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Kanzel

Kanzelworte

Hier sind in laufender Abfolge die Predigten zu finden, die in den letzten Wochen von Pfarrer Dr. Martin Senftleben in Gottes­diensten gehalten wurden.

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Predigt zum Sonntag Sexagesimae
19. Februar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

(Mk 4, 26-29)

Liebe Gemeinde!

Eigentlich gehen wir ja ganz selbstverständlich mit Samen um. Wer einen Garten hat, bereitet jetzt vermutlich langsam das Frühbeet vor, oder sät den Samen im beheizten Gewächshaus aus.

So ein Samenkorn ist bemerkenswert. Aus einem winzigen Körnchen wird eine um ein Vielfaches größere Pflanze, die dem Aussehen nach überhaupt nichts mit dem Samenkorn gemein hat. Wasser, Nährstoffe aus dem Boden und Licht genügen, um dieses Wachstum zu ermöglichen.

Schließlich entstehen aus dieser Pflanze Blüten, die Insekten anlocken und aus denen dann wieder Samen entstehen, so dass der Kreislauf von neuem beginnen kann.

Manche Pflanzen überdauern nur ein Jahr. Andere werden Jahr für Jahr groß und größer, bis sie schließlich zu einem stattlichen Baum herangewachsen sind. Manche Eiche oder Linde ist schon Jahrhunderte alt, hat viele Menschengenerationen überdauert, so auch einige der Linden, die um den Kaiserdom herum vor vielen Jahren gepflanzt wurden.

Es ist ein unglaubliches Wunder, das man da erleben kann und an dem wir meist doch ohne darüber nachzudenken vorübergehen.

Warum spricht Jesus immer wieder von Samen? Ich glaube, er will uns damit deutlich machen, dass da etwas Neues ist, das sich zu unglaublicher Schönheit entfalten kann – wenn es nur den richtigen Nährboden findet.

Dazu passt das Gleichnis, das wir vorhin als Evangelium gehört haben. Der Same kann auch verloren sein, wenn er auf den Weg, unter die Dornen oder auf einen Felsen fällt. Aber wenn er Halt und Nahrung findet, wie im fruchtbaren Ackerboden, wird daraus eine Pflanze, die ihrerseits wieder viel Frucht bringt.

Das Gleichnis, das wir als Predigttext gehört haben, scheint eine etwas andere Zielsetzung zu haben. Es geht nicht um die Frucht und auch nicht um den Boden. Es geht diesmal wohl eher um den Bauern.

Noch ein anderes unterscheidet dieses Gleichnis von dem Gleichnis, das wir vorhin als Evangelium gehört haben. Unser Predigttext beginnt mit den Worten:

„Mit dem Reich Gottes ist es so...“

Ein merkwürdiges Reich Gottes, wenn man es sich recht überlegt.

Samen säen, nichts tun, ernten... Jeder Bauer würde ja auch sofort widersprechen: so einfach ist das nicht. Das Feld muss gepflegt werden, es muss genug Wasser da sein, das Unkraut muss entfernt werden. Da gibt es eigentlich immer etwas zu tun.

Aber darauf geht Jesus nicht ein, im Gegenteil, er stellt es tatsächlich so dar, als sei es dem Bauern völlig egal, wie es um die Saat bestellt ist – er weiß ja, dass am Ende die Frucht steht.

Wie ist es also mit dem Reich Gottes? Ich versuche mal, den Anfang des Gleichnisses auf verschiedene Weise zu vollenden:

1. Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn es einem völlig egal wäre.

Es gibt viele, denen das Reich Gottes tatsächlich völlig egal ist. Sie glauben, dass Gott eine Erfindung von Menschen ist, die Macht ausüben wollen. Die Geschichte bestätigt solche Ansichten, die aber die andere Seite völlig ignorieren, nämlich die Menschen, die im Glauben an Gott Halt und Zuflucht gefunden haben selbst in den schwersten Lebenssituationen. Es ist schon komisch, wollte man diese Wirkung allein der Selbstsuggestion zuschreiben. Hier ist Gott selbst am Werk.

Das Gleichnis beschreibt ja das Reich Gottes. Also kann es unmöglich meinen, dass es einem völlig egal ist.

Ein anderer Versuch:

2. Mit dem Reich Gottes ist es so wie auf dem Chefsessel.

Zwar setzt man den Anfang, man investiert etwas, aber am Ende schickt man seine Leute, um die eigentliche Arbeit zu tun. Denn es heißt ja: so schickt er alsbald die Sichel hin. Gemeint ist wohl, dass er Knechte hinschickt, um das Korn zu mähen. Das hört sich doch ganz gut an, so als Boss alles zu kontrollieren. Macht hat Menschen schon immer angezogen.

Aber sie ist nicht jedermanns Sache. Mal abgesehen davon, dass nicht jeder die Chance bekommt, Macht auszuüben, so gibt es auch viele Menschen, die gar nicht das Bedürfnis danach haben. Und darauf will das Gleichnis wohl kaum hinaus, denn es widerspricht dem, was Jesus sonst über das Verhalten von uns Menschen gesagt hat.

Noch ein Versuch:

3. Mit dem Reich Gottes ist es so wie Ferien.

Man muss nichts tun. Das Samenausstreuen tut sich ja fast von selbst, das ist ein Spaziergang, bei dem man die Arme etwas bewegt.

Das Ernten wird dann vielleicht etwas Arbeit, aber in dem Gleichnis heißt es ja: er schickt alsbald die Sichel hin. Der Bauer geht ja gar nicht selber, auch wenn sich das schon etwas mysteriös anhört: „er schickt die Sichel hin“. Aber unterm Strich kann man schon sagen: Das Himmelreich ist ein lauer Lenz. So richtig was für Faulenzer und Langschläfer. Alles ist bestens, es gibt fast nichts zu tun, es ähnelt dem Schlaraffenland, oder: es ist das Paradies!

Bei all diesen Varianten haben wir immer den Bauern im Blick gehabt. Was ist mit der Saat? Sie geht auf und wächst ohne irgend jemandes Zutun. Sie muss nur in die Erde gelegt werden, damit daraus eine Pflanze werden kann. Regen und Sonnenschein – dafür sorgt Gott.

Sollte man also sagen:

Mit dem Reich Gottes ist es so wie mit einem Saatkorn?

Aber dann verschiebt sich wieder das Bild: der Bauer gerät völlig aus dem Blick.

Es ist also schwer, wenn nicht gar unmöglich, das Gleichnis in einem Satz zusammen zu fassen. Es gehört alles zusammen.

Im Grunde ist das Gleichnis schon ein Aufruf zur Gelassenheit.

Jesus hat den Samen eigentlich immer als Bild für das Evangelium, für das Wort Gottes genommen. Nehmen wir mal an, dass der Bauer für Gott steht, der dieses Wort an die Menschen – das ist der Acker – austeilt, dann erfahren wir durch das Gleichnis:

das Wort breitet sich aus, es wächst und trägt Frucht, ohne dass irgend jemand etwas dazu tun müsste.

Wenn wir uns als christliche Gemeinde, als christliche Kirche betrachten im Vergleich zu den Menschen, die damals, vor fast zweitausend Jahren, gerade Christen geworden waren, dann haben wir wohl eines mit ihnen gemeinsam:

beide stellen wir eine kleine Gruppe dar in einer Menge von Menschen, denen das, was wir tun, nahezu gleichgültig ist. Viele zahlen zwar regelmäßig die Kirchensteuer, aber wenn man bedenkt, dass knapp zweitausend Menschen zur Gemeinde gehören und davon weniger als 50 zu den Gottesdiensten kommen und vielleicht insgesamt 200 sonst irgendwo in den Kreisen der Gemeinden vorkommen, dann lässt das einen schon nachdenklich werden.

Reden wir jetzt also von uns, die wir hier versammelt sind, als Gemeinde, und denken dabei auch an all die andern, die sich regelmäßig immer wieder in ihren Kirchen zum Gottesdienst oder auch anderswo zum gemeinsamen Bibellesen und Gebet versammeln, um Gott zu danken, auf sein Wort zu hören und zu ihm zu beten. Insofern sind wir der damaligen Gemeinde des Anfangs sehr ähnlich.

Aber uns unterscheidet auch Einiges:

Damals hatte man das Gefühl, zu einer wachsenden Gemeinschaft zu gehören. Fast täglich kamen Menschen dazu. Immer mehr wurden von dem Wort Gottes ergriffen, die Gemeinden wuchsen. Noch immer waren die Gemeinden etwas Besonderes in ihrem Umfeld, so besonders, dass man Angst vor ihnen bekam und sie zu verfolgen begann. Aber anstatt auf diese Weise die christliche Gemeinde zu vernichten, wurde vielmehr der Eifer und die Begeisterung geschürt, die christliche Gemeinde wuchs weiter und weiter. Denn das Geheimnisvolle, das diese Gemeinden umgab, wirkte auch anziehend.

