Euer „Ja“ zu dem sagen, was ihr durch die Taufe bereits empfangen habt, nämlich das „Ja“ Gottes zu Euch. Er hat Euch in der Taufe gesagt, dass er Euch liebt und für Euch da sein will, was auch immer passiert. Der 23. Psalm, den Ihr auswendig gelernt habt, beschreibt, wie das aussehen kann.

Im Konfirmandenunterricht haben wir versucht, das greifbarer zu machen, als es mit Worten zu fassen ist. Aber vieles, was mit dem Glauben zu tun hat, ist nicht wirklich greifbar, weswegen wir oft in Bildern reden, um die Inhalte des Glaubens zu vermitteln.

Solche Bilder verwendet auch Paulus.

„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens“, ruft er Timotheus zu.

Ihr alle kennt Wettkämpfe. Es geht darum, zu gewinnen, der Beste zu sein, oder wenigstens bei den Besten mit zu mischen. Enttäuschung macht sich breit, wenn man bemerkt, dass es andere gibt, die besser sind. Aber deswegen gibt man nicht auf, sondern man versucht, auch seine eigenen Leistungen weiter zu verbessern.

Aber Paulus redet nicht von einem Wettkampf. Er spricht von einem „Kampf des Glaubens“. Und dieser „gute Kampf des Glaubens“ scheint eher einem Verteidigungskampf zu entsprechen als einem Wettkampf.

Wenn man die Verse davor noch mit einbezieht, stellt man fest, dass es darum geht, den Glauben gegen Neid, Hass, Missgunst , Habgier und andere schlechte Eigenschaften zu schützen. Nur sind dies keine äußerlichen Gegner, sondern sie finden sich in uns selbst. Der Glaube, das Vertrauen in die Liebe Gottes, kann dabei schnell verloren gehen.

Oft werden wir geleitet von dem Verlangen nach Anerkennung. Wir wollen dazu gehören, wir wollen mitreden können. Die Kleidung kann da schon eine wichtige Rolle spielen, aber auch andere Äußerlichkeiten prägen unser Verhalten. Ich erinnere mich daran, dass ich, als ich mit 10 Jahren meine erste Brille bekam, von meinen Mitschülern als Brillenschlange bezeichnet und ausgelacht wurde. Dabei war die Brille für mich endlich die Möglichkeit, wieder das an die Tafel Geschriebene klar und deutlich zu erkennen – sie war für mich also ein echter Gewinn, etwas Gutes.

Aber es war ein Leichtes für meine Mitschüler, aus diesem Guten etwas Schlechtes zu machen.

So kann es auch mit dem Glauben sein. Er hilft uns, unser Leben in einem anderen Licht zu sehen, als es die meisten Menschen tun.

Wer glaubt, vertraut auf die Liebe und Güte Gottes. Ein glaubender Mensch weiß, dass ihm nichts wirklich schaden kann. Er sieht sich als Kind Gottes. Und das ist etwas Gutes, denn es tut uns gut.

Aber sobald wir bekannt machen, dass uns das wichtig ist, dass wir das brauchen, werden wir von vielen Menschen ausgelacht und mitunter auch verachtet.

„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens“ – ja, vielleicht möchte man in solch einer Situation, wenn andere sich über unseren Glauben lustig machen, auch gerne mal agressiv werden, so wie das in einem Wettkampf üblich ist.

Aber der Kampf des Glaubens ist ein anderer. Für ihn gibt es nur eine Waffe: die Liebe Gottes. Damit wird man bei Menschen vielleicht keinen Sieg erringen, wohl aber bei Gott. Und das, davon ist Paulus und davon bin auch ich überzeugt, ist wichtiger als alles, was Menschen denken, reden oder tun.

Denn immerhin ist Gott der, der alle Dinge lebendig macht, wie der Apostel Paulus es ausdrückt. Denn Gott ist es, der den Anfang gemacht hat, der das All geschaffen hat und alles, was lebt.

Wenn man sich das bewusst macht, kann man sich ganz schön klein vorkommen, und Paulus macht ja noch weiter:

Er redet vom König aller Könige, vom Herrn aller Herren, vom allein Unsterblichen – oder anders gesagt, vom Ewigen – und dann das, was uns stocken lässt: zu dem niemand kommen kann.

Ist das so? Hat Paulus da nicht etwas übersehen? Hat er sich von dem Lobpreis, den er da einmal angefangen hat, hinreißen lassen und Gott viel größer gemacht, als er sich selbst machen will?

Hat Paulus da nicht etwas gesagt, was so eigentlich nicht stimmen kann? Müsste da nicht wenigstens dieser Zusatz noch stehen: „es sei denn durch Jesus Christus“?

Gerne würde ich das bestätigen, aber ich denke, dass Paulus schon einen Grund hatte, warum er es so geschrieben hat und nicht anders.

Denn Gott ist tatsächlich der, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann, zu dem niemand kommen kann.

Mir kommt da so mancher Fantasy-Roman oder -Film in den Sinn, in dem es darum geht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, meist etwas, was kein anderer je geschafft hat und darum als unmöglich angesehen wird. Und dann kommt doch einer und schafft es, weil er irgendein Geheimnis gelüftet hat.

Aber so ist es nicht mit Gott. Er ist kein Geheimnis, das man auf irgendeine Weise doch lüften könnte. Er bleibt ein Geheimnis. Auch dass Jesus Christus sein Sohn ist, können wir nicht verstehen – wir können es nur glauben.

Es wird aber der Tag kommen, und auf den weist Paulus auch hin, an dem unser Herr erscheinen wird, an dem wir ihn also sehen werden.

Doch das ist kein Tag wie der heutige, sondern der Tag, an dem sich diese Welt – und damit auch wir – verwandeln wird. Es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben – und dann wird Gott auch von allen gesehen werden können.

Genau das ist es, worum es im Glauben geht: dass wir Gott das zutrauen, dass er diese Welt so verwandelt, dass es keine Ungerechtigkeit mehr gibt, keine Kriege, keinen Hass, keinen Neid, keine Missgunst. Dass er sich uns offenbaren wird.

An dem Tag werden wir nichts mehr fragen (Joh 16, 23), hat Jesus gesagt, denn dann ist Gott tatsächlich sichtbar, er ist die Antwort auf alle unsere Fragen.

Aber, so mag man einwenden, ist das nicht nur ein Vertrösten auf eine Zukunft, die wir nicht erleben werden?

Nun, Paulus spricht von einem guten Bekenntnis. Er sagt, dass Timotheus dieses gute Bekenntnis bekannt hat vor vielen Zeugen, und auch, dass Jesus Christus dieses Bekenntnis bezeugt hat. Und in diesem Bekenntnis geht es natürlich um genau das, was ich gerade beschrieben habe: das Kommen unseres Herrn, den neuen Himmel und die neue Erde.

Wir wären nicht hier, wenn es nicht Milliarden Menschen vor uns geglaubt und bezeugt hätten. Wenn nicht unzählige Male von anderen Menschen dieses gute Bekenntnis gesprochen worden wäre, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, dass Gott uns Leben schenkt, dass er der Herr aller Herren ist und der König aller Könige, dass er uns auch über den Tod hinaus bewahrt.

Mit dem guten Bekenntnis ist natürlich nicht das Apostolische Glaubensbekenntnis gemeint, das ihr nachher bekennen werdet, auch wenn es die Kernaussagen unseres Glaubens wiedergibt. Sondern es geht darum, von den guten Taten Gottes zu erzählen, die er an uns tut, und von dem, was wir glauben.

Da geht es darum, das, was andere als Zufall bezeichnen, als Fügung Gottes zu erkennen und zu benennen.

Z.B. die Begegnung auf der Straße, durch die wir wieder aufgemuntert werden. Der Beinah-Unfall, der uns bewusst macht, dass es doch besser ist, etwas vorsichtiger zu sein. Oder der Mensch, der an unserer Seite ist, wenn es uns ganz schlecht geht.

In all dem, was uns widerfährt, können wir das Handeln Gottes erkennen – und dann auch benennen. Und wenn wir unser Leben in diesem Licht Gottes sehen, dann sehen wir auch schon etwas von jenem Tag, an dem Gott allen Menschen offenbar werden wird.

So wünsche ich Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass Ihr Euer Leben mit den Augen des Glaubens sehen könnt und das Handeln Gottes darin wahrnehmt, damit ihr das gute Bekenntnis bekennen könnt vor allen Menschen, die Euch im Laufe Eures Lebens begegnen.

Amen

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Predigt zum Ostersonntag
27. März 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, daß ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und daß er begraben worden ist; und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und daß er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.

1. Kor 15, 1-11

Liebe Gemeinde!

Es ist Ostern, das fröhlichste und bedeutendste Fest der Christenheit. Denn Gott hat den Tod besiegt! Wir haben ewiges Leben! Wir dürfen an diesem Wunder des Sieges über den Tod teilhaben.

Um dieser Freude Ausdruck zu verleihen, will ich heute wieder die Predigt in Versform halten. Sie können sie wie gewohnt am Ausgang mitnehmen oder auch im Internet nachlesen.

Ich kann es mir nach langem, reifen
Nachdenken nun doch nicht verkneifen;
ich will auch dieses Jahr in Reimen
all denen, die aus ihren Heimen
gekommen sind ins Gotteshaus
das Evangelium legen aus.

Denn neben manchen andern Sachen
gehört zum Fest das Osterlachen,
die Freude über Gottes Tun,
als wir noch in den Betten ruhn:
Dass er am frühen Morgen schon
erweckt den ein’gen Gottessohn
und lässt uns schau’n das wahre Licht
das strahlt von seinem Angesicht.

Doch nun zur Sache; wie ihr wisst,
ein Predigttext gegeben ist.

Der Paulus schrieb mal einen Brief
der liest sich gut und geht auch tief,
er schrieb an jene Christenleut,
die man Korinther nennt bis heut.

Er schrieb so manches gute Wort,
er schrieb und schrieb in einem fort.
Obwohl, das sag ich nebenbei,
er gar nicht schrieb, oweiowei.
Er hat es alles nur diktiert,
ein andrer auf’s Papier gestiert
und alle Worte aufgeschrieben,
die er gesagt für seine Lieben.

Wir haben nun ein kleines Stück
aus diesem Brief. Das ist ein Glück,
denn wollten wir das Ganze sehn,
dann würde uns die Lust vergehn.
Kurz macht der Text noch einen Sinn,
und wir hör’n gerne einmal hin,
was Paulus uns zu sagen hat
von Gottes großer, schöner Tat.

Er schreibt vom Evangelium
das durch die ganze Welt geht rum,
er mahnt, wir sollen feste stehn
und ja nicht einfach Däumchen drehn.

Doch sagt er’s anders, hört es an:
„Ihr steht bereits, fest wie ein Mann
im Glauben, den ich euch gesagt –
ich geb es zu – ganz ungefragt.

Durch diesen Glauben habet ihr
die Seligkeit genau wie wir.
Drum haltet fest, was ich euch sag
und gebt es weiter Tag für Tag.“

Und was das ist, erfahrn wir gleich:
es handelt von dem Gottesreich.
Es ist, was wir bekennen schon,
das Credo mit ’nem eignen Ton:

dass Jesus an dem Kreuze starb,
für uns das Lösegeld erwarb.
Dass er vom Grabe auferstand,
am dritten Tag, liegt auf der Hand,
so steht es ja geschrieben schön,
so singen’s Engel in den Höh’n.

Doch was noch weiter wichtig ist,
ist, dass er auch in kurzer Frist
von Kephas wurde einst gesehn.
Dass hier die Frauen gar nicht stehn,
die ja als erste waren da,
das ist ein ziemlicher faux pas.
Und dass Maria er nicht nennt,
die erst den Herren nicht erkennt,
der sich ihr dann auch offenbart –
das find ich wirklich reichlich hart.

Zumal: der Paulus sagt wohl an,
dass Frauen stehen ihren Mann
(vielleicht steh’n sie auch ihre Frau,
das weiß ich leider nicht genau).
Auf jeden Fall, er schreibt es aus,
wie zwei in ihrem eignen Haus
Gemeinde leiten für und für,
da bleibet niemand vor der Tür.
Aquila heißt die eine Frau,
die andre Priska, ganz genau.

Das er in seinem Brief auch schreibt,
und sicher nicht zum Zeitvertreib,
es scheint fast so, als ob es sei
besonders, und nicht einerlei.

Doch war es damals Tradition,
man redete ja nur vom Sohn,
die Töchter blieben außen vor,
sie sangen nicht einmal im Chor.
Sie halfen, wo es nötig war,
nur selten wurd’ es offenbar.
Man nennt das Patriarchat dann
wenn alles dreht sich um den Mann.

Doch gab es sie, das wissen wir,
es waren sicher mehr als vier,
ich mein’ natürlich Frauen, klar,
und das ist ganz gewisslich wahr,
die mit den Jüngern zogen hin
und her, dorthin, wo Jesus ging.

Bei Lukas steht es schwarz auf weiß,
sie dienten ihm mit ganzem Fleiß
er schrieb es in Kapitel Acht,
und hat sie dort mit Freud’ bedacht
in seinem Evangelium
da macht er keinen Hehl darum.
Denn ohne sie, da wäre wohl
das Osterfest doch ziemlich hohl.

Doch Paulus schreibt’s mit keinem Wort
für ihn ist das der falsche Ort.
Hier geht es um Beweiseskraft
und die wohl nur ein Mann verschafft.

So bleibt’s dabei, es ist ein Mann
der Jesu Sicht bezeugen kann
danach sind’s Zwölf, da fragt man sich
was Judas tut in der Geschicht’,
denn dass Ersatz geschaffen war,
das liest man nirgends, auch nicht da,
es müssten also elfe sein
zu denen Jesus trat herein.

Doch halte ich mich hier zurück
und schaue auf das nächste Stück.
Nun sind es fünf mal hundert gar
das ist ja wohl ’ne Männerschar!
Denn Männer sind sie alle wieder,
er schreibt: es sind fünfhundert Brüder.

Das dürfte nun, ob groß, ob klein,
den Zweiflern eine Lehre sein,
wenn so viel Männer Zeugen sind,
darunter nicht ein einz’ges Kind
und auch nicht eine einz’ge Frau!
So schreibt es Paulus hier ganz schlau!

Drum steht es also bombenfest
Vom Zweifel bleibt nicht mal ein Rest!
Dass auferstanden ist der Herr,
das fällt zu glauben nicht mehr schwer.

So dürften die Korinther zwar
und dazu auch die Christenschar
die damals lebte zu der Zeit
als Paulus schrieb den Brief so weit,
ganz glücklich und zufrieden sein
mit allen ihren Kinderlein.

Sie brauchten gar nicht weit zu gehen,
um einen Zeugen selbst zu sehn,
den konnten sie befragen gleich
zu Gottes Himmelskönigreich.

Doch ist das nun schon lange her,
und uns fällt es vermutlich schwer,
zu glauben, was uns da gesagt,
denn schließlich ist es schon betagt,
fast zweimal tausend Jahre alt.
Man möchte beten: „Komme bald,
Herr Jesus! Komm! Damit wir sehn,
was damals wirklich ist geschehn!“
Denn gerne wüssten wir’s genau,
was dort geschah beim Morgentau.

Doch sagt Er nur: „Macht euch bereit,
ich komme schon zur rechten Zeit!
Steht fest in dem, was euch gesagt
und ihr zu glauben habt gewagt.“

Es gibt jetzt keine Zeugen mehr,
es ist schon viel zu lange her,
da ist niemand, der hätt’ gesehn
den Herren aus dem Grab erstehn.

Allein, wir sagen’s heute auch
nach gutem, alten, frommen Brauch,
dass Christus auferstanden ist!
Am dritten Tag – so ist die Frist.

Denn auch wenn wir es nicht gesehn,
so wollen wir doch feste stehn
in dem, was uns verkündigt ist
von unserm Herren Jesus Christ.

Das hat tatsächlich einen Grund,
und damit komm’ ich auf den Punkt,
Ganz ohne Zeugen geht es nicht
dass wir heut’ glauben der Geschicht.

Doch diese Zeugen sahen’s nicht,
was dort geschah im Morgenlicht.
Sie zeugen aber wohl davon
dass Christus sitzt auf seinem Thron,
dass er lebendig ist fürwahr,
dass er sich immer gibt uns dar
im Abendmahl, und dass er dann
den Segen spendet Frau und Mann.

Und diese Zeugen, das seid ihr,
die ihr die Kirche füllet hier
das sind wir alle, Groß und Klein,
wir dürfen Christi Zeugen sein!

Denn sicher habt ihr auch erlebt,
wenn etwas nicht, wie es vorschwebt,
sondern ganz anders sich ergibt,
und letztlich alles sich verschiebt,
dass ihr von Gott dann Kraft empfingt,
und schließlich alles doch gelingt.

Denn Gott, er will uns nahe sein,
durch seines Lichtes hellen Schein,
das alles Dunkel heut’ durchbricht,
das lehrt uns nun mal die Geschicht’.

Wir glauben, was man uns gesagt,
nicht, weil es alles hochbetagt,
und darum sicher richtig sei.
Das wäre dann wohl einerlei.

Wir glauben, weil wir selbst es sehn
was damals ist für uns geschehn,
weil es in unsern Herzen brennt,
weil Gott uns bei dem Namen kennt,
weil er uns annimmt ohne Not
und gar erlöst vom bittern Tod.
Weil er uns trägt, weil er uns liebt,
weil er uns unsre Schuld vergibt.

Der Heiland heute auferstand,
er reicht uns seine rechte Hand,
damit wir mutig, ohne Scheu,
und dazu ohne jede Reu,
bekennen froh und wohlgemut,
dass er doch alles machet gut,
weil wir in ihm geborgen sind,
ob Greis, ob Frau, ob Mann, ob Kind.

Er ist die Lieb’, das wissen wir
drum sind wir heute alle hier.
Er nahm die Sünd’ und auch den Tod
Er macht uns frei von aller Not.
Er gibt uns Leben, das ist wahr
und er ist wirklich immer da.
Auch wenn es uns mal schlechter geht,
er immer an der Seite steht.

Das Leben siegt, ist das nicht toll?
die Schöpfung ist des Lobes voll!
So wollen wir nun dankbar sein
und fröhlich stimmen darin ein
in unsern Dank- und Lobgesang
mit frohem, hellem, schönen Klang.
Und wer es nicht so helle schafft,
der gibt der Tiefe seine Kraft.

Amen, das heißt, es werde wahr,
Gott ist bei uns auch in Gefahr.
Er schenkt uns seinen Segen gern
der kommt von dem lebend’gen Herrn.

So soll der Friede bei euch sein,
für den des Menschen Geist zu klein,
der Friede Gottes herrsche nun
in uns und lenke unser Tun,
dass wir in Christus feste stehn,
in Zuversicht die Wege geh’n
die er uns führt, ob groß, ob klein,
und gehen einst zum Himmel ein.

Amen

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Predigt zum Karfreitag
25. März 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Die Predigt besteht zu einem Teil aus einer Bildbetrachtung. Das Bild kann aus urheberrrechtlichen Gründen hier nicht wiedergegeben werden. Es handelt sich um die Pietà Michelangelos, von der es im Internet zahlreiche Fotos gibt.

Z. B.: www.italianrenaissance.org/michelangelos-pieta

Liebe Gemeinde!

Sie haben am Eingang ein Bild erhalten, das ich Sie jetzt bitte, einmal anzuschauen.

Wir sehen ein Foto von der Pietà des begnadeten Künstlers, den wir allgemein als Michelangelo kennen.

Pietà, so nennt man die Darstellung von Maria mit ihrem am Kreuz gestorbenen Sohn auf dem Schoß. Es ist keine biblische Szene; es hat sich aber schnell als Notwendigkeit erwiesen, die Trauer der Mutter, die ja mit unter dem Kreuz stand, bildhaft festzuhalten, und so gibt es unzählige Gemälde und Skulpturen, in denen dies geschieht.

Diese in Marmor gehauene Statue, die wir auf unserem Bild sehen, steht im Petersdom in Rom und besticht durch ihre Detailtreue und die Feinheit der Arbeit. Dazu tritt eine besondere Ausstrahlung, die von der Skulptur ausgeht. Man hat das Gefühl, dort der lebendigen Maria mit ihrem toten Sohn Jesus zu begegnen, denn die Starre, in der sie sich befinden, scheint nichts mit dem Marmor zu tun zu haben, sondern mit der tiefen Trauer und dem Tod, die da so eng miteinander verbunden sind. Die Skulptur ist mehr als nur ein Schnappschuss. Sie lässt uns teilhaben an dem Geschehen nach der Kreuzigung.

Jesus ist tot. Aber in dieser Darstellung kann man schon die Frage stellen: Ist er das wirklich? Man wartet fast darauf, dass er erwacht und nach einer kurzen Orientierung seiner Mutter freundlich entgegenlächelt.

Wer diese Pietà schon einmal im Detail betrachten konnte, wird feststellen, dass Jesus keine Wunden trägt. Sein Körper ist makellos. Er wirkt eher, als schlafe er.

Aber wir kennen die Geschichte und wissen, dass er die Wundmale der Folter und der Kreuzigung tragen müsste. Wir wissen, dass er tot ist.

Doch hat Michelangelo mit dieser Skulptur und vor allem mit der Tatsache, dass Jesus keine Wundmale trägt, dem Betrachter sicher etwas vermitteln wollen. Sonst hätte er sich eingefügt in die jahrhunderte alte Tradition der Pietàs, die Jesus mit den Wundmalen und Maria mit schmerzverzerrtem Gesicht darstellen.

Die Schönheit, die diese Skulptur ausstrahlt, erinnert ein bisschen an das romanische Kreuz am Hochaltar des Kaiserdoms, wo nichts von den Qualen der Folter und des Todes am Kreuz zu erkennen ist, sondern vielmehr Jesus als der Herrscher über alle Mächte dargestellt wird. Doch das fehlt in der Pietà Michelangelos. Es gibt hier keine Symbole der Herrschaft.

Aber beide, Maria und Jesus, strahlen eine große Würde aus, die durch nichts gebrochen wird. Offenbar kann diese Würde nicht genommen werden. Sie bleibt trotz Folter und Tod erhalten. Sie trotzt der Realität dieser Welt.

Wenn wir auf Maria schauen, sehen wir eine junge Frau, zu jung eigentlich, als dass Jesus ihr Sohn sein könnte. Aber manchmal trügt der Schein.

Sicher hat Michelangelo auch mit dieser jugendlichen Darstellung Marias eine Botschaft übermitteln wollen. Es wird ein Hauch der Ewigkeit beim Betrachten dieser Skulptur spürbar, erneut nicht wegen des Materials, das schon Generationen überdauert hat, sondern wegen der Art der Ausführung.

Versonnen blickt sie vor sich, richtet ihren Blick auf den Boden. Es ist schon interessant, dass sie nicht in das Gesicht ihres verstorbenen Sohnes blickt. Vielleicht würde ihr dieser Blick dann doch zu viel Schmerzen bereiten. Vielleicht scheut sie sich aber auch davor, dem Sohn Gottes im Tod ins Angesicht zu scheuen.

Jedenfalls ist ihr Blick so versonnen, dass man sie nicht stören möchte in ihren Gedanken. Wenn wir nur wüssten, was für Gedanken das gerade sind.

Vielleicht gibt die Blickrichtung einen Hinweis. Wir kennen die Redewendung „auf den Boden der Tatsachen zurückkehren“. Vielleicht liegt das auch in ihrem Blick, dass sie darüber nachsinnt, was nun, nach dem Tod ihres Sohnes, als nächster Schritt kommen könnte. Sie muss wieder zurück kehren in diese grausame Welt, die ihr den Sohn genommen hat, aber es bleibt offen, wann das geschehen kann.

Wenn wir die Karte umdrehen, sehen wir einen Ausschnitt des Bildes – aber dieser Ausschnitt ist nicht klar, sondern verschwommen, unscharf, ganz so, wie wenn man durch einen Schleier von Tränen das Bild betrachten würde. Trauer nimmt uns die Klarheit. Wir erkennen die Realität nicht mehr.

Diese Phase, in der die Realität gewissermaßen verloren geht, gehört zum Trauern dazu, und es ist durchaus richtig, wenn wir sie zulassen – für eine Weile. Es wird aber auch wieder nötig sein, sich von der Trauer zu lösen, Abstand zu gewinnen und in Wahrheit Abschied zu nehmen von dem geliebten Menschen, den einem der Tod genommen hat.

Er ist nicht mehr da. Und darum wird die Erinnerung mit zunehmendem Abstand unscharf. Die Rückkehr in die Welt steht bevor. Die Normalität tritt wieder ins Leben ein, oder besser, man tritt aus der Trauer heraus wieder ins Leben ein. Denn in der Trauer ist man in gewisser Weise selbst vom Tod umfangen.

Der Weg zurück ins Leben ist ein wichtiger Schritt im Trauerprozess – er bedeutet aber auch, dass die Erinnerung an den Menschen, um den man trauerte, verblasst und unscharf wird. Denn anderes wird wieder wichtig und gewinnt an Bedeutung, drängt sich in den Vordergrund. Manche Menschen wollen das nicht, sie halten an dem Vergangenen fest.

Maria aber bereitet sich innerlich schon auf die Rückkehr ins Leben vor. Es ist ihr klar, dass sie der Welt gehört, und wir mögen daran denken, dass sie in der Bibel nach dem Kreuzestod Jesu nur noch einmal, dafür aber an einer wichtigen Stelle, Erwähnung findet zu Beginn der Apostelgeschichte, wo es heißt:

„Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apg 1, 14)

Wie fand sie in die Welt zurück? Offenbar fand sie Trost und Geborgenheit in der Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger, die nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt Bestand hatte und nicht auseinander bröselte, weil das bindende Glied fehlte.

Drehen wir das Bild wieder um und lenken unseren Blick auf Jesus. Er liegt im Licht. Sein Gesicht ist nach oben gewandt, dem Licht entgegen. Und damit auch entgegengesetzt zu dem Blick Marias. Vielleicht ist da jemand über ihm, der auf ihn schaut? Wir mögen an die Worte denken, die bei seiner Taufe vom Himmel her erklangen: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“. (Mt 3, 17b)

Der Tod kann ihn nicht halten – das wird in dieser Skulptur schon deutlich. Das Leben scheint gewissermaßen auf diesen leblosen Körper. Hier liegt der Sohn Gottes, tot, und doch schon gezeichnet von der Auferstehung.

„Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21, 5) wird uns auch durch diese Skulptur zugerufen. Das Leid und Elend dieser Welt wird überwunden – das ist das Werk Gottes, an dem wir teilhaben dürfen durch den Glauben.

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. (2. Kor 5, 19-21)

So lesen wir im 2. Brief des Paulus an die Korinther im 5. Kapitel. „Gott war in Christus“ – diese Worte werden in der Pietà Michelangelos gewissermaßen zum Leuchten gebracht. Gott war in Christus und starb unsern Tod, damit endlich ein Schlussstrich gezogen werden kann. Es gibt kein Aufrechnen der Sünde mehr. Wir sind versöhnt mit Gott.

Paulus ruft es uns noch einmal zu: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“.

Viele Menschen meinen, dass das Reden von Schuld und Sünde nur dazu diene, den Einfluss und die Macht der Kirche zu stärken. Und in der Tat hat die Kirche über viele Jahrhunderte ihre Macht und ihren Einfluss auf dem Sündenbewusstsein der Menschen aufgebaut. Dass hier Missbrauch getrieben wurde, hatte nicht nur Martin Luther erkannt. Immer wieder wurde auf die versöhnende Liebe und das Handeln Gottes an uns hingewiesen, an dem wir Menschen nicht beteiligt sind außer, dass wir es dankbar annehmen.

Aber dann gibt es auch solche, die meinen, ihr Leben soweit im Griff zu haben, dass sie keine Sünde begehen, dass sie niemals schuldig werden – oder wenigstens, dass sie immer dafür sorgen, dass da, wo sie schuldig wurden, ein Ausgleich erfolgt, sie angemessene Wiedergutmachung leisten. Aber es lässt sich wohl kaum leugnen, dass man auch ungewollt schuldig wird, z.B. durch unser Wirtschaftssystem oder auch dadurch, dass wir den Ansprüchen Gottes schlicht nicht genügen.

Heute sind wir soweit, den Ernst der Taten Gottes zu vergessen. Manche würden am liebsten das Kreuz vollständig verbannen, viele rufen nach einer Aufhebung des Feierverbots am Karfreitag und Karsamstag.

Vielleicht haben sie sogar recht, denn warum sollte der Staat auf den Glauben einer unbestimmten Zahl von Menschen Rücksicht nehmen – und auf den Glauben anderer nicht?

„Lasst euch versöhnen mit Gott!“ ruft uns Paulus zu.

Und er begründet den Aufruf auf diese Weise: „Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

Es fällt einem bei diesem Satz schon etwas Merkwürdiges auf. Da wird Jesus zur Sünde gemacht. Dabei ist Sünde doch das Ergebnis der Taten eines Menschen. Wie kann dann ein Mensch zur Sünde werden?

Vielleicht können wir es so verstehen: Mit Jesus wird die Sünde gewissermaßen ans Kreuz genagelt. Mit Jesus wird die Sünde also auch getötet. Und das heißt, das unsere Sünde weg ist. Gott hat sie getötet.

Was dann zum Vorschein kommt, ist die Gerechtigkeit. Das sind wir, wenn wir uns versöhnen lassen: Gerechtigkeit. Wenn wir als erstes, so wie Petrus, dies feststellen: Ich bin ein sündiger Mensch. Denn nur wer bereit ist, sich als sündigen Menschen zu akzeptieren, kann sich auch durch Jesus Christus mit Gott versöhnen lassen.

Dann aber vollkommen. Denn die Liebe Gottes kennt kein „ja, aber...“, sondern sie kennt nur das „Ja“.

Also: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Amen

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Predigt zum Sonntag Palmarum
20. März 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

(Phil 2, 5-11)

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext, den wir gerade gehört haben, ist ein Hymnus, ein Lied, das eigentlich auch als Lied gesungen und entfaltet werden müsste.

Ich habe den Text singend lieben gelernt. Während meines Studiums gab es jeden Mittag eine Andacht, in der für jeden Tag ein bestimmter Text singend vorgetragen wurde. Am Freitag war es dieser Hymnus, den ich dann auch oft singen durfteund der sich seither mir tief eingeprägt hat.

Meistens wurde dieser Text dann auch noch in das Halleluja der übrigen Studierenden gewissermaßen eingebettet. Nur in der Fastenzeit schwieg das Halleluja.

Der Text strahlt etwas Hohes, Erhabenes aus, obgleich er eigentlich von Erniedrigung spricht. Aber es bleibt ja nicht dabei, im Gegenteil – am Ende steht das „zur Ehre Gottes des Vaters“.

„Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht“ – so lautet der Anfang heute. Früher klang es etwas anders: „Ein jeder sei so gesinnt, wie Jesus Christus auch war.“

Ich habe es nicht so recht verstanden, warum dieser Hymnus, der sich mir so tief eingeprägt hatte, durch die letzte Revision der Luther-Übersetzung am Anfang so verändert wurde. Jahrhundertelang hatte man nur ganz geringfügige Änderungen vorgenommen, die kaum auffielen, so dass man bis 1984 fast die gleichen Worte las, wie Luther sie 1524 geschrieben hatte.

Durch die letzte Revision der Luther-Übersetzung 1984 wurde auch der Sinn verändert, was so vom Original her eigentlich gar nicht gegeben ist. Denn es geht nicht darum, entsprechend der Gemeinschaft in Jesus Christus, sondern tatsächlich so wie Jesus selbst gesinnt zu sein.

Er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens – so heißt es im Hebräerbrief (Hebr 12, 2). Er ist unser Vorbild, das zwar unerreichbar ist, dem wir aber doch nachzueifern aufgerufen sind, auch und gerade durch unseren Predigttext.

Man nennt das schlicht „Nachfolge“. Aber Machfolge ist nicht nur ein einfaches „Hinter-Jemandem-Hergehen“. Die Nachfolge Christi umfasst vielmehr die ganze eigene Existenz. Sie betrifft eben nicht nur unser Tun, sondern auch unsere Gesinnung, wie Paulus es ausdrückt. Seid so gesinnt wie er, dazu ruft uns dieser Christus-Hymnus aus dem Philipperbrief auf.

Und nach diesem Aufruf entfaltet der Hymnus mit wenigen Worten das, was Jesus Christus für uns bedeutet – und damit auch, was sich in unsere Gesinnung einprägen soll.

Er erniedrigte sich selbst. Und da geht es nicht nur um die Art der Selbsterniedrigung, wie sie jeder Mensch vollziehen kann und die wir meist mit Demut bezeichnen. Es geht um viel mehr, denn Jesus ist der Herr aller Herren, er ist Gottes Sohn, doch dieser Gottessohn nimmt Knechtsgestalt an, er wird, was er von seinem Wesen her eigentlich gar nicht sein kann: er wird Mensch!

Nikolaus Hermann hat das in seinem Weihnachtslied „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“ in folgende Worte gefasst:

Er äußert’ sich all seiner G’walt,
wird niedrig und gering
und nimmt an sich ein’s Knechts Gestalt,
der Schöpfer aller Ding. (EG 27, 3)

Gott wurde Mensch – und als Mensch ließ er sich ganz auf die Bosheit der Menschen ein und starb, weil er dieser Bosheit die Liebe Gottes entgegensetzte, den Tod am Kreuz.

Aber an dieser Stelle kann es nicht enden, denn dann wäre die Nachfolge sinn- und nutzlos. Der Hymnus ist ja auch nur erst zur Hälfte vorüber.

Paulus schildert nun den Neuanfang, der durch Jesu Tod am Kreuz ausgelöst wurde. Und es ist wichtig, dass wir uns dessen immer bewusst bleiben: ohne das Kreuz wäre das Folgende nicht möglich gewesen.

Die Selbsterniedrigung Jesu bleibt nicht ohne Konsequenzen. Gott erhöht ihn – er weist ihm den Platz an seiner Seite zu, denn kein anderer Platz wäre für den Sohn Gottes angemessen.

Dazu tritt der Name, der über alle Namen ist. Was für ein Name ist da wohl gemeint? „Jesus“? Oder „Christus“? Oder „Jesus Christus“, die Kombination von beiden?

Ich bin mir nicht sicher, dass es diese Namen sind, denn nur der erste ist tatsächlich ein Name, den zur Zeit Jesu und danach viele Menschen getragen haben, und der andere, Christus, ist ein Titel, den auch so mancher für sich in Anspruch nahm.

Ein von Gott gegebener Name, der dazu noch über allen anderen Namen steht, müsste noch anders, nicht so alltäglich und auch nicht wie ein Titel klingen.

Vielleicht ist hier gemeint, dass nun Jesus nicht nur Menschensohn ist, wie er sich oft selbst bezeichnete, sondern als Sohn Gottes den Namen Gottes trägt, also Gott ist, womit die Einheit des Vaters und des Sohnes zum Ausdruck gebracht würde.

Oder es ist doch der Name, der ihm bei der Geburt gegeben wurde, dem Gott aber jetzt einen völlig neuen Wert gibt, indem er ihn über alle Namen erhöht. Aber diese Erhöhung können viele Menschen nicht nachvollziehen. Und auch heute gibt es Menschen, die „Jesus“, also Gott hilft, heißen.

Es lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, welcher Name hier wohl gemeint ist. Sicher wird Gott dieses Geheimnis zu seiner Zeit enthüllen.

Aber das ist sowieso ein Wesenszug unseres Predigttextes, dass er eigentlich von einem Geheimnis spricht, denn alles, was sich nach dem „Tod am Kreuz“ ereignet, können wir ja nur im Glauben erfassen. Und auch, wie alles anfing, erschließt sich nur dem Glauben: dass Gott Mensch wurde. Es ist ein tiefes Geheimnis, von dem hier die Rede ist, ein Geheimnis des Glaubens – oder besser: das Geheimnis des Glaubens.

Gott hat ihn erhöht – wenn wir das hören, dann denken wir daran, dass der Himmel, von dem in unserem Text die Rede ist, nichts zu tun hat mit dem Himmel, der sich über uns wölbt. Die Erhöhung ist nicht ein physisches in die Höhe heben, sondern es ist die, so könnte man sagen, Inthronisation gemeint. Jesus sitzt zur Rechten Gottes, das ist der Platz, der ihm zusteht.

Vor diesem Thron nun sollen sich aller Knie beugen. Mit dem Wort „alle“ wird ein großer Bogen gespannt, denn gemeint sind alle im Himmel – also die Engel und alle Heiligen –, alle auf Erden – also wir – und alle unter der Erde – also alle die, die bereits gestorben sind.

Mit dieser Aufzählung wird auch die Zeit relativiert. Es spielt keine Rolle, an welchem Punkt der Zeit wir uns befinden. Jesus ist der Herrscher aller Herren zu allen Zeiten und an allen Orten. Vor ihm müssen sich alle verneigen: der Straßenkehrer genauso wie der Bürgermeister, der Verbrecher genauso wie der Heilige, der Arbeiter genauso wie der Ingenieur, der Politiker genauso wie der Flüchtling, der Terrorist genauso wie der Soldat – sie alle müssen sich vor ihm verneigen und ihm die Ehre geben.

Und dieses „Ehre-Geben“ besteht dann nicht nur in der Verneigung, sondern auch in dem Bekenntnis: Jesus Christus ist der Herr.

Es drängt sich natürlich die Frage auf, wann es so weit sein wird. Denn wir sehen ja, wie wenig die Menschen die Hoheit Gottes achten. Und bei manchen scheint es uns unmöglich, dass sie jemals dahin kommen, Jesus Christus die Ehre zu geben.

Aber diese Frage wird hier nicht gestellt – weder „Wann“ noch „Wer“, denn zu beiden ist die Antwort schon klar.

Das Wann spielt für Gott keine Rolle. Vor ihm breitet sich die Zeit der Welt aus wie ein Teppich, während er selbst keine Zeit kennt. Er ist ja der Ewige! Und so sieht er wohl, was zu diesem oder jenem Zeitpunkt in unserer Welt geschieht, aber das Entscheidende sieht er auch: dass eben aller Menschen Knie sich vor dem Thron Jesu Christi beugen und ihm die Ehre erweisen.

Und damit ist auch die Frage beantwortet, ob es vielleicht doch welche gibt, die es nicht tun. Nein, sie alle verneigen sich vor dem Thron Gottes, es gibt da keine Ausnahme.

Dass wir das jetzt noch nicht sehen, liegt nicht an uns, auch nicht daran, dass Gott Freude daran hat, uns warten zu lassen, sondern daran, dass wir Gefangene der Zeit sind. Wir können dieses Bild der Ewigkeit, das Paulus da mit seinem Hymnus gewissermaßen gemalt hat, nicht wirklich erfassen. Unsere Sprache gibt es ja auch nicht her. Wir müssen immer in einer Zeitform reden, weil wir es nicht anders kennen.

Aber unsere Zukunft ist genauso wie unsere Vergangenheit immer Gottes Gegenwart.

Und auf dieser Erkenntnis gründet sich die christliche Gemeinde. Sie vertraut darauf, dass Christus seinen Platz eingenommen hat, dass er Herr aller Herren ist und es nicht erst in ferner Zukunft sein wird. Aus diesem Vertrauen heraus erwächst dann auch die Gewissheit, dass wir in unserem Handeln nie allein sind, und der Mut, Grenzen zu überschreiten und den Menschen die Hand zu reichen, von denen sich alle anderen abwenden. Dabei ist klar: Was immer wir tun, wir tun es zur Ehre Gottes.

Durch unser Reden und Handeln bekennen wir, wer unser Herr ist. So gebe Gott uns die Gewissheit, dass er Alles in Allem ist, damit für alle erfahrbar wird, was Paulus uns vor Augen malt:

Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass; Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Amen

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Predigt zum Sonntag Laetare
6. März 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben. (2. Kor 1, 3-7)

Liebe Gemeinde,

haben Sie mitgezählt? In den fünf Versen unseres Predigttextes kommt das Wort Trost oder trösten insgesamt 10 mal vor.

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“ (2. Kor 1, 4-5)

Bei dem Wort „Trost“ denken wir vielleicht auch an die Jahreslosung: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66, 13)

Für Kinder ist instinktiv klar, dass sie von ihren Eltern, meist von der Mutter, getröstet werden, wenn mal irgend etwas Schlimmes passiert ist.

Aber nicht immer brauchen wir Trost. Wenn alles gut geht, wenn alles passt, wenn wir zufrieden sind und das Leben so verläuft, wie wir es uns wünschen, dann ist Trost überflüssig.

Mit zunehmender Lebenserfahrung stellen wir jedoch fest, dass wir ohne Trost kaum leben können. Immer wieder geraten wir in Situationen, in denen es gut wäre, wenn wir Trost hätten.

Wir brauchen z.B. Zuspruch und Trost, wenn sich der erhoffte Erfolg nicht einstellt und alles verloren zu sein scheint.

Wir brauchen Beistand, wenn eine Krankheit unsere Kräfte einschränkt und das, was uns sonst mit Leichtigkeit von der Hand ging, nicht mehr gelingen will.

Wir brauchen Trost, wenn ein lieber Mensch von uns gegangen ist, der vielleicht sogar einen großen Teil unseres Lebens begleitet hat.

Doch woher nehmen wir dann den Trost? Meist suchen wir ihn bei unseren Mitmenschen. Schwierig wird es, wenn die Person gestorben ist, von der wir bis dahin meist Trost empfangen haben.

Nicht immer sind die Versuche anderer Menschen wirklich tröstlich. Und manchmal sitzt der Schmerz so tief, dass jeder Zuspruch an uns abprallt, vor allem dann, wenn wir wissen, dass die, die uns zu trösten versuchen, nie eine ähnliche Situation durchgemacht haben.

Paulus schreibt in seinem Brief an die Korinther von seinen eigenen Erfahrungen. Er hat Leid erfahren, tiefes, schweres Leid, und in diesem Leid ist ihm Trost widerfahren. Dadurch wird das, was er schreibt, auch glaubwürdig.

Denn es sind nicht einfach nur dahin gesagte, leere Worte. Es sind Worte, in denen die Sympathie, das Mitleiden, deutlich spürbar wird.

Nicht umsonst heißt es, geteiltes Leid sei halbes Leid. Es bedeutet viel, wenn man sein Leid mit anderen Menschen teilen kann.

Dieses Mitleiden ist etwas anderes als das, was wir Mitleid nennen. Es kann durchaus auch eine körperliche Erfahrung sein, also ein echtes Mitteilen des Leids.

Sie kennen das vielleicht auch: Sie sehen, wie sich einer mit dem Hammer auf den Daumennagel haut, und es tut Ihnen selber auch weh.

Eltern erleben es vermutlich häufiger: wenn das eigene Kind Schmerzen hat, spüren sie es auf eigenartige Weise auch.

Es sind natürlich nicht die gleichen Schmerzen. Aber die Tatsache, dass ein vertrauter Mensch leidet, führt zum Mit-Leiden.

Es ist die Erfahrung anderer, die uns wieder Mut macht. Allein das Wissen, dass der andere, der das Gleiche oder sogar Schlimmeres durchgemacht hat und da auch hindurch getröstet wurde, hilft uns schon und schenkt uns selbst Trost, wenigstens einen Funken Hoffnung. Denn wir wissen, dass wir, so wie die andere Person, die uns tröstet, auch durch das Leid hindurch wieder zur Freude gelangen werden.

Denn Trost ist der Hoffnung sehr ähnlich. Wenn wir getröstet werden, dann keimt in uns die Ahnung auf, dass es besser werden wird, dass der Schmerz vergeht, dass das Leid ein Ende haben wird.

Aus dem Teilhaben am Leiden, also aus dem Mit-Leiden, folgt für Paulus auch das Teilhaben am Trost. So wie er getröstet wurde durch Christus, so kann auch die Gemeinde durch Christus getröstet werden.

Nun spricht Paulus von einem ganz spezifischen Trost, nämlich dem Trost, der von Gott kommt. „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4 der uns tröstet in aller unserer Trübsal...“ (2. Kor 1, 3-4a)

Wo kommt dieser Trost Gottes her? Wir erfahren ihn, wenn wir auf das Kreuz schauen.

Doch für viele Menschen ist das Kreuz eher trostlos. Sie sehen da nur einen Getöteten, der noch nicht einmal den Mut hatte, sich zu wehren. Von dort kann, so glauben sie, kein Trost kommen.

Doch wir sehen etwas anderes. Wir sehen am Kreuz den Gottessohn. Und dieser Gottessohn durchleidet nicht nur körperliche Qualen. „Er ward verschmäht und verachtet, ein Mann der Schmerzen und umgeben mit Qual. Den Rücken bot er den Peinigern, hielt die Wange dar der rohen Feinde Wut, er barg nicht sein Antlitz vor Schmach und Schande.“ (Jes 50, 6) So beschreibt es der Prophet Jesaja.

Jesus hat auch die Verachtung erduldet und die Schmach des Urteils, das ihn zum Verbrecher abstempelte, obwohl er der Gerechteste ist.

Verachtung, Schmach, Hohn, Spott, ja, auch das eigene Versagen, da am Ende die, die ihm beim Einzug in Jerusalem noch zugejubelt hatten, das „Kreuzige“ schrien – all das hat er durchlitten.

Er weiß also, wie das ist, wenn man das Gefühl hat, versagt zu haben, wenn das Leben nicht so gelingt, wie man es sich vorgestellt hat.

Es ist das Kreuz, das Symbol des Todes, das wir anschauen. Aber dabei bleibt es ja nicht. Wir wissen, dass er wieder auferstehen wird. Er wird den Tod überwinden. „Doch du überlässt ihn nicht dem Tod; du wirst nicht dulden, dass dein Heiliger Verwesung sähe“ (Ps 16, 10), so heißt es im 16. Psalm.

Und dann haben wir die Berichte von dem leeren Grab und von den Offenbarungen des Auferstandenen. Wir schauen gewissermaßen über das Leid dieser Welt, über das Leid des Todes hinweg. Wir sehen die Herrlichkeit Gottes schon in dem am Kreuz Gestorbenen.

Denn in ihm sehen wir das Leben, ewiges Leben. Darum wurde das Kreuz überhaupt erst Symbol des christlichen Glaubens. Besonders deutlich wurde es sichtbar gemacht durch den Künstler, der das Kreuz im Hohen Chor des Kaiserdoms schuf. Dieses Kreuz ist ein Bild des Trostes, ein Unterpfand unserer Hoffnung, denn es zeigt uns den, der den Tod besiegt hat.

Einer, der aus dem Bild des Kreuzes tiefen Trost schöpfen konnte, ist Paul Gerhardt.

In dem vertrauten Lied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ heißt es in der 6. Strophe von dem, was Christus für uns getan hat durch seinen Kreuzestod:

Das soll und will ich mir zunutz
zu allen Zeiten machen;
im Streite soll es sein mein Schutz,
in Traurigkeit mein Lachen,
in Fröhlichkeit mein Saitenspiel;
und wenn mir nichts mehr schmecken will,
soll mich dies Manna speisen;
im Durst soll’s sein mein Wasserquell,
in Einsamkeit mein Sprachgesell
zu Haus und auch auf Reisen.
(EG 83, 6)

In seinem nicht weniger bekannten Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ heißt es, nachdem er das Bild des Gekreuzigten in den ersten Strophen mit seinen Worten gewissermaßen gemalt hat:

7. Es dient zu meinen Freuden
und tut mir herzlich wohl,
wenn ich in deinem Leiden,
mein Heil, mich finden soll.
Ach möcht ich, o mein Leben,
an deinem Kreuze hier
mein Leben von mir geben,
wie wohl geschähe mir!

8. Ich danke dir von Herzen,
o Jesu, liebster Freund,
für deines Todes Schmerzen,
da du’s so gut gemeint.
Ach gib, dass ich mich halte
zu dir und deiner Treu
und, wenn ich nun erkalte,
in dir mein Ende sei.

9. Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.

10. Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.
(EG 85, 7-10)

In diesen Versen wird die Kraft des Trostes deutlich, der gewissermaßen aus dem Kreuz heraus quillt. Wohl können das Leid dieser Welt und der Tod uns Angst machen, aber das Kreuz Jesu Christi reißt uns aus dieser Angst heraus, denn von ihm her strahlt das Licht der Auferstehung, des leeren Grabes.

In den Versen Paul Gerhardts wird letztlich deutlich, dass das Vertrauen in die Liebe Gottes eine ungeheuer befreiende Kraft hat. Und so kann auch Paulus sagen:

Unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben. (2. Kor 1, 7)

Denn nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen, weder Hohes noch Tiefes, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, und auch der Tod nicht. (Röm 8, 38f) Denn die Liebe Gottes ist stärker als alle Mächte der Welt.

Amen

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Predigt zum Sonntag Oculi
28. Februar 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.

(Eph 5, 1-8a)

Liebe Gemeinde!

Wir befinden uns in der sogenannten Fastenzeit.

Weil es Martin Luther und den anderen Reformatoren wichtig war, den Schwerpunkt im Leben der Christen von den Werken abzulenken und den Glauben in den Vordergrund zu stellen, hat man allerdings diesen Begriff nicht lange ausgehalten. Fasten wurde damals als ein Mittel angesehen, sich vor Gott gewissermaßen wieder ins rechte Licht zu rücken, und das konnte es ja eigentlich nicht sein.

Denn nur einer kann uns ins rechte Licht rücken, und das ist Gott selbst.

Darum gab man der Zeit vor Ostern einen anderen Namen und nannte sie seither „Passionszeit“, zu Deutsch „Leidenszeit“, wobei man natürlich an das Leiden Jesu dachte. Der einzige Haken dabei war, dass es eigentlich nur in der Karwoche um das Leiden Jesu geht, und die Wochen davor mit ihren Lesungstexten so wie heute eher unser Verhältnis zu Gott beleuchten.

Aber darüber sah man hinweg, und wer mochte, konnte bei dem Wort Passion auch an sein eigenes Leiden denken, wenn er die alte Praxis des Fastens fortführte.

Heute hat das Fasten wieder Konjunktur. Es werden für diese Zeit alle möglichen Varianten des Fastens vorgeschlagen, vom konkreten Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel bis hin zum Versuch, gewisse Gewohnheiten wenigstens vorübergehend zu unterlassen.

Unser Predigttext, den wir gerade als Epistellesung gehört haben, geht zwar auf die Praxis des Fastens nicht direkt ein, es steckt aber schon etwas davon drin – genauso wie im Evangelium, wo Jesus dazu auffordert, dass der, der seine Hand an den Pflug legt, nicht zurück sehen soll.

Mit anderen Worten: wer A sagt, muss auch B sagen.

Aber diese Redewendung verwenden wir vorwiegend dazu, auf die zwingenden Konsequenzen eines Fehlers, den man begangen hat, hinzuweisen.

Bei der Aufforderung Jesu aber geht es um etwas anderes. Denn der erste Schritt, das „A“, ist kein Fehler, sondern eine bewusste, gewollte Entscheidung. Ich will den Weg Jesu mitgehen.

Diese Entscheidung ist unsere eigene, sie wurde uns nicht von anderen auferlegt oder aufgezwungen. Man darf sie auch nicht verwechseln mit dem gewissen Zwang zum Gottesdienstbesuch, den man etwa als Kind und als Konfirmand empfand oder empfindet.

Es geht einzig um die freiwillige Entscheidung, dass ich Jesus nachfolgen will.

Und diese Entscheidung hat Konsequenzen, die sich teilweise von selbst ergeben, teilweise aber auch erst erlernt werden müssen. Paulus formuliert das im Epheser-Brief folgendermaßen:

„So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder“ (Eph 5, 1).

Ist das nicht schön, dass wir uns als Kinder Gottes verstehen dürfen? Dass Gott uns zu seinen Kindern macht?

Mir kommt dabei auch die Jahreslosung in den Sinn, die das Verhältnis von Mutter und Kind zum Beispiel nimmt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66, 13)

Gott will für uns Vater und Mutter sein. Er will für uns sorgen und uns in schweren Zeiten beistehen.

Wir sind geliebte Kinder und dürfen uns darum auch selbst so verstehen. Nur wenn wir so werden wie die Kinder, kann das Reich Gottes für uns wahr werden (Mt 18, 3), hat Jesus gesagt. Nur wenn wir aufhören, um alles in der Welt erwachsen wirken und alles verstehen und kontrollieren zu wollen, können wir begreifen, wie grenzenlos die Liebe Gottes zu uns ist.

Allerdings gebe ich zu, dass es mir schwer fällt, die Aufforderung, Gottes Beispiel zu folgen, so einfach anzunehmen. Denn wie könnte ich das?

Es ist und bleibt für uns Menschen doch unmöglich, Gott ähnlich zu werden. Wir können seinem Beispiel nicht folgen, auch wenn wir es gerne möchten. Denn was immer er tut, ist ohne Tadel, während wir doch immer wieder Fehler machen und nie die Vollkommenheit Gottes erreichen können.

Aber da ist nun diese Aufforderung, und sie wird auch erklärt, denn es geht um die Liebe, mit der Gott uns liebt. Diese Liebe geht wieder weit über das menschliche Vermögen hinaus, aber hier kommt wieder ins Spiel, was ich gerade schon sagte: Werdet wie die Kinder. Legt alle Sorgen und Fragen ab und vertraut Euch der Liebe Gottes an, so wie ein Kind grenzenloses Vertrauen in die Liebe seiner Eltern hat, selbst dann, wenn es von ihnen einmal bestraft wurde.

Wenn wir die Liebe Gottes so begreifen, dann wird sie auch uns erfüllen können.

Die Liebe Gottes wird nun, so schreibt Paulus, offenbar darin, dass sich Jesus Christus für uns gegeben hat als Gabe und Opfer (Eph 5, 2).

Wenn man das so hört, mag allerdings etwas von der Leichtigkeit und Naivität des Kindseins wieder von uns abfallen, denn es ist ja doch eine schwerwiegende Sache: Christus hat sich als Opfer hingegeben, d.h. er hat sein Leben geopfert, Gott zu einem lieblichen Geruch, wie es dann weiter heißt.

Wir erinnern uns an alttestamentliche Redewendungen, wo im Zusammenhang mit Brandopfern vom „lieblichen Geruch“ die Rede ist.

Ich habe das zwar nie verstanden, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass da irgend etwas angenehm riecht, aber nun kann ich mich auch in dieser Beziehung wie in allen anderen Dingen nicht in Gott hinein versetzen.

Aber Opfer sind ja ohnehin Geschichte. Seit der Tempel in Jerusalem zerstört wurde, d.h. seit dem Jahr 70 nach Christus, ist für das Volk Israel die Zeit des Opfers vorbei.

Die Zeit der Christen beginnt mit einem Opfer, das das einzige Opfer in ihrer Geschichte bleibt und das auch nicht von ihnen dargebracht wurde. Jesus hat sich selbst hingegeben und auf diese Weise die Versöhnung Gottes mit uns Menschen herbeigeführt. Nun sind wir wahrhaftig geliebte Kinder Gottes, weil nichts mehr zwischen uns und Gott stehen kann. Dieses Opfer Jesu hat alles Trennende weggenommen.

Nun führt Paulus eine ganze Reihe von Dingen an, die wir als geliebte Kinder meiden sollen.

Wer darin nur eine Moralpredigt sieht, hat das Anliegen dieses Textes allerdings nicht verstanden. Denn zunächst einmal ist die Verhaltensweise, die hier erwartet wird, die logische Konsequenz aus der Liebe, mit der Gott sich uns zuwendet.

Wichtiger aber ist: wer sich der Unzucht, der Unreinheit und Habsucht hingibt, der verliert sich selbst und Gott. Nicht nur das: er führt auch andere in diesen Sumpf, aus dem es nur schwer ist, wieder zu entrinnen.

Wer sich der Unzucht, der Unreinheit und der Habsucht hingibt, missachtet die Würde seiner Mitmenschen und seiner selbst. Er hat vergessen, dass Gott ihn zu seinem Ebenbild schuf. Er zerstört, wozu Gott uns bestimmt hat.

Darum warnt Paulus davor, weil es wohl doch immer wieder eine Gefahr war, vor allem in Ephesus, einer Hafenstadt, wo wie in vielen Hafenstädten so ziemlich alles möglich ist. Aber es gilt ja auch für uns heute, wobei man natürlich fragen kann, ob das überhaupt ein Problem für uns, die wir heute hier versammelt sind, darstellt.

Unzucht hat Jesus im Zusammenhang mit der Ehe so beschrieben: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen (Mt 5, 28) – d.h. mit anderen Worten: er hat Unzucht getrieben. Es genügen also schon Gedanken bzw. das Begehren, um in diese Kategorie hinein zu rutschen.

Es heißt zwar in einem bekannten und gern gesungenen Lied „Die Gedanken sind frei“, aber da Gott in unser Herz sieht, gibt es da eben doch Grenzen. Und diese Grenzen hat Jesus sehr eng gefasst.

Unreinheit hat nichts mit Händewaschen zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Hier kommt erneut die Würde des Menschen ins Spiel. Sie alle sind geliebte Kinder Gottes, nur dass manche von ihnen dies nicht wahrhaben wollen und sich darum von Gott trennen.

Aber darüber zu urteilen, steht uns nicht zu. Und darum sollen wir uns davor hüten, schlecht über andere Menschen zu reden, nur weil es hier und da vielleicht den Anschein gibt, dass sie es nicht anders verdient hätten.

Wenn man etwas gegen einen Mitmenschen hat, dann soll man nicht über ihn reden, sondern mit ihm. Nur so bleiben wir im Herzen rein.

Habsucht ist wohl das größte Übel unserer Zeit. Es ist nichts Neues, dass sich der Reichtum dieser Welt auf einen kleinen Teil der Weltbevölkerung beschränkt. Aber das alleine ist damit nicht gemeint. Unsere Wirtschaft funktioniert nur deswegen, weil es ihr immer wieder gelingt, ein Bedürfnis nach etwas zu wecken, das wir eigentlich gar nicht brauchen.

Da wird ein durchaus normaler Zustand zunächst einmal schlecht geredet und dann die entsprechende Lösung für das Problem, das eigentlich gar kein Problem ist, präsentiert. Und schon will man diese Lösung haben, weil man das vermeintliche Problem beseitigen möchte. Das fängt an bei Hautfalten und geht über den völlig veralteten Fernseher mit viel zu niedriger Auflösung hin zum Auto, das mit der Technik von vorgestern ein extremes Sicherheitsrisiko darstellt.

Manchmal mag eine Neuanschaffung durchaus sinnvoll sein, aber die Tatsache, dass bei vielen Gegenständen die Reparatur teurer ist als eine Neuanschaffung, ist Symptom für eine von Habsucht regierte Gesellschaft. Denn ein Händler macht nun mal den größten Profit, wenn er ein neues Gerät verkauft, und nicht, wenn er ein altes Gerät repariert.

Nun ist Paulus schon recht rigoros, wenn er sagt, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger … ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. (Eph 5, 5)

Aber es ist auch etwas Wahres dran, wenn er solche Menschen als Götzendiener bezeichnet, denn wer sich diesen Eigenschaften hingibt, macht die Befriedigung seiner Lust oder die Sensationsgier oder die materiellen Güter zum Wichtigsten in seinem Leben. Wer sich darin verliert, der findet schlicht den Weg nicht mehr zur Barmherzigkeit und Güte Gottes.

Das Gegenmittel, wenn man so will, finden wir in der Mitte unseres Predigttextes, denn da werden wir zur Danksagung aufgefordert.

Wer dankbar ist, weiß, dass er beschenkt wurde. Und wer das weiß, der sieht sich auch als Kind Gottes, als geliebtes Kind. Er hat die Barmherzigkeit Gottes erfahren, die vergibt, wo wir es nicht geschafft haben, unsere Gedanken im Zaum zu halten.

So lasst uns dankbar sein für das Opfer Christi, durch das wir zu Gottes geliebten Kindern wurden und ewiges Leben geschenkt bekommen haben.

Amen

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Predigt zum Sonntag Reminiszere
21. Februar 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist. Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wieviel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wieviel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.

Röm 5, 1-11

Liebe Gemeinde!

Paulus ist keine leichte Lektüre. Manchmal frage ich mich, wie er solche Briefe schreiben konnte – ob er lange darüber nachdachte, bevor er sie zu Papier brachte? Ob er die Sätze auf Schmierzetteln vorformulierte? Aber Schmierzettel gab es damals nicht, denn Papyrus oder Pergament waren sehr teuer.

Es ist aber schwer zu glauben, dass so komplizierte und manchmal auch verschachtelte Sätze einfach so gewissermaßen aus dem Kopf auf das Papier purzeln. – Ob Paulus vielleicht Wachstafeln benutzte, um die Sätze vorzuformulieren?

So schwer die Lektüre der Paulusbriefe ist, so wichtig ist es, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Damit wir das in guter Weise tun können, lese ich den Text noch einmal vor:

(s. oben)

Das, was Paulus da schreibt, ist keine theologische Abhandlung, die vielleicht in einer Vorlesung an einer Universität vorgetragen wird. Auch wenn Paulus im Römerbrief sich und seine Theologie gewissermaßen vorstellt, so erwächst doch alles, was er schreibt, aus einer ganz persönlichen Erfahrung heraus.

Paulus teilt seine Erfahrungen mit anderen, indem er Briefe schreibt, und tut dies auch darum, weil er davon überzeugt ist, dass das, was er erfahren hat, ihm von Gott gewissermaßen geschenkt wurde, damit er es mit seinen Mitmenschen teilt. Und so erwartet er auch etwas von seinen Lesern, nämlich dass sie diese persönlichen Erfahrungen nachvollziehen und vielleicht sogar sich selber und ihre eigenen Erfahrungen darin wiedererkennen können.

Und wenn das nicht gelingt, dann sollen die Leser ihr eigenes Leben als Christen, ihren eigenen Glauben prüfen. Sie sollen sich an dem messen, was Paulus ihnen da beschreibt und vorstellt.

Dieser Anspruch wird natürlich auch an uns gestellt. Und darum lesen wir auch heute noch diese Schriften, darum denken wir auch heute, fast 2000 Jahre später, also in einer völlig anderen Zeit, darüber nach und erkennen, dass diese Texte auch für uns heute von Bedeutung sind.

Ganz am Anfang steht der Glaube, etwas, das so ungewiss ist wie kaum etwas anderes, denn es gibt keinen Weg, den Glauben in irgendeiner Weise wissenschaftlich zu begründen.

Glaube kann noch nicht einmal richtig beschrieben werden. Im Hebräerbrief gibt es dazu einen Versuch: „Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebr 11, 1) Das ist wohl eine ganz gute Beschreibung, nur hilft sie uns nicht, Glaube objektiv zu betrachten.

Denn das, was man hofft, gibt es noch nicht, und was man nicht sieht, kann man auch nicht beschreiben. Man versucht allerdings es sich vorzustellen, und landet dabei zwangsläufig bei einem Bild, das den eigenen, persönlichen Vorstellungen entspricht und auch aus ihnen hervorgegangen ist.

Jeder Mensch gelangt so zu seiner eigenen Vorstellung, zu seiner eigenen Gestaltung des Glaubens.

Wenn man es aber genau nimmt, dann dürfte der Glaubende eben auch solche Vorstellungen nicht haben, sondern müsste gänzlich aufs Leere hin seinen Glauben entfalten, denn Gott ist unvorstellbar, er entzieht sich mit allem, was ihm aneignet, unserer Vorstellungskraft.

Ganz auf Bilder zu verzichten ist aber unmöglich. Auch die Bibel ist ja voll von wunderbaren Bildern, die wir nicht missen wollen und die auch nötig sind. Wir brauchen Bilder, um uns orientieren zu können, um das, was wir glauben, greifbar und erfahrbar zu machen. Es ist nur wichtigt, dass wir diese Bilder nicht mit Gott verwechseln. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass unsere Bilder nur ein Hilfsmittel sind, um das Unvorstellbare in einzelnen Aspekten greifbar zu machen. Zum Beispiel

Der Herr ist mein Hirte – oder – er breitet seine Fittiche aus über mir – oder – er hält mich bei meiner rechten Hand – oder – er ruft mich mit Namen – oder – er birgt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit – oder – er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen – usw. In allen diesen Formulierungen, in diesen Bildern stellen wir uns den vor, an den wir glauben, wohl wissend, dass er mehr ist als das.

Letztlich ist Glaube ein Weg, der uns zu einem Ziel führt, das uns jetzt noch verborgen ist. Der Glaube vermittelt uns dabei eine Gewissheit, aus der solche Bilder erst entstehen können: nämlich dass wir gerecht sind vor Gott, dass es nichts gibt, was zwischen Gott und uns selbst steht, dass Gott mit seiner Liebe bei uns ist.

Der Glaube erfüllt uns mit der Hoffnung, dass unser kurzes und oft von Schmerzen geplagtes Leben nicht alles ist, sondern dass es darüber hinaus eine Herrlichkeit gibt, etwas Großartiges, das uns jetzt zwar noch verborgen ist, auf das wir aber zugehen und an dem wir letztlich auch teilhaben werden – durch den Glauben.

Diese Hoffnung gibt uns dann auch die Kraft, durchzuhalten, selbst dann, wenn alles um uns herum hoffnungslos erscheint, wenn die Frage, warum Gott solch Elend, Schmerz und Not zulassen kann, uns an seiner Existenz zweifeln lässt.

In unseren Herzen ist die Liebe Gottes, ausgegossen durch den Heiligen Geist, der bei uns bleibt, uns führt und leitet. Wir haben diese Liebe erfahren in unserem Leben auf vielfältige und unterschiedliche Weise, oft überraschend; sie ist uns gewissermaßen eingebrannt. Es ist gut, wenn wir solche Erfahrungen bewahren.

Eindeutig aber und für alle sichtbar wurde die Liebe Gottes am Kreuz, wo Gott seinen Sohn hingab, damit wir endlich Frieden mit ihm haben könnten, damit wir mit ihm versöhnt werden.

Dennoch fällt es uns schwer, unsere wahre Bestimmung anzunehmen.

Wir müssen eingestehen, dass wir Sünder sind – wir können den Ansprüchen Gottes nicht genügen. Das merken wir meist schon deutlich, wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, wenn wir in uns gehen und unsere Gedanken prüfen. Wir erkennen, dass wir nicht so lieben können, wie es der Liebe Gottes entspricht und würdig wäre.

Immer wieder suchen wir unseren eigenen Vorteil und erkennen nicht, wie zerstörerisch dieses Verlangen ist.

Durch unser Wirtschaftssystem z.B. beuten wir Menschen aus, ohne dass es sichtbar wird. Darum nehmen wir es dann auch hin und denken nicht weiter darüber nach. Und wenn wir doch darauf gestoßen werden, dann wollen wir die Verantwortung dafür anderen in die Schuhe schieben. Was können wir denn schon tun gegen die Mächtigen dieser Welt?

Aber so einfach sollten wir es uns nicht machen, denn solange wir von den Ergebnissen der ungerechten Handelspolitik profitieren, sind wir auch selbst an der Maschinerie, die für das Elend in vielen Entwicklungsländern verantwortlich ist, beteiligt und darum mit verantwortlich.

Heute erleben wir, wo unsere Wirtschaftspolitik hinführt: die Bürgerkriege und andere Auseinandersetzungen, die viele Menschen dazu antreiben, ihre Heimat zu verlassen und bei uns und unseren Nachbarn Schutz zu suchen, wurden zumindest zum Teil, wenn nicht sogar ganz, dadurch provoziert.

Das Problem lässt sich nicht lösen, indem wir unsere Grenzen schließen, sondern indem wir neue Wege finden, die Güter dieser Erde so zu verteilen, dass es keinen Hunger mehr gibt, dass alle Menschen eine Schule besuchen können und die medizinische Versorgung für alle Menschen finanzierbar ist und bleibt. Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ hat kürzlich festgestellt, dass es heute 68 mal mehr kostet als vor 15 Jahren, ein Kind in einem Entwicklungsland umfassend gegen alle lebensbedrohlichen Krankheiten zu impfen. Dabei sind die Kosten für die Entwicklung der Impfstoffe schon seit Jahren wieder erwirtschaftet worden.

Es geht um mehr Gerechtigkeit, und das bedeutet sicher auch, dass wir über unseren eigenen Lebensstil und -standard nachdenken und ihn dann auch neu anpassen müssen.

Gott will, dass wir Ungerechtigkeiten nicht einfach hin nehmen oder dulden. Er will, dass allen Menschen Gerechtigkeit widerfährt.

Paulus spricht von Bewährung in der Geduld. Diese Bewährung kann nur darin bestehen, dass wir uns dafür einsetzen, dass der Wille Gottes umgesetzt wird.

Wo Menschen gegen den Willen Gottes handeln, kann es für die Opfer nicht der Wille Gottes sein, dass sie dieses Handeln ertragen müssen. Es ist vielmehr der Wille des Menschen, dass sie dies glauben.

Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Leben in Frieden und ohne Sorge um den eigenen Unterhalt. Das ist ein Grundrecht, das Gott uns schon zu Beginn der Schöpfung zusagt hat und das wir längst anerkannt haben in Form der Menschenrechte, über deren Einhaltung die UN wachen soll.

Dass es dennoch nicht richtig klappt, liegt an der freien Marktwirtschaft, die zulässt, dass sich der Reichtum dieser Welt, nämlich 80% der Werte, die man erfassen kann, in den Taschen von etwa 15% der gesamten Weltbevölkerung ansammelt. Die übrigen 85% der Weltbevölkerung teilen sich die verbleibenden 20% des Weltreichtums.

Wir merken schnell, dass das nicht richtig sein kann. Wir müssen und dürfen das auch nicht als gottgegeben hinnehmen. Denn Gott hat diesen Zustand sicher nicht gewollt.

Paulus ruft uns zu: ihr seid mit Gott versöhnt – nun seht zu, dass ihr euch auch untereinander versöhnt. Seid bereit, miteinander so zu teilen, dass sich niemand übervorteilt oder ausgenutzt fühlt.

Setzt euch dafür ein, dass die Reichen erkennen, dass die Anhäufung ihres Reichtums unmoralisch ist, selbst dann, wenn sie großzügige Spenden verteilen, die sie letztlich aus der Portokasse bezahlen und die meist nur Prestigezwecken und der Steuererleichterung dienen.

Dann kann auch etwas von der Herrlichkeit Gottes schon jetzt, unter uns, sichtbar werden, wenn wir uns nur dafür einsetzen, dass es etwas gerechter in unserer Welt zugeht.

Es hängt nur davon ab, wie sehr wir bereit sind, uns einzulassen auf das, was wir im Glauben erfahren haben. Wenn wir das tun, dann wird die Liebe, die Gott in unsere Herzen ausgegossen hat, lebendig. Sie breitet sich aus, steckt andere an.

Lassen wir uns also nicht entmutigen bei unserem Bemühen, daran mit zu bauen, sondern nehmen wir die Herausforderung an. Wenn wir hier und da einen kleinen Erfolg erleben: vielleicht dadurch, dass ein Patenkind, das wir durch die Kindernothilfe begleitet haben, einen Beruf erlernt und seinen festen Platz in der Gesellschaft eingenommen hat, oder auch dadurch, dass wir unserer Nachbarin etwas helfen konnten, dann wissen wir, dass es nicht nur ein Traum ist, der erst im Jenseits verwirklicht wird. Es ist die Wirklichkeit Gottes, die auch in unserem Diesseits schon sichtbar werden will – durch uns.

Gott lasse dazu seinen Geist in uns lebendig wirken, dass wir von seiner Liebe zum guten Werk getrieben werden.

Amen

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Predigt zum Sonntag Quinquagesimae (Estomihi)
07. Februar 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

(1. Kor 13, 1-13)

Liebe Gemeinde!

Viele Paare wünschen sich diesen letzten Vers, den wir gerade gehört haben, als Trautext: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Kor 13, 13)

Natürlich glauben sie, dass in diesem Vers von der Liebe die Rede ist, die sie füreinander empfinden.

Aber wenn man das ganze 13. Kapitel aus diesem Brief an die Korinther liest, erkennt man bald, dass es um solche Liebe nicht geht.

Es geht vielmehr um das, was wir Menschen sind bzw. sein sollen. Und da scheint Paulus ja doch von einem großen Potenzial auszugehen.

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen reden würde – Menschenzungen, das geht ja noch. Sich verschiedene Sprachen anzueignen, ist nicht das Schwerste, und es macht Spaß, sich mit Menschen, die eine andere Sprache sprechen, zu verständigen. Einfacher wäre es natürlich, wenn alle eine Sprache sprechen würden, aber es hat seinen Reiz, auch andere Sprachen kennen zu lernen und sich so weithin verständlich zu machen und andere zu verstehen.

Aber Engelszungen: wie soll das gehen, und was ist damit überhaupt gemeint?

Es gibt eine Agentur, die sich selbst Engelszungen nennt und Sprecher vermittelt, z.B. für die Synchronisation von Filmen. Das Wort finden wir sonst auch als Redewendung, z.B.: er betörte sie mit Engelszungen.

Damit meint man, dass er so schöne Worte machte, dass sie ihm schließlich nachgegeben hat. Schöne Worte also, überzeugende Worte.

Und dann gibt’s auch ein Gebäck, das man Engelszungen nennt.

Aber die Engelszungen, von denen Paulus redet, sind mehr: Hier geht es tatsächlich, wie das Wort nahelegt, um die Sprache der Engel. Damals nannte man diese Sprache auch die „Zungenrede“, ein Phänomen, das heute meist nur pfingstlerische Gemeinden für sich in Anspruch nehmen.

Die Zungenrede gehört zu den Geistesgaben, von denen Paulus im vorhergehenden Kapitel schon ausführlicher gesprochen hatte. Dort ordnete er all die Geistesgaben ein in das Bild vom Leib der Gemeinde, wo jedes Glied seine spezifische Aufgabe hat, und das Ganze nur dann funktionieren kann, wenn alle ihre ihnen zugewiesene Aufgabe auch wahrnehmen und nicht versuchen, die Aufgaben anderer auch noch zu übernehmen.

Dabei sind die Aufgaben dann eher Gaben, die den Gemeindegliedern vom Geist Gottes, vom Heiligen Geist, zugeteilt wurden.

Neben der Zungenrede schreibt Paulus da auch von der Prophetie, von der Lehre, vom Wunderheilen und von der Auslegung der Zungenrede. Diese Gaben ergänzen einander, keine steht für sich allein. Alle zusammen helfen, die Gemeinde zu bauen.

Das 13. Kapitel leitet Paulus ein mit den Worten: Ich will euch einen noch besseren Weg zeigen.

Also einen Weg, der besser ist als der, sich über die Geistesgaben zu streiten. Und dieser Weg ist offensichtlich der Weg der Liebe.

Doch dem Weg steht das menschliche Ego im Wege. Viel lieber möchten wir nachweisen können, wie gut wir sind. Wir brauchen Anerkennung, Bestätigung – und Liebe gehört nun mal nicht wirklich zu den Eigenschaften, die uns im täglichen Leben weiterbringen. Da zählt vielmehr Autorität, Selbstbewusstsein und auch die Kraft der Ellenbogen, mit denen man unliebsame Konkurrenten aus der Bahn werfen kann.

Nun sind die Gaben, von denen Paulus spricht, auch nicht gerade dazu geeignet, obwohl es schon toll ist, wenn man mehrere Sprachen sprechen kann. Aber die Zungenrede, das Reden in Engelszungen, hat in unserer Zeit kaum mehr eine Bedeutung. Wir überlassen es den Fundamentalisten, sich damit auseinander zu setzen.

Damals allerdings, als der Brief geschrieben wurde, war diese Geistesgabe sehr präsent, und sie galt als Auszeichnung. Wer in Zungen reden konnte, den hatte der Geist Gottes geküsst, der verdiente Achtung und Anerkennung, weil er ein Gottgeliebter war.

Und so können wir es vielleicht doch auch in unsere Zeit wenigstens übertragen: das Reden in Engelszungen als die Gabe, etwas so gut darstellen zu können, dass alle Menschen davon überzeugt werden.

Das ist auch heute eine erstrebenswerte Eigenschaft.

Diese Umdeutung, das gebe ich zu, hinkt etwas, denn die Zungenrede war damals genauso unverständlich wie heute. Also, wer in Zungen redet, bleibt unverstanden. Darum, so sagt Paulus im folgenden Kapitel, soll auch niemand in Zungen reden, es sei denn jemand da, der es auch „übersetzen“, d.h. auslegen kann.

Aber wie gesagt, wer die Fähigkeit dazu hatte, galt als besonders begabt, und so etwas können wir auch heute von denen sagen, die sich auf besonders überzeugende Weise ausdrücken können.

„...und hätte die Liebe nicht, dann wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“, wirft Paulus nun ein.

Also haben diese Fähigkeiten wenig Sinn ohne die Liebe, ja, eigentlich gar keinen Sinn. Tönendes Erz – ein Eisenstab, gegen den man mit einem anderen Eisenstab schlägt – das ist nicht unbedingt ein schöner Klang. Und auch die klingende Schelle kann ganz schön nervig werden. Beides stellt nichts dar, außer vielleicht dass es ein Alarmsignal ist, oder ein Ruf, längst nicht so schön wie der Ruf, der von den Glocken in unseren Kirchtürmen ausgeht.

Noch zweimal formuliert Paulus in ganz ähnlicher Weise, was zwar erstrebenswert ist, aber letztlich nichts austrägt und bedeutungslos ist, solange die Liebe fehlt.

Da ist die Prophetie, die Erkenntnis aller Wahrheit – wäre es nicht toll, wenn wir das beherrschen würden? Und der Glaube, der Berge versetzen kann: All das ist nichts wert, wenn die Liebe nicht da ist.

Da kann ich also alles wissen – ein Ziel, nach dem die Menschheit seit Jahrhunderten strebt – und wäre doch nichts ohne die Liebe.

Da kann ich also abgrundtief glauben und durch diesen Glauben eindrucksvolle Wunder vollbringen, ja, sogar Berge versetzen, aber es wäre nichts wert und völlig bedeutungslos ohne die Liebe.

Und dann ist da noch die Barmherzigkeit, das Almosengeben denen, die in Not sind. Das geht so weit, dass ich alle meine Habe weggeben kann, so wie Jesus es von dem reichen Jüngling gefordert hatte: „verkaufe alles, was du hast, und folge mir nach“.

Aber es nützt mir nichts, wenn ich dabei keine Liebe habe.

Nun könnte man hier auch gleich fragen, ob es mir denn überhaupt nützen muss. Gebe ich denn Almosen, spende ich denn, damit ich einen Vorteil davon habe?

Nun, einen steuerlichen Vorteil kann man auf jeden Fall genießen – Spenden lassen sich ja absetzen.

Da ist es mit der Kollekte und dem Klingelbeutel hier im Gottesdienst etwas anders – davon haben wir zunächst einmal nichts, außer dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Aber diese Gaben gehen ja alle auch nicht an die Substanz. Wir spenden in der Regel von unserem Überfluss und sind weit davon entfernt, alles wegzugeben.

Allerdings gibt es Menschen, die durchaus auch auf diese Weise Ansehen und Achtung erlangen wollen. Sie setzen sich ein Denkmal, indem sie eine Stiftung gründen, die dann ihren Namen trägt. Manchmal geht ein beträchtlicher Teil ihres Vermögens in diese Stiftung.

Da ist z.B. der Gründer von Facebook, der 99% seines Aktienvermögens in eine solche Stiftung steckt, die karitativen Zwecken dienen soll. Dass er dabei durch Steuervorteile sein Restvermögen wieder vermehrt, steht auf einem anderen Blatt, und dass ihm und seiner Familie am Ende noch immer rd 500 Millionen US-Dollar bleiben, auch.

Beim Nutzen denkt Paulus wohl an die Worte Jesu, die er an den reichen Jüngling richtet: Nachfolge geht nur, wenn ich alle meine Habe aufgebe, d.h. mich löse von dem, was mich an diese Welt bindet. Aber der Weg der Nachfolge fordert noch mehr, und das ist eben die Liebe. Ohne die Liebe ist auch solch ein Opfer nichts nütze.

Nun beschreibt Paulus die Liebe; Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.

Denn die Liebe ruht in Gott, sie hat ihren Ursprung und ihr Ziel in Gott, dem Ewigen, der keinen Anfang und kein Ende kennt. Darum hört die Liebe niemals auf.

Das zeichnet die Liebe gegenüber all den anderen Dingen, die da genannt sind, aus. Selbst die Erkenntnis der Wahrheit vergeht, sie hat keinen Bestand, wenn Gott diese Welt vollendet, wenn er alles in allem ist.

Der Weg der Liebe ist ein Weg, den man nirgends lernt. Man muss ihn gehen. Und dabei bereit sein, Opfer zu bringen. Denn es ist der Weg, den Jesus Christus gegangen ist:

Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lk 18, 31)

Es ist der Weg zum Kreuz, der nicht erst am Aschermittwoch beginnt, sondern bereits mit unserer Taufe, wenn wir hineingetauft werden in sein Leiden und Sterben, aber auch in seine Auferstehung.

Der Weg der Liebe ist ein Weg, der nicht nach dem Warum fragt. Es ist ein Weg, der von Hingabe geprägt ist und in sich die Antwort auf das Warum trägt.

Da zählen Anerkennung und Achtung gar nichts. Denn es geht nicht um die Karriere, und es geht auch nicht um ein schönes Gefühl, das wir uns damit vielleicht selbst verschaffen wollen oder das durch die Liebe ausgelöst wird. Es geht um das wahre Leben, das einzig wahre Leben.

Für diese Liebe wird es keine Anerkennung geben, sondern Verachtung, ja, vielleicht sogar den Tod. Denn diese Liebe stellt sich stets denen in den Weg, die Unrecht tun, und wer Unrecht tut, kennt keine Skrupel.

So ist der Weg der Liebe ein Risiko. Es ist nichts romantisch Schönes, das in einer Trauung seinen Platz hat, wo die Liebe zweier Menschen zueinander noch warm ist. Es ist das wahre Leben, das in der Nachfolge Jesu Christi seine Erfüllung findet.

So möge Gott uns diesen Weg weisen, damit wir zu Zeugen werden seiner Liebe.

Amen

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Predigt zum Sonntag Sexagesimae
31. Januar 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Hebr 4, 12-13

Liebe Gemeinde!

Das Wort Gottes – was ist das eigentlich? Viele würden wohl spontan antworten: Das hier (Bibel hoch halten) ist das Wort Gottes! Die Bibel! Gott hat sie uns gegeben, die Worte darin sind durch den Heiligen Geist den Menschen, die sie aufschrieben, eingegeben.

Doch die das behaupten, müssen sich fragen lassen: Wie kommt es dann, dass z.B. die Berichte von Jesus, die vier Evangelien, nicht in allen Dingen miteinander übereinstimmen? Warum ist es überhaupt notwendig, 4 verschiedene Berichte aufzuschreiben und festzuhalten?

Weiter müssen sie sich zum Beispiel fragen lassen: Warum gibt es zwei verschiedene Erzählungen von der Schöpfung, die sich teilweise deutlich widersprechen?

Die Reihe der sich widersprechenden oder zumindest nicht miteinander übereinstimmenden Berichte in der Bibel sind recht zahlreich und lassen uns an der Aussage zweifeln, dass die Bibel vom Heiligen Geist gewissermaßen diktiert wurde.

Es gibt weitere Fragen:

Warum macht Paulus in seinem 1. Brief an die Korinther im 7. Kapitel die Unterscheidung, dass einmal er selbst gebietet und nicht der Herr, also Jesus, und ein andermal der Herr das Gebot ausspricht?

Allein dies müssten ja schon ausreichend Gründe sein, von der Bibel als Ganzem nicht als dem Wort Gottes zu reden.

Aber es geht noch weiter: Offenbar haben die Menschen, die die Worte in der Bibel aufgeschrieben haben, sie selbst gar nicht als Wort Gottes angesehen, denn sonst hätten sie viel mehr Sorgfalt beim Abschreiben verwendet. Jedoch unterscheiden sich die verschiedenen Abschriften, die uns überliefert sind, teilweise erheblich, so dass es oft gar nicht möglich ist, heraus zu bekommen, was nun ursprünglich im Original geschrieben wurde – denn von den Originalen, den ersten Handschriften, sind uns keine erhalten geblieben.

Zwar versuchen wir mit wissenschaftlichen Methoden heraus zu bekommen, welche der überlieferten Abschriften nun am ehesten dem Original entsprechen. Aber es bleibt immer ein Rest Ungewissheit. Wir finden den Weg zum Original nicht mehr. Wenn es also das Wort Gottes wäre, dann müssten wir sagen, dass wir das Wort Gottes gar nicht mehr haben, sondern nur mehr oder weniger genaue Abschriften davon.

Und schließlich: Die meisten können die Bibel nur in einer Übersetzung lesen. Jede Übersetzung verändert das Original je nachdem, wie der Übersetzer die Worte verstanden und gedeutet hat. Deswegen gibt es auch zahlreiche verschiedene Übersetzungen, die die Worte der Bibel teilweise auf recht unterschiedliche Weise wiedergeben.

Wir sehen, so einfach ist das mit dem Wort Gottes nicht. Die Bibel kann jedenfalls nicht pauschal als Wort Gottes bezeichnet werden. Sie berichtet vielmehr von den Erfahrungen, die die Menschen mit Gott gemacht haben.

Nun stehen im Hebräerbrief in unserem Predigttext Aussagen zum Wort Gottes. Wenn wir davon ausgehen wollten, dass damit die Bibel gemeint sei, hätten wir auch hier arge Probleme, denn zu der Zeit, als der Hebräerbrief geschrieben wurde, gab es die Bibel in dieser Form und Zusammenstellung noch gar nicht. Ja, manche Bücher aus dem Buch des zweiten Bundes waren noch gar nicht geschrieben. Und der Schreiber des Hebräerbriefes hat sicher nicht daran gedacht, dass sein Brief einmal Bestandteil unserer Bibel sein würde.

Was ist also mit dem Wort Gottes gemeint? Der Schreiber des Hebräerbriefes gibt die Antwort selbst:

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Das Wort Gottes ist lebendig. Niedergeschriebenes Wort hingegen ist nicht lebendig, denn es ist fixiert, es ist mitunter hunderte von Jahren alt.

Was bedeutet es, wenn von einem „lebendigen Wort“ die Rede ist? Muss das Wort Gottes mündlich an uns ergehen? Wie soll das dann geschehen? Sage ich jetzt und hier das Wort Gottes weiter? Oder muss erst ein Engel kommen, der uns das Wort Gottes sagt? Und man darf natürlich auch fragen, ob gesprochenes Wort wirklich lebendiger ist als geschriebenes Wort!

Nicht immer kann man diese Frage bejahen. Denn auch gesprochenes Wort kann tot sein. Z.B.: wenn niemand da ist, um es zu hören, hat es überhaupt keine Wirkung. Es ist sinnlos, das Wort überhaupt zu sprechen.

Oder wenn die Hörer sich dem gesprochenen Wort verschließen, ihre Ohren auf Durchzug stellen, ist das Wort tot, wirkungslos. Und selbst wenn sie es hören und aufnehmen, bleibt das Wort zunächst tot.

Es wird erst dann lebendig, wenn die Menschen, die es aufnehmen, die es also hören, das Wort auch in sich wirken lassen. Wenn sie zulassen, dass das zu ihnen gelangte Wort in sie anrührt und sie verwandelt, sie antreibt und unruhig macht.

Dann wird das Wort lebendig, so lebendig, wie es der Verfasser des Hebräerbriefes, dessen Namen wir übrigens nicht kennen, schreibt. Das lebendige Wort dringt durch, bis es Seele und Geist scheidet, und die Gedanken und Sinne des Herzens richtet. Das ist das lebendige Wort Gottes. Es begeistert uns für Gott, es reißt uns aus unserer Schuld heraus, es packt uns und führt uns auf einen Weg, der uns und die Welt um uns herum verändert.

Doch es bleiben natürlich immer Zweifel: wann ist es nun Wort Gottes, und wann nicht? Denn es gibt zahlreiche Menschen, die sich für eine Sache begeistern, so wie man es erwarten müsste, wenn sie vom lebendigen Wort Gottes ergriffen sind. Mit aller Kraft, mit ihrer Seele vertreten sie die Sache, für die sie sich stark machen. Da könnte man z.B. an die Anhänger der AfD denken, oder an die Neo-Nazis.

Wir würden sofort sagen: Das kann nicht das Wort Gottes sein, was sie da packt und treibt. Aber woher können wir das wissen? Wir wissen es daher, weil sie sich selbst für diejenigen halten, die alles richtig machen, die Recht haben, die erwählt sind, während sie die anderen verdammen, wenn sie sich ihnen nicht anschließen.

Es ist diese exklusive Haltung, die uns erkennen lässt, dass sie nicht vom Wort Gottes getrieben werden. Denn das Wort Gottes ist immer einladend, und zugleich demütigend. Es hält uns selbst immer den Spiegel vor. Es macht uns klar, dass wir von der Gnade und Vergebung Gottes genauso abhängig sind wie jeder andere. Es zeigt uns, dass nicht wir über die anderen zu richten haben, sondern dass Gott selbst durch sein Wort richten wird und uns dabei nicht ausnimmt.

Das Wort Gottes ist lebendig. Es kommt zu uns auf vielfältige Weise, auch natürlich dann, wenn wir in der Bibel lesen. Denn die Bibel erzählt davon, wie Gott handelt, und öffnet uns damit auch für sein Handeln in uns.

Das Wort Gottes kommt zu uns auch dadurch, dass wir von den Erfahrungen anderer lesen, die Gottes Wort begegnet sind, die durch Gottes Wort vor eine Entscheidung gestellt wurden.

Aber wenn wir die Bibel oder andere Erzählungen lesen, sollen wir nicht automatisch annehmen, dass wir damit das Wort Gottes konsumiert haben. Das lebendige Wort kann zwar durch dieses Lesen in uns zu wirken beginnen, aber es kann auch auf ganz andere Weise zu uns kommen:

Etwa durch die Begegnung mit einem anderen Menschen, vielleicht sogar durch die Begegnung mit einem, von dem wir sicher wissen, dass sie oder er nichts mit Gott zu tun haben will. Es kann sein, dass durch ein Ereignis in unserem Leben plötzlich Gott zu uns spricht.

Das Wort Gottes beginnt in uns zu rumoren, es rüttelt uns auf, es setzt uns in Bewegung. Denn es gibt sich nicht zufrieden, wenn wir nur da sitzen und unser Leben so wie es ist genießen. Wir spüren diese Kraft und wissen: Gott spricht zu uns.

Das Wort Gottes dringt durch wie ein zweischneidiges Schwert. Das ist schmerzhaft. Aber es ist auch heilsam, denn es trennt das, was uns träge macht, von dem, was uns Leben schenkt, und hilft uns, das Geschenk des Lebens von Gott anzunehmen.

Das lebendige Wort Gottes beschönigt nichts, es deckt unsere Schuld auf, es richtet uns – und doch spricht es uns auch die Gnade zu, die wir nur von Gott selbst empfangen können.

Dass wir das lebendige Wort Gottes hören, erkennen wir daran, dass es weh tut, wenn es uns trifft. Es wirkt in uns, es wühlt uns auf, es zeigt uns, was fehlt, und was wir tun können. Es deckt unseren Mangel auf – für uns, damit wir uns neu ausrichten und unser Leben neu gestalten können, nach dem Willen Gottes.

Auch wenn es weh tut: es ist wichtig, dass wir es zulassen, dass das lebendige Wort Gottes uns durchdringt und bloßlegt, was wir in unserem Innersten verborgen halten. Es ist sicher nicht immer leicht, aber die Freiheit und der Friede, die uns das Wort Gottes zu schenken vermag, wiegen allen Schmerz auf, den wir empfinden mögen, wenn es uns trifft.

Der Schmerz wird verblassen. Und dann können wir uns aufmachen, zu tun, wozu das Wort Gottes uns auffordert: nämlich Liebe zu üben, allen Menschen mit Offenheit und Vergebungsbereitschaft zu begegnen, zu helfen, wo Not ist, und das alles nicht, damit unsere Namen in der Zeitung stehen, die morgen schon weggeworfen wird, sondern damit das Gesicht dieser Welt etwas freundlicher wird, dass weniger Menschen Angst haben müssen und damit etwas sichtbar wird von dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit.

Wir brauchen Mut dazu – Gott gebe ihn uns.

Amen

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Predigt zum Sonntag Septuagesimae
24. Januar 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

1. Kor 9, 24-27

Liebe Gemeinde!

Wir alle kennen das und haben sicher schon mal mitgefiebert, wenn ein Wettrennen z.B. im Fernsehen übertragen wurde. Manchmal kennt man die Sportler gar nicht, aber man fiebert trotzdem mit und hat auch sofort Sympathien für eine bestimmte Person entwickelt. Manchmal ist es aber auch jemand, der einem durch viele andere Sendungen bekannt ist und zu dem man eine gewisse Sympathie entwickelt hat.

Manchmal, allerdings wohl eher nicht im Fernsehen, geht es auch um das eigene Kind, das etwa an einem Schulwettbewerb teilnimmt und das man darum natürlich unterstützen will.

Oft fiebert man auch für die Sportlerin, die für das eigene Land kämpft. Es ist spannend, wenn es in die Zielrunde geht, man vergisst alles um sich herum, bis die Ziellinie erreicht ist. Und dann macht man sich seiner Freude – oder auch seiner Enttäuschung – Luft.

Wir alle haben vermutlich selbst schon mal an solchen Wettkämpfen teilgenommen, wenn nicht in der jüngeren Vergangenheit, dann doch wenigstens damals in der Schule im Sportunterricht und vielleicht später im Sportverein.

Vielleicht erinnern wir uns noch etwas an das Gefühl, der oder die Beste sein zu wollen, und die Enttäuschung, wenn es dann doch nicht gelang. Sicher war da dann auch etwas Neid dabei, dass der oder die andere es geschafft hatte und sich damit als die Bessere erwies.

Aber so ist es nun mal: nur einer kann gewinnen, und es ist ja auch verdient.

Sofern nicht Doping im Spiel ist – und davon kann man zumindest in der Schule noch ausgehen – war es ein fairer Wettkampf, in dem die Bedingungen weitgehend gleich waren. Nur beherrschten die, die vor einem das Ziel erreichten, die Technik besser oder waren einfach besser trainiert.

Vielleicht aber hat man sich selbst auch gar nicht richtig angestrengt, weil es einem nicht so wichtig war, zu gewinnen. Denn es gibt auch diese Situation:

Man wusste schon vorher, dass man nicht zu den Besten gehört. Und darum rechnete man gar nicht erst mit dem ersten Platz. Man war schon vor dem Start des Rennens damit zufrieden, irgendwo in der Mitte zu landen – vielleicht sogar am Ende. Mitmachen ist alles, heißt es dann manchmal und versucht damit, die eigene Schwäche zu kaschieren.

Dafür gibt es dann aber vielleicht einen anderen Bereich, in dem man die Mitstreiter und -streiterinnen abhängen kann. Denn es ist ja doch so, dass jeder Mensch bestimmte Begabungen hat und nur in wenigen Dingen wirklich gut sein kann. Und in solch einer Sache schafft man es dann, die anderen hinter sich zu lassen.

Paulus vergleicht unser ganzes Leben mit einem Wettkampf, einem Wettlauf. Er erinnert uns daran, dass es nur einen geben kann, der den Siegeskranz empfängt. Nur einen einzigen. Und er fordert uns dazu auf, uns so anzustrengen, dass wir diese eine Person sind.

So motiviert ein Trainer seine Sportler: ‚Du bist der Beste, Du lässt alle hinter dir zurück!‘ Das muss tief ins Unterbewusstsein dringen – und führt dann manchmal auch zu nicht unerheblicher Arroganz.

Doch hier ist es nun so, dass der Wettlauf längst begonnen hat. Wir stehen nicht vor einem Wettkampf, sondern laufen schon längst unsere Runden! Jede Ermutigung kommt da eigentlich schon zu spät.

Doch was für ein Wettkampf ist das eigentlich?

Eins ist sicher: es geht hier nicht um Geschwindigkeit. Es geht nicht um die Frage, wie schnell wir laufen können. Es geht auch nicht darum, ob wir die Technik perfekt beherrschen.

Es geht vielmehr darum, dass wir das Evangelium weitersagen. Aber auch dies ist nicht das eigentliche Ziel des Wettkampfs. Es geht nicht etwa darum, wettkampfmäßig herauszufinden, wer am besten predigen kann.

Wir stehen nicht in einem Wettkampf mit allen Menschen dieser Welt. Sondern der Wettkampf findet eigentlich nur gegen uns und in uns selbst statt: »Ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht anderen predige und selbst verwerflich werde.« (1. Kor 9, 27), sagt Paulus und macht damit deutlich, dass unser Konkurrent wir selbst sind.

Es gibt da zwei Kontrahenten in uns:

Da ist einmal der Geist, der uns sagt, was gut ist und richtig – das haben wir durch das Evangelium gelernt. Wir verstehen durchaus, dass es darum geht, Gott und unseren Nächsten nach bestem Vermögen zu lieben.

Doch da ist zum andern der Körper, das Fleisch, das sich herzlich wenig kümmert um diese „Lektion“ des Geistes. Der Körper sucht sich ein anderes Ziel, er läuft, um im Bild zu bleiben, in eine andere Richtung als unser Geist.

Aber welche Ziele sucht sich der Körper aus? Diese Antwort bleibt uns Paulus schuldig, und ich bin darüber auch ganz froh, denn sicher waren und sind diese Ziele von Mensch zu Mensch unterschiedlich und auch nicht alle so, dass man gerne von ihnen hören möchte.

Eins aber scheint ganz eindeutig so zu sein: der Körper sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstandes. Man möchte sich selbst nämlich nicht schaden. Die Konsequenz des eigenen Handelns soll nicht zu Schmerzen führen, indem man irgendwo aneckt.

Und da erkennen wir auch, dass die Trennung von Leib und Geist gar nicht so gut funktioniert. Eigentlich arbeiten sie beide doch Hand in Hand. Der Leib will genährt sein, er will ein Dach über dem Kopf, Kleidung, und alles, was Not tut oder zu tun scheint.

Der Geist weiß, dass das nicht alles ist, dass die Befriedigung dieser Bedürfnisse nicht genügt, aber er folgt dem Leib nach, denn er weiß ja genauso gut, dass es einem nichts nützt, wenn man verhungert oder erfriert.

So tut man, was den anderen gefällt, damit der Unterhalt gesichert ist, vielleicht auch, damit der Haussegen nicht schief hängt oder der Besuch der Kinder nicht ausbleibt. Man schweigt, wenn Unrecht geschieht, oder stimmt sogar mit ein, wenn die Menge lauthals über eine Minderheit herzieht und ihr Eigenschaften andichtet, die durch nichts bestätigt werden können.

Es gibt Dinge, die einem sehr wichtig sind. Dazu gehört die Anerkennung durch die anderen.

Aber es kann mitunter auch so weit gehen, dass die Kleidung zu einer Art Statussymbol wird. Man gerät dann tatsächlich unweigerlich in einen Wettstreit, allerdings mit seinen Mitmenschen.

Das Ziel ist dann nur, wie Paulus sagt, ein vergänglicher Siegeskranz, der unserer Seele in keiner Weise nützen kann. Aber dieser Wettstreit bindet gewissermaßen unseren Geist, wir halten ihn ab von dem eigentlichen Ziel, das es zu erreichen gilt.

Denn Gott sieht nicht auf das Äußere. Er schaut direkt in unsere Herzen.

Und da ereignet sich der einzige Wettkampf, der für unser Leben eine Bedeutung hat. In diesem Wettkampf geht es um das Evangelium.

Wer die Botschaft von der Liebe Gottes für sich angenommen hat, kann eigentlich nicht anders als diese Botschaft weitersagen. Denn er begreift auch, dass sie allen Menschen gilt. Und man erkennt ja schnell, dass die Mitmenschen diese Liebe nicht erfahren haben.

Das Evangelium gibt uns die Richtung vor, in der wir laufen sollen. Zwar bedeutet das Evangelium zunächst die frohe Botschaft von der Freiheit, die Gott uns schenkt, aber das bedeutet nicht, dass wir nun kreuz und quer, also ziellos, durcheinander laufen.

Wir sind nicht gerufen, zu tun und zu lassen, was wir wollen, sondern was Gott will. Und da gibt es schon Grenzen und klare Vorgaben. Aber diese Grenzen sollen uns nützen und zum Guten dienen – oder besser gesagt: sie sollen allen Menschen nützen und zum Guten dienen. Denn wer für sich Freiheit in Anspruch nimmt, muss sie auch seinen Mitmenschen gewähren. Und daraus ergeben sich dann doch Grenzen, wie sie etwa in den zehn Geboten oder im höchsten Gebot von der Gottes- und Nächstenliebe gewissermaßen abgesteckt sind.

In unserem Wettkampf des Lebens gibt es nur einen einzigen Gegner, und das sind wir selbst. Es erfordert viel Kraft, den inneren Schweinehund zu überwinden, und es erfordert viel Weisheit, das Wichtige und Bedeutende vom Unwichtigen und Unbedeutenden zu unterscheiden. Paulus ermutigt uns dazu, genau das zu tun.

Lauft so, dass ihr den Siegeskranz erlangt: besiegt das, was euch vom Evangelium trennen will. Lasst nicht zu, dass die Sorge um euer Leben und um eure Sicherheit euer Leben kontrolliert. Vergesst vielmehr nicht die Sorge für eure Mitmenschen. Lasst euch vom Evangelium treiben und nicht von Konventionen, die euch die Freiheit rauben.

Das Evangelium: das ist die Botschaft von der Liebe Gottes, die wir in unserem Leben vielfach erfahren haben und immer wieder erfahren. Diese Liebe sollen wir nun auch erfahrbar machen für andere, indem wir mit ihnen teilen, was unser ist, und für sie da sind. Wir sollen uns für die Unterdrückten einsetzen und ihnen helfen, dass sie zu ihrem Recht kommen.

Das scheint vor allem jetzt besonders wichtig und bedeutungsschwer zu werden, wo immer mehr Menschen eine Beschränkung der Flüchtlingszahlen fordern und viele Menschen in den Flüchtlingen inzwischen eine Bedrohung sehen.

Die Ausstellung im Kreuzgang des Kaiserdoms, die ein paar Schlaglichter auf die Schicksale einiger Flüchtlinge wirft, lehrt uns, dass es hier nicht um den Verlust unseres Lebensstandards geht, sondern darum, Menschen, die sonst um ihr Leben fürchten müssten, ein Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen.

Bei all unserem Tun sollen wir nicht unseren eigenen Vorteil suchen, so wie das in einem normalen Wettkampf der Fall wäre, sondern den Vorteil des anderen.

Ja, das ist schon paradox: Wir laufen in einem Wettlauf, aber nicht, um besser zu sein als die anderen, sondern um unser Verlangen nach Anerkennung und Auszeichnung zu überwinden. Und so hat auch unser Dienst am Nächsten nicht das Ziel, am Ende eine Auszeichnung zu empfangen, sondern unserem Nächsten ein Leben in Freiheit und Freude zu ermöglichen. Wenn das gelingt, dann haben wir auch unseren Sieg.

Führen wir also den Wettkampf gegen uns selbst, gegen unsere Eitelkeit und unsere Selbstsucht. Kämpfen wir mit aller Kraft, um den unvergänglichen Kranz zu gewinnen, den Gott selbst uns überreichen wird.

Sicher, es ist anstrengend, in diesem Wettkampf gegen uns selbst zu laufen. Aber wir laufen nicht allein. Mit uns läuft Christus. Er will uns ermutigen, denn er ist diesen Weg schon gelaufen.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias
10. Januar 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.

Röm 12, 1-8

Liebe Gemeinde!

Die Qualität des Gottesdienstes

Der Gottesdienst steht schon seit vielen Jahren in der Kritik.

Es gibt seit etwas mehr als zehn Jahren ein Gottesdienstzentrum in Hildesheim, das im Auftrag der EKD dem Gottesdienst wieder Leben einhauchen will – so als sei der Gottesdienst tot.

Die „Qualität“ des Gottesdienstes wurde durch das Impulspapier „Kirche der Freiheit“, das die EKD vor nunmehr gut neun Jahren veröffentlichte, in Frage gestellt.

Und wenn man sich den Gottesdienstbesuch quer durchs Land anschaut, kann man tatsächlich an der Qualität der Gottesdienste zweifeln.

Denn gute Gottesdienste müssten ja auch gut besucht sein. Man erwartet von solchen guten Gottesdiensten, dass sie anziehend wirken wie Magneten, denen kein magnetisches Metall entkommen kann. Das Qualitätsurteil ist der Gottesdienstbesuch.

Aber ist das wirklich so? Was ist ein „guter“ Gottesdienst? Es gibt Gottesdienste in manchen Gegenden, zu denen die Kirchen oder auch Veranstaltungsräume regelmäßig gefüllt sind. Menschen kommen nicht nur aus der eigenen Gemeinde, sondern von weit her, um an diesen Gottesdiensten teilzunehmen. Und das nicht nur einmal, um zu schauen, was da los ist, sondern Woche für Woche, jeden Sonntag.

Es gibt aber im Umfeld solcher Gottesdienste auch das andere: da sind Menschen, die den Gottesdienst in dieser Kirche nicht mehr besuchen, obwohl es eigentlich „ihre“ Kirche ist, die Kirche der Gemeinde, zu der sie gehören. Sie fühlen sich dort nicht mehr zu Hause, gehen lieber in die Kirche der Nachbargemeinde zum Gottesdienst, wobei die Motive dafür ganz unterschiedlich sind.

Was ist also ein guter Gottesdienst?

Ich kann auf Erfahrungen unter Christen in Indien zurückgreifen und will das heute auch tun. Der regelmäßige Gottesdienstbesuch liegt dort bei über 50% der Gemeindegliederzahl. Das wären bei uns rund 1000 Menschen. Das Merkwürdige dabei ist: die Liturgie der Gottesdienste folgt einer Ordnung, die über 100 Jahre alt ist und in die Kirche, in der wir gewesen sind, aus Deutschland dorthin exportiert wurde.

Seither ist an der Ordnung nichts verändert worden – es gibt das Psalmodieren im Wechselgesang mit Antiphon – etwas, das wir längst aufgegeben haben – genauso wie das Kyrie und das Gloria.

Nur ein Element kommt im Vergleich zu unseren Gottesdiensten hinzu: die persönliche Fürbitte und der Segenszuspruch vor der allgemeinen Fürbitte. Und das geht so:

Nach dem Predigtlied kommen einzelne Gemeindeglieder nach vorne und erbitten den Segen für sich, oder für ihre Familie, oder weil ein bestimmtes Ereignis bevorsteht: eine Reise, eine Geburt, ein Fest oder ähnliches. Der Pastor legt ihnen dann die Hände auf und betet für sie.

Der Gottesdienst bekommt dadurch eine sehr persönliche Note. Die anderen Gemeindeglieder nehmen an den Gebeten teil und damit am Ergehen der Gemeinde.

Natürlich kennt der Pastor dort auch alle Gemeindeglieder persönlich. Das ist möglich, weil die Gemeinde in der Regel aus kaum mehr als einhundert, höchstens zweihundert Gemeindegliedern besteht.

Reicht ein solches Element der persönlichen Fürbitte aus, um den Gottesdienstbesuch ansteigen zu lassen?

Ich denke, dass da wenigstens auch noch die Diaspora-Situation eine wichtige Rolle spielt, also die Tatsache, dass die Christen eine sehr kleine Minderheit sind.

Statistisch gesehen sind in Indien nur rd. 2% der Bevölkerung Christen. Dessen sind sich die Menschen dort natürlich bewusst. Sie wissen, dass sie die Gemeinschaft der anderen brauchen. Denn von vielen Sozialprogrammen der Regierung sind Christen ausgenommen – sie sind also auf die gegenseitige Hilfe angewiesen.

Es spielen also andere Faktoren eine Rolle, wenn es um den Gottesdienstbesuch geht, als die „Lebendigkeit“, der Abwechslungsreichtum oder der Versuch, für alle etwas zu bieten. Denn das alles geschieht dort in Indien trotz eines hohen Gottesdienstbesuchs nicht.

Was uns fehlt ist ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Das habe ich dort in Indien und auch in anderen Ländern erfahren, die wir besucht haben. Man kennt sich untereinander, weiß von den Nöten der anderen, betet für sie und erbittet den Segen für sie.

In diesem Verhalten kommt zum Ausdruck, was man vielleicht als Geschwisterlichkeit bezeichnen könnte. Denn das sind wir: Geschwister – zumindest durch den Glauben.

Diese Geschwisterlichkeit fehlt uns meist.

Oft wird das mit der Form der Volkskirche begründet. Alle Getauften gehören zur Kirche, was ja auch richtig ist, aber man ließ seine Kinder vor einigen Jahrzehnten noch meist nur darum taufen, weil es dazu gehörte.

Und so gibt es viele Menschen, die der Kirche angehören, ohne eine Verbindung zur Gemeinde zu haben.

Dennoch soll man es allen recht machen.

Doch merkt man, dass die meisten auch dann nicht zum Gottesdienst kommen würden, wenn er genau für sie maßgeschneidert worden wäre. Vielleicht nach einigen Wochen, wenn sich diese Form immer wiederholt und sie schließlich auch davon erfahren. Aber dann kommen all die anderen, für die diese Gottesdienstform nicht maßgeschneidert ist, nicht mehr. Und das kann es wohl kaum sein.

Im Übrigen ist der Gottesdienst ja doch jede Woche anders, er wird thematisch anders ausgerichtet, was sich auf vielfache Weise widerspiegelt.

Wenn in dem einen Gottesdienst vielleicht das eine oder andere unbekannte Lied gesungen wurde, sind in dem anderen alle Lieder bekannt. Wenn einen die Predigt in dem einen Gottesdienst vielleicht gar nicht angesprochen hat, wird man durch die Predigt im anderen Gottesdienst positiv angerührt. Doch kann man das nur erleben, wenn man immer dabei ist, wenn man jeden Gottesdienst besucht.

Doch tut das nur ein sehr kleiner Teil der Gemeinde. Und das nennt man in einer Volkskirche dann Kerngemeinde. Das ist überwiegend der Teil der Gemeinde – oft nicht mehr als 1% der Gemeindegliederzahl – der christlichen Glauben nicht als Privatsache, sondern als aktive Beteiligung am Leben der Gemeinde wahrnimmt.

Und damit sind wir nun an dem angekommen, was Paulus uns im Predigttext mitteilen will.

Der vernünftige Gottesdienst

Er benutzt, wenn er von Gottesdienst spricht, gar nicht das Qualtitätsurteil „gut“ oder „schlecht“. So etwas kommt ihm an keiner Stelle über die Lippen oder von der Feder.

Er redet vielmehr vom „vernünftigen“ Gottesdienst. Also von einem Gottesdienst, der sinnvoll ist, der sich dem Verstand nicht verschließt.

Gottesdienst ist für ihn also keine Gefühlssache – ‚war das aber ein schöner Gottesdienst, Herr Pastor‘ – sondern eine Lebenseinstellung.

Gebt eure Leiber hin als ein Opfer, fordert er uns auf.

Damit meint er natürlich kein Brand- oder Schlachtopfer, so wie es zu seiner Zeit noch im Tempel in Jerusalem vollzogen wurde. Das ist in seinen Augen kein vernünftiger Gottesdienst.

Wenn wir unsere Leiber als ein Opfer hingeben sollen, dann meint er damit, dass wir uns ganz in den Dienst Gottes stellen – auch mit unseren Leibern und nicht nur geistlich.

Das bedeutet nun nicht zwangsläufig, dass wir regelmäßig in den Gottesdienst gehen, sondern dass wir tun, wozu wir durch Gottes Gnade befähigt sind.

Und das kann weit mehr sein, als wir uns vorzustellen wagen.

Doch zuerst heißt es noch, eine andere Aufforderung ernst zu nehmen: stellt euch nicht dieser Welt gleich.

Denn ihr seid anders. Ihr seid etwas Besonderes. Ihr gehört zur christlichen Gemeinde. Das ist etwas Außergewöhnliches – heute wieder mehr als noch vor 60 Jahren, als nahezu alle Menschen in Deutschland einer christlichen Kirche angehörten. Und dies kann man durch den Gottesdienstbesuch zeigen.

Aber was macht uns sonst als Christen so besonders? Es ist die Fähigkeit, den Willen Gottes zu kennen, das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene (Röm 12, 2b), und danach zu handeln und zu leben. Es ist das Vertrauen auf den lebendigen Gott, der uns in seiner Gnade als seine Kinder angenommen hat. Es ist diese Gotteskindschaft, die uns herausragen lässt – allerdings ohne, dass wir überheblich werden.

Den Willen Gottes hätten wir zwar manches Mal gerne etwas konkreter geäußert bekommen, aber eigentlich kann es kaum konkreter werden als in den Worten, die Jesus als das höchste Gebot bezeichnet:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lk 10, 27)

Das ist also der vernünftige Gottesdienst, von dem Paulus redet. Es geht nicht darum, einmal wöchentlich die Kirche aufzusuchen, sondern sein ganzes Leben so zu gestalten, dass „das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“, wie Paulus schreibt, sich wirkungsvoll in der Gemeinde und darüber hinaus entfaltet.

Dass dazu der Gottesdienst ein wichtiges Hilfsmittel sein kann, ist, so denke ich, klar. Denn durch den Gottesdienst werden wir ja immer neu ermutigt und gestärkt, damit wir dieses Gebot auch in die Tat umsetzen können.

Viele Gaben – Ein Leib

Paulus weiß sehr wohl, dass das nicht jedem in gleicher Weise gelingen kann. Es gibt verschiedene Gaben und Begabungen, und darum führt er dann auch das Bild vom Leib an, das uns allen vertraut ist.

Kein Glied ist überflüssig, kein Glied kann sich auf sich selbst zurück ziehen und so tun, als gäbe es das Ganze des Leibes nicht. Alle sind voneinander abhängig, benötigen die Hilfe und Unterstützung des Anderen – je auf seine Weise und mit seinen Befähigungen – entsprechend der Aufgabe, die ihm gegeben ist.

Und so sind wir gerufen in den Dienst der Gemeinschaft – dass wir füreinander da sind und nicht aufhören, alles dafür zu tun, um diesen Leib lebendig zu erhalten. Das kann nicht die Aufgabe eines Einzelnen sein – es ist immer Aufgabe all derer, die dieser Gemeinschaft angehören.

Welche Rolle spielt da der Gottesdienst – d.h. die sonntägliche Zusammenkunft?

Der Gottesdienst dient vor allem der Vergewisserung dessen, was ich glaube. Er hilft mir, gewiss zu sein, also zu glauben, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Ich kann im Gottesdienst zurückblickend reflektieren, was ich getan habe, und Gott darum bitten, dass er aus dem Getanen etwas Gutes entstehen lässt. Denn nicht immer weiß ich, wie sich das, was ich getan habe, auswirken wird.

Ich kann im Gottesdienst vorausblicken und um Kraft bitten und den Segen empfangen für die Arbeit der Woche, die an diesem Sonntag beginnt.

Ich kann Gott loben und danken mit meinem Gesang und mit dem Opfer im Klingelbeutel und am Ausgang.

Ich kann teilhaben an der Fürbitte, mit beten für all die anderen, die den Beistand und die Liebe Gottes brauchen – vielleicht nötiger als ich selbst.

Und ich darf mich als Teil der Gemeinde erleben, die sich zum Gottesdienst versammelt – ein Glied am Leib Christi.

So bietet der sonntägliche Gottesdienst viele Möglichkeiten, das, was wir glauben, sichtbar und spürbar werden zu lassen. Und er hilft uns, unseren Alltag zu bewältigen.

Gottesdienst wird lebendig durch einen jeden von uns, indem wir nicht nur konsumieren, sondern aktiv daran teilhaben. So wird der Gottesdienst ein Abbild des Leibes, der die Gemeinde Jesu Christi darstellt.

Aber es geht noch mehr, und hier käme dann doch das Persönliche zum Tragen, das Geschwisterliche.

Denn die persönliche Fürbitte ist auch heute möglich. Im Kaiserdom können Menschen in der Gebetsnische auf Zetteln ihre Anliegen niederschreiben und auf diese Weise um Fürbitte bitten.

Durch den Segen Gottes, der allen am Ende des Gottesdienstes zugesprochen wird, kann unser ganzes Leben zu einem vernünftigen Gottesdienst werden.

Dazu helfe uns Gott.

Amen

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Predigt 2. Sonntag nach dem Christfest
(Tag der Namengebung und Beschneidung des Herrn)
3. Januar 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesu Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. (Lk 2, 41-52)

Liebe Gemeinde!

Aus der Bibel erfahren wir relativ wenig von der Kindheit Jesu. Das einzige, wovon wir etwas nachlesen können, sind die Geschichten von der Geburt Jesu im Matthäus- und im Lukasevangelium, und dann noch die Geschichte, die wir eben gehört haben und die sich nur im Lukas-Evangelium befindet.

Daneben gibt es das sogenannten Kindheitsevangelium des Thomas, das sich ganz der Kindheit Jesu widmet, allerdings nicht zur Bibel gehört, denn es entstand erst in der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts und sammelt Legenden, die im Laufe der Jahrzehnte entstanden waren. In dem Kindheitsevangelium wird berichtet, wie Jesus schon als Kind Wunder tut.

Eine kurze Geschichte will ich daraus wiedergeben:

Als Jesus fünf Jahre alt war, gab es einmal einen starken Regenfall. Jesus spielte an einer seichten Stelle am Bach. Er leitete das vorüberfließende Wasser in kleine Vertiefungen, sammelte es dort und machte es augenblicklich – allein durch sein Wort – ganz klar. Dann knetete er weichen Lehm und formte daraus zwölf Spatzen. Es war an einem Sabbat. Es waren auch noch andere Kinder dabei, die mit ihm spielten. Als ein Jude sah, was Jesus am Sabbat beim Spielen tat, ging er sofort zu Joseph, seinem Vater, und sagte zu ihm: „Dein Sohn spielt am Bach. Er hat aus Lehm zwölf Spatzen geformt. Damit hat er den Sabbat entweiht.“ Joseph eilte an die angegebene Stelle, sah, was Jesus gemacht hatte, und rief: „Warum tust du verbotene Dinge am Sabbat?“ Doch Jesus klatschte in die Hände und rief den Spatzen zu: „Los, fliegt weg!“ Da breiteten die Spatzen ihre Flügel aus und flogen laut tschilpend davon. Als das die Juden sahen, staunten sie sehr. Sie gingen hin und erzählten ihren Ältesten, was sie Jesus hatten tun sehen. (aus „Das Neue Testament und frühchristliche Schriften“ von Klaus Berger und Christiane Nord, S. 1335)

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch die Schreiber der biblischen Evangelien solche Geschichten kannten. Dennoch sind keine der Geschichten aus dem Kindheitsevangelium dort zu finden, außer dieser einen vom 12-jährigen Jesus im Tempel.

Warum ist das so?

Nun, die Form von Kindheitsgeschichten, die in dem Kindheitsevangelium des Thomas zu finden sind, gehören zu einer in der damaligen Zeit durchaus typischen und häufig verwandten literarischen Gattung. Man „dichtete“ besonders herausragenden Persönlichkeiten auch noch eine besondere Kindheit an. Von Kaisern und Königen wurden die eindrucksvollsten Geschichten erzählt, obgleich es dafür keinen einzigen Beweis gab.

Diejenigen, die bis weit in das 4. Jahrhundert hinein die vorhandenen Schriften über Jesus sichteten und schließlich entschieden, welche davon zur Bibel der Christen gehören sollten, wussten wohl, dass solche Geschichten immer Anlass zu Zweifeln und Spekulationen geben würden. Deswegen sind sie heute auch in Vergessenheit geraten, obwohl es eine Zeit gab, in der sie viel und gerne gelesen und erzählt wurden.

Eine einzige Geschichte aus der Kindheit Jesu bleibt uns, und das ist unser Predigttext.

Es ist eine Geschichte, die zunächst fragen lässt: was sind das für Eltern, die noch nicht einmal acht haben darauf, ob ihr zwölfjähriges Kind auch wirklich den Weg mit zurück geht? Warum sind sie so sorglos? Immerhin hatten sie ihn doch das erste Mal in die Stadt Jerusalem mitgenommen. Es war ein großes Fest, das viele Menschen in die bedeutende Stadt zog, und mit ihnen auch Scharlatane und Verbrecher. Hätten sie da nicht viel besser aufpassen müssen?

Welche Eltern würden in der Annahme, ihr Kind sei bei Verwandten, einfach aufbrechen und den Ort verlassen, zu dem sie ihr Kind das erste Mal in seinem Leben gebracht hatten, ohne sich zu vergewissern, dass es auch wirklich in der Reisegruppe ist?

Man kann natürlich versuchen, das Verhalten der Eltern zu erklären: es war damals durchaus üblich, dass die Kinder auch bei Verwandten mitzogen. Aber das genügt meiner Ansicht nach nicht nicht.

Ahnten sie vielleicht, dass Jesus auch ohne sie den Weg zurück finden würde? Hatten sie schon so viel mit ihm erlebt, dass sie sich keine Sorgen machen mussten?Dann wären sie aber sicher nicht zurückgekehrt, um ihn zu suchen, als sie feststellten, dass er nicht mit im Zug ist. Und Maria hätte ihm sich auch nicht vorgehalten, dass sie ihm mit Schmerzen gesucht hätten.

Es wird mit dieser Erzählung etwas eingeleitet, was schon wenig später das Bild von Jesus völlig wandelt. Denn bisher war Jesus ganz deutlich an seine Eltern gebunden, von ihnen abhängig.

Es wurde die Geschichte von Maria und Josef erzählt, von der Geburt Jesu unter widrigen Umständen, von der Beschneidung und Namengebung und schließlich der Darstellung Jesu im Tempel. Hier wurde Familienleben beschrieben – Vater, Mutter und Kind. Es ist die Geschichte von Josef, Maria und Jesus.

Eine Geschichte, die sich ganz und gar im üblichen Rahmen bewegt. Aber das ändert sich schlagartig mit dieser Erzählung. Der Zwölfjährige ist noch nicht alt genug, um für sich selbst zu entscheiden. Darum wird er ja dann auch von seinen Eltern gesucht. Aber jetzt tritt Josef, der bisher als Vater aufgetreten ist, in den Hintergrund.

Maria ist die Sprecherin, sie ist es, die Jesus Vorwürfe macht, und nicht etwa Josef, dem als Vater diese Rolle eigentlich zukäme, wie es auch im Kindheitsevangelium fast durchgängig der Fall ist. Doch an die Stelle des Vaters tritt nun Gott.

Mit wenigen Worten rückt Jesus alles wieder ins Lot – zumindest aus seiner Sicht. Denn er hat nach seiner Ansicht nichts Unrechtes getan. Er war da, wo er hin gehörte: im Haus seines Vaters. Wo denn sonst?

Aber die Wende ist so abrupt, so unerwartet, und auch so fremd, dass Maria und Josef ihn nicht zu verstehen scheinen. Maria hatte gerade noch von seinem Vater gesprochen und dabei natürlich Josef gemeint, der sich ja nun schon 12 Jahre lang um ihren Sohn gekümmert hatte, dass es schwer fallen musste, diese Worte zu verstehen: „Ich muss sein in dem, was meines Vaters ist.“

Von welchem Vater redete Jesus da? Und wie war dieses „Vater“ gemeint? Was für eine Rolle kam Josef in Zukunft zu?

Man kann das Wort „Vater“ in einer Weise verstehen, wie wir es auch benutzen würden. Immerhin reden wir Gott als unseren Vater an, wenn wir mit den Worten Jesu beten, und auch sonst rufen wir ihn als unseren himmlischen Vater an. Wir sind seine Kinder. Darauf vertrauen wir, weil es uns so zugesagt ist durch die Worte der Schrift. Und also können und dürfen wir ihn auch als unseren Vater anrufen.

Aber das hier ist mehr. Es ist eine Absage an den irdischen Vater, der später dann auch die Absage an seine Mutter folgt, als er die, die Gottes Worte hören und tun, zu seiner Mutter und zu seinen Geschwistern erklärt (Lk 8, 19-21).

Jesus ist Gottes Sohn, das wird hier schon deutlich, lange bevor in der Taufe durch Johannes den Täufer Gott selbst sich zu Jesus bekennt mit den Worten: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“. (Lk 3, 22b)

Der ungezogene Bengel, der einfach nicht mit seinen Eltern zusammen wieder in den Heimatort zurückkehrt, ordnet seine Prioritäten neu. Er macht das in radikaler, verletzender Weise, aber lässt uns damit auch sogleich erkennen, dass hier Gott am Werk ist.

Aber noch werden die Bande nicht vollkommen getrennt. Jesus kehrt ja mit seinen irdischen Eltern zurück nach Nazareth, akzeptiert, dass er noch etwas zu jung ist für den Weg, der ihm bestimmt ist. Er ist ihnen untertan, so heißt es sogar.

Zwar verwundern sich viele über den Jungen, über die Art und Weise, wie er die Schrift auslegt, und über das profunde Wissen, das er dabei an den Tag legt. Aber er ist eben noch ein Kind. Und Kinder werden nicht ernst genommen, so außergewöhnlich sie auch immer zu sein scheinen. Da vermutet man vielmehr die Eltern im Hintergrund, die einen besonderen Ehrgeiz an den Tag legen und das Kind dabei letztendlich überfordern, so wie man es heute immer wieder in der Welt der Popsternchen oder besser Sternschnuppen erlebt.

Jesus zeigt, wer er ist und wo er hin gehört: bereits mit zwölf Jahren stellt er fest, dass er Sohn Gottes ist. Und zugleich ordnet er sich ganz seinem Menschsein unter. Hier wird deutlich, was wir auch am Kreuz erkennen: da ist der Sohn Gottes, der Allmächtige, Unsterbliche, der Souveräne, der zugleich ganz Mensch wird und als Mensch den Tod erleidet und so unsere Erlösung vollbringt, ja, nur so unsere Erlösung vollbringen kann.

Lukas nimmt uns hinein in den Prozess der Selbstfindung, den Jesus durchmacht. Es ist nur ein Streiflicht. Viele Fragen bleiben offen, vor allem auch darüber, was hiernach geschieht bis zu der Zeit, als er endlich getauft wird. Wir lesen nur, dass Jesus zunahm an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Während es wohl selbstverständlich ist, dass ein Mensch an Alter zunimmt, und auch die Zunahme an Weisheit mit zunehmendem Alter wenigstens in begrenztem Umfang erwartet werden kann, ist das andere nicht selbstverständlich: Er nahm zu an Gnade bei Gott und den Menschen. Wie mag sich das ausgewirkt haben?

Dabei scheint mir vor allem die Gnade bei den Menschen etwas Besonderes. Denn ein Kind, das begabt ist, das herausragt aus der Masse, ist nicht unbedingt geliebt. Es wird vielmehr beneidet und häufig auch verspottet, hin und wieder wird es bedauert, weil man eben sieht, wie sehr es sich müht, diese besondere Stellung zu halten, die ihm in den meisten Fällen aufgezwungen wurde.

Und wir wissen, dass Jesus später ja auch viel angefeindet wird. Er hat längst nicht nur Freunde. Seine Worte greifen tief und stellen Erwartungen, die eigentlich nur dann erfüllt werden können, wenn man alles Bisherige hinter sich lässt. Und wer will sich schon darauf einlassen? Wer will sich so etwas von dem Sohn eines Zimmermanns sagen lassen?

Ob es anders war, solange Jesus Kind war? Hat er sich da zurückgehalten mit seinen Forderungen?

Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass Jesus nicht nur bei Gott, sondern auch bei den Menschen an Gnade zunahm. Er wuchs in seine Aufgabe hinein, die ihn dann letztlich zu einem Stein werden ließ, den die Bauleute verwarfen und an dem sich viele Menschen stießen, bevor er schließlich zum Eckstein wurde.

So merkwürdig wir es finden mögen, dass die irdischen Eltern Jesu anfangs so unachtsam gewesen sind und sich nicht die Mühe machten, sich zu vergewissern, dass er auch mit ihnen auf dem Weg war, so eindrucksvoll ist ihr Umgang mit Jesus, als er ihnen diese Worte sagte, die verletzend wirken mussten: ihr seid nicht wirklich meine Eltern. Denn das meinte er ja damit, als er sagte: Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? (Lk 2, 49b)

Die Eltern haben natürlich schon eine Ahnung, was da passiert. Sie wissen, dass das Kind nicht wirklich ihr Kind ist, und hören hier zum ersten Mal aus seinem Mund, dass sie daran trotz aller Liebe, mit der sie sich ihm in den vergangenen zwölf Jahren zugewandt hatten, nichts werden ändern können. Eines Tages wird er die letzten Bande trennen – darauf müssen sie nun vorbereitet sein.

Sie bestrafen ihn dafür aber nicht, sie ziehen sich auch nicht zurück, sondern nehmen weiter ihre Aufgabe wahr, wie sie ihnen von Gott gestellt ist – denn von ihm haben sie ja dieses Kind bekommen, und zu ihm wird es zurück kehren.

Vielleicht können wir aus diesem Verhalten etwas lernen, etwas mitnehmen, nämlich dass wir wie die Eltern Jesu offen sind für das Handeln Gottes in unserer Welt. Dass wir uns nicht gefangen nehmen lassen von Konventionen, von dem Üblichen, von dem, das man tagaus, tagein erwartet und tut, sondern dass wir mit dem Außergewöhnlichen rechnen, nämlich

  • mit der Stimme Gottes, die uns plötzlich herausruft aus dem Alltag und uns eine eigene, neue Aufgabe zuteilt, oder
  • mit dem Handeln Gottes, das plötzlich unsere Umwelt oder unsere Lebensbedingungen so verändert, dass wir auf einen neuen Weg gewiesen werden.

Gott handelt, das steht fest, und er tut das auch heute. So lasst uns wachsam und aufmerksam sein, dass wir es nicht verpassen, wenn er uns besucht, der Aufgang aus der Höhe, damit wir teilhaben an der großartigen Geschichte, die er damals mit diesem Kind begonnen hat und die noch nicht zu Ende ist.

Amen

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Predigt zum Neujahrstag 2016
(Tag der Namengebung und Beschneidung des Herrn)
1. Januar 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben. (Gal 3, 26-29)

Liebe Gemeinde,

Paulus hatte es nicht einfach mit den Galatern, das steht fest. Es gab dort andere aktive Missionare, denen es offensichtlich gelang, die Christen dort dazu zu bewegen, die durch den Glauben an Jesus Christus gewonnene Freiheit wieder aufzugeben.

Sein Brief ist voller Leidenschaft, es wird spürbar, dass er tief verletzt ist angesichts der Entwicklungen, die ihm berichtet wurden. Dabei ist es nicht sein persönliches Ego, das verletzt ist, sondern sein Eifer für das Evangelium, der offenbar vergeblich gewesen ist. Das Evangelium hatte sie doch frei gemacht! Warum waren sie jetzt wieder bereit, neue Fesseln anzulegen?

Vielleicht spürt Paulus auch einen Zweifel an der Kraft des Evangeliums. Auf jeden Fall erleben wir ihn in seinem Brief an die Galater als einen ausgesprochen leidenschaftlichen Menschen.

Ich frage mich, wie es wohl wäre, wenn Paulus einen Brief an unsere Gemeinde schreiben würde. Wie wäre es überhaupt, wenn er heute zu uns käme?

Vielleicht würde sein Brief ähnlich klingen wie der Brief der Kommission der Partnerkirchen unserer Landeskirche, die vor einigen Jahren hierherkamen und gewissermaßen eine Visitation unserer Landeskirche vornahmen – sofern das in 14 Tagen überhaupt möglich ist.

Ich lese daraus ein paar Zeilen vor:

„Es wird kaum eine Überraschung sein, dass wir die Zahl der Gottesdienstbesucher als sehr niedrig empfinden – mit kaum jungen Menschen, die nach der Konfirmation noch am Gottesdienst teilnehmen. Betroffen macht uns, dass dies einfach so als Normalität hingenommen wird. …

Die Heilige Schrift ermahnt uns, dass es zu unserer christlichen Berufung gehört, Gott und unseren Nachbarn zu lieben wie uns selbst. Dies bedeutet, dass diakonische Arbeit mit Recht eine zentrale Aufgabe für alle Christen sein soll. Wir bitten Euch sehr, die wunderbaren Einrichtungen der institutionellen Diakonie zu nutzen, um sich auch ehrenamtlich in dem Dienst für andere zu engagieren. Und wir beten, dass Ihr die hierbei entstehenden Gelegenheiten nutzt, das Evangelium ins Gespräch zu bringen.“

Ich kann mir denken, dass ein Brief des Paulus noch ganz anders aussähe. Sicher würde er das Prinzip der Volkskirche gar nicht verstehen. Er würde hier etwas erleben, das unserem Besuchsdienst und auch mir immer wieder einmal widerfährt: man klopft bzw. klingelt an den Türen von Gemeindegliedern und wird dann abgewiesen.

Wie viele würden wohl zu einem Gottesdienst kommen, in dem Paulus als Prediger angekündigt wird? Aber Paulus würde sich selbst wohl niemals auf einem Plakat oder in einer Zeitungsnotiz sehen wollen. Denn es geht ihm nicht um seine Person. Und deshalb gäbe es auch eine solche Ankündigung nicht. Er würde daher nur eine kleine Zahl Menschen im Gottesdienst vorfinden, obwohl doch zweitausend zur Gemeinde gehören.

Er würde erfahren, dass die Kinder von ihren Eltern nicht mehr lernen, welche wunderbare Kraft vom Evangelium ausgeht.

Und er würde sehen, wie manche Menschen in ihrem Leid allein gelassen werden und niemand da ist, sie zu trösten.

Sicher würde er auch andere, positive Dinge sehen, und die ökumenischen Visitatoren damals vor 7 Jahren haben auch solche Dinge gesehen und benannt. Aber es würde ihm wehtun, zu sehen, wie weit weg das Evangelium vom Zentrum unseres Lebens entfernt ist.

Denn das würde er wohl unweigerlich aus dem, was er hier erleben kann, schließen.

Wie also würde eine Brief des Paulus an unsere Gemeinde heute klingen? Ginge es etwa so los, wie wir gerade gehört haben: „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.“? Würde er uns auf den Kopf zusagen, dass wir alle, die wir getauft sind, Christus angezogen haben? Oder würde er es eher so formulieren:

„Obwohl ihr alle getauft seid, habt ihr Christus ausgezogen!“?

Nein, ich glaube, trotz der Erfahrungen, die er in unserer und den meisten anderen volkskirchlichen Gemeinden in Deutschland machen würde, würde er uns doch erst einmal positiv begegnen und uns sagen, was wir haben.

Also ja: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“

Er würde es ja besonders im Blick auf die hier versammelte Gemeinde so formulieren, denn hier sind die versammelt, die Ernst machen wollen mit dem, was christlicher Glaube und christliche Gemeinde bedeutet.

Ihr habt Christus angezogen. Das hört sich zwar etwas merkwürdig an, aber es bedeutet doch nichts anderes, als das, wozu wir ohnehin berufen sind: dass wir Christus nachfolgen, dass wir seine Jüngerinnen und Jünger sind, dass wir seinen Weg mitgehen.

Darum ist das Kirchenjahr so hilfreich, weil es uns diesen Weg auch ein Stück weit führt, jedes Jahr auf’s Neue, wobei wir selbst merken, dass nicht jedes Ereignis im Kirchenjahr uns jedes Jahr auf die gleiche Weise anspricht.

Vielmehr merken wir, wie wir in einem Jahr z. B. uns dem Gekreuzigten viel näher fühlen als dem Auferstandenen, weil wir selbst schweres Leid erfahren haben.

Oder wir spüren in besonderer Weise die versöhnende Liebe Gottes, die im Fest der Geburt unseres Herrn so deutlich erkennbar wird, weil ein alter Streit endlich beendet werden konnte.

Oder wir klagen mit den Müttern am 28. Dezember, dem Tag der unschuldigen Kinder, wenn wir wieder einmal hören, dass so viele Menschen, auch Kinder, durch Krieg oder Terror oder auch Hunger ums Leben kamen – und das muss eben nicht am 28. Dezember sein. Aber wir haben diese Tage und Zeiten im Kirchenjahr, die uns dafür sensibel machen, die uns auf die Spur bringen, jedes Jahr auf’s Neue.

Und heute haben wir den Anfang eines neuen Jahres, aber das ist eigentlich gar nicht das Wesentliche, denn ob heute Neujahr ist oder am 25. Februar, spielt im Kirchenjahr überhaupt keine Rolle. Es sieht für uns vielmehr den Tag der Namengebung und Beschneidung Jesu vor und macht uns auf diese Weise deutlich, dass Jesus eingebunden ist in die Traditionen seines Volkes Israel.

Das Kirchenjahr erinnert uns somit auch daran, dass wir Heidenchristen sind, zugezählt zum Volk Gottes, aber in keiner Weise berechtigt, uns selbst als besser, wertvoller oder vollkommener als jene zu betrachten.

Im Libretto – d.h. dem Textbuch – des Weihnachtsoratoriums erkennen wir, dass man sich zu Zeiten Bachs schon etwas schwer tat mit der Tatsache, dass durch die Beschneidung der Bund Gottes mit dem Volk Israel bekräftigt wird und Jesus in die Tradition seines Volkes gestellt wird.

Denn nachdem der eine Vers, der von der Namengebung und Beschneidung berichtet, vom Evangelisten vorgetragen wurde, geht es einzig um den Namen Jesu, wobei der Dichter des Libretto auch auf den Propheten Jesaja zurückblickt, bei dem der Name „Immanuel“ genannt ist, was so viel heißt wie „Gott mit uns“, während der Name „Jesus“ ja „Gott rettet“ bedeutet.

Schon Matthäus hatte an den Propheten Jesaja erinnert, und in Jesus wird ja tatsächlich beides erkennbar: dass Gott mit uns ist und dass er rettet. Nur den Namen Immanuel hat er eigentlich nie getragen – er hat ihn aber gelebt.

„Gott wird Mensch, dir Mensch, zugute“. In dieser einen Zeile des Liedes „Fröhlich soll mein Herze springen“ sind beide Namen enthalten: Immanuel in dem “Gott wird Mensch“, und Jesus in dem „dir zugut“. Und darum konnte der Evangelist Matthäus auch unbekümmert den Propheten Jesaja zitieren, ohne das Zitat zu verändern und anstelle des Namens „Immanuel“ den Namen „Jesus“ einzusetzen. Denn es ist wahr: der Immanuel, der Gott mit uns, ist Jesus.

Und mit diesem Zuspruch, der aus den beiden Namen erklingt, können wir auch getrost in das neue Jahr gehen. Aber dabei wollen wir nicht vergessen, dass Jesus ein Kind des Volkes Israel ist und bleibt. Der erste Bund ist nicht vergangen, im Gegenteil, er wird durch Jesus bekräftigt und bestätigt: der Bund, den Gott mit Abraham schloss und der ihm und seinen Nachkommen ewigen Segen verhieß, bis dahin, dass von diesem Volk Segen ausgehen soll für alle Völker.

Durch Jesus nun ist der Segen, den Gott über dem Volk Israel ausgegossen hatte, weitergegeben an alle Völker. Doch damit ist das Volk Israel nicht beiseite geschoben, es bleibt Volk Gottes, trotz all der Spannungen, die es über die Jahrhunderte bis heute aushalten muss.

Und wenn wir auf das Land Israel schauen, dann mögen uns schon Zweifel an der Erwählung dieses Volkes kommen, angesichts der Spannungen zwischen Israel und seinen Nachbarn, die nicht enden zu wollen scheinen. Ermutigende und entmutigende Nachrichten reichen sich die Hand. Gott lässt, so scheint es, seinem Volk keine Ruhe.

Aber ist das nicht schon seit dem Babylonischen Exil so gewesen? Über 2500 Jahre lang war das jüdische Volk nicht selbstbestimmt, sondern stand unter der Herrschaft anderer und wurde immer wieder, nicht nur zur Nazizeit, brutal verfolgt.Und doch hat Gott sein Volk nicht aufgegeben, wie wir immer wieder erkennen können.

Heute werden wir daran erinnert, dass unser Heil aus diesem Volk hervorgegangen ist, und dafür sind wir dankbar.

Immanuel – Gott mit uns; Jesus – Gott rettet.

In diesen beiden Namen klingt auch etwas mit von dem Versprechen, das in der Jahreslosung anklingt:

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jes 66, 13)

Und nun noch einmal zurück zu der Frage: Was würde uns Paulus heute wohl schreiben?

Ich mache mal einen Versuch:

„Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.“

Ja, das ist in keiner Weise anders als das, was wir anfangs gehört haben. So steht es im Brief an die Galater, und so ist es auch für uns heute gemeint: wir sind allesamt einer in Christus Jesus, wir sind Abrahams Kinder, wir sind Erben.

So lasst uns dankbar in das neue Jahr gehen als Gottes Kinder in Christus Jesus. Lasst uns bekennen, was uns zugesagt ist: Gott ist mit uns, er ist unser Heil; er tröstet uns. Darum fürchten wir uns nicht!

Dann wird es auch ein Jahr des Herrn werden, ein gutes Jahr.

Amen

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