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Kanzel

Kanzelworte

Hier sind in laufender Abfolge die Predigten zu finden, die in den letzten Wochen von Pfarrer Dr. Martin Senftleben in Gottes­diensten gehalten wurden.

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Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias
Gottesdienst mit dem Pfarrverband Königslutter
15. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

(Ex 33, 17b-23)

Liebe Gemeinde!

Manchmal komme ich hier in die Kirche, setze mich an einen Platz und versuche, still zu werden. Das gelingt besonders gut, wenn sonst niemand in der Kirche ist. Aber dann wird es in mir unruhig, und ich frage mich: warum suchen nicht mehr Menschen einen Ort der Stille, so wie diese Kirche, auf?

Andererseits gibt es natürlich auch Zeiten, wo es hier gar nicht still ist. Irgend jemand unterhält sich oder erklärt gerade irgendeine Besonderheit, es findet gerade eine Führung statt, oder es wird umgebaut oder sauber gemacht, oder das Belüftungs- und Heizsystem macht lautstark auf sich aufmerksam.

Doch wenn ich dann die Augen schließe, werden die Geräusche immer leiser, und irgendwann wird es ganz still.

Auch in mir. Oder nur in mir? Das weiß ich gar nicht so genau. Jedenfalls ist das der Zeitpunkt, wo ich anfangen kann zu beten, mit Gott zu reden.

Und währenddessen kommt mir manchmal auch die Bitte des Mose in den Sinn:

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Denn es scheint mir, als wäre ich in solch einer Situation nah dran: weit weg von dem Lärm des Alltags, mit ein bisschen Glück auch frei von ablenkenden Gedanken, ganz auf Gott konzentriert.

Haben Sie so etwas auch schon erlebt? Oder wenigstens den Wunsch verspürt, die Herrlichkeit Gottes zu sehen?

Natürlich darf die Frage erlaubt sein, ob solch eine Bitte nicht vermessen ist. Denn es wäre ja ein außerordentliches Privileg, wollte Gott mir diese Bitte gewähren. Und ist Mose nicht eine herausragende Persönlichkeit, auf besondere Weise von Gott berufen, während ich als ganz gewöhnlicher Sterblicher gar nicht das Recht habe, solche Gedanken und Bedürfnisse zu äußern?

Nun, wenn ich es genau betrachte, stehe ich in einer ganz ähnlichen Situation wie Mose.

Da sind ja zunächst die Worte Gottes: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“ Ist das ein Privileg, das nur Mose für sich in Anspruch nehmen kann?

Nein. Denn das ist es, was Gott zu uns spricht, wenn wir getauft werden. Alles, was in der Taufe geschieht, dreht sich darum: die Gnade Gottes, mit der wir befreit werden von all unserer Schuld (Mose musste immerhin noch regelmäßig Opfer darbringen lassen, um die Schuld zu sühnen), und dann die Ausrufung des Namens vor Gott, damit er ihn in das Buch des Lebens einschreibt.

Beides ist da, so wie bei Mose, und es gilt für uns alle: wir haben Gnade vor Gottes Augen gefunden, und er kennt jeden einzelnen mit Namen.

So ist Gott, durch Jesus Christus.

Da sollten wir nicht die gleiche Bitte wie Mose äußern dürfen?

Doch, wir dürfen.

Aber trotz der idealen Situation, der Stille und so vielem, was einem das Gefühl vermittelt, dass man persönlich Gott ganz nah ist – nicht nur in dieser Kirche, sondern natürlich in jeder Kirche – wird diese Bitte nicht erfüllt.

Und dann muss ich auch wieder an Mose denken.

Er darf Gottes Angesicht nicht schauen.

Und mir kommt in den Sinn, was ich oft denen sage, die von mir mehr über Gott wissen wollen: es wäre völlig falsch, ihn mir wie einen Menschen vorzustellen.

Das kann ich zwar, wenn ich an Jesus denke, aber Gott ist kein Mensch, auch wenn es am Anfang der Bibel heißt, dass er den Menschen zu seinem Bilde schuf.

Damit sind wohl doch eher die Möglichkeiten gemeint, die Gott uns mitgegeben hat, die Freiheit und Grenzenlosigkeit, die uns gottähnlich macht und manche Menschen auch glauben lässt, sie seien allmächtig und könnten sich alles erlauben.

Es scheint dann doch sehr archaisch, wenn Gott wie ein Mensch beschrieben wird: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“

Nun könnte man sagen, dass das ein Beweis dafür ist, dass Gott nur erfunden ist, dass es ihn in Wahrheit gar nicht gibt. Gott sei immer nur eine Erfindung der Menschen, weil sie mit ihrer Begrenztheit sonst nicht zurecht kommen könnten.

Aber ich würde dann doch eher dahin tendieren, zu sagen, dass man in der damaligen Zeit eher dazu neigte, sich Gott wie eine Person vorzustellen. Das ist das typische Bild eines Kindes, und auch Konfirmandinnen und Konfirmanden antworten auf die Frage, wie sie sich Gott vorstellen, ganz ähnlich. Und da wir sonst keine Möglichkeit hätten, uns Gott vorzustellen, warum dann nicht hin und wieder wenigstens so?

Aber kurz bevor Gott diese Worte sagt, dass Mose sein Angesicht nicht sehen könne, gibt es noch eine andere Aussage: „ Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen“.

Und das ist nicht die Herrlichkeit, es ist auch nicht das Angesicht Gottes. Plötzlich wird Gott transzendiert, er ist nicht mehr Mensch-ähnlich, sondern so wie Johannes in seinem 1. Brief mit den Worten „Gott ist die Liebe“ (1. Joh 4, 16b) schreibt, ganz abstrakt. Er ist etwas, was man nur beschreiben und spüren, aber nicht wirklich sehen oder fassen kann. Und so könnte man auch hier aus dem Gesagten folgern: „Gott ist die Güte“. Und die lässt sich nicht fassen, sie lässt sich nur beschreiben und erfahren, aber nicht mit unseren Sinnen, sondern mit unserem Sein.

Gott ist die Güte: Das passt schon, wenn man die Geschichte des Volkes Israel, des auserwählten Volkes Gottes, bis dahin betrachtet: angefangen bei Abraham, der aus seiner Familie herausgerufen wird und der entgegen allem, was wir wissen, der Stammvater des Volkes Israel wurde, über die Josefgeschichte, in der sich eine Katastrophe nach der anderen in Segen verwandelt, bis zur Bewahrung, als die Ägypter von den Plagen heimgesucht werden, und schließlich die Freiheit, die das groß gewordene Volk Gottes auf den Weg in das verheißene Land bringen wird.

Gottes Güte war da natürlich immer wieder erfahrbar geworden, und nun sollte Mose sie auch sehen dürfen. Wie das wohl geht? Ich weiß es nicht. Und die Bibel erzählt es auch nicht. Sie erzählt es anders, wieder mit archaischen Denkmustern: Gott als Mensch, mehr oder weniger, als räumlich begrenztes Wesen.

Und dann doch anders.

„Es ist ein Raum bei mir“, sagt er zu Mose, und diese Worte lassen mich nachdenklich werden. Was für ein Raum ist das? Gott als der Allmächtige und Allgegenwärtige hat überall Räume. Von was für einem Raum ist hier die Rede?

Man könnte an den brennenden Dornbusch denken, wo es dann ja heißt: „zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ (Ex 3, 5)

Gottesnähe.

Die Orte, wo wir die Nähe Gottes erfahren, sind heilige Orte. Und von solch einem Ort redet Gott, wenn er sagt: es ist ein Raum bei mir.

Raum bei Gott – man muss aufpassen, nicht in die archaischen Muster zurück zu fallen und sich Gott als räumlich begrenztes Wesen vorzustellen. Solche „Räume bei Gott“, davon bin ich überzeugt, gibt es für jeden unter uns, also im Grunde überall, und sie werden für jeden anders sein, sich anders zeigen.

In der Mose-Erzählung kann man natürlich eine Verbindung zum Berg Horeb herstellen und folgern, dass irgendwo auf diesem Berg dieser Raum ist, von dem Gott spricht. Aber ich glaube, dass da mehr gemeint ist, und vor allem: anderes.

Der Raum bei Gott ist nicht fixierbar, er kann nicht mit irgendwelchen Koordinaten lokalisiert werden. Er ist vielmehr immer da, wo Menschen bereit sind, sich ganz auf Gott einzulassen. Für solche Menschen hat Gott auch solch einen Ort bereit.

Das kann zu Hause sein, es kann aber auch in einem Bus sein, oder an einer Straßenecke, oder … denn Gott ist ja allgegenwärtig.

Aber wir wissen: nicht jeder Ort liefert die Rahmenbedingungen, die einem dazu helfen, die Nähe Gottes zu erfahren. Auch wenn es die Straßenecke sein kann: nur wenige Menschen würden es dort überhaupt erst versuchen.

Und darum möchte ich wieder zurück kehren zu dem, was ich am Anfang geschildert habe. Denn solche Orte, Räume bei Gott, sind auch und besonders die Kirchen.

Sie sind es nicht ausschließlich, und sie sind es auch nicht für jeden, der eine Kirche betritt. Aber sie bieten die Rahmenbedingungen, die uns helfen, die Nähe Gottes zu spüren und ihn zu erkennen.

Darum bin ich sehr dankbar, dass der Kaiserdom und auch die Stadtkirche und manche andere Kirche zumindest tagsüber offen sind und so allen Menschen die Möglichkeit bieten, still zu werden und sich Gott zu nähern.

Mir kam nun der Gedanke, als ich über diesen Predigttext nachdachte, für uns als Pfarrverband einen Vorschlag zu machen: Wie wäre es, wenn wir unsere Kirchen, d.h. alle Kirchen des Pfarrverbandes, öffneten, so dass Menschen wenigstens tagsüber dorthin gehen können, um zu beten und die Nähe Gottes zu suchen?

Ein Gemeindeglied könnte die Verantwortung des Auf- und Zuschließens übernehmen, und ein größerer Kreis könnte verabreden, selbst öfter in die offene Kirche zu gehen.

„Es ist ein Raum bei mir“, hat Gott zu Mose gesagt, und ich glaube, dass Gott solche Worte auch anderen Menschen sagt und sie vielleicht dann auch auf unsere Kirchen hinweist.

Wie traurig ist es, wenn die Klinke einer Kirchentür gedrückt wird und sich die Tür dann nicht auftut, sondern hartnäckig Widerstand leistet und dem Besucher förmlich entgegen ruft: Hier darfst du nicht herein, dieser Ort ist nur einmal in der Woche zugänglich für die, die sich strikt an den Zeitplan halten.

Ich kann mir denken, dass da viel Angst vor Vandalismus und Diebstahl im Weg steht, aber dort, wo Kirchen offen sind, auch ohne Aufsicht, zeigt sich, dass diese Angst unbegründet ist. Es gehört etwas Gottvertrauen dazu, diesen Schritt zu wagen, aber davon sollten wir eigentlich eine Menge, auf jeden Fall genug haben.

Auch wenn nicht wir es sind, die bestimmen, wo der Raum Gottes für einen Menschen ist: Es ist schon viel wert, wenn wir die Möglichkeit eröffnen, einen solchen Raum zu finden. Mehr wollen Kirchen nicht sein. Aber das können sie sein, und darum sollten sie auch nicht den suchenden Menschen verschlossen bleiben.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias
8. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Als Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Mt 4, 12-17

Liebe Gemeinde!

Wir sind ganz am Anfang. Nachdem Jesus von Johannes getauft worden war, hatte er sich vierzig Tage lang fastend in der Wüste aufgehalten, wo er schließlich vom Teufel versucht wurde.

Jesus hatte den Versuchungen widerstanden. Nach seiner Rückkehr aus der Wüste, und hier beginnt unser Predigttext, erfährt er, dass der Täufer Johannes gefangen genommen worden war.

Diese Nachricht bedeutete Gefahr, auch für ihn. Er stand erst am Anfang seines Wirkens. Man erinnerte sich vielleicht noch an die Ereignisse bei seiner Taufe, an die Worte des Täufers und vielleicht auch an die Stimme vom Himmel, die verkündete: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Aber was bedeutete das schon? Jesus war zu dem Zeitpunkt noch ein Niemand. Nur ein ängstlicher Herrscher könnte ihn gewissermaßen vorsorglich gefangen nehmen. Aber genau das war auch möglich. Dabei lag der Auftrag ja noch vor ihm.

Und so entzog sich Jesus dem Zugriff des Herrschers, der Johannes gefangen genommen hatte.

Jesus handelte allerdings nicht aus Angst. Er wusste ja, dass ihn der Tod erwarten würde. Aber seine Stunde noch nicht gekommen. Wenn er jetzt schon gefangen gesetzt und womöglich getötet worden wäre, hätte man ihn kaum wahrgenommen. Es musste erst deutlich und für alle sichtbar werden, was bei der Taufe über ihn offenbart worden war: dass er der Sohn Gottes ist.

Also wich er aus, zog nach Kapernaum, ganz im Norden am See Genezareth. Dort ist er nicht völlig aus der Reichweite der politischen Macht, aber Kapernaum ist auch keine so bedeutende Stadt, dass man sie ständig im Auge hat. Und so kann er hier beginnen, seinen Auftrag zu erfüllen.

Die ersten Worte, die er dort verkündet, sind wie ein Programm, das als Überschrift über den folgenden Jahren seines Handelns und Redens stehen soll: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“

Das ist es, worum es geht in allem, was Jesus tut: die Menschen zur Buße rufen und die Nähe des Himmelreiches verkündigen.

Tut Buße. Bei dem Wort Buße denken wir meist an Wiedergutmachung. „Er muss für seine Taten büßen“, so heißt es über einen Menschen, der etwas Böses getan hat. Oder wir reden von „Bußgeld“, wenn jemand eine Geldstrafe zahlen muss, z.B. wenn man zu schnell gefahren ist.

Durch die Buße machen wir etwas wieder gut. Wenn wir Buße geleistet haben, ist das, was wir falsch gemacht haben, gewissermaßen getilgt, es ist nicht mehr – zumindest in der Theorie. Viele Straftäter, nachdem sie ihre Strafe „abgebüßt“ haben, haben es dann dennoch schwer, wieder Fuß zu fassen in der Gesellschaft. Oft werden sie wieder rückfällig, sie begehen wieder eine Straftat, und so wird es zu einem sich stetig wiederholenden Kreislauf.

Grundsätzlich gilt: wenn man Buße getan hat, dann steht man gewissermaßen bei Null und kann wieder von vorn anfangen.

Vor allem von der katholischen Kirche kennen wir das Wort Buße auch im theologischen Zusammenhang. Nach der Beichte kommt die Buße: für die begangenen Taten, die man gebeichtet hat, wurde einem in der Regel eine Art Strafmaß auferlegt zur Buße: z.B. durch das Beten einer bestimmten Anzahl von Ave Marias wurde man in die Lage versetzt, für seine Schuld zu büßen.

In der katholischen Kirche gilt die Beichte verbunden mit der Buße als ein Sakrament.

Martin Luthers 95 Thesen richteten sich gegen einen Missbrauch der Buße. Verknüpft mit der Lehre vom Fegefeuer, in dem die Menschen nach ihrem Tod für ihre Sünden büßen müssen, hatte die Kirche ein System entwickelt, durch das sich Menschen gewissermaßen freikaufen konnten, indem sie sich mittels Spenden der Absolution, also der Freisprechung von den Strafen, durch die Kirche versicherten. Man erhielt als Gegenleistung für seine Spende einen Ablassbrief, der sogar den Umfang des Ablasses definierte.

Der Handel mit dem Ablass wurde bereits im 16. Jahrhundert in der katholischen Kirche mit der Strafe der Exkommunikation versehen. Den Ablass selbst aber gibt es noch heute. Denn für die begangene Sünde gibt es immer eine Strafe, die abgebüßt werden muss. Und der Ablass befreit von dieser Strafe.

So erklärte Papst Johannes Paul II. Das Jahr 2000 zu einem Ablassjahr – was übrigens nichts Außergewöhnliches ist, denn etwa alle 25 Jahre gibt es ein solches Ablassjahr. Das Jahr 2000 war nun ein besonderes, da ein Millennium zu Ende ging, und in diesem Jahr konnte man z.B. durch das Aufsuchen einer bestimmten Kirche einen vollkommenen Erlass aller Strafen erlangen.

Als Protestanten tun wir uns mit dieser Vorstellung zu Recht schwer, denn nach unserem Verständnis des Evangeliums hat Jesus für uns am Kreuz bereits alle Strafe erlitten. Er hat sie auf sich selbst genommen und damit, wenn man so will, ewigen Ablass von allen Strafen bewirkt.

Warum also Buße?

Wenn Jesus den Menschen zuruft: „Tut Buße“, meint er nicht das, was wir meist unter Buße tun verstehen.

Sondern er meint die Umkehr. Der Ruf „Tut Buße“ ist im Grunde der Ruf Gottes hinter einem Menschen her, der sich von Gott abgewendet hat und von ihm fortgeht. Tu Buße! Kehre um! Wende dich wieder mir zu!

Das bedeutet dieser Ruf Jesu. Anstatt dass sich die Menschen von Gott abkehren, sollen sie sich ihm wieder zuwenden. Es hat also in diesem Zusammenhang überhaupt nichts mit Strafe abbüßen zu tun.

Dieser Ruf Jesu: Tut Buße!, ist in unserer Zeit aktuell wie wohl nie zuvor. Denn damals, zur Zeit Jesu, glaubte wohl jeder Mensch daran, dass es Gott gibt – nur die Art und Weise, wie man Gott begegnete oder meinte begegnen zu müssen, war fragwürdig geworden.

Heute sieht das vor allem in den Industrieländern anders aus: immer mehr Menschen glauben, dass es überhaupt keinen Gott gibt. Und für die meisten der übrigen Menschen ist der Glaube so unkonkret, dass sie sich damit nur in den seltensten Fällen, meist in Notsituationen, überhaupt beschäftigen. Das Leben ist nicht vom Glauben geprägt, denn Gott spielt für viele Menschen im besten Fall eine Nebenrolle.

„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ so lautet der ganze Satz, der über dem Wirken Jesu gewissermaßen als Überschrift zu lesen ist.

Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen – das ist eine Aussage, die für die Menschen der damaligen Zeit dann auch in der Person Jesu sichtbar wurde. Er heilte Kranke, ja, er machte sogar Tote wieder lebendig. Er offenbarte in seinem Handeln die Liebe Gottes zu allen Menschen, auch zu denen, die als Sünder angesehen wurden. Jesus versöhnte sie mit Gott. Und so wurde es sichtbar: Das Himmelreich war nahe herbeigekommen in der Gestalt Jesu.

Und heute? Das Reich Gottes ist heute nicht etwa wieder in die Ferne gerückt, nur weil Jesus in den Himmel aufgenommen wurde. Es ist immer noch nahe bei uns.

Nur ist es nicht ganz so offensichtlich erfahrbar. Und das liegt wohl auch daran, dass uns der Mut fehlt, diesen Ruf aufzunehmen und es der Welt zu sagen: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“

Wir fühlen uns dazu nicht bevollmächtigt. Und wir haben Angst, es belegen zu müssen, denn wir wissen nicht so recht, wie wir das tun sollen.

Aber wenn dieser Ruf nicht damals, nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, von seinen Jüngerinnen und Jüngern aufgenommen worden wäre, dann gäbe es heute wohl keine christliche Kirche. Der Beweis dafür, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen ist, sind im Grunde wir, die christliche Gemeinde, die sich auch heute zum Gottesdienst versammelt, um Gott zu loben und zu danken für die Liebe, die er uns bewiesen hat, und um Gemeinschaft miteinander zu haben.

Es ist der Auftrag der Kirche, die Worte Jesu immer wieder in die Welt hinaus zu rufen. Diesen Auftrag formuliert der auferstandene Jesus am Ende des Matthäus-Evangeliums:

„Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker; Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 18-20)

In diesem Auftrag ist alles drin. Jesus sendet uns hinaus, dass wir die Welt zur Umkehr rufen. Macht sie zu Jüngern. Ruft sie, dass sie sich zu Gott wenden. Tauft sie, macht sie fest als Kinder Gottes. Und lehrt sie, lasst sie erfahren, dass das Himmelreich ganz nahe ist.

Unser Ruf klingt also ganz genauso wie der, den Jesus am Anfang seines Wirkens von sich gab: Wendet euch nicht von Gott ab, sondern kehrt zu ihm zurück. Glaubt nicht, ihr könntet ohne ihn auskommen.

Das schönste aber ist der Grund für diesen Ruf. Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Das wird für uns in den Worten Jesu sichtbar: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.

Er lässt uns nicht allein. Er bleibt bei uns. Daraus können wir Mut schöpfen. Es ist eine Zusage ohne Einschränkung. Es heißt nicht: wenn Ihr dies oder jenes tut, sondern es heißt schlicht: Ich bin bei euch … Jesus ist bei uns, ganz nah.

Die Welt ist der Acker, auf den wir alle den Samen des Wortes Gottes, des befreienden Evangeliums, ausstreuen dürfen.

Kehrt um – das ist ein Ruf der Liebe und kein mahnender Ruf.

Zu diesem Ruf gehört die Verheißung der Nähe und Liebe Gottes, wie sie sich in Jesus Christus offenbarte.

Dass wir diese Nähe und Liebe bitter nötig haben, zeigt sich in der zunehmenden „sozialen Kälte“ in unserer Gesellschaft, die immer deutlicher sichtbar wird, z.B. darin, dass Dauerarbeitslose von den meisten Menschen als Schmarotzer abgestempelt werden. Die Tatsache, dass auch Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben, sich kaum mehr als das Nötigste zum Leben leisten können, gehört ebenfalls zur sozialen Kälte in unserem Land dazu.

Dazu gesellt sich das sogenannte Nord-Süd-Gefälle, d.h. der Reichtum der Industrieländer im Vergleich zur Armut der sogenannten Entwicklungsländer, wobei dieses Gefälle eben darauf zurück zu führen ist, dass die Industrienationen die Schwäche der Entwicklungsländer systematisch ausnutzen.

Gott will, dass wir alle Menschen so sehen, wie er uns sieht: als seine geliebten Kinder.

Darum: lasst uns diesen Ruf hinaustragen in unsere Welt mit Wort und Tat, damit die Liebe Gottes sichtbar wird, wo immer Liebe verloren zu sein scheint.

Denn er hat uns zuerst geliebt.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach dem Christfest
1. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der heilige Geist war mit ihm. Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun läßt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden. Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte, und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Lukas 2, 25-38

Liebe Gemeinde!

Manchmal wünschte ich mir, damals zu leben, zur Zeit Jesu, und seinen Fußstapfen folgen zu können. Wäre das nicht wunderbar? Direkt aus seinem Munde die Worte zu hören, die wir nur nachlesen können, und dazu seine Ausstrahlung zu spüren und zu sehen, wie er Kranke heilt?

Ich wünschte mir manchmal, mit eigenen Augen zu sehen, wie er Sturm und Wellen gebietet, oder wie er den Lazarus von den Toten auferweckt.

Aber es ist wohl vermessen, so etwas zu wünschen. Und wenn ich es mir genau überlege: alles, was damals geschah, möchte ich auch nicht mitmachen müssen.

Ich möchte nicht die Zweifel haben, die sicher die Jünger gequält haben, als sie sahen, wie Jesus seinem Tod entgegen ging. Ich möchte nicht, auch nicht von ferne, zusehen müssen, wie er am Kreuz stirbt, ohne zu wissen, dass damit das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Aber so ist es den Jüngerinnen und Jüngern ja damals ergangen. Sie hatten zwar das Privileg, ihn leibhaftig vor sich zu sehen, aber dafür gab es unzählige Zweifel, Ängste und unerfüllte Hoffnungen.

Nicht nur anfangs, nicht nur die ersten Monate, sondern über Jahre und Jahrzehnte, ja, über Jahrhunderte hinweg war man sich nicht einig, wer oder was Jesus nun eigentlich war. Gottes Sohn? Aber wenn, wie war das möglich? Wie konnte der Sohn Gottes am Kreuz sterben?

Als Lukas sein Evangelium aufschrieb, mussten ihn ähnliche Fragen umgetrieben haben. Er hatte sorgfältig recherchiert, so schreibt er am Anfang seines Evangeliums, und nun gab er wieder, was er empfangen hatte von denen, „die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Wortes gewesen sind.“ (Lk 1, 2b)

Dazu gehört dieser schon etwas merkwürdige Abschnitt, den wir gerade als Evangeliumslesung gehört haben und der von dem berichtet, was sich 33 Tage nach der Beschneidung Jesu, also 40 Tage nach seiner Geburt, ereignete.

Jesus wird als erstgeborener Sohn gemäß den Weisungen Gottes, nach denen das Volk Israel lebte, dem Herrn dargestellt, und Maria bringt das vorgeschriebene Opfer für ihre Reinigung dar.

Dort, im Tempel, wartet Simeon, ein alter Mann, Symbol für die Sehnsucht des Volkes Israel nach dem Messias, der schon so viele Jahrhunderte vorher angekündigt worden war.

Simeon ist fromm, und er wusste eins, denn es war ihm vom Heiligen Geist gesagt worden: du wirst den Tod nicht sehen, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast.

Darauf vertraute er. Woher er nun die Gewissheit hatte, dass das, was ihm da gesagt war, oder von dem er meinte, dass es ihm gesagt war, auch wirklich vom Heiligen Geist, also von Gott, stammte, wird nirgends gesagt. Es ist eben so.

Niemand wagte damals, ihn einen Spinner zu nennen. Vielleicht schüttelte der eine oder die andere den Kopf über ihn, aber sie respektierten seine Erwartung, seine Hoffnung, und ließen ihn gewähren.

Er kam an diesem Tag „auf Anregen des Geistes in den Tempel.“ (Lk 2, 27a)

Wie oft habe ich es schon erlebt, dass ich mich aus irgendeinem Grund plötzlich aufmachte und dann etwas geschah, wovon ich hinterher nur sagen kann: Da hat Gott seinen Segen ausgebreitet?

Aber ich hätte vorher nie sagen können: da treibt mich der Heilige Geist. Es sind banale Dinge, weswegen ich mich in Bewegung setze oder auch, weswegen ich es etwas später tue, als ich mir eigentlich vorgenommen hatte – woraus dann eben dies kleine Wunder entsteht, das den Segen Gottes sichtbar werden lässt.

Auch hier ist es ja so: Lukas weiß es nur im Nachhinein: da trieb ihn der Geist in den Tempel.

Er begegnet dem Kindlein und seinen Eltern.

Es gibt für ihn kein Vertun: dieser ist der Messias. Eine Gewissheit, die kaum nachzuvollziehen ist. Woher kann er sich so sicher sein? Nichts zeichnet dieses Kindlein aus. Es hat sicher keinen Heiligenschein um den Kopf, wie es später auf Gemälden oft dargestellt wird.

Wer weiß, ob nicht gleichzeitig ein anderes Paar auch mit seinem Kind zum Tempel kam? Ist es so unwahrscheinlich, dass noch andere Kinder am Tag der Geburt Jesu geboren wurden? Sie alle, soweit es erstgeborene Jungen sind, würden an diesem Tag zum Tempel gebracht.

Aber Nichts verunsichert den alten Simeon. Er geht direkt auf das Paar zu, nimmt den kleinen Jesus auf seine Arme – etwas, was ich wahrscheinlich an Stelle der Mutter gar nicht erlauben würde – und beginnt seinen Lobgesang:

Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
den du bereitet hast vor allen Völkern,
ein Licht, zu erleuchten die Heiden
und zum Preise deines Volkes Israel.

(Lk 2, 29-32)

Seit vielen Jahrhunderten haben diese Worte ihren Platz in den Tagzeitengebeten gefunden. Jeden Abend werden sie auch heute noch vielfach nachgebetet.

Warum eigentlich? Wer kann das denn heute von sich sagen, den Heiland Gottes gesehen zu haben?

Nun, sicher ist es nicht so geschehen, wie es Simeon selbst erlebt hat. Wir konnten kein Kind auf den Arm nehmen und zugleich wissen, dass dieses Kind ein Licht sein würde, das die Heiden erleuchtet und das Volk Israel preisen wird.

Aber wir haben dennoch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel sehen wir Christus in der Feier des Heiligen Abendmahles: Brot und Wein – Leib und Blut Christi.

Wir sehen ihn auch in vielen Abbildungen, was aber, zugegeben, nicht wirklich zählen muss.

Am wichtigsten aber ist wohl: wir sehen ihn in unserem Nächsten, indem wir uns an die Worte erinnern, die er in einem Gleichnis zu uns sagte: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25, 40b)

Die Geschichte vom Schuster Martin von Leo Tolstoi veranschaulicht dies in schöner Weise:

Martin ist ein Schuster, dessen Dienste gern in Anspruch genommen werden, weil er sorgfältig arbeitet und nicht zu viel Geld nimmt. Er liest täglich in der Bibel. Eines Tages, als er wieder die Bibel zur Hand nimmt, hört er eine Stimme: „Martin, ich will zu dir kommen.“ Ob das Jesus war, der zu ihm gesprochen hatte?

Am nächsten Tag kamen, wie eigentlich immer, viele Menschen in seinen kleinen Kellerraum, um Schuhe zum Flicken abzugeben oder fertig gewordene Schuhe abzuholen. Doch sah er an diesem Tag auch einen Mann mit alten Soldatenstiefeln, der den Schnee beiseite schippte und dabei an die Grenze seiner Kraft kam. Da lud ihn Martin in seine Stube ein: „Komm und wärme dich.“, und gab ihm etwas Warmes zu trinken.

Wenig später sah er durch sein kleines Kellerfenster eine Frau im dünnen Kleid, die versuchte, ihr Kind zu wärmen. Er rief sie herein, gab ihr von der Suppe, die er für sich selbst gekocht hatte, und kümmerte sich um das Kind.

Als sie gegangen war, sah er, wie ein Junge einer Marktfrau einen Apfel aus dem Korb gestohlen hatte. Die Marktfrau hatte den Jungen aber erwischt und hielt ihn an den Haaren fest: „Ich bringe dich zur Polizei“, rief sie wütend. Martin, dem der dünne und spärlich bekleidete Junge leid tat, ging hinaus und sprach beruhigend zu der Frau: „Lass ihn doch laufen. Ich will dir den Apfel bezahlen.“ Da entschuldigte sich der Junge und half der Marktfrau, den schweren Apfelkorb zu tragen.

Als der Schuster Martin wieder in der Bibel las, hörte er wieder eine Stimme: „Martin, ich bin bei dir gewesen. Hast du mich gesehen?“ Verwundert fragte Martin: „Nein, wann bist du bei mir gewesen?“. „Schau dich um“, erwiderte die Stimme.

Martin erhob seine Augen und erkannte im Schein der Kerze den alten Mann, die Frau mit dem Kind und den Jungen mit der Marktfrau. Dann waren sie verschwunden. Als er wieder in die Bibel schaute, las er die Worte Jesu: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Den Heiland können wir auch heute sehen, jeden Tag. Es bedarf keiner allzu großen Anstrengung. Es genügt, offen zu sein für diese Begegnung, die Gott uns ermöglichen will, jeden Tag auf’s Neue. Denn auch uns spricht er zu:

„Heute will ich zu dir kommen.“

Ob wir dafür bereit sind? Oder lieber doch wegschauen, wenn das Elend und die Not der Menschen uns vor Augen gestellt werden?

Denn die Begegnung mit Jesus kann zu einer Herausforderung werden. Jesus scheidet die Geister – das wird in den folgenden Worten des Simeons, die er an Maria richtet, deutlich.

Auch wenn hier von Israel geredet wird, wäre es verkehrt, wollten wir mit dem Finger auf das Volk Israel zeigen und nicht zugleich auch uns selbst prüfen.

Jesus wird zu einem Zeichen, dem widersprochen wird: auch heute, und heute vielleicht mehr als damals. Denn immer öfter werden grundlegende Glaubensaussagen in Frage gestellt. Immer seltener traut man Gott zu, dass er in diese unsere Welt hinein wirkt.

Und da wird deutlich: wir brauchen das neue Herz und den neuen Geist, von dem Hesekiel schreibt. Denn nur mit einem Herzen, das Gott uns schenkt, und dem Geist, der von Gott kommt, werden wir in der Lage sein, ihn zu erkennen und ihm zu folgen.

Lassen wir uns also beschenken. Lassen wir es zu, dass Gott uns verwandelt. Bitten wir darum, dass er uns ein neues Herz und einen neuen Geist gibt, damit wir die Welt so sehen können, wie er sie sieht, und wir in seinen Wegen wandeln.

Dann werden wir auch Jesus begegnen. Wir werden ihn erkennen in denen, die unserer Hilfe bedürfen.

Amen

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Predigt zum Altjahrsabend
31. Dezember 2016 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, dass es bleibe für immer und ewig. Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene Söhne, die nicht hören wollen die Weisung des HERRN, sondern sagen zu den Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!«, und zu den Schauern: »Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schaut, was das Herz begehrt! Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn! Lasst uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!«

Darum spricht der Heilige Israels: Weil ihr dies Wort verwerft und verlasst euch auf Frevel und Mutwillen und trotzt darauf, so soll euch diese Sünde sein wie ein Riss, wenn es beginnt zu rieseln an einer hohen Mauer, die plötzlich, unversehens einstürzt; wie wenn ein Topf zerschmettert wird, den man zerstößt ohne Erbarmen, sodass man von seinen Stücken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herde oder Wasser schöpfe aus dem Brunnen.

Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliehen«, – darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, – darum werden euch eure Verfolger überrennen. Denn euer tausend werden fliehen vor eines Einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.

(Jes 30, 8-17)

Liebe Gemeinde!

Jesaja klagt an, und er verkündet das bevorstehende Gericht über das Volk in Juda.

Das sind nicht gerade erfreuliche Aussichten, und für den Altjahrsabend ist das nicht gerade ein erquicklicher Predigttext.

Wie gehen wir damit um?

Falsch wäre es wohl, mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu sagen: ja, so sind sie, die dort. Wenn man auf andere mit dem Finger zeigt, weisen drei auf einen selbst zurück. Und auch das Sprichwort „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen schmeißen“ mahnt uns, wie gefährlich es sein kann, andere zu verurteilen, ohne dabei auch auf die eigenen Unzulänglichkeiten zu blicken. Und schließlich habe wir auch die Worte Jesu vor Augen, der gesagt hat: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ (Joh 8, 7b)

Unser Predigttext kann uns vielleicht helfen, selbst klar zu werden über unseren Standort, gewissermaßen also eine Standortbestimmung vorzunehmen.

Und das ist es ja, worum es am Altjahrsabend gehen soll. Schauen, wo ich hin gehöre. Das Geschehen des ausklingenden Jahres einzuordnen und vielleicht auch zu bewerten. Zu schauen, wie mich diese Ereignisse geprägt haben. Und dann im Ausblick auf das kommende Jahr zu fragen: Wo will ich künftig hin gehören? Was ist mir wichtig?

Natürlich gibt es manches in diesem Predigttext, das es schwer macht, sich überhaupt darein zu finden oder sich davon inspirieren zu lassen. Da wird von Sehern und Schauern gesprochen. Solche Ausdrücke sind uns heute fremd, und wir können uns wenig darunter vorstellen.

Früher waren das Berufe. Die Seher könnte man mit dem, was wir unter Propheten verstehen, vergleichen. Sie redeten, was Gott sie sehen ließ.

Und die Schauer waren solche, die anhand von sichtbaren Zeichen ihre Schlüsse für das Kommende zogen. Das konnte sich auf politische Dinge beziehen, aber auch auf das Wetter usw.

Indem sie Dinge sahen oder schauten, die andere nicht sehen oder schauen konnten, und diese dann verkündeten, verdienten sie ihren Lebensunterhalt, denn in der Regel wurden sie dafür bezahlt.

Und darum gab es solche und solche: die einen, die den Menschen nach dem Herzen redeten, und die anderen, die tatsächlich den Willen Gottes offenbarten. Diesen will man nicht gerne zuhören, denn ihre Worte klingen oft hart und herausfordernd. Jesaja war solch ein Seher, dessen Worte allerdings nicht immer unbequem waren, der sich aber nicht davon abbringen ließ, den Willen Gottes zu offenbaren und deswegen nicht gerne gesehen oder gehört wurde.

Jenen aber, die den Menschen nach dem Herzen redeten, hörte man gerne zu und vergütete ihnen ihren Dienst entsprechend, da man sich bei ihnen wohlfühlen konnte.

Wenn wir das in unsere Zeit und Situation übertragen wollen, können wir das nur bedingt. Wir sind zu weit weg von der damaligen Zeit. Horoskope haben eine ähnliche Funktion, aber doch nur begrenzt, denn sie berufen sich nicht auf Gott, sondern basieren auf der Beobachtung der Sterne. Am ehesten müsste man wohl Prediger in unseren Kirchen als das heutige Pendant zu den damaligen Sehern und Schauern bezeichnen.

Es ist ihr Auftrag, das Wort Gottes rein und lauter zu verkünden. Sie sind freier in ihrem Dienst als die Seher und Schauer der damaligen Zeit, denn nicht die Zuhörer entscheiden über die Höhe der Vergütung.

Für die, die unter der Kanzel sitzen, ist es dann aber oft ganz ähnlich wie damals. In dem einen oder anderen Fall, bei der einen oder anderen Predigt denkt man bei sich: „Das hat mir nicht gefallen, das geht mir gegen den Strich, so etwas will ich nicht hören, dafür bin ich nicht in die Kirche gegangen.“

Vielleicht ist dieses Missfallen gerechtfertigt, denn nicht alle Verkündiger des Wortes Gottes tun dies ihrem Auftrag gemäß. Aber vielleicht begründet sich das Missfallen schlicht darin, dass wir durchaus wahrnehmen: hier stimmt etwas nicht mit mir. Eigentlich müsste ich da jetzt etwas tun. Aber im Grunde ist es doch gut so, wie es ist. Ich für meinen Teil kann damit gut leben. Also soll es so bleiben. Nicht mein Leben ist falsch, sondern das, was der Prediger von der Kanzel sagt.

Vielleicht, wenn uns wieder solche Gedanken durch den Kopf gehen und das von der Kanzel verkündete so gar nicht gefällt, versuchen wir mal zu ergründen, warum es so ist, und ob die Ursache vielleicht bei uns selbst und nicht bei dem Prediger liegt.

Denn nicht immer kann das Wort Gottes nur beruhigend oder wohltuend sein. Es fordert uns vielmehr auch heraus, es erwartet von uns Entscheidungen, und es erwartet unsere Reaktion, unser Handeln.

Die Worte des Propheten Jesaja rufen uns dazu auf, stille zu werden. Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so heißt es im 15. Vers, dann würde euch geholfen. Durch Stillesein und Hoffen würden wir stark sein.

Das Stillesein fällt nicht immer leicht. Wenn man still ist, kommt man ja nicht wesentlich weiter – ja, eigentlich überhaupt nicht. Zumindest äußerlich erreicht man dann nichts.

In unserer lauten Welt muss man selber laut sein, um gehört zu werden. Wenn man sich durchsetzen, wenn man etwas erreichen will, dann darf man nicht still sein, sondern im Gegenteil, man muss laut werden.

Aber mit dem, was Jesaja sagt, ist auch nicht ein Stillesein gemeint, das vollkommener Zurückgezogenheit gleichkommt. Sondern es ist ein Hinhören gemeint – Hinhören auf das Wort Gottes, und auch Hinhören auf sein Handeln.

Denn Gott wirkt in unsere Welt hinein. Darauf sollen wir achten. Es kommt darauf an, für dieses Hineinwirken in unsere Welt sensibel zu werden und unser Handeln mit dem Seinen in Einklang zu bringen.

Das ist mit Stillesein gemeint: auf Gottes Gegenwart achten, sie wahrnehmen und nicht ihn beiseite schieben, weil er uns und unserem Planen evtl. im Wege steht.

Vielleicht hilft es, sich vorzustellen, dass wir wie ein Jünger oder eine Jüngerin an Jesu Seite gehen. Dass wir uns von ihm führen lassen.

Hilfreich wäre dann, was mit einem Slogan, einer kurzen Frage, zum Ausdruck gebracht wird: What would Jesus do? Oder abgekürzt: WWJD. Zu Deutsch: Was würde Jesus tun?

Wir wissen ja durch die Evangelien eine ganze Menge über Jesus und können uns vorstellen, wie er in bestimmten Situationen handeln würde.

Einen Augenblick inne zu halten, wenn wir uns wieder mal über etwas aufregen, und zu überlegen, was Jesus in dieser Situation tun würde, kann helfen, auch für sich selbst eine neue Möglichkeit der Reaktion zu eröffnen. Manchmal stellen wir dann schlicht fest, dass es gar keinen Grund gibt, sich aufzuregen.

Jesaja warnt vor Überheblichkeit. Glaubt nicht, ihr könntet euch selbst retten, oder gar, ihr könntet dem Gericht entfliehen. Das wird nicht funktionieren. Nur einer genügt, um tausend in Angst und Schrecken zu versetzen. Ein einziger, dem ich die Macht gebe, Euch zu schaden.

So einfach kann das für Gott sein. Und darum ist es so wichtig, dass wir nach dem Willen Gottes fragen – nicht nur am Jahresende oder -anfang, sondern Tag für Tag.

Wir stehen am Ende eines Jahres. In dieser Nacht werden wieder zahlreiche Böller explodieren und Raketen in die Luft fliegen. Der Lärm soll Raum schaffen – das Böse verjagen, damit das Gute wieder Macht gewinnen kann.

Gott mahnt uns zum Gegenteil: Kehrt um und werdet stille. Es ist eigentlich ganz einfach, sich vom Bösen frei zu machen. Man muss nur umkehren. Und so fordert uns Gott durch seinen Propheten Jesaja dazu auf.

In der Stille begegnen wir Gott, und diese Begegnung ist dann kein Anlass zu Furcht und Zagen, weil Gott sich bedrohlich und mächtig vor uns aufrichtet, sondern es ist doch die tröstliche und beruhigende Begegnung, die uns am vertrautesten wohl durch das Kind in der Krippe vermittelt wird. Hier wird Gott Mensch, kommt uns nahe, offenbart uns seine Liebe.

Die Nacht zum neuen Jahr – sie kann trotz Böllerlärm auch eine Stille Nacht werden – eine Nacht der Besinnung, des Auf-Gott-Hörens.

Möge es eine Nacht sein, in der wir zurück lassen können, was uns bedrückt und eingeengt hat. Möge es eine Nacht sein, in der wir die Stimme Gottes hören, die uns zuruft und herausruft aus dem Dunkel. Und möge das Licht Gottes in dieses Dunkel hinein leuchten, damit wir den neuen Weg erkennen, auf den uns unser Herrgott durch das neue Jahr führen möchte.

Amen

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Predigt zum 2. Tag des Christfestes
26. Dezember in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus redete zu den Schriftgelehrten und Pharisäern und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr. Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wisst nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe. Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand. Wenn ich aber richte, so ist mein Richten gerecht; denn ich bin's nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat. (Joh 8, 12-16)

Liebe Gemeinde!

Bei jeder Taufe, wenn die Taufkerze am Osterlicht angezündet wird, sage ich diese Worte:

„Jesus Christus spricht: ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Und dann übergebe ich die Taufkerze „als Zeichen dafür, dass es in dem Leben des Täuflings nie mehr so dunkeln werden wird, dass er seinen Weg nicht mehr erkennen kann. Denn Jesus Christus, das Licht der Welt, ist bei ihm.“

Licht ist faszinierend. Stellen wir uns einmal einen großen, weiten, stockdunklen Raum vor. Er ist völlig lichtdicht verschlossen. Wir sind in diesem Raum. Es ist wirklich finster, so finster, dass sich die Augen auch nach Stunden nicht daran gewöhnen können. Es bleibt dunkel. Wir wissen nicht, was um uns herum ist.

100 Meter von uns entfernt, an der anderen Seite des Raumes, steht einer, den wir natürlich auch nicht sehen können, da es ja vollkommen finster ist. Dann zündet jener Mensch ein Streichholz an. Und wir sehen das Licht aufleuchten – trotz der 100 Meter Entfernung, und trotzdem das Licht eines Streichholzes nicht gerade hell ist.

Das Licht reicht aus, um eine Richtung zu kennen. Dort können wir uns hinbewegen. Sicherlich vorsichtig, denn sobald das Licht erlischt, können wir nur noch ahnen, wo es langgeht. Und ob in diesem Raum nicht noch Hindernisse auf unserem Weg existieren, ist völlig offen. Aber man hat eine Richtung. Man weiß: dort ist Licht, dort ist es hell.

Genauso ist es mit den Leuchttürmen, die den Seefahrern Orientierungshilfe sind. Sie sind nicht dazu da, einen Raum zu erhellen, sondern nur dazu, einen Orientierungspunkt zu geben. Man sieht sie aus viel weiterer Entfernung, als der eigentliche Lichtstrahl reicht.

So könnten wir es uns auch mit dem Licht vorstellen, von dem Jesus spricht. Licht der Welt, das ist kein Licht so wie die Sonne, die überall hin scheint, sofern nicht ein Hindernis den Lauf ihrer Strahlen behindert, sondern es ist ein Licht, das jedem Menschen erstrahlt, ganz egal, wo er sich aufhält.

Alle Menschen können dieses Licht wahrnehmen. Die Frage ist nur, wie sie darauf reagieren.

„Ich bin das Licht der Welt“, sagt Jesus. Es ist verständlich, dass die Pharisäer sich gegen dieses Selbstzeugnis Jesu auflehnen. Zum einen können wir ja schon in der Thora nachlesen, dass erst durch das Zeugnis zweier anderer Zeugen eine Sache gültig wird. So halten wir es ja auch in unserer Gesellschaft, wobei natürlich die Aussagen der Zeugen noch besonders überprüft werden. Ein Zeugnis, das einer von sich selbst gibt, hat nicht viel wert. Es ist wie ein selbst ausgestelltes Führungszeugnis.

Zum anderen ist das, was Jesus sagt, ein sehr hoher Anspruch. Von sich zu sagen, man sei das Licht der Welt, kommt eigentlich einer Blasphemie gleich. Denn ein solches Licht kann doch nur Gott selbst sein.

Und so verwerfen die Pharisäer, zu denen Jesus spricht, seine Aussage – nach menschlichem Ermessen durchaus legitim.

Jesus widerspricht zwar, aber das, was er sagt, bleibt ein Selbstzeugnis, das in dieser Form vor den Pharisäern keinen Bestand haben kann.

Mit dem, was er sagt, bestätigt Jesus im Grunde nur für sich selbst, welche Autorität er hat: ich weiß, „woher ich gekommen bin und wohin ich gehe“. (Joh 8, 14) Jesus weiß es, aber die Pharisäer wissen es nicht. Und es mag als Provokation empfunden werden, dass Jesus das auch noch so direkt zu ihnen sagt. Aber es ist wahr: sie haben ihn weder von dort kommen sehen, noch werden sie ihn dorthin gehen sehen. Allerdings würde auch jeder Zweifel an dem Anspruch Jesu haben, weil seinen Ursprung und sein Ziel gesehen hat.

Jesus sagt über solche Zweifel: „Ihr richtet nach dem Fleisch“. Damit meint er, dass man nur das gelten lässt, was man sieht, was in der Regel eine gute und vernünftige Herangehensweise ist.

So geht es ja den meisten Menschen, auch heute, ja, heute vielleicht noch mehr als damals. Es gilt nur das, was beweisbar ist. Wer sich auf diese Weise Jesus nähern will, wird sich allerdings immer weiter von ihm entfernen. Denn es gibt nur einen Weg, seine Herkunft und sein Ziel zu erkennen und ihn als das Licht der Welt zu erkennen, und das ist der Glaube.

Ich möchte Ihnen von einer Begegnung zwischen einem Streichholz und einer Kerze erzählen:

Es kam der Tag, da sagte das Streichholz zur Kerze: "Ich habe den Auftrag, Dich anzuzünden."

"Oh nein", erschrak die Kerze, "nur das nicht. Wenn ich brenne, sind meine Tage gezählt. Niemand wird mehr meine Schönheit bewundern."

Das Streichholz fragte: "Aber willst Du denn ein Leben lang kalt und hart bleiben und schließlich von einer Schicht Staub bedeckt werden?"

"Aber brennen tut doch weh und zehrt an meinen Kräften", flüsterte die Kerze unsicher und voller Angst.

"Das ist wahr", entgegnete das Streichholz. "Aber das ist doch das Geheimnis unserer Berufung: wir sind berufen, Licht zu sein. Was ich tun kann ist wenig. Zünde ich Dich aber nicht an, so habe ich den Sinn meines Daseins verfehlt. Ich bin dafür da, Feuer zu entfachen. Du bist eine Kerze. Du sollst für andere leuchten und Wärme schenken. Alles, was Du von dir selbst hingibst, wird verwandelt in Licht. Du gehst nicht verloren, wenn Du Dich verzehrst. Andere werden Dein Licht sehen und es aufnehmen. Sie werden es weitertragen. Nur wenn Du das nicht zulässt, wirst Du sterben."

Da spitzte die Kerze ihren Docht und sprach voller Erwartung. "Ich bitte Dich, zünde mich an …"

Es gibt viele Lichter in unserer Welt. Dabei meine ich nicht die Glüh- oder Energiesparlampen, ich meine auch nicht die Sonne, den Mond oder die Sterne, und ich meine auch nicht die Kerzen, die wir in unseren Stuben anzünden. Ich meine nicht die Lichter, die unsere Umgebung erhellen, sondern ich meine die Lichter, die uns zu sich locken.

Jede Werbung ist zum Beispiel solch ein Licht. Auf geschickte Weise versucht man, uns dazu zu animieren, bestimmte Produkte zu kaufen. Wir werden dann mehr oder weniger unbewusst selbst zu Werbeträgern, zu Lichtern für diese Produkte, wenn wir auf die Werbung eingehen.

Solche Lichter haben eins gemeinsam: sie geben uns im Grunde nichts, sondern nehmen nur etwas von uns. Sie werden, je mehr Menschen sie zu sich locken, nicht kleiner, sondern größer und einflussreicher.

Alles andere funktioniert ganz ähnlich wie bei der Kerze: wir brennen ab, während wir das Licht an andere weitergeben. Aber was haben wir selbst davon? Nichts. Alles müssen wir abgeben an den Ursprung dieses Lichts, das sich dadurch weiter und weiter vergrößert und immer dominanter, immer beherrschender wird.

Das Licht der Welt, wie Jesus sich selbst nennt, ist da anders. Es ähnelt der Kerze, denn es verzehrt sich selbst, damit wir selbst zum Licht werden können. Es ist Wegweiser und Helfer. Es bereichert uns, denn es ist Lebenskraft. Es leuchtet nicht nur in dieser Welt, und es sucht auch nicht, seine eigene Leuchtkraft zu vergrößeren, sondern es leuchtet uns den Weg in die Ewigkeit. Es ist die Leuchte meiner Füße, so könnte man in Anlehnung an die Worte des 119. Psalms sagen.

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Licht des Lebens – Licht, das zum Leben führt. Nicht einem Leben, das irgendwann dann doch sein Ende findet, sondern einem Leben, das in Gott seine Erfüllung findet und darum kein Ende kennt.

„Lebt als Kinder des Lichts“, hat Paulus im Brief an die Epheser formuliert (Eph 5, 8). Und er folgert: „Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Eph 5, 9).

Das ist das Leben der Kinder des Lichts, der Nachfolger des Lichtes der Welt: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Da sind wir wie Kerzen, die sich anzünden lassen, um das Licht weiter zu geben, das von Jesus Christus ausgeht. Es ist wahr: das tut weh, weil man etwas von sich aufgibt. Man kann nicht mehr nur seine eigenen Interessen verfolgen, sondern wird die Interessen anderer vor seine eigenen stellen. Aber das tut auch gut, weil man etwas weitergibt, das wertvoller ist als alle Schätze dieser Welt. Und das ist Leben in Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Wir brauchen dabei keine Angst zu haben, dass wir gänzlich verbraucht werden. Denn auch wenn das Leuchten schmerzhaft sein kann, weil wir etwas von uns selbst aufgeben müssen, so ist es doch so, dass wir am Ende nicht verlöschen, sondern versammelt werden zu Jesus Christus, dem Licht der Welt.

Das Licht der Welt – es hat angefangen zu leuchten vor 2000 Jahren in der Krippe in Bethlehem. Seither ist es in die ganze Welt hinaus gegangen, hat die Herzen unzähliger Menschen erleuchtet und sie zu sich eingeladen.

Dieses Licht schafft Versöhnung, es überwindet tiefe Schluchten, es schafft Gerechtigkeit.

Wie können wir uns davon anzünden lassen? Wie können wir selbst zum Licht für andere werden?

Ich denke, dazu bedarf es nur eines offenen Herzens. Ein Herz, das bereit ist, die Liebe Gottes anzunehmen, wie sie in dem kleinen Kind in der Krippe offenbar wird. Ein solches Herz ist der Nährboden, der Wachs für das Licht, das die Welt erhellt – das Licht des Lebens, das Licht, das uns Leben schenkt.

Möge uns Gott unsere Herzen öffnen, dass wir von seinem Licht erfüllt werden.

Amen

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Predigt zur Christmette
24. Dezember in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

In der Nacht aber kam das Wort des HERRN zu Nathan: Geh hin und sage zu meinem Knecht David: So spricht der HERR: Solltest du mir ein Haus bauen, dass ich darin wohne? Habe ich doch in keinem Hause gewohnt seit dem Tag, da ich die Israeliten aus Ägypten führte, bis auf diesen Tag, sondern ich bin umhergezogen in einem Zelt als Wohnung.

Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern schlafen legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron bestätigen ewiglich. Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein. Amen (2. Sam 7, 4-6.12-14a)

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige. Weise uns deinen Weg, dass wir wandeln in deiner Wahrheit. Amen.

Liebe Gemeinde!

Sie haben sich wohl schon überlegt, was dieser Text in dieser Heiligen Nacht zu suchen hat. Was hat die Geburt unseres Herrn mit dem Bau des Tempels in Jerusalem zu tun?

Vielleicht ist es ja dieser letzte Vers des Abschnittes: „Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein.“

Das passt doch: Gottes Sohn wird Mensch. Und: Jesus ist ein Nachkomme Davids.

Aber wir wissen: mit diesen Worten ist Salomo gemeint, und es wäre schon sehr naiv, wollten wir diesen Vers auf Jesus hin deuten. Außerdem ist es nicht Gottes Sohn, der Mensch wird, sondern Gott adoptiert gewissermaßen einen Menschen als seinen Sohn – und das, so kann man sagen, hat er durch die Taufe auch mit uns getan, denn wir sind alle Gottes Kinder.

Die frühe Christenheit hat es aber so gesehen. Man sah in diesen Worten aus dem 2. Buch Samuel eine Prophezeiung, die auf Jesus hin deutet.

Doch das wird wohl kaum dem historischen Zusammenhang dieses Textes gerecht.

Bleibt also die Frage, warum uns ein solcher Predigttext vorgegeben wird. Was hat dieser Text in der Christnacht zu suchen?

Versuchen wir, den Text zu verstehen.

Es gibt darin nur einen Handelnden, und das ist Gott. Die anderen genannten Personen sind passiv (Nathan) oder gar nicht anwesend (David). Der ganze Abschnitt ist, bis auf den einleitenden Satz, der uns in das Dunkel der Nacht hineinführt, ein Wort Gottes, das an den Propheten Nathan ergeht. Worte, die dem König David gesagt werden sollen. Worte, die eine Vorgeschichte haben, auf die ich kurz eingehen will:

David war in seinem Königtum bestätigt worden, die Stämme des Volkes Israel waren unter seiner Herrschaft vereint und sie erkannten sein Königtum ohne Einschränkung an. David sah dies zu Recht nicht als eigenes Verdienst, sondern als Verdienst Gottes. Und es bedrückte ihn, dass die Bundeslade, das Heiligste des Volkes Israel, jetzt, da sie sesshaft geworden waren, immer noch wie ein mobiler Altar in einem Zelt untergebracht war.

Wenn ein Volk sesshaft wird, wenn es sein Land im wahrsten Sinne des Wortes besitzt, dann beginnt es auch zu bauen. Denn durch die fest gebauten Häuser wird die Verbundenheit zu diesem Land deutlich. Das Land wird Heimat, es wird zum Zuhause.

Sollte, ja, musste das nicht auch für Gott gelten, für den Gott des Volkes Israel? Konnte es angehen, dass die Bundeslade, das Zeichen der Gegenwart Gottes, noch keine Heimat, kein Zuhause hatte, wo doch das Volk selbst, das dieser Bundeslade stets gefolgt war, nun zur Ruhe gekommen war?

Ruhe, das ist es. Ruhe nach jahrzehntelanger Wanderschaft, Ruhe nach der Unruhe, die in der Zeit der Richter und auch noch unter König Saul immer wieder aufgeflammt war. Jetzt gab es den Ort der Ruhe, das Land Israel unter der Herrschaft des Königs David. Und es sollte ein Ort der Ruhe nicht nur für das Volk, sondern auch für seinen Gott, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, sein.

Am Ende stand für den König David der Entschluss fest: die Bundeslade musste ein Haus bekommen, das ihrer würdig sein würde. Ein Tempel, in dem die Gottesbegegnung möglich wäre. Ein prunkvoller Tempel sollte es sein.

Doch dann ereignet sich, was wir gerade gehört haben: Gott wendet sich an Nathan und sendet ihn zu David, um ihm zu sagen: ich brauche kein Haus. Ich bin immer umhergezogen – warum sollte ich jetzt ein Haus haben?

Gott braucht keinen Ort der Ruhe, denn: er ist die Ruhe. Die Bundeslade war immer das Zentrum des wandernden Gottesvolkes, dort war das Volk geborgen. Wer sicher sein wollte, musste dort sein, wo die Bundeslade ist.

Es wäre eine Vermenschlichung Gottes, wollte man ihm jetzt ein Haus bauen. Denn: „Der Himmel und aller Himmel Himmel können Gott nicht fassen – wie sollte es dann dieses Haus tun?“ (1. Kön 8, 27) So betete Salomo Jahre später zur Einweihung des Tempels und machte damit deutlich, dass das Haus eher den Menschen als Gott dient.

Gott will kein Haus, so sagt er ausdrücklich. Aber dann folgt sogleich eine Kehrtwendung. Nicht David soll das Haus bauen, sondern sein Nachkomme.

Wie passt das nun zusammen? Und vor allem – wie erlebt David wohl diese Absage?

Man hätte es ja noch gut verstehen können, wenn Gott kategorisch den Bau eines Tempels abgelehnt hätte. Aber nun weist er nur das Anliegen Davids von sich.

David nimmt die Entscheidung Gottes demütig an. Denn in der Botschaft, die er durch Nathan empfängt, ist noch etwas anderes, nämlich die Zusage, dass das Haus David in Ewigkeit Bestand haben wird.

David fühlt sich durch diese Botschaft, die ihm verweigert, ein Haus für die Bundeslade zu bauen, nicht in seiner Ehre als König verletzt, sondern ist dankbar für die Zusage und überlässt es seinem Nachkommen, das Haus für Gott zu bauen.

Unser Predigttext enthält eine Verheißung, die über den Sohn, der dem Namen Gottes ein Haus bauen soll, hinausgeht. Es ist die Verheißung, dass die Herrschaft des Stammes David ewig Bestand haben wird.

Solange wir diese Verheißung nach menschlichem Vermögen beurteilen, können wir nicht anders als feststellen, dass sie nicht in Erfüllung gegangen ist. Es gibt keinen Königsthron mehr in Israel, und es gibt wohl auch niemanden, der von sich mit Sicherheit sagen könnte, er stamme vom König David ab.

Also müssen wir die Verse in einen größeren Zusammenhang stellen, so wie es das jüdische Volk selbst auch tut. Mit dem Bezug zur Ewigkeit wird hingewiesen auf den kommenden Messias, der die Welt erlösen wird von Neid, Missgunst, Elend, ja, sogar vom Tod. Es ist der Messias, dessen Kommen die Naturgesetze auf den Kopf stellt, wie wir in der Prophezeiung des Jesaja hören. Die Worte vorhin schon gehört, aber ich will sie gerne noch einmal lesen:

Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

Und es wird geschehen zu der Zeit, dass das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Heiden fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein. (Jes 11, 5-10)

Unmögliches wird möglich, wenn dieser Spross aus dem Stamm Isais, dem Vater Davids, seinen Platz einnehmen wird.

Auch wir warten auf diese Verwandlung unserer Welt. Auch wir warten darauf, dass niemand mehr anderen Menschen Gewalt antut. Auch wir sehnen uns nach diesem unglaublichen Frieden, der sogar die Tierwelt umfasst.

Und wir glauben, dass durch Jesus Christus diese Verwandlung bereits begonnen hat. In ihm wurde wenigstens zeichenhaft erkennbar, wie es sein wird, wenn dieser Tag anbricht. Er heilte Kranke, ja, er machte Tote wieder lebendig. Er überwand die Naturgesetze, ganz so, wie es der Prophet Jesaja beschreibt. Er versöhnte, aber zugleich provozierte er dort, wo Unrecht geschah, damit Versöhnung möglich würde.

An seine Geburt erinnern wir in dieser Nacht, und es ist fast so, wie damals mit dem Wunsch Davids: möge es doch eine Behausung für Gott geben hier, in unserer Welt.

Es gab eine Behausung: einen Stall, eine Krippe. Kein prunkvoller Tempel, wie er einem solchen ewigen König wohl gebühren würde, kein massiver Steinbau so wie diese Kirche, sondern man fühlt sich erinnert an die Vision des Sehers Johannes, der in seiner Offenbarung schreibt: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen“ (Offb 21, 3).

Da ist nichts Großartiges, nichts Prunkvolles, nichts Majestätisches, obwohl die Stadt, die dort dann beschrieben wird, in unseren Augen schon prunkvoll aussieht. Aber in Gottes Augen ist es nicht mehr als eine Hütte. Und in dieser Nacht dürfen wir gewissermaßen mit Gottes Augen schauen und erkennen das Elend, in das hinein er sich begeben hat

Gott baut sich sein Haus selbst – mitten unter uns, und er beginnt damit, indem er Mensch wird - in Jesus Christus.

Da ist er, den aller Himmel Himmel nicht fassen können – klein, ein Säugling, dort in der Krippe. Gott kommt zu uns. Er baut seine Hütte unter den Menschen. Er schenkt uns den Ort der Ruhe, nach dem wir uns sehnen – bei ihm, in seiner Gegenwart.

Und da merken wir schon, warum dieser Predigttext heute in der Christnacht dran ist. Es geht um Bewegung, und zwar nicht, dass wir Gott zu uns holen, indem wir ihm einen Palast bauen, den er sich dann als Wohnsitz erwählt. Sondern es geht darum, dass wir zu Gott hin gehen, dass wir ihm folgen, so wie damals das Volk Israel ihm in der Wüste gefolgt ist.

Denn wir finden Gott nicht in den schönsten Weihnachtsstuben, sondern dort, wo die ärmsten der Armen, die Ausgestoßenen, die Kranken, die Schwachen, die Sünder zu finden sind. Dort hat er damals seine Hütte gebaut. Dort baut er sie auch heute. Dort begegnen wir ihm, dem Herrn aller Herren und König aller Könige.

Amen.

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Predigt zur Christvesper
24. Dezember in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. Amen (Joh 3, 16-21)

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige. Weise uns deinen Weg, dass wir wandeln in deiner Wahrheit. Amen

Liebe Gemeinde!

also hat Gott die Welt geliebt. Wenn man das so hört, könnte man meinen, es sei die Folge einer vorher gemachten Feststellung, etwa so: Die Menschen haben sich alle darum bemüht, Gutes zu tun, also hat Gott die Welt geliebt.

So ist es aber nicht gemeint, sondern so: „auf diese Weise hat Gott die Welt geliebt“, und dann geht es weiter mit den vertrauten Worten: „dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Da sind wir also. Wieder ein Weihnachtsfest – alle Jahre wieder, heißt es ja so schön in einem der vielen Weihnachtslieder. Die Ausstrahlung dieses Festes zieht die meisten Menschen in ihren Bann – auch wenn das Wesentliche der Botschaft dieser Nacht immer undeutlicher zu werden scheint.

Was ist diese Botschaft? Viele würden sagen:

Friede auf Erden. Das ist es ja auch, was die Engel den Hirten singen, und diesen Gesang nehmen wir ja auch, soweit wir es können, in unseren Gottesdiensten Sonntag für Sonntag auf.

Friede auf Erden – wer will das nicht?

Andererseits könnte man aber auch fragen:

Friede auf Erden – wer will das schon? Denn deutsche Waffenproduzenten machen satte Gewinne mit dem weltweiten Verkauf ihrer Waffen, die natürlich nicht nur als Ausstellungsstücke in eine Vitrine gestellt oder in einen speziellen Waffenschrank weggeschlossen werden, um nie gegen andere Menschen gerichtet zu werden. Wen kümmert das? Hauptsache, die Wirtschaft boomt.

Nach wie vor verhungern täglich tausende von Menschen – auch heute, auch jetzt. Auch das hat mit dem Wunsch nach Frieden zu tun. Denn solange hingenommen wird, dass Menschen in einem Teil der Welt verhungern, während die Menschen im anderen Teil der Welt Lebensmittel im Überfluss haben, kann kein Friede sein.

Wäre es also richtiger, zu fragen: wer will das schon, Friede auf Erden?

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.

Es ist etwas geschehen, damals vor 2000 Jahren, das hat Bedeutung auch heute, auch für uns. Es ist etwas Großartiges, das uns heute kaum mehr bewusst ist.

Das Kommen des Gottessohnes in diese Welt hat nämlich dazu geführt, dass eine neue Menschheit entstand.

Diese Aussage macht zunächst stutzig. Neue Menschheit? Wo? Und wie?

Johannes lässt uns durch seine Worte erkennen, dass das Kommen des Menschensohnes eine Wende darstellt, die die Welt verändert. Er spricht davon, dass wir gerettet werden. Aber wovon sollen wir gerettet werden?

Es gibt doch eigentlich nichts, wovon wir gerettet werden müssten. Uns steht das Wasser nicht bis zum Hals. Wir haben ein Auskommen, es gibt für jeden Möglichkeiten, sein Leben mehr oder weniger gut zu fristen. Das soziale Sicherungsnetz unserer Gesellschaft funktioniert.

Wovon also sollten wir gerettet werden?

Johannes beschreibt es mit „verloren werden“. Das ist die Gefahr, in der wir stehen: dass wir verloren werden.

Aber wie kann das passieren, dass ein Mensch verloren wird?

Verloren werden, das legt erst einmal nahe, dass man irgendwohin gehört, wovon man verloren werden kann.

Wo gehören wir also hin?

Im biblischen Sinn ist die Antwort recht einfach: wir sind Geschöpfe Gottes, also gehören wir zu Gott. Aus dieser Sicht gesehen, bedeutet das Verlorenwerden im Grunde das, was wir von Adam und Eva her kennen: uns fehlt der direkte Zugang zu Gott. Wir sind außerhalb der Lebensquelle, außerhalb des Paradieses.

Das „Verlorenwerden“ haben wir also im Grunde schon lange hinter uns. Das sehen wir ja auch daran, wieviel Unrecht, wieviel Leid, wieviel Not es in unserer Welt nach wie vor gibt. So richtig geändert hat sich seit der Geburt Jesu ja eigentlich gar nichts. Wir sind verloren.

Auch der Friede auf Erden ist heute, so scheint es, weiter entfernt als noch vor 30 Jahren.

Man muss dabei noch nicht einmal die großen Zusammenhänge im Weltgefüge betrachten. Der Zwist mit dem Nachbarn oder einem anderen Mitmenschen genügt ja schon als Zeichen dafür, dass es mit dem Frieden nicht so gut bestellt ist. Wir Menschen sind nur sehr beschränkt friedensfähig – und darum sind wir verloren.

Die Worte des Evangelisten Johannes zielen im Grunde auf das „Verloren bleiben“. Es gibt nämlich seit und durch die Geburt Jesu eine Möglichkeit, wieder zurück zu gelangen in die Zugehörigkeit zu Gott.

Und diese Möglichkeit ist der Glaube.

Durch ihn wird uns in diesem Geschehen der Heiligen Nacht die grenzenlose Liebe Gottes offenbar. Der Glaube sieht mehr als das, was ein Historiker über die Geburt Jesu schreiben würde. Der Glaube sieht den Sohn Gottes in der Krippe – Gott, der sich selbst erniedrigt und ganz Mensch wird. Der Glaube sieht die Liebe, mit der Gott uns begegnet.

Diese Liebe erweist Gott uns nicht deswegen, weil wir nichts für das Elend in dieser Welt können, also im Grunde doch alle gute Menschen sind, sondern darum, weil wir zu ähnlicher Liebe fähig sind. Gott schuf den Menschen, zum Bilde Gottes schuf er ihn.

Gott hofft, solche Liebe in uns zu wecken, wie er uns selbst bewiesen hat durch seinen Sohn.

Wenn wir lieben, dann sind wir ganz nah bei Gott, dann können wir nicht verloren sein.

Typisch für Johannes ist die Gegenüberstellung von Licht und Finsternis. Manche würden sagen, er macht es sich damit zu einfach. Es gibt viele Stufen dazwischen, Grauzonen, so könnte man sagen, und jede dieser Stufen gibt es nicht ohne Grund. Man muss auch das berücksichtigen.

Aber die simple Unterscheidung zwischen Licht und Finsternis, ohne irgendwelche Abstufungen, hat für Johannes schon ihren Grund. Denn wer die Wahrheit tut, der ist im Licht, und der fürchtet das Licht auch nicht. Alles, was er tut, kann und darf offenbar sein. Vor Gott hat ein solcher Mensch nichts zu verbergen.

Wer die Wahrheit nicht tut – auch teilweise nicht – muss hingegen damit rechnen, dass er niemals die Chance hat, die Gegenwart Gottes zu erleben. Denn solche Menschen lieben die Finsternis. Da kann man sich gut verbergen. Sie wollen nicht, dass ihre Werke, die nicht aus der Liebe heraus entstanden sind, ans Licht kommen. Sie sind unwahrhaftig, auch gegenüber sich selbst, und darum verloren.

Gott respektiert unseren Willen, auch dann, wenn die Folge die Trennung von Gott, das Verlorensein, ist. Er zwingt uns nicht, bei ihm zu bleiben. Er bietet es uns aber an.

Denn er will nicht, dass wir von seiner Liebe getrennt werden: Er will vielmehr, dass wir zur Erkenntnis der Wahrheit kommen – und sie dann auch tun.

Heiligabend – es ist immer noch Vorbereitungszeit. Morgen ist das eigentliche Fest der Geburt unseres Herrn. In dieser Nacht, in der wir das Kind in der Krippe betrachten und darüber nachdenken, was es bedeutet, dass ausgerechnet Hirten die ersten sind, die von dieser guten Botschaft angerührt werden, haben wir noch einmal Gelegenheit, selbst darüber nachzudenken, was in unserem Leben nicht dem Willen Gottes entspricht.

Jesus hat uns ein Leben in der Wahrheit vorgelebt. Sicher gelingt es niemandem sonst, in gleicher Konsequenz zu leben. Das Vorbild dient uns aber dazu, uns darum zu bemühen, wenigstens ähnlich zu leben.

Und das bedeutet:

Darauf achten, dass wir unsere Mitmenschen nicht verletzen – seien sie nun in unserem unmittelbaren Umfeld, oder auch in der weiten Welt. Uns einsetzen für mehr soziale Gerechtigkeit, für einen Abbau des sogenannten Nord-Süd-Gefälles.

Bereit sein, Frieden zu schaffen, wo Konflikte drohen. Nicht mitmachen, wenn Menschen über andere Menschen schlecht reden, ohne dass diese sich verteidigen können.

Missverständnisse vermeiden, indem wir nachfragen. Auf Fremde zugehen anstatt sie auszugrenzen. Vorurteile nicht übernehmen, sondern überprüfen.

Das sind nur einige Beispiele für ein Leben in der Wahrheit und in der Liebe.

Die Liebe Gottes färbt ab. Sie macht uns zu Liebenden. Und als Liebende sehen wir immer zuerst das Gute in unserem Gegenüber, das, was Gott in diesen Menschen gelegt hat.

So lasst uns diese Nacht zum Anlass nehmen, damit anzufangen, so zu leben, wie Jesus es tat, das Vorbild unseres Glaubens (1. Petr 2, 21).

Amen

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Predigt zum 4. Sonntag im Advent
18. Dezember in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden zu ihm sandten Priester und Leviten von Jerusalem, dass sie ihn fragten: Wer bist du? Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus. Und sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin's nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du dann? dass wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? Er sprach: «Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!», wie der Prophet Jesaja gesagt hat (Jesaja 40,3).

Joh 1, 19-23

Liebe Gemeinde!

„Wer bist du?“ wurde er gefragt. Seine Antwort kam prompt: „Ich bin Klaus.“ – „Nein“, war die Entgegnung. „Wer bist du?“ „Ich...“ – Zögern. Klaus wusste nicht so recht, was das jetzt sollte. Dann versuchte er es noch einmal: „Ich bin Klaus Meyer, ein Angestellter in der Stadtverwaltung, bin 34 Jahre...“ weiter kam er nicht. „Nein, das will ich nicht wissen“, sagte sein Gegenüber. „Ich will nur wissen, wer du bist.“

„Ich verstehe nicht“, sagte Klaus, leicht verärgert.

„Nun“, war die Antwort, „vielleicht hilft es dir weiter, wenn ich die Frage etwas anders formuliere: Warum bist du?“

Klaus überlegte kurz. „Weil meine Eltern sich geliebt haben.?“ kam dann die Antwort, halb fragend.

„Nein, du hast es immer noch nicht verstanden. Wer – bist – du?“

Klaus war ratlos, er wurde wütend, zugleich verzweifelt. Warum genügten die Antworten nicht? Was fehlte denn noch? Er spürte wohl, dass da mehr sein musste als das, was er an Antworten gegeben hatte, aber was?

Er blickte sein Gegenüber an, am liebsten wäre er über den Fragenden hergefallen, hätte aus ihm die Antwort heraus geprügelt, denn er ahnte, dass er die Antwort schon wusste. Aber es war ihm natürlich klar, dass er so nicht zum Ziel gelangen würde. Dazu überraschte ihn der freundliche und ermutigende Blick seines Gegenübers. Es war keine Prüfung, es ging nicht um ein Bewerbungsgespräch, er war nur einfach da und hatte die Frage gestellt: „Wer bist du?“

Klaus Augen schauten sein Gegenüber hilfesuchend an, als wollten sie fragen: „Was soll ich antworten?“

„Wer bist du?“ Diesmal klang die Frage versöhnlich, freundlich, ja einladend.

„Ich bin...“ begann Klaus zögernd, und ohne, dass er es sich überlegte, sagte er dann: „...ich bin... ein Kind Gottes.“

Ob das die richtige Antwort ist?

Unser Predigttext berichtet davon, wie Johannes dem Täufer diese Frage gestellt wird: wer bist du? Und Johannes kommt gleich zum Kern der Sache. Als hätte er die Fragenden durchschaut, verneint er zunächst, was sie als Antwort erwarten: ich bin nicht der Christus.

Es wird fast zu einem Spiel – es scheint, als ob Johannes auf die Frage, wer er ist, geantwortet hätte: dreimal dürft ihr raten. So raten sie nun, weil er verneint hat, was sie hören wollten: bist du Elias? nein. bist du der Prophet? nein.

„Der“ Prophet? Welcher Prophet ist da wohl gemeint? In der Thora, im Buch Deuteronomium, oder 5. Mose, gibt es im 18. Kapitel einen Hinweis. Dort heißt es: „Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.“ (Dtn 18, 15) Mose spricht diese Worte. Also fragten sie danach, ob Johannes ein Prophet wie Mose sei. Nein.

Wer bist du dann? Sie haben dreimal falsch geraten, nun müssen sie noch einmal nachhaken. Wer bist du?

Denn sie stehen unter Druck. Man hatte ihnen aufgetragen, eine Antwort zu bringen auf diese Frage, und wer weiß, was ihnen geschehen würde, wenn sie es nicht täten. Johannes antwortet mit einem Zitat aus dem Propheten Jesaja:

«Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!» (Jesaja 40,3).

Wer bist du? eine Stimme. Merkwürdige Antwort. Andererseits: eine großartige Antwort. Er ist diese Stimme, die verkündet: Ebnet den Weg des Herrn.

Das ist Johannes der Täufer. Ganz genau. Er ist diese Stimme. Während Stimmen schnell verhallen, ist er leibhaftig, wird zum Mahnmal, ohne zu erstarren, steht im Weg, ohne dass er übersehen oder überhört werden kann. Das Wort sperrt sich, indem es sichtbar und greifbar wird: Ebnet den Weg des Herrn!

Er – Johannes – wird zum Stachel im Fleisch all derer, die sich sicher wähnen, die meinen, dass Gott sich irgendwo zurückgelehnt hat und eine lange, lange Pause macht, vielleicht sogar eine ewige, und deswegen nichts und niemand achten als sich selbst.

Ebnet den Weg des Herrn. Macht es möglich, dass er kommt! Aber nein, das wäre dann wohl falsch verstanden. Wir können sein Kommen ja nicht verhindern, und Hügel und Täler können es auch nicht tun. Das „Ebnen“ des Weges ist schlicht so gemeint: räumt alles, was uns hindert, den kommenden Herrn zu sehen, aus dem Weg!

Vielleicht wollen die Mächtigen diese Worte gar nicht hören. Denn sicher ist dieser Herr mächtiger als sie, wird sie ihrer Macht berauben und Rechenschaft von ihnen fordern. Warum muss man die Menschen daran erinnern, dass es so kommen könnte?

Solange es nur eine Stimme war, niedergeschrieben in einer der Schriften, religiös überhöht, war sie kontrollierbar. Man konnte dafür sorgen, dass das Volk nicht auf dumme Gedanken kam, wenn es diese Zeile las oder hörte.

Doch hier nun steht diese Stimme lebendig vor ihnen in der Gestalt des Johannes, rüttelt die Verschlafenen wach und bedroht die Selbstsicheren. „Ich bin die Stimme des Predigers in der Wüste“.

Es scheint, als wäre es heute ganz ähnlich wie damals. Gott hat sich lange Zeit nicht gerührt, so scheint es wenigstens. Fast alles, was in der Bibel berichtet wird, lässt sich auch mit wissenschaftlichen Mitteln plausibel erklären. Gottes Handeln? Nein. Es ist alles auf natürliche Phänomene zurückführbar, es ist alles in den Grenzen der Naturgesetze.

Das unmittelbar bevorstehende Christfest ist für viele nicht mehr als ein Fest des Geschenkeaustauschs. Für den Handel ist es ein wichtiger Höhepunkt im Jahr zur Verbesserung der Bilanzen. Gott, naja, stimmt schon, da war etwas, aber nach 2000 Jahren ist das wohl kaum mehr relevant.

„Wer bist du?“

Diese Frage wird auch uns gestellt, wenn nicht heute, dann doch an dem Tag, an dem wir Gott gegenüberstehen. Und vielleicht auch schon, wenn wir still werden vor der Krippe.

„Wer bist du?“

Bist du ein Konsument, der dafür sorgt, dass die Wirtschaft in Schwung bleibt? Bist du eine Arbeitslose, die dem Staat auf der Tasche liegt? Bist du ein Kranker, der die Krankenkassenbeiträge in die Höhe treibt? Bist du eine Arbeiterin, die mit dafür sorgt, dass die Firma satte Gewinne einstreichen kann, die dann auf der Chefetage verteilt werden? Bist du ein Geliebter? Bist du eine Liebende?

Vielleicht ist es gut, sich selbst einmal diese Frage zu stellen: „Wer bin ich?“ Und dann die Antwort nicht so wie Klaus da zu suchen, wo man sie üblicherweise zu suchen pflegt: bei den Dingen, die durch die Lebensumstände bestimmt werden und die unser Dasein bestimmen, sondern dort, wo das Wesentliche des Lebens beginnt.

Ja, es ist manchmal schwer, dieses Wesentliche zu entdecken, wieder zu entdecken.

Als Kind weiß man es noch: geliebt zu sein und zu lieben, das ist das Wesentliche. Jemanden zu haben, dem man ohne Wenn und Aber vertrauen kann. Alles andere ist nebensächlich.

Erst langsam, wenn man älter wird, kommen die Dinge hinzu, die dann diesen Kern menschlicher Existenz beiseite schieben und womöglich irgendwann ganz verdrängen. Man wird sich selbst der Nächste und der einzige Vertraute.

„Wer bist du?“

Da haben wir nun Johannes den Täufer, dem diese Frage gestellt wurde. Er ist eine Stimme in der Wüste, einer, der sich in den Weg stellt, der wach rüttelt, und das alles nur aus einem Grund: Gott, der Herr, kommt. Er hält sein Versprechen!

Viele Menschen reagierten darauf, ließen sich von ihm taufen.

Was hatte seine Verkündigung anders wirken lassen als das, was die Schriftgelehrten bis dahin von sich gegeben hatten?

Vielleicht hatte er ja das nötige Charisma. Vielleicht predigte er „mit Vollmacht“.

Ich glaube, dass es damit wenig zu tun hatte. Vielmehr ist es wohl so, dass die Zeit reif war. Dies war die Zeit, die von Gott dafür bestimmt war. Nicht zehn oder hundert oder gar tausend Jahre vorher oder später.

Johannes wusste das, vielleicht deswegen, weil ihm seine eigene Identität völlig klar war. Da gab es für ihn keinen Zweifel. Er hatte die Aufgabe, die ihm von Gott zugewiesen wurde, angenommen. Er wurde die Stimme des Predigers, weil er dafür bestimmt war.

Ebnet den Weg des Herrn. Das ist die Botschaft, die uns heute zugerufen wird. Und das meint natürlich nicht das Geschehen von damals, sondern es meint das Geschehen, das vor uns liegt.

Ebnet den Weg des Herr!

Was können wir tun? Wie können wir den Weg ebnen, damit alle ihn sehen können?

Ich glaube, dass das mit dieser Frage zu tun hat, die dem Johannes gestellt wurde und die auch uns gestellt werden wird: „Wer bist du?“ Wenn wir die Antwort auf diese Frage wissen, dann wird auch Gottes Kommen sichtbar, denn dann haben wir den Platz gefunden, den Gott für uns bestimmt hat.

Wer bist du?

Gott kommt. Und er kommt nicht „auch noch heute“, so als ob er irgendwann dann nicht mehr käme, er kommt auch nicht „alle Jahre wieder“, so als ob er vor und nach Weihnachten weit weg von uns wäre, nein, er kommt. Er ist auf dem Weg zu uns.

Und sicher dürfen wir es uns nicht so vorstellen, als ob er eine bestimmte Wegstrecke vor sich hätte, bis er dann endlich ankommt, sondern so: er steht schon an der Tür und hebt gerade die Hand, um anzuklopfen. Ob wir die Tür finden und auftun? Sicher dann, wenn wir die Antwort auf diese Frage wissen: „Wer bist du?“

Amen

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Predigt zum 3. Sonntag im Advent
11. Dezember in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste. Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jesaja 40,3-5): „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“

Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

(Lk 3, 1-14)

Liebe Gemeinde!

In zwei langen Kapiteln hatte uns Lukas zuvor die Geschichte rund um die Geburt Jesu und immerhin eine Geschichte aus seiner Kindheit erzählt, nämlich die vom 12-jährigen Jesus im Tempel.

Und dann gibt es einen Bruch, rd. 20 Jahre werden übersprungen, Jahre, die viele sicher interessant gefunden hätten, aber die in den Augen des Evangelisten scheinbar nicht relevant waren. Vielleicht hielt er auch die Quellen aus jener Zeit für nicht vertrauenswürdig.

Doch während man zumindest nach damaligen Gewohnheiten eigentlich erwartete, nun die anfangs angekündigte Geschichte von dem Messias Jesus zu hören, muss man sich in Geduld üben, denn zu Beginn dieser Geschichte steht nicht der Messias, sondern sein Vorläufer, der Wegbereiter Johannes der Täufer, im Mittelpunkt. Wesentlich ausführlicher als die anderen Evangelisten erzählt Lukas vom Täufer, obwohl er doch nur der Vorläufer ist, der Bote und Wegbereiter.

Ich möchte mich dieser Erzählung in sechs Schritten nähern:

1. Schritt: Der Wegbereiter

Johannes der Täufer nimmt im Lukas-Evangelium eine besondere Stellung ein. Von seiner Geburt und seinen Eltern wird ganz am Anfang des Evangeliums erzählt. Das mag verwundern, zumal Matthäus gleich richtig zur Sache geht, indem er am Anfang seines Evangeliums den Stammbaum Jesu aufführt und dann ohne Umschweife zur Geburt Jesu kommt. Lukas geht anders vor. Er tastet sich gewissermaßen vorsichtig an Jesus heran.

Wir finden nun eine genaue zeitliche Einordnung. Ausführlich beschreibt Lukas die politische Lage. Für den damaligen Leser war dies ein eindeutiger Hinweis auf die Authentizität dessen, was im Folgenden beschrieben wird.

Das Zitat aus dem Propheten Jesaja hat die gleiche Funktion. Nur merken aufmerksame Leser, dass die zitierte Stelle im Buch des Propheten etwas anders niedergeschrieben ist.

Man muss sich immer wieder bewusst machen, dass die Menschen damals nicht so wie wir heute Bücherregale hatten, in denen Bücher nach Belieben untergebracht werden konnten. Bücher waren unsagbar kostbar, und kaum jemand konnte es sich leisten, eine handschriftliche Kopie der Schriften der hebräischen Bibel zu besitzen.

Und so lernte man auswendig, so gut es ging. Das fiel den Menschen damals vielleicht leichter als heute, aber wenn ich heute junge Menschen beobachte, merke ich, dass sie ganze Liedtexte auswendig können, wenn sie sie nur oft genug gehört haben.

Und so war es ja auch mit den biblischen Texten. Nur schlichen sich dann doch Hör- oder Verständnisfehler ein. So ist es auch hier. Das Zitat aus dem Propheten Jesaja ist nur eine Annäherung an den originalen Text.

Nun könnte man daraus schließen, dass eben doch alles nur konstruiert sei, dass die Geschichte erfunden ist. Das sehe ich aber nicht so. Für Lukas ist die Schriftstelle so wie er sie zitiert authentisch und richtig. Und so ist es auch für viele Menschen gewesen, die sein Evangelium gehört oder gelesen haben. Erst die theologische Wissenschaft des letzten Jahrhunderts hat hier Fragezeichen gesetzt, weil sie aufhörte, das Wirken des Heiligen Geistes als unberechenbare Variable mit einzubeziehen.

Für Lukas steht fest, dass die Passage direkt auf Johannes den Täufer hinweist, und darum ist dieser Täufer auch mehr wert als nur eine Randnotiz, zumal er wenig später dann ja auch Jesus selbst taufen wird.

Davon sagt Jesaja übrigens nichts, und keiner der Evangelisten versucht, hierfür einen Schriftbeweis zu konstruieren.

Für Lukas ist wichtig: Johannes der Täufer ist der, von dem schon die Propheten vor hunderten von Jahren gesagt haben, dass er dem Herrn vorangehen wird.

2. Schritt: Die Taufe der Buße

Man denkt bei dem Wort „Taufe“ unweigerlich an unsere Taufe, was aber in diesem Zusammenhang nicht ganz richtig ist, denn die Taufe der Buße unterscheidet sich nicht unerheblich von unserer Taufe.

Die Taufe der Buße ist wie ein Unterpfand für den Willen, sein Leben zu ändern. Man markierte damit einen Neuanfang, den man selber beschlossen hat. Dabei ist einem durchaus bewusst, dass man gewissermaßen rückfällig werden und dann erneut die Buße und zur Bestätigung dessen eine Taufe nötig werden kann.

Das ist mit unserer Taufe anders. Denn wenn wir taufen, handelt Gott am Menschen. Er nimmt ihn als sein Kind an, er schließt einen Bund mit dem getauften Menschen, durch den verlässlich zugesichert wird, dass Gott diesen Menschen nie verlassen wird.

Gott stellt durch die Taufe einen neuen Zustand her. Der Mensch hat damit zunächst gar nichts zu tun, außer, dass er sich dazu bereit erklärt, getauft zu werden – oder für ihn seine Eltern diese Bereitschaft erklären.

Zwar wird auch ein Mensch, der mit solch einer Taufe getauft wurde, immer wieder die Notwendigkeit der Buße spüren, so wie Martin Luther es uns ja auch ans Herz gelegt hat, dass unser Leben beständige Buße sein soll, aber in der Buße wenden wir uns immer Gott zu und dürfen gewiss sein, dass wir dann nicht vor einer unüberwindbaren Mauer stehen, sondern vor den liebenden Armen Gottes.

Unsere Taufe verändert unser Verhältnis zu Gott. Wir müssen nicht mehr darauf hin arbeiten, dass Gott mit unserem Verhalten zufrieden ist und uns die Erlaubnis gibt, zu ihm zu kommen, sondern wir haben diese Erlaubnis schon und gestalten unser Leben aus dieser Tatsache heraus.

3. Schritt: Die Bußpredigt

Die Predigt des Johannes, die hier nur kurz zusammengefasst wird, ist schonungslos. „Ihr Schlangenbrut“ – damit redet er die Menschen an. Da gibt es kein vorsichtiges Abwägen, ob er denn so pauschal alle mit diesem Wort bezeichnen könnte.

Wie würden Sie wohl reagieren, wenn ich anstelle von „Liebe Gemeinde“ mit „Ihr Schlangenbrut“ beginnen würde?

Vermutlich würden Sie nur gespannt sein, was denn darauf folgt, denn irgendwie würde ich es sicher erklären und damit auch relativieren. Und außerdem wüssten Sie, dass es ein Zitat ist, denn Sie haben ja zuvor den Predigttext gehört.

So ist es hier aber nicht. Johannes bleibt bei der Schlangenbrut und macht so richtig Angst: ihr könnt dem künftigen Zorn nicht entrinnen – zumindest nicht, wenn ihr allein auf eure Herkunft pocht. Die Tatsache, dass ihr Nachkommen Abrahams seid, macht euch noch lange nicht gerecht. Im Gegenteil. Das Gericht steht kurz bevor, und es wird gerade diesem Volk so gehen, dass es vernichtet und ins Feuer geworfen wird.

Hat solch eine Bußpredigt für uns heute keine Bedeutung mehr? Würden wir einen Prediger ernst nehmen, der uns sagen würde, dass unsere Taufe keine Bedeutung hat, dass wir erst rechtschaffene Früchte der Buße bringen müssen?

Wohl kaum, denn wir wissen ja, dass unsere Taufe von Gott her kommt und nicht von uns. Es ist nicht unser Handeln. Aber würde die Predigt ganz von uns abperlen? Hätte sie so gar keine Berechtigung?

Ich denke, dass auch Getaufte der Gefahr unterliegen, selbstgerecht zu werden und damit das Heil Gottes zu verleugnen. Denn ein Glaube, der nur seinem eigenen Wohlbefinden dient und nicht das höchste Gebot der Gottes- und Nächstenliebe umsetzt, bleibt ein toter Glaube. Wer nicht bereit ist, all seinen Besitz aufzugeben und Jesus nachzufolgen, kann nicht ins Himmelreich kommen.

Die Axt ist schon an die Wurzel gelegt. (Lk 3, 9a) Das bedeutet, dass keine neuer Sproß entstehen kann. Es bedeutet endgültige Vernichtung. Denn wenn die Wurzel zerstört wird, kann nichts mehr wachsen.

4. Schritt: Was sollen wir denn tun?

Diese Frage wird von einer verzweifelten Zuhörerschaft gestellt. Sie wollen sich ja ändern, das ist ihr aufrichtiger Wunsch. Sie wollen das Heil Gottes. Sie wollen im Gericht bestehen können.

Das sieht bei uns anders aus. Die wenigsten Menschen sorgen sich noch darum, wie sie vor Gott bestehen können. Die billige Gnade, vor der Martin Luther uns warnte, macht es möglich. Gott macht schon – wir können leben, wie wir wollen, die Taufe biegt das schon zurecht.

Die meisten Menschen fragen sich vor allem, wie sie vor anderen Menschen dastehen, wie sie Ansehen und Respekt erlangen können. Das gilt leider auch für die Menschen in der Kirche und dafür, wie die Kirche in die Welt hinein wirkt. Die Frage, wir wir vor Gott bestehen können, wird nur selten gestellt.

Wenn wir spenden, tun wir dies aus unserem Überfluss heraus. Es tut uns nicht weh.

Johannes aber gibt mit seiner knappen Antwort eine andere Richtung vor. Er redet zu durchaus armen Menschen (nicht nur, aber doch überwiegend), und sagt ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat. (Lk 3, 11a) Wie viele Hemden (oder andere Kleidungsstücke) haben wir noch im Schrank, wenn wir unseren Sack mit Altkleidern zur Kleidersammlung gegeben haben?

Wer zu essen hat, tue ebenso. (Lk 3, 11b) Hier hapert es zwar, weil wir sie nur selten zu Gesicht bekommen, die ganz Armen, die Obdachlosen. Unser soziales Sicherungsnetz ist ja doch recht gut, und da tragen wir ja alle mit unserer Steuer auch unseren Teil zu bei.

Aber wie sieht es mit den 800 Millionen hungernden Menschen auf dieser Welt aus? Sind sie so weit weg, dass sie uns nichts mehr angehen? Wie viel bleibt für uns, wenn wir unsere Spenden an Brot für die Welt, an Oxfam, an die Welthungerhilfe oder an eine andere Organisation, die sich bemüht, dem Hunger in der Welt ein Ende zu setzen, gegeben haben?

Sicher ist es nicht die Hälfte, sondern weit mehr.

5. Schritt: Was sollen denn wir tun?

Da kommt nun noch eine Gruppe von Menschen, die offenbar selbst weiß, dass sie eine Sonderstellung hat – und zwar eine nicht gerade rühmliche.

Wir denken an den Zöllner in der Synagoge, der sich an die Brust schlägt und sagt: „Gott, sei mir Sünder gnädig“. Sie sehen sich selbst als Sünder, denn sie sind Kollaborateure, sie nutzen das Amt, das ihnen übergeben wurde, um sich zu bereichern.

Was sollen denn wir tun?

Die Antwort ist entsprechend spezifisch, genauso wie die Antwort an die Soldaten.

Für jeden Menschen gibt es eine solche Antwort, und jeder, der sich nun fragt: „Was soll denn ich tun?“, wird die Antwort schon wissen, denn er weiß auch, wo es fehlt, wo das Gebot der Nächstenliebe ohne Resonanz bleibt.

Es gibt Menschen, die haben ihren Beruf aufgegeben, weil ihnen bewusst wurde, dass sie in ihrem Beruf gewissermaßen gezwungen wurden, andere Menschen zu übervorteilen und auszunutzen. Es wurde ihnen erst im Laufe der Zeit bewusst, als sie die Mechanismen in ihrer Branche zunehmend durchschaut hatten. Aber es wurde ihnen bewusst, und sie haben die Konsequenzen gezogen.

Viele andere blenden diese Aspekte allerdings aus und machen weiter, so als wäre es nichts. Was wäre wohl, wenn alle Menschen das, was sie tun, nach dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe beleuchten würden?

6. Schritt: Bereitet dem Herrn den Weg

Die Forderungen Johannes des Täufers sind keine unmöglichen Forderungen, so wie wir sie von Jesus etwa in der Bergpredigt hören. Es sind Forderungen, die umsetzbar sind. Sie dienen dazu, das zu erreichen, was Jesaja über die Predigt vom Vorläufer des Herrn sagt:

„Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden.“ (Lk 3, 4b-5)

Gebe Gott, dass wir bald dahin kommen, dass das Land eben werde, damit alle ihn kommen sehen in seiner Herrlichkeit.

Amen

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Predigt zum 2. Sonntag im Advent
4. Dezember in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus ging aus dem Tempel fort, und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Mt 24, 1-14

Liebe Gemeinde!

Ich gebe zu: als ich diesen Predigttext las, war ich nicht gerade begeistert. Auf den ersten Blick passt das alles nicht so recht zu dem, was wir in dieser Zeit bedenken und tun. Wir sind erfüllt von der Vorfreude auf das Christfest, es brennt bereits die zweite Kerze am Adventskranz, und an vielen Häusern sieht man schönen Lichterschmuck als Zeichen unserer Hoffnung und Freude.

Der Predigttext redet zwar auch von Zeichen, aber von ganz anderen. Die Zeichen, die hier erwähnt werden, machen keine Hoffnung. Im Gegenteil, sie kündigen das Ende der Welt an, und es scheint ein böses Ende zu sein, auf das niemand sich freuen kann.

Jesus erwähnt Menschen, die sich selbst zum Retter ernennen in seinem Namen, die aber in Wirklichkeit nur Scharlatane und Verführer sind. Sie versprechen einen leichten Weg aus der offensichtlichen Not heraus, aber in Wirklichkeit nutzen sie ihre Mitmenschen nur aus und treiben sie letztlich noch weiter ins Elend.

Hungersnöte, Kriege, Erdbeben – Zeichen, die aber nichts zu sagen haben. Sie deuten das Ende der Welt nicht an. Es wird vielmehr noch schlimmer kommen.

Ein Zeichen, das wir gar nicht nachvollziehen können, weil wir es am eigenen Leib nicht erleben, wird hier auch genannt: Die Jüngerinnen und Jünger, die Jesus nachfolgen, werden selbst verfolgt und getötet werden, so dass viele, die das erleben, abfallen und den Glauben aufgeben. Denn viele werden Angst um ihr Leben haben. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass die Nachfolge Jesu solche Konsequenzen haben würde.

In solch einer Situation befinden wir uns aber nicht. Christlicher Glaube gehört (noch) zum Allgemeingut in unserem Land, auch wenn es immer mehr und immer lautere Stimmen gibt, die sich gegen die Präsenz der Kirche und gegen ihren Anspruch wehren.

Aber immerhin brauchen wir nicht zu fürchten, ins Gefängnis geworfen zu werden, weil wir an Jesus Christus glauben. Und schon gar nicht wird jemand hier deswegen getötet.

Das heißt nicht, dass es nicht auch Länder gibt, in denen Christen systematisch verfolgt werden bis dahin, dass Christen wegen ihres Glaubens um ihr Leben fürchten müssen. Die Organisation OpenDoors listet 50 Länder, in denen Christen ihren Glauben nicht frei und ohne Einschränkung praktizieren können.

Andererseits gibt es weitaus mehr Länder, in denen Christen ihren Glauben frei praktizieren können.

Dass wir gehasst werden von allen Völkern, wie Jesus in unserem Predigttext ankündigt, kann man aber kaum sagen.

Aber das ist ja auch nicht alles.

Die Ungerechtigkeit wird immer größer werden, sagt er, die Liebe in den Menschen wird erkalten. Viele werden nicht mehr fähig sein zu lieben.

Das trifft nun wiederum auf unsere Zeit und auch auf unser Land zu. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, selbst in unserem eigenen Land, aber auch weltweit gesehen: Die Industrienationen vereinen 90% des gesamten Weltreichtums auf sich, und machen mal gerade 10% der Weltbevölkerung aus. Die Schere klappt noch weiter auf, der Abstand wird größer.

Das hat damit zu tun, dass die Liebe erkaltet. Viele Menschen empfinden keine Liebe mehr für ihre Mitmenschen, sondern nur noch für sich selbst. Sie schauen nur darauf, wie sie sich selbst immer besser stellen können, wie sie sich selbst so viel Gutes wie möglich tun können.

Dass Menschen, die populistische Parolen verkünden, immer mehr Zustimmung erhalten, ist ebenfalls ein Zeichen dafür, dass die Liebe erkaltet. Denn wenn wir nach solchen Parolen handeln, verweigern wir den in Not geratenen Menschen die nötige Hilfe.

Das ist bedrückend und frustrierend, denn wenn man selbst sich bemüht, anderen Menschen zu helfen, und dabei die Not sieht, in der diese Menschen leben, fragt man sich oft, warum so wenig Reiche bereit sind, von ihrem Reichtum für diese Menschen abzugeben.

In solch einer Situation gilt es auszuhalten, fest im Glauben stehen, bis ans Ende. So sagt Jesus.

Das Ende... man stellt es sich nach diesen Worten recht grausam vor, jedenfalls ein Ende mit Schrecken, weil Not und Elend bis dahin immer weiter zunehmen werden. Die Überheblichkeit und der Egoismus der Menschen werden eines Tages zu ihrem Ende, zu ihrer endgültigen Vernichtung führen.

So steht im Mittelpunkt dieses Textes offensichtlich keine Hoffnung, wie wir sie uns eigentlich für den heutigen Tag wünschen. Der Tod, Das Ende der Welt, die Zerstörung, die endgültige Vernichtung alles dessen, was uns lieb und wert ist, sind vielmehr das bestimmende Bild.

Das ist ziemlich deprimierend. Aber es ist eben doch nicht alles. Denn der Predigttext hört mit dieser düsteren Prognose nicht auf. Es steht da ein Satz am Ende, der letzte Satz, der all diese Hoffnungslosigkeit und vielleicht auch Verzweiflung, die in dem Text anklingt, aufzuheben vermag:

Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Das Evangelium, die frohe Botschaft wird gepredigt werden. Die Menschen hören vom Reich Gottes, trotzdem Christen verfolgt werden und trotzdem der christliche Glaube mittlerweile in den Industrieländern zunehmend an Bedeutung verliert.

Wenn hier von Predigen die Rede ist, ist damit natürlich nicht das Predigen von der Kanzel gemeint, denn Kanzeln gab es zu Jesu Zeiten noch nicht. Zu seiner Zeit erzählte man sich sich vom Reich Gottes und von seinem Wirken unter den Menschen in den Versammlungen der Gemeinde, wenn die Christen zusammenkamen, um gemeinsam das Mahl zu feiern.

Und auch heute erzählt man sich natürlich davon, in der ganzen Welt. Ohne Kanzel. Das Evangelium vom Reich Gottes wird überall gepredigt, es wird überall weitergesagt.

Und wenn es so weit ist, dann wird das Ende kommen.

Urplötzlich ist dieses Ende nicht mehr düster und beängstigend. Es erscheint jetzt so, als ob das Ende die Erfüllung der Predigt vom Reich Gottes ist. Und so ist es auch: Denn mit dem Ende der Welt ist nicht alles vorbei, sondern an die Stelle dieser Welt tritt das Reich Gottes, von dem man sich zuvor nur erzählt hatte.

Das Ende der Welt ist vollkommen, aber im positiven Sinn. Denn wo Gott herrscht, da gibt es keine Ungerechtigkeit mehr, keine Hungersnöte, keine Kriege, keine Katastrophen. Gott bringt das Ende der Welt, indem er zu uns kommt und sein Reich unter uns aufrichtet.

Aber wie können die Menschen, wie können wir davon wissen? Wie können wir vom Reich Gottes predigen, wenn es nicht da ist? Wenn wir in einer Welt leben, die vom Reich Gottes scheinbar unvorstellbar weit entfernt ist?

Auch wenn es in unserer Welt eigentlich recht düster und hoffnungslos aussieht, so gibt es doch einen Hoffnungsschimmer. Denn Gott hat uns nicht völlig allein gelassen. Er hat uns besucht, in und durch Jesus Christus. Die Evangelien, die guten Botschaften, reden davon. Und auch wenn Jesus längst nicht mehr körperlich unter uns ist, so ist es doch möglich, ihm auch heute zu begegnen, da er gesagt hat: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 20b)

Und das wird auf unterschiedliche Weise erfahrbar. Denn Jesus hat uns ja selbst gesagt, wie wir ihm begegnen können: indem wir z.B. den Hungernden zu essen geben, die Nackten kleiden, die Kranken besuchen und auch die Gefangenen (Mt 25).

Jesus hat uns in seinen Gleichnissen und in seinem Handeln immer wieder konfrontiert mit dem, was uns von Gott trennt.

Nun entsteht daraus aber nicht ein unüberwindbarer Berg von Forderungen. Denn zugleich wendet er sich uns als der Heiland zu, der bereit ist, uns in allem zu helfen, ja, der unsere Last auf seine Schultern legen will.

Er will unser Versagen, unsere Schuld auf sich nehmen und tilgen. Das erfahren wir besonders in der Feier des Heiligen Abendmahls – Das ist mein Leib, für dich gegeben – das ist mein Blut, für dich vergossen.

Jesus hat uns einen Blick werfen lassen in dieses Reich Gottes hinein durch sein Leben. Er hat uns vorgelebt, wie das Reich Gottes schon in dieser Welt, die damals keinen Deut besser war als heute, lebendig werden kann.

Er ruft uns in seine Nachfolge auf einen Weg, der uns aus der Dunkelheit heraus zum Licht führt. Es ist der Weg des Friedens, der Liebe und der Gerechtigkeit.

Das ist dann auch der Weg, der uns das Reich Gottes erkennen und davon reden lässt.

Gott lässt uns nicht allein. Es gibt eine Hoffnung, denn das Evangelium vom Reich wird gepredigt, und das Kommen dieses Reiches erwarten wir – jetzt, in der Adventszeit, aber natürlich auch und eigentlich vor allem unser Leben lang.

Ja, das Ende der Welt kommt, doch es kommt nicht als vernichtende Sintflut oder irgendeine andere Naturkatastrophe. Das Ende kommt auch nicht durch den Tod, denn der, das wissen wir seit Ostern, hat sein letztes Wort längst gehabt und muss nun schweigen.

Das Ende unserer Welt kommt, indem Gottes Reich sich ausbreitet und Raum gewinnt unter den Menschen. Zeichenhaft hat es begonnen durch Jesus Christus, und es wird weiter bekannt durch das Zeugnis all derer, die seine Liebe im Glauben erfahren haben.

So ist das nahende Ende kein Grund, Angst zu haben, sondern ein Grund der Freude. Je mehr wir diese Freude mit anderen teilen, desto näher kommt das Reich Gottes zu uns.

Amen

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