Das ist heute bei uns anders. Immer wieder fragen sich Menschen, warum sie in der Kirche sind, und entscheiden sich angesichts der Kirchensteuer oder anderer Motive dann doch irgendwann, aus der Kirche auszutreten. Sie haben ja nichts davon. Für ihren persönlichen Glauben brauchen sie keine Steuern zu zahlen. Auch ohne die Kirchensteuer können sie gelegentlich mal einen Gottesdienst besuchen.

Und es sterben mehr Gemeindeglieder, als Kinder getauft werden. Die Zahl der Gemeindeglieder nimmt also stetig ab, und damit auch die Einnahmen der Kirchen.

Die Kirchenleitungen beschließen darum Sparpläne, es wird abgebaut – man müsste wohl richtiger sagen: angepasst. In immer mehr Kirchen findet auf dem Lande nur noch unregelmäßig ein Gottesdienst statt. Gerade vor kurzem sagte mir einer, er wollte sonntags zum Gottesdienst gehen, stand dann aber vor verschlossenen Türen. Es gab an den Türen keinen Hinweis darauf, ob in einer anderen Kirche in der Nähe Gottesdienst wäre oder warum heute in dieser Kirche kein Gottesdienst stattfand. Die Tür war einfach zu. Das ereignete sich im Randbereich einer großen Stadt, wo diese Person zu Besuch war.

Es ist nicht nur dort so. Pfarrstellen werden gestrichen, die finanziellen Zuweisungen für ganze Bereiche der landeskirchlichen Arbeit werden teilweise drastisch gekürzt, so dass sich diese Arbeit völlig neu mit deutlich weniger Möglichkeiten gestalten muss – so in unserer Kirche etwa die Kirchenmusik oder die Frauenhilfe. Die Sanierung von Gemeindehäusern wird nur noch teilweise von der Landeskirche mit finanziert.

Andererseits wird dann auch wieder viel investiert. Es werden besondere Gottesdienste und Events veranstaltet, die viele Menschen, vor allem auch solche, die sonst nicht in die Kirchen gehen, anziehen. Es werden Zentren eingerichtet, die eine bestimmte Zielgruppe ansprechen.

Es werden bestimmte, touristisch interessante Kirchen mit vielen Millionen restauriert und saniert, damit man einen Publikumsmagneten hat.

Es werden Hochglanzbroschüren gedruckt und in alle Himmelsrichtungen verschickt, um auf sich aufmerksam zu machen: es lohnt sich doch, zu uns zu kommen!

Die Kirchen passen sich an die Bedürfnisse und Interessen der Gesellschaft an.

Um wieder zum Gleichnis zurück zu kehren: man hat den Eindruck, dass sich da Menschen auf das Feld begeben und kräftig die sprießende Saat niedertreten, während sie andererseits versuchen, das Wachstum der verbleibenden Halme durch Ziehen und Zupfen zu beschleunigen.

Dabei passiert genau das Gegenteil: die zarten Wurzeln reißen, und die Pflanzen sterben ab. Am Ende bleibt gar nichts.

Martin Luther hat einmal an seine Frau geschrieben:

„Liebe Katharina, nach einem langen Tag sitze ich bei einem Maß Bier und denke mir, der liebe Gott wird es schon machen.“

Ein langer Tag. Martin Luther hatte von morgens bis abends gearbeitet, er hatte gepredigt, er hatte Gespräche geführt, er hatte geschrieben. Sieht er die Frucht seiner Arbeit? Nein. Er weiß nur: Gott wird es schon machen.

Das ist es, worum es in dem Gleichnis geht. Es ist Gelassenheit, die wir gut gebrauchen können.

Wir legen zwar die Hände nicht in den Schoß. Auch der Bauer sorgt sich um die Saat, und die Saat selbst sammelt alle Kraft, um zu wachsen und zu gedeihen, aber letztlich kommt das Gelingen doch nur von Gott her.

Selbst Jesus hat uns gezeigt, was Gelassenheit bedeutet. Nicht immer war er für die Notleidenden da. Zwar hat er hier und dort welche geheilt, oder er hat für Speise gesorgt, aber er hat sich auch zurück gezogen, um zu Gott zu beten. Denn letztlich kommt es auf diese Verbindung zu Gott an: dass wir tun, was uns zu tun aufgetragen ist, und gleichzeitig darauf vertrauen, dass Gott daraus Gutes wachsen lässt. Dieses Vertrauen wächst durch das Gebet.

Nicht Aktionismus hilft der Kirche auf, sondern Gottvertrauen. Das Gleichnis ist in dieser Hinsicht verräterisch: die Aktion des Bauern wird mit nur sechs Worten beschrieben: Ein Mensch wirft Samen aufs Land. Und dann folgt die ausführliche Beschreibung des Wachstums, das ganz von selbst vonstatten geht: „Der Same geht auf und wächst – er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“ Da wird es richtig eloquent. Der Bauer spielt überhaupt keine Rolle mehr, sein Handeln ist nicht wichtig! Erst zur Ernte kommt er wieder in den Blick.

Wenn wir also uns selbst anschauen, in unsere Herzen schauen, dann ist es vielleicht angebracht, sich diese Frage zu stellen: was hindert mich in meinem Handeln daran, auf das Handeln Gottes zu vertrauen?

Und wenn wir da etwas finden, dann bringen wir es im Gebet vor Gott und bitten ihn, es fort zu nehmen, damit wir wieder diese Gelassenheit gewinnen, die uns hilft, Kraft zu schöpfen für unsere Arbeit im Reich Gottes. Denn mit dem Reich Gottes ist es nicht so, dass wir die Hände in den Schoß legen könnten, im Gegenteil. Das Reich Gottes ist von der Verkündigung des Evangeliums erfüllt, es hallt an allen Orten wider: Gott ist in unserer Mitte, er wischt ab alle Tränen von unseren Angesichtern, er offenbart uns seine Liebe, er schenkt uns Leben.

Das können wir schon hier erfahren, in dieser Welt, die manchmal auch das Reich des Todes genannt wird.

Wir alle sind Arbeiter im Reich Gottes! Aber diese Aufgabe ist nicht verbunden mit hohen Erwartungen und Anforderungen, sondern mit der Zusage Gottes: ‚Tut ihr das Eine, verkündigt ihr das Evangelium. Schaut nicht auf Statistiken, macht Euch keine Sorgen um das Geld – denn um all das kümmere ich mich.‘

Vertrauen wir darauf, dass Gott mitten unter uns ist und er alles in seiner Hand hat, dass er alles lenkt und schenkt, was nötig ist.

Amen

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Predigt zum Sonntag Septuagesimae
12. Februar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus sprach: Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

(Lk 17, 7-10)

Liebe Gemeinde!

Es ist lange her – wir alle haben diese Zeiten nicht mehr erlebt: Zeiten, in denen Fürsten noch Fürsten waren, Könige noch Könige, Herzöge noch Herzöge. Zeiten, in denen einzelne Menschen und ihre Familien regierten, ohne sich reinreden zu lassen, und das Volk sich nach ihrem Willen richten musste.

Zeiten, nach denen man sich allerdings auch zurück sehnte, als manches mit der neu und meist blutig gewonnenen demokratischen Regierungsstruktur noch nicht so funktionierte, wie man es sich vorstellte.

Inzwischen können wir uns ein Leben ohne Demokratie gar nicht mehr vorstellen und sind der Ansicht, dass in jedem Land der Welt die gleichen Strukturen herrschen müssten. Es spielt dabei kaum eine Rolle, dass bei uns meist mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht nicht Gebrauch machen und sich eine deutliche Ermüdung beim Wahlwillen abzeichnet. In anderen sogenannten demokratischen Ländern sieht die Wahlbeteiligung noch deutlich schlechter aus. Die Demokratie sehen wir als eine unaufgebbare Errungenschaft der Zivilisation an. Dafür, so sagen uns die Politiker, kämpfen unsere Soldaten ja auch, zum Beispiel in Afghanistan.

Dass es wieder eine Monarchie geben könnte, ist unvorstellbar, auch wenn sich offensichtlich eine Menge Menschen gerade für das Ergehen der verbliebenen Monarchenfamilien interessieren – sonst wären die Auflagenzahlen einschlägiger Illustrierter ja längst nicht so hoch, oder sie würden gar nicht existieren.

Mit der Demokratie gehen zahlreiche Errungenschaften einher, die wir nicht aufgeben wollen. Neben einer gerechten Entlohnung für unsere Arbeit, Urlaubsanspruch und Krankenversorgung haben wir auch das Recht, unzumutbare Forderungen abzuweisen.

Und darum fällt es uns wohl schwer, den Worten Jesu zu folgen, die uns eine Situation schildern, die spätestens seit dem 2. Weltkrieg kaum mehr vorkommt und in die wir auch gar nicht bereit wären, uns hinein zu versetzen.

„Unnütze Knechte“? Wo gibt’s denn so was!

Natürlich machen wir unsere Arbeit, aber irgendwann ist dann auch Schluss, denn wir haben ein Recht auf einen Feierabend; das Essen soll sich der Chef bitteschön selber machen.

Das Bild, das Jesus uns vor Augen malt, ist uns fremd geworden. Das erkennt man auch daran, wie sich manche prominente Christen in der Öffentlichkeit darstellen. Das hat nichts mit Demut zu tun, da erklingt kein „ich bin ein unnützer Knecht“, sondern stolz erhobenen Hauptes freut man sich an seiner Prominenz. Je öfter man in den Medien vorkommt, desto besser.

Das Bild vom Herrn und seinem Knecht verstand man damals zur Zeit Jesu sofort, weil solche Verhältnisse bekannt waren. Man konnte es auch sofort umsetzen, denn man wusste: es handelt nicht vom Verhältnis der Menschen zueinander, sondern vom Verhältnis des Menschen zu Gott.

Aber so richtig einverstanden sind wir auch dann nicht mit diesen Worten Jesu.

Eigentlich könnte man schon gleich aufbegehren bei dem „unnütze Knechte“ sein, denn wenn wir unsere Pflicht und Schuldigkeit getan haben, dann sind wir alles andere als unnütz gewesen. Wir haben ja schließlich unsere Arbeit getan, die Aufgabe, die uns gestellt wurde, ist erledigt.

Und man kann auch fragen, ob man sich Gott wirklich als feudalen Herren vorstellen muss. Schließlich ist er in Jesus Christus uns zum Bruder geworden, ganz nah gekommen. Er hat uns seine unendliche Liebe offenbart, nicht weniger! Das würde solch ein feudaler Herr wohl eher nicht tun, sondern stets Distanz wahren.

Doch die Worte Jesu wollen ja nicht den Herrn in den Blick rücken. Es geht vielmehr um den Knecht. In was für einer Haltung tut der gute Knecht seine Arbeit?

Es ist eine selbstverständliche Haltung der Demut. Der Knecht erniedrigt sich nicht – er befindet sich in einer Position, die er nach bestem Vermögen ausfüllt und die seiner Existenz entspricht.

Für uns bedeutet das: Wir sollen nicht besser von uns denken, als wir tatsächlich sind. Das ist Demut. Und dabei spielt es keine Rolle, was für eine Position wir bekleiden oder ob wir 10 Millionen Euro im Jahr dafür verdienen, dass wir den Umsatz einer Firma steigern, oder ob wir 25.000 Euro im Jahr dafür verdienen, dass wir Tag für Tag unsere Arbeit tun. Immer tun wir nur das, was wir zu tun schuldig sind.

Natürlich können wir andererseits auch stolz sein auf das, was wir geleistet haben. Aber das Geleistete macht uns in keiner Weise besser als die Menschen, die um uns herum leben und genauso wie wir das tun, was sie zu tun schuldig sind.

Und es heißt auch nicht, dass wir mit unserem Tun von Seiten Gottes ein besonderes Lob verdient hätten. Denn was können wir Gott schon bieten? Nichts.

Das, was wir tun, ist nun mal das Mindeste, was uns zu tun aufgetragen ist, es ist die Pflicht. Von der Kür sind wir weit entfernt, dazu fehlt uns meist die Kraft und das Durchhaltevermögen. Und selbst wenn wir mehr täten, es wäre noch immer kein Grund, überheblich zu werden. Denn unterm Strich ist es doch nicht mehr, als was wir zu tun schuldig sind.

Es stimmt also schon. Am Ende sind wir unnütze Knechte, weil wir nur das Mindeste zu leisten vermögen, und nicht mehr. Wir haben getan, was wir zu tun schuldig sind.

Aber nun muss doch einmal die Frage gestellt werden, was das eigentlich ist. Was sind wir zu tun schuldig?

Vielleicht hilft es, erst einmal anders zu fragen: woraus erwächst diese Schuld? Da brauchen wir, so denke ich, nicht lange zu überlegen: unsere Schuld erwächst aus der Zuwendung Gottes.

Gott hat uns als sein Gegenüber geschaffen. Wir sind nicht um unserer selbst willen da, sondern um seinetwillen. Das müssen wir uns, glaube ich, immer wieder aufs Neue bewusst machen. Wir sind Geschöpfe Gottes.

Und in diesem Schöpfungsgedanken steckt noch mehr: er will, dass wir die Gottesebenbildlichkeit, zu der er uns geschaffen hat, sichtbar werden lassen.

Aber das ist praktisch unmöglich. Wir können zwar unsere Fähigkeiten nutzen in einer Weise, die dem Handeln Gottes sehr nahe kommt, aber wir werden ihn doch nie erreichen können, und vor allem: seine Liebe können wir nie in gleicher Weise erwidern.

Darum, weil die Menschheit an dieser Aufgabe eigentlich immer gescheitert ist, hat Gott einen neuen Weg beschritten: er ist in Jesus zu uns gekommen, um uns zu zeigen, wie diese Gottesebenbildlichkeit tatsächlich aussieht.

In Jesus wird im Grunde genau das sichtbar, was er mit den Worten vom „unnützen Knecht“ selbst zum Ausdruck bringt. Er ist ein Mensch, der sich den Kranken, den Ausgestoßenen, den Hungernden, den Verzweifelten zuwendet.

Ein Mensch, der die Angriffe gegen sich selbst erduldet, obwohl er diese Feindseligkeit in keiner Weise verdient hat. Er ist ein Mensch, der sich ohne Schuld ans Kreuz schlagen lässt und sich darüber nicht etwa beklagt, sondern vielmehr noch um Vergebung bittet für die, die ihm das angetan haben.

Das ist Gottesebenbildlichkeit: voller Liebe zu sein für die Geschöpfe Gottes, für die sogenannte Krone der Schöpfung, den Menschen, aber auch für die übrige Kreatur. Da haben Eitelkeit, Rechthaberei und Verlangen nach Aufmerksamkeit und Zuwendung keinen Platz. Es ist allein Demut, Liebe und Hingabe, die zählen.

Genau das sind wir zu tun schuldig.

Wie das konkret umgesetzt werden kann, darauf lässt sich keine allgemein gültige Antwort geben. Jeder Mensch hat Gaben bekommen, die ihn dazu befähigen, bestimmte Dinge besonders gut und mit Hingabe zu tun.

In unserer Gemeinde gibt es davon eine ganze Menge. Ich denke da zum Beispiel an den Besuchsdienst.

Es braucht immer ein bisschen Mut, an der Tür zu klingeln, wenn man einen Besuch das erste Mal macht. Man wird mitunter einem völlig fremden Menschen gegenüber stehen – wie wird man aufgenommen?

Die Erfahrungen bei solchen Besuchen sind sehr vielfältig, und sie können einen auch sehr betroffen machen. Man lernt die Lebenssituation der Gemeindeglieder kennen – und nicht immer ist das, was man hört und sieht, erfreulich.

Aber durch den Besuch wird diesem Menschen etwas Gutes getan. Manchmal spürt man das als Besuchender ganz deutlich – es strahlt einem eine große Dankbarkeit entgegen.

Aber nicht um dieses Dankes will gehen die Damen und Herren des Besuchsdienstes dorthin, sondern weil sie sich dazu berufen fühlen, weil sie es als ihre Aufgabe erkannt und angenommen haben. Darum nehmen sie das Risiko auf sich, abgewiesen zu werden oder eine auch sie belastende Lebenssituation kennen zu lernen.

Wir sind unnütze Knechte – und doch nicht unnütz – denn durch diese Arbeit wird die Liebe Gottes sichtbar.

Ich denke auch an die verschiedenen Gruppen und Kreise, in denen Gemeinschaft gepflegt wird, wie sie grundlegend ist für den christlichen Glauben. Hier wird miteinander geteilt, es wird mitgeteilt, es wird Gemeinschaft erlebt. Alle, die daran teilnehmen, machen die Erfahrung, dass sie nicht alleine sind. Und das ist mitunter viel wert.

Und ich denke an unsere Gottesdienste, in denen wir gemeinsam Gott loben, auf sein Wort hören, zu ihm beten und uns dann auch wieder von ihm senden lassen, um weiter zu tun, was wir zu tun schuldig sind. Hier antworten wir auf das Handeln Gottes an uns in ganz besonderer Weise. Aber auch der Gottesdienst ist keine herausragende Leistung. Wir tun nur, was wir zu tun schuldig sind.

Und doch werden wir in diesem Tun immer wieder beschenkt. Wir erfahren Dankbarkeit. Wir erfahren Gemeinschaft. Wir empfangen den Segen Gottes. Und wenn wir gemeinsam das Abendmahl feiern, haben wir Teil an seinem Leiden und Sterben, aber auch an seiner Auferstehung.

Es ist also nichts Unterwürfiges, wenn wir sagen: wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. Es ist Demut, die uns angesichts der unendlichen Liebe Gottes nur gut tun kann.

Amen

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Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias
5. Februar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

(Ex 3, 1-10)

Liebe Gemeinde!

In Indien ist es selbstverständlich, dass man sich die Schuhe auszieht, wenn man die Wohnung eines anderen betritt. Man vermeidet auf diese Weise, den Dreck von der Straße in die Wohnung hinein zu tragen. Da man in der Regel Sandalen trägt, ist das auch praktisch überhaupt kein Problem.

Genauso verhält man sich dort auch, wenn man einen Tempel oder einen Kirchenraum betritt. Während eines Gottesdienstes häufen sich vor der Tür die Sandalen, und man wundert sich schon manchmal, dass hinterher niemand ohne Fußbekleidung nach Hause gehen muss. Alle Gottesdienstbesucher finden ihre Sandalen wieder.

In unserem Land ist das anders, denn oft lässt es die Witterung gar nicht zu, dass man barfuß oder in Strümpfen einen Kirchenraum betritt. Meist ist es zu kalt, höchstens im Sommer könnte man sich das mal trauen, aber man will sich ja nicht die Füße schmutzig machen.

Und natürlich kann man sich auch fragen: warum eigentlich? Was macht diesen Ort so anders, dass man ihn nicht mit seinen Schuhen betreten sollte?

Wir haben gerade gehört, dass es schon eine Begründung für das Schuheausziehen gibt: dies ist heiliges Land.

Aber ist das wirklich eine Begründung? Denn eigentlich gibt es doch gar keine heiligen Orte. Gott ist überall. Und er ist an keinem Ort weniger als an einem anderen. Und natürlich auch an keinem Ort mehr als an einem anderen. Er ist überall gleich da.

Darum gibt es ja auch Menschen, die es nicht für nötig erachten, in den Gottesdienst zu gehen, weil sie der Ansicht sind, dass sie irgendwo anders genauso gut mit Gott reden können.

Wir merken an der Erzählung, wie die Art und Weise, in der man sich damals, als die Geschichte aufgeschrieben wurde, Gott vorstellte, kaum angemessen ist: Denn Gott erscheint als einer, der überrascht zu sein scheint, als sich Mose dem Dornbusch nähert. Oder er merkt zumindest erst, als sich Mose aufmacht, den Dornbusch näher zu besehen, dass es jetzt zu einem Sakrileg kommen könnte.

Doch eigentlich hätte Gott das schon längst gewusst, denn er ist ja der Ewige, für den Zeit keine Rolle spielt. Er ist das Gestern, Heute und das Morgen. Er ist Alles in Allem.

Doch fiel es den Menschen damals noch schwer, sich von den Bildern zu lösen, in denen man von Gott zu reden pflegte, und so bleibt es in dieser Geschichte dabei, dass er durchaus menschliche Züge hat.

Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. 5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! (Ex 3, 4-5)

Ja, es wird noch besser, wenn Gott gewissermaßen in den brennenden Dornbusch reingezwängt wird, als wäre er eben nicht allgegenwärtig, sondern nur in diesem kleinen Dornbusch.

Doch da müsste man dann fragen: was ist danach, wenn Mose sich wieder auf den Weg macht? Bleibt Gott dann dort im Dornbusch zurück?

Natürlich nicht. Gott verspricht ja auch wenig später, dass er immer und überall da sein wird, indem er Mose seinen Namen offenbart: „Ich werde sein“, so hat es Martin Luther übersetzt. „Ich-Bin-Da“, so übersetzten es Franz Rosenzweig und Martin Buber, die beiden jüdischen Gelehrten.

Diese zweite Übersetzung, „Ich-Bin-Da“, gefällt mir ehrlich gesagt besser, denn sie macht in besonderer Weise deutlich, was für Gott gilt: Er ist da, wo ich bin – und das darf jeder Mensch für sich in Anspruch nehmen: Gott ist da, bei mir.

Was soll das also nun mit dem heiligen Land? Wobei mit Land ja kein politisches Land wie Deutschland oder Italien oder Brasilien gemeint ist, sondern schlicht das Stück Erde, auf dem man steht. Wie kann so ein Stück Land heilig werden?

Fangen wir bei den Kirchen an, könnten wir darauf verweisen, dass vor dem Beginn eines Kirchbaus der Boden, auf dem die Kirche stehen soll, gesegnet wird. Und bevor der erste Gottesdienst in der Kirche stattfindet, wird auch der Raum gesegnet.

Mit diesen Segenshandlungen wird deutlich gemacht: dieser Ort ist bestimmt für den Gottesdienst, und zwar ausschließlich. Er ist ein Ort, an dem die Begegnung mit Gott in besonderer Weise ermöglicht wird.

Man nennt solche Handlung darum auch Weihe, was es vielleicht noch deutlicher zum Ausdruck bringt, denn der Ort wird einem bestimmten Zweck, nämlich dem Gottesdienst, geweiht.

Heilig wird er aber dadurch nicht, auch wenn Kirchengebäude die Begegnung mit Gott ganz bewusst ermöglichen wollen. Denn kein Gebäude kann Gott fassen – das hatte schon Salomo erkannt. Und so bleibt auch eine Kirche zunächst einmal nur Bauwerk, bis sich diese Begegnung mit Gott ereignet.

Schauen wir noch einmal auf die Geschichte mit Mose. Mose sieht den brennenden Dornbusch. Es gibt dafür naturwissenschaftliche Erklärungen, und das Phänomen gibt es in der Wüste öfter als nur dieses eine Mal. Andere Menschen wären vermutlich achtlos daran vorüber gegangen, weil sie das Bild gewohnt waren. So aber nicht Mose. Er wird aufmerksam. Er hat etwas erkannt, was andere nicht sehen, und will es sich näher betrachten.

Doch weiß er noch nicht, was er sich da anschauen will. Erst durch die Ansprache Gottes wird es offenbar: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! (Ex 3, 5)

Tritt nicht herzu – komm nicht näher. Denn offensichtlich ist er schon nah genug. Er hatte es zunächst unklar gespürt, dass hier etwas Besonderes ist, und nun wird es ihm von Gott selbst offenbart: Heiliges Land! Mitten in der Wüste.

Nein, das ist kein Grundstück, das für einen Kirchbau vorgesehen ist, sondern es ist die Gegenwart Gottes, die dieses Land heiligt.

Dennoch hat man später, das sein nur am Rande vermerkt, dort, wo man den Ort des brennenden Dornbuschs vermutete, ein Kloster errichtet, das sogenannte Katharinenkloster.

Doch zurück zu Mose. Er kann uns zum Vorbild werden, denn für jeden Menschen gibt es solche brennenden Dornbüsche, wie auch Mose ihn gewissermaßen entdeckt hat.

So wie Mose in der Eintönigkeit des Wüstenlandes kaum Aufregendes zu erwarten hatte, ist auch unser Leben von der Alltäglichkeit geprägt. Selten gibt es mal etwas Außergewöhnliches. Und auch der brennende Dornbusch war für Mose sicher nicht etwas Außergewöhnliches. Man kann wohl vermuten, dass er so etwas schon öfter gesehen hatte. Aber dieses Mal ist es nun doch etwas Besonderes.

Mose hatte dieses Besondere gespürt, obwohl es nicht offensichtlich war. Und er gab seiner Neugierde nach und wich von dem vorgegebenen, geplanten Pfad ab. Er bewegte sich auf den Dornbusch zu und begegnete Gott.

Solche Erfahrungen sind auch für uns möglich. Vermutlich sehen unsere brennenden Dornbüsche aber anders aus. Doch das spielt keine Rolle.

Es geht darum, dass wir achtsam werden und sind für die Begegnung mit Gott. Denn es erfordert ein Abweichen vom gewohnten Pfad. Das fällt uns nicht leicht, denn es bedeutet ja auch, dass wir unsere Sicherheit, den vertrauten Rahmen, verlassen müssen. Aber das ist es, was Gott von uns erwartet. Dass wir diesen Schritt tun vom Gewissen ins Ungewisse hinein, um dann zu erkennen: hier ist heiliges Land. Hier ist Gott. Hier ist der „Ich-Bin-Da“.

Und dann, wenn ich meine Sicherheiten aufgegeben habe, kann ich mich auch von Gott ansprechen lassen und antworten: „Hier bin ich“.

Wer ist dieses „Ich“? Von Mose wissen wir:

  • Er war ein Findelkind, das auf dem Hof des Pharao groß geworden war;
  • Er war ein Mörder;
  • Er war ein Flüchtling und damit heimatlos.

Wir kennen auch unsere eigene Geschichte. Wir können Antwort geben auf die Frage, wer wir sind. Aber ich bin ziemlich sicher, dass jede und jeder unter uns Dinge erlebt und getan hat, die man lieber vergessen möchte, die man aus der eigenen Lebensgeschichte streichen möchte.

Doch nun ist da die Begegnung mit Gott. Und da bin ich, Gott gegenüber, an einem Ort, der durch die Gegenwart Gottes geheiligt ist. Nichts bleibt verborgen. Gott kennt mich durch und durch.

Das Spannende an der Begegnung des Mose mit Gott ist, dass Gott ihm nun nicht erst einmal Vorhaltungen macht und sagt: Du hast ohne Grund einen Ägypter erschlagen, oder: du hast dich vor deiner Verantwortung gedrückt und bist abgehauen. Sondern Gott nimmt diesen Mose und sendet ihn zum Pharao zurück, dorthin, von wo er aus Angst um sein Leben geflohen war.

Kein Wunder, dass Mose versucht, sich da rauszureden. Das würden wir sicher auch tun. Aber letztlich überwindet ihn Gott, denn auf jeden Einwand hat er schon die entwaffnende Antwort parat.

Mose wird gehen, denn Gottes Ansprache ist überwältigend, sie ist lebensverändernd.

Solche Ansprache können auch wir erleben. Wenn wir aufmerksam unsere Wege gehen, wenn wir damit rechnen, dass Gott etwas abseits von unseren gewohnten Wegen auf uns wartet, und wenn wir dann dorthin gehen, um es näher zu besehen, werden wir auch die Stimme Gottes hören.

Ob wir bereit sind? Ich glaube, man kann nicht wirklich bereit sein. Mose war es auch nicht. Und sicher werden wir uns genauso wenig wie Mose geeignet fühlen für das, was Gott von uns will.

Doch Gott erwartet von uns nichts Unmögliches, wie wir an dem weiteren Verlauf der Geschichte von Mose und dem Volk Israel erkennen können. Er wird dem, der auf ihn vertraut, immer zur Seite stehen. Denn er ist der „Ich-Bin-Da“. Das ist sein Name, auf den wir vertrauen dürfen.

So wünsche ich uns, dass wir stets wachsam sind und nicht achtlos an unserem brennenden Dornbusch vorübergehen, sondern uns von Gott ansprechen lassen und uns dann auf den Weg machen, den er für uns bestimmt hat.

Amen

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Predigt zum 4. Sonntag nach Epiphanias
29. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn! (Mt 14, 22-33)

Liebe Gemeinde!

Fünftausend hatten sich versammelt. Sie waren Jesus nachgefolgt, um ihn zu hören, aber auch, um durch ihn Krankheiten heilen zu lassen. Eigentlich hatte Jesus allein sein wollen mit seinen Jüngern. Aber es war nicht möglich – immer wieder kamen die Menschen innerhalb kurzer Zeit zu ihm.

Nur knapp beschreibt Matthäus, wie er auf die große Menge eingeht: Jesus sah die große Menge; und sie jammerten ihn und er heilte ihre Kranken.

Sicher hatte er auch gute Worte für sie, Worte des Lebens. Aber am Abend des Tages war es dann genug. Die Jünger bitten Jesus: lass die Menschen gehen, damit sie sich etwas zu essen kaufen. Doch Jesus fordert sie auf, selbst für das Essen zu sorgen. Und dann wird aus fünf Broten und zwei Fischen nach Jesu Dankgebet so viel, dass alle 5000 sich satt essen können, und am Ende bleiben noch zwölf Körbe übrig.

Wer wollte da wohl noch nach Hause gehen? Jesus war da, der die Kranken geheilt hatte, der ihnen Worte des Lebens gesagt hatte. Der Hunger war gestillt – nicht nur der Hunger des Körpers, sondern auch der Seele. Alles durch diesen einen: Jesus. Warum sollte man nun gehen?

Aber auch Jesus braucht mal einen Freiraum, eine Ort, an dem er von niemandem bedrängt wird – einen Raum, in dem er Gott begegnen kann. Und so schickt er schon mal seine Jünger los: bereitet alles für das Nachtlager vor – am anderen Ufer des Sees. Er selbst wollte das Volk, die 5000, noch entlassen: geht hin in Frieden.

Und sie gingen. So kam auch Jesus endlich zur Ruhe.

Aber nicht lange. Die Jünger waren mit ihrem Boot in Not geraten. Winde hatten sich erhoben, Wellen türmten sich auf und drohten, das Boot zum Kentern zu bringen. Was sollte werden? Sie waren allein – Jesus war nicht bei ihnen. Sie hatten seine Macht über die Kräfte der Natur schon erlebt – da war er mit ihnen im Boot gewesen und hatte geschlafen. Mit einem Wort hatte er den Sturm gestillt. Doch jetzt, da sie allein waren - was sollte werden?

Die Jünger waren in Panik. Beständig schöpften sie Wasser aus dem Boot und versuchten, es am Kentern zu hindern. Und dann sahen sie eine Gestalt auf dem Wasser. Immer wieder halb von den Wellen verdeckt, bewegte sich ein Wesen in weißem Gewand auf sie zu. Im Dunkel des Sturms und bei peitschendem Regen war es unmöglich, ein Gesicht zu erkennen.

Es musste ein Geist sein – der Tod vielleicht, der sie alle holen wollte!

Angst ergriff sie, noch lauter schrien sie einander zu, das Wasser aus dem Boot zu schaufeln. Petrus aber stand am Bootsrand und hielt sich an der Takelage fest. Gebannt blickte er in die Dunkelheit, zur hellen Gestalt hin. Und dann hörte er schon die vertraute Stimme: „Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht.“ (Mt 14, 27) Eine vertraute Stimme, aber wer weiß schon – kann nicht auch der Tod jede Stimme nachahmen?

„Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“ (Mt 14, 28) Eine verrückte Bitte ist das. Was, wenn es der Tod ist? Natürlich würde der sofort den Befehl aussprechen, und hätte leichte Beute. Es gäbe keinen Halt für Petrus, er würde sofort versinken und jämmerlich ertrinken.

Warum spricht Petrus solch eine Bitte aus? Wusste er nicht, dass man Gott nicht versuchen soll?

Es war ihm wohl in diesem Moment nicht bewusst. Er sehnte sich nach seinem Heiland. Vieles andere mag noch durch seinen Kopf gegangen sein – aber am Ende wollte er wohl doch nur eins: Gewissheit. Wenn es nicht der Herr war, dann wären sie ohnehin verloren. Also wagte er es: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“

„Komm her!“ (Mt 14, 29a) ist die knappe Antwort. Der leichtsinnige, hitzköpfige Petrus zögert nicht lange. Sofort steigt er aus dem Boot und – steht, er steht auf dem sich wild bewegenden Wasser. Es ist, als ob ihn nichts erschüttern könnte. Um ihn ist es ruhig, er fühlt sich sicher und geborgen trotz der peitschenden Wellen und trotz des heulenden Windes, der nur zaghaft an seiner Kleidung zerrt.

Der Sturm wütet. Das Schiff entfernt sich. Die helle Gestalt ist noch immer zu weit fort, als dass er sie erkennen könnte. Rings um ihn herum kommt das tosende Meer immer näher. Langsam wird der Grund unter seinen Füßen weich, dann feucht, er steht mit den Füßen im Wasser. Schon reicht es ihm bis zu den Knien:

„Herr, hilf mir!“ (Mt 14, 30b) ruft er voller Angst. Mit einer Bewegung ist Jesus bei ihm und reicht ihm die Hand. „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ (Mt 14, 31b)

Petrus hätte wohl viel auf diese Frage antworten können. Es war plötzlich nichts mehr da, was ihm in irgendeiner Weise hätte Halt geben können. Das Boot hatte sich entfernt, und Jesus war noch nicht nah genug gewesen, um sich an ihm festzuhalten. Und so schwand ihm auch der Boden unter den Füßen. Denn die Mächte, die auf ihn eindrangen, waren so stark, dass die kaum zu erkennende Gestalt auf dem Wasser in der Ferne genauso wenig Hoffnung hätte geben können wie das Boot der Jünger, das sich immer weiter fortbewegte und zusehends seinen Blicken entschwand.

Natürlich muss man da zweifeln, wenn es rundherum tost, als ob die Hölle los wäre!

Das geht uns ja genauso. Wenn z.B. das Geld hinten und vorne nicht reicht. Oder wenn ein Streit eskaliert und es keinen Weg mehr zu geben scheint, sich wieder zu versöhnen. Oder wenn ein Unfall plötzlich die Lebensverhältnisse dauerhaft verändert, weil die Verletzungen zu einer Behinderung führen. Oder wenn eine Krankheit uns oder einen lieben Menschen fest im Griff hat und eine Genesung aussichtslos erscheint.

Dann fällt es schwer, den Glauben zu behalten. Man konzentriert sich ganz auf die Umstände, die lebensbestimmend werden. Gott, der unser Heil will, ist nur noch verschwommen erkennbar. Die Gemeinschaft der Glaubenden wird nicht mehr als tragfähige Gemeinschaft erkannt.

Und so fangen wir an zu versinken. Wir nehmen immer weniger von dem wahr, was uns retten könnte.

Petrus weiß trotz aller Unsicherheit, die ihn in diesen Sekunden erschüttert, dass es nur einen Weg gibt, da rauszukommen. Er ruft laut: „Herr, hilf mir!“ Er ruft es, obwohl das tosende Wasser und der heulende Wind seine Stimme im Nu verschlucken. Was soll er sonst auch rufen? Wer sonst kann ihm in solcher Situation noch helfen? Und wer sonst könnte ihn in solch einer Situation noch hören?

Und sofort ist Jesus da, ergreift seine Hand. Und dann ist auch das Boot da, die Jünger, die Gemeinschaft der Gläubigen. Petrus sieht, dass diese Gemeinschaft eben doch tragfähig ist mit ihrem Gebet, mit ihrer Zuwendung, mit ihrem Glauben. Sich von ihr zu trennen, mag ein Fehler gewesen sein – aber zu ihr zurück zu kehren ist kein Problem. Diese Gemeinschaft sperrt niemanden aus.

Und dann legt sich sogar der Sturm.

Petrus war ein Wagnis eingegangen. Er hatte sein Vertrauen verloren – er vertraute weder dem Boot, dass es ihn zusammen mit den anderen Jüngern noch würde tragen können in diesem Sturm, noch vertraute er dem Wort Jesu, das ihnen so klar zugerufen worden war: „Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!“

Er zweifelt schon da, als er seinen Fuß über die Bordwand auf das Wasser setzt, von dem er eigentlich weiß, dass es ihn nicht tragen kann. Aber das Wort „Komm her!“ hatte ihm dazu Mut gemacht. Für einen Augenblick. Da war nochmal ein Zeichen gewesen – seine Bedingung war erfüllt, so dass er es wagen wollte.

Aber was hätte ihn dann über Wasser halten können? Nur Jesus selbst. Wenn er gleich neben ihm gestanden hätte, dann wäre er auch nicht eingesunken, dann hätte das Wasser auch dann noch Balken gehabt.

Aber er hätte den Weg zu Jesus im Vertrauen, im Glauben weitergehen müssen – das kurze Stück, das dann doch immer länger wurde, angesichts der bedrängenden Wellen um ihn herum. Und das konnte er nicht. Der Weg, auf dem er so ganz auf sich gestellt, ganz auf seinen Glauben zurückgeworfen war, den schaffte er nicht. Das Wasser gab nach, die Balken schwanden.

„Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“ (Mt 14, 33b) - mit diesem Bekenntnis endet die Erzählung. Es ist das Bekenntnis der Gemeinde, das wir aufnehmen und etwas ausführlicher in unseren Gottesdiensten mit den Worten des Apostolischen Glaubensbekenntnis sprechen.

Es ist das, was uns trägt in den Stürmen des Lebens. Es gibt uns die Sicherheit, dass Gott uns nicht allein lässt, sondern dass er immer in erreichbarer Nähe ist, wenn wir uns ihm zuwenden.

Um die Tragfähigkeit des Glaubens zu demonstrieren, will ich eine Anekdote wiedergeben, die mir vor vielen Jahren erzählt wurde.

Es gab ganz abgelegen ein Kloster, das man nur über einen Fluss erreichen konnte, der durch tiefe Schluchten führte. Eines Tages machte sich der Bischof auf, das Kloster zu besuchen, denn er hatte gehört, dass es dort Probleme mit dem Verständnis der Trinität gäbe. Als er dort ankam, wurde es auch gleich offensichtlich. Die Mönche sagten nämlich „Gott Vater, Sohn und Heilige Mutter“ anstatt der bekannten Formel „Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist“. Eine Woche blieb der Bischof dort und übte mit den Mönchen die richtige Formel, damit es keinen Grund zum Anstoß mehr gäbe. Zugleich war er beeindruckt von der einfachen Frömmigkeit der Mönche, von ihrem tiefen Glauben.

Schließlich machte er sich, recht zufrieden mit dem Ergebnis seiner Bemühungen, wieder auf, um zurück zu kehren. Er segnete die Mönchsgemeinschaft im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und stieg in das Bott. Er stellte sich am Heck des Bootes auf, um das Kloster und die Gemeinschaft der Brüder, die dort am Ufer standen, noch eine Weile zu sehen, und sann über ihre tiefe Frömmigkeit nach, als plötzlich einer dieser Brüder auf das Wasser trat und hinter dem Boot hergelaufen kam – auf dem Wasser. „Was willst du, mein Sohn?“ rief der Bischof ihm zu. Der Mönch antwortete: „Ach, lieber Vater, verzeih. Wir sind uns wieder unsicher geworden. Wie heißt es nochmal: Gott Vater, Sohn und Heilige Mutter?“ Der Bischof lächelte und sagte nur: „Es ist gut.“ und segnete den dankbar lächelnden Mönch.

Es kommt im Glauben nicht darauf an, ein bestimmtes Lehrmuster zu erfüllen. Der Glaube ist einfältig und bedarf keiner großartigen theologischen Gedankensprünge. Das wird ja auch deutlich in den Worten des Paulus aus dem 1. Brief an die Korinther: „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt.“ (1. Kor 1, 27a)

Der Glaube sitzt im Herzen und nicht im Kopf.

Das ist wichtig, wenn wir uns Gott zuwenden. Wir fragen nicht danach, ob unser Glaube richtig ist oder falsch, sondern wir glauben. Gott kann Wunder vollbringen, er kann uns auf das Wasser rufen, auf dem sonst niemand stehen kann außer dem, der glaubt. „Komm her!“, ruft uns Jesus zu. „Nimm es an, dass ich es bin, auch wenn ich nur verschwommen und undeutlich bin.“ „Ich bin’s, fürchtet euch nicht!“ (Mt 14, 27b)

Wenn wir das glauben, dann können auch wir Wunder vollbringen – und wir können auf jeden Fall an den Wundern Gottes, die sogar die Kräfte der Natur aussetzen können, teilhaben.

Amen

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Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias
22. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum. Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank. Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.

Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.

Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.

(Joh 4, 46-54)

Liebe Gemeinde!

Da ist einer, der wandert umher und tut Wunder. Immer wieder tauchen Berichte auf, wie jemand von einer unheilbaren Krankheit geheilt wurde. Nicht durch die Kunst der Ärzte, sondern durch eine Handauflegung, oder gar nur durch ein simples Wort.

Irgendwo, relativ weit weg von uns, geschieht das.

Nehmen wir mal an, es würde uns berichtet dass jemand in Nordhausen so ein Wunder vollbracht hätte.

Wie würden wir reagieren? Ich würde jedenfalls nicht viel darauf geben. Ich würde erst einmal vermuten, dass der sogenannte Wundertäter ein Scharlatan ist – vermutlich war der Geheilte gar nicht wirklich krank, sondern nur ein Hypochonder, und die Nähe dieses Menschen hat ihm geholfen, über seine Ängste hinweg zu kommen. Vielleicht war es auch ein Komplize, der nur so tat, als ob er krank wäre.

Und die Medien neigen sowieso dazu, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen – vielleicht war die Krankheit gar nicht so gefährlich, wie es dargestellt wurde. Vielleicht war ja auch die Diagnose der Ärzte schon falsch gewesen – das hat es schon öfter gegeben und wäre nichts Außergewöhnliches.

Soll ich deswegen etwa nach Nordhausen fahren und den Wunderheiler bitten, hierher zu kommen, um auch hier ein Wunder zu vollbringen? Ich würde es nicht tun. Wie würde ich dastehen, wenn sich der Mensch als Scharlatan erweisen würde? Da vertraue ich doch lieber auf die Kunst unserer Ärzte, auch wenn diese eine schlechte Prognose für den Verlauf einer Krankheit gestellt haben.

So muss man sich in etwa die Situation vorstellen, der sich der Mann im Dienste des Königs ausgesetzt sah. Er hatte ein krankes Kind, um dessen Wohl er sich sorgte. Die Krankheit würde zum Tod führen – so viel wusste man, das war ihm von den Heilkundigen gesagt worden, und man sah es dem Kind wohl auch an. Bestimmte Krankheiten erkannte man auch mit weniger Diagnosemöglichkeiten als heute, und ihren Verlauf kannte man nur zu gut.

Der Arzt hatte also gesagt, dass seinem Sohn nicht mehr zu helfen sei. Linderung konnte man dem armen Kind wohl verschaffen mit Hilfe bestimmter Medikamente, aber den Tod konnte man dadurch nicht aufhalten.

In seiner Verzweiflung zog dieser„Mann im Dienst des Königs“ – ich gebe ihm mal den Namen Levi – los, um den Wunderheiler, von dem er gehört hatte, aufzusuchen.

Und so geht es ja auch heute noch manchen Menschen, für die die Ärzte keine Hoffnung mehr haben, dass sie oder ihre Angehörigen sich aufmachen und nach anderen Wegen suchen, weil man die Unabwendbarkeit des Todes nicht ertragen kann und darum nach Wegen sucht, ihn doch noch abzuwenden, selbst dann, wenn alles dagegen spricht. Es schadet ja nichts, es wenigstens zu versuchen!

Levi macht sich also auf – der Weg ist nicht weit von Kapernaum nach Kana, es sind vielleicht 40 Kilometer, das kann man zu Fuß an einem Tag schaffen, wenn man zügig geht. Aber es sind 700 Meter Höhenunterschied, das ist dann doch ganz schön beschwerlich, da man nach Kana den Berg hinauf muss.

Vermutlich hatte Levi ein Reittier, mit dem ginge es noch schneller. Aber es ist von „gehen“ die Rede. Und das ist schon etwas Besonderes. Denn Levi ist sicher nicht nur ein Diener. Er hat selbst Diener, wie wir im Laufe der Erzählung erfahren, muss also schon einen gehobenen Status haben. Und so einer macht sich zu Fuß auf, einen so langen Weg zu gehen?

Was hindert ihn, das Reittier, das ihm sicher zur Verfügung steht, zu nehmen?

Vielleicht will er sich alles in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Ob er wohl das richtige tut, wenn er sich jetzt diesem Jesus zuwendet, diesem Menschen, von dem so viele schon erzählt haben.

Levi braucht Zeit und nimmt sie sich.

Das ist ein erster Impuls, den wir aus dieser Erzählung mitnehmen können: sich Zeit nehmen. Trotz der drängenden Nähe des Todes. Der Weg zu Gott braucht seine Zeit, denn auf ihm setzen wir uns auch mit uns selbst auseinander, werfen alles Unnötige ab und besinnen uns immer stärker auf das Wesentliche: die Begegnung mit dem Allmächtigen.

Vielleicht ist es bei Levi schlicht Gottvertrauen: ich begebe mich jetzt auf den Weg, um meinen Sohn zu retten. Führe du, Gott, mich auf den rechten Weg.

Schrecklich muss der Gedanke für ihn sein, dass das Kind sterben könnte, während er noch auf dem Weg ist. Dass er nicht an der Seite seines Sohnes sein kann, wenn dessen letzte Stunde geschlagen hat.

Oder ob er gerade deswegen auf jede Abkürzung, jede Beschleunigung, verzichtet? Weil er es nicht ertragen kann, seinen Sohn sterben zu sehen? Aber dann würde er wohl doch bald umkehren.

Wenige unter uns können ermessen, was es bedeutet, ein eigenes Kind zu verlieren. Kinder begraben ihre Eltern, nicht umgekehrt. So soll es sein. Schon der Gedanke daran, dass das eigene Kind sterben könnte, kann tiefen Schmerz verursachen, selbst wenn das Kind völlig gesund ist.

Solch ein Schmerz kann eine Starre verursachen. So wie die Maus wie versteinert vor der Schlange verharrt, bevor diese zupackt und ihr Opfer verschlingt, so erstarren wir manchmal vor dem Angesicht des Todes.

Doch Levi macht sich auf. Er gerät in Bewegung. Er will dem Tod nicht das letzte Wort lassen, sondern will Gott begegnen, indem er Jesus begegnet.

Wenn wir diese Begegnung wollen, müssen wir uns auch auf den Weg machen, so wie Levi. Wir müssen manches, was uns lieb und wert ist, hinter uns lassen, damit wir die Fülle der Güte und Gnade Gottes erleben können.

Schließlich gelangt Levi zu seinem Ziel. Erschöpft ist er sicher, aber er erreicht den Mann, von dem ihm schon so viel gesagt wurde. „Herr, komm, hilf meinem Sohn, er ist todkrank.“

Jesu Antwort ist verletzend und enttäuschend: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ (Joh 4, 48)

Verallgemeinerungen sind immer verletzend. Levi will kein Wunder, er will nur, dass sein Sohn nicht stirbt. Das ist alles. Und natürlich wäre das ein Wunder, aber es geht Levi doch nicht darum. Er glaubt längst, sonst hätte er sich doch nicht auf den Weg gemacht. Wenn der Tod überwunden werden kann, dann nur durch diesen Mann, nur durch Jesus.

Und so bittet er noch einmal: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!

Und nun ist die Antwort Jesu eine ganz andere: „Geh hin, dein Sohn lebt!“ (Joh 4, 50a)

Levi macht sich nicht sofort auf den Weg. Es wird schon dunkel, und er ist erschöpft. Morgen wird er sich auf den Rückweg machen.

40 km, die zwischen Jesus und Kapernaum liegen. Da könnte man schon misstrauisch werden. Will Jesus ihn nur los werden? Denn wenn er dann nach Hause kommt und sein Kind stirbt doch, müsste er sich wohl noch einmal auf den Weg begeben, um Jesus zur Rechenschaft zu ziehen – aber wäre es das wert? Der Scharlatan hätte seine Show gehabt, und Levi hätte alles verloren.

Der Rückweg wird ein Weg zwischen Zweifel und Hoffnung, ein qualvoller Weg. Vielleicht ist ihn Levi noch langsamer gegangen als auf dem Weg nach Kana.

Und dann kommen ihm die Knechte entgegen: „Dein Kind lebt.“, sagen sie. (Joh 4, 51)

Drei Worte. Worte, die allen Zweifel wegwischen. Die Krankheit ist überwunden. Und wann? Gestern um die siebte Stunde. Als er mit Jesus gesprochen hatte, als Jesus ihm sagte: „Dein Sohn lebt.“ Es wird ihm gesagt von denen, die Zeugen waren des Wunders, ohne dabei Jesus selbst zu sehen. Und dieses Zeugnis bekräftigt seinen Glauben.

Dein Sohn lebt. Was levi da wohl gefühlt hat, als er diese Worte hörte? Jedenfalls empfand er Bestätigung: Sein Weg war ein Weg mit Gott gewesen, ein gesegneter Weg.

Das zweite Zeichen – so heißt es am Ende der Erzählung. Das macht uns noch einmal stutzig. Wie kommt Levi darauf, Jesus so viel Vertrauen entgegen zu bringen? Bisher hatte es, wenn wir dem Evangelisten Johannes folgen, nur ein Wunder gegeben: die Verwandlung des Wassers in Wein.

Genügt das, um in Jesus die Macht über den Tod zu vermuten? Es gab offenbar doch keine Berichte über Wunderheilungen, eigentlich gar nichts Spektakuläres. Nur einige philosophische oder theologische Diskurse liegen zwischen dem Wunder bei der Hochzeit in Kana und dieser Begegnung, und dazu vielleicht noch einige Wochen Zeit.

Levi hatte sich auf einen Weg begeben, der für ihn die Entscheidung zwischen Tod und Leben bedeutete. Es war ein Weg der Begegnung mit Gott. Am Ende seines Weges stand Jesus, von dem Johannes der Täufer gesagt hatte, dass er das Lamm Gottes sei, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. In Jesus erwartete Levi das Leben, das stärker ist als der Tod. Aber die Veranlassung, diesen Weg zu gehen, waren nicht irgendwelche Berichte. Es war der Glaube an die Macht Gottes, die in Jesus wirksam werden kann.

Können wir so glauben?

Vielleicht ging Levi der 23. Psalm durch den Kopf, als er sich aufmachte: und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich. (Ps 23, 4)

Levi vertraute jedenfalls darauf, dass Gott ihm seine Herrlichkeit offenbaren würde. Und dieses Vertrauen wurde nicht enttäuscht.

Wäre es nicht gut, wenn Jesus auch heute leibhaftig, so wie damals, unter uns wäre? Wenn er tatsächlich in Nordhausen wäre? Oder in Cremlingen? Oder gar in Königslutter? Wenn er hier und da ein Wunder vollbrächte, damit wir wüssten: das Reich Gottes ist mitten unter uns?

Aber hat Levi das gewusst? Er machte sich nur einfach auf den Weg, ohne irgendwelche Gewissheit. Nur mit etwas Glauben.

Und so geht es uns doch auch heute. Was haben wir schon, das uns gewiss machen könnte? Es ist nicht viel. Allein der Glaube schenkt uns diese Gewissheit.

Jesus ist da. Und es geschehen Wunder – hier und da. Auch im Sterben, auch im Tod. Ich erlebe es immer wieder, an mir selbst, in den Begegnungen in unserer Gemeinde, aber auch aus Erzählungen anderer: Jesus ist mitten unter uns, und mit ihm das Leben. Trotzdem der Tod um uns herum genauso sein Unwesen treibt, wie er es damals tat, zur Zeit Levis. Jesus, das Leben, ist da.

Machen wir uns auf, gehen den Weg, der uns zum Leben führt. Es ist immer ein Weg der Unsicherheit. Aber am Ende dieses Weges steht die Begegnung mit Gott selbst, die unser Leben verwandeln kann.

Dieser Gottesdienst ist ein Bild für diesen Weg: Wir haben uns auf den Weg gemacht, um hier Jesus im Abendmahl zu begegnen: das Brot des Lebens, der Kelch des Heils, für dich – Kraft für den Weg, Lebenskraft. Und der Weg zurück nach Hause mag ein Weg des Zweifels sein, bis wir endlich die Worte hören: das Leben – es siegt, durch Jesus Christus. Der Tod ist nicht mehr. Aber es ist uns schon gesagt, an Ostern hören wir den Ruf erneut: Er, der tot war, lebt!

Amen

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Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias
Gottesdienst mit dem Pfarrverband Königslutter
15. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

(Ex 33, 17b-23)

Liebe Gemeinde!

Manchmal komme ich hier in die Kirche, setze mich an einen Platz und versuche, still zu werden. Das gelingt besonders gut, wenn sonst niemand in der Kirche ist. Aber dann wird es in mir unruhig, und ich frage mich: warum suchen nicht mehr Menschen einen Ort der Stille, so wie diese Kirche, auf?

Andererseits gibt es natürlich auch Zeiten, wo es hier gar nicht still ist. Irgend jemand unterhält sich oder erklärt gerade irgendeine Besonderheit, es findet gerade eine Führung statt, oder es wird umgebaut oder sauber gemacht, oder das Belüftungs- und Heizsystem macht lautstark auf sich aufmerksam.

Doch wenn ich dann die Augen schließe, werden die Geräusche immer leiser, und irgendwann wird es ganz still.

Auch in mir. Oder nur in mir? Das weiß ich gar nicht so genau. Jedenfalls ist das der Zeitpunkt, wo ich anfangen kann zu beten, mit Gott zu reden.

Und währenddessen kommt mir manchmal auch die Bitte des Mose in den Sinn:

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Denn es scheint mir, als wäre ich in solch einer Situation nah dran: weit weg von dem Lärm des Alltags, mit ein bisschen Glück auch frei von ablenkenden Gedanken, ganz auf Gott konzentriert.

Haben Sie so etwas auch schon erlebt? Oder wenigstens den Wunsch verspürt, die Herrlichkeit Gottes zu sehen?

Natürlich darf die Frage erlaubt sein, ob solch eine Bitte nicht vermessen ist. Denn es wäre ja ein außerordentliches Privileg, wollte Gott mir diese Bitte gewähren. Und ist Mose nicht eine herausragende Persönlichkeit, auf besondere Weise von Gott berufen, während ich als ganz gewöhnlicher Sterblicher gar nicht das Recht habe, solche Gedanken und Bedürfnisse zu äußern?

Nun, wenn ich es genau betrachte, stehe ich in einer ganz ähnlichen Situation wie Mose.

Da sind ja zunächst die Worte Gottes: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“ Ist das ein Privileg, das nur Mose für sich in Anspruch nehmen kann?

Nein. Denn das ist es, was Gott zu uns spricht, wenn wir getauft werden. Alles, was in der Taufe geschieht, dreht sich darum: die Gnade Gottes, mit der wir befreit werden von all unserer Schuld (Mose musste immerhin noch regelmäßig Opfer darbringen lassen, um die Schuld zu sühnen), und dann die Ausrufung des Namens vor Gott, damit er ihn in das Buch des Lebens einschreibt.

Beides ist da, so wie bei Mose, und es gilt für uns alle: wir haben Gnade vor Gottes Augen gefunden, und er kennt jeden einzelnen mit Namen.

So ist Gott, durch Jesus Christus.

Da sollten wir nicht die gleiche Bitte wie Mose äußern dürfen?

Doch, wir dürfen.

Aber trotz der idealen Situation, der Stille und so vielem, was einem das Gefühl vermittelt, dass man persönlich Gott ganz nah ist – nicht nur in dieser Kirche, sondern natürlich in jeder Kirche – wird diese Bitte nicht erfüllt.

Und dann muss ich auch wieder an Mose denken.

Er darf Gottes Angesicht nicht schauen.

Und mir kommt in den Sinn, was ich oft denen sage, die von mir mehr über Gott wissen wollen: es wäre völlig falsch, ihn mir wie einen Menschen vorzustellen.

Das kann ich zwar, wenn ich an Jesus denke, aber Gott ist kein Mensch, auch wenn es am Anfang der Bibel heißt, dass er den Menschen zu seinem Bilde schuf.

Damit sind wohl doch eher die Möglichkeiten gemeint, die Gott uns mitgegeben hat, die Freiheit und Grenzenlosigkeit, die uns gottähnlich macht und manche Menschen auch glauben lässt, sie seien allmächtig und könnten sich alles erlauben.

Es scheint dann doch sehr archaisch, wenn Gott wie ein Mensch beschrieben wird: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“

Nun könnte man sagen, dass das ein Beweis dafür ist, dass Gott nur erfunden ist, dass es ihn in Wahrheit gar nicht gibt. Gott sei immer nur eine Erfindung der Menschen, weil sie mit ihrer Begrenztheit sonst nicht zurecht kommen könnten.

Aber ich würde dann doch eher dahin tendieren, zu sagen, dass man in der damaligen Zeit eher dazu neigte, sich Gott wie eine Person vorzustellen. Das ist das typische Bild eines Kindes, und auch Konfirmandinnen und Konfirmanden antworten auf die Frage, wie sie sich Gott vorstellen, ganz ähnlich. Und da wir sonst keine Möglichkeit hätten, uns Gott vorzustellen, warum dann nicht hin und wieder wenigstens so?

Aber kurz bevor Gott diese Worte sagt, dass Mose sein Angesicht nicht sehen könne, gibt es noch eine andere Aussage: „ Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen“.

Und das ist nicht die Herrlichkeit, es ist auch nicht das Angesicht Gottes. Plötzlich wird Gott transzendiert, er ist nicht mehr Mensch-ähnlich, sondern so wie Johannes in seinem 1. Brief mit den Worten „Gott ist die Liebe“ (1. Joh 4, 16b) schreibt, ganz abstrakt. Er ist etwas, was man nur beschreiben und spüren, aber nicht wirklich sehen oder fassen kann. Und so könnte man auch hier aus dem Gesagten folgern: „Gott ist die Güte“. Und die lässt sich nicht fassen, sie lässt sich nur beschreiben und erfahren, aber nicht mit unseren Sinnen, sondern mit unserem Sein.

Gott ist die Güte: Das passt schon, wenn man die Geschichte des Volkes Israel, des auserwählten Volkes Gottes, bis dahin betrachtet: angefangen bei Abraham, der aus seiner Familie herausgerufen wird und der entgegen allem, was wir wissen, der Stammvater des Volkes Israel wurde, über die Josefgeschichte, in der sich eine Katastrophe nach der anderen in Segen verwandelt, bis zur Bewahrung, als die Ägypter von den Plagen heimgesucht werden, und schließlich die Freiheit, die das groß gewordene Volk Gottes auf den Weg in das verheißene Land bringen wird.

Gottes Güte war da natürlich immer wieder erfahrbar geworden, und nun sollte Mose sie auch sehen dürfen. Wie das wohl geht? Ich weiß es nicht. Und die Bibel erzählt es auch nicht. Sie erzählt es anders, wieder mit archaischen Denkmustern: Gott als Mensch, mehr oder weniger, als räumlich begrenztes Wesen.

Und dann doch anders.

„Es ist ein Raum bei mir“, sagt er zu Mose, und diese Worte lassen mich nachdenklich werden. Was für ein Raum ist das? Gott als der Allmächtige und Allgegenwärtige hat überall Räume. Von was für einem Raum ist hier die Rede?

Man könnte an den brennenden Dornbusch denken, wo es dann ja heißt: „zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ (Ex 3, 5)

Gottesnähe.

Die Orte, wo wir die Nähe Gottes erfahren, sind heilige Orte. Und von solch einem Ort redet Gott, wenn er sagt: es ist ein Raum bei mir.

Raum bei Gott – man muss aufpassen, nicht in die archaischen Muster zurück zu fallen und sich Gott als räumlich begrenztes Wesen vorzustellen. Solche „Räume bei Gott“, davon bin ich überzeugt, gibt es für jeden unter uns, also im Grunde überall, und sie werden für jeden anders sein, sich anders zeigen.

In der Mose-Erzählung kann man natürlich eine Verbindung zum Berg Horeb herstellen und folgern, dass irgendwo auf diesem Berg dieser Raum ist, von dem Gott spricht. Aber ich glaube, dass da mehr gemeint ist, und vor allem: anderes.

Der Raum bei Gott ist nicht fixierbar, er kann nicht mit irgendwelchen Koordinaten lokalisiert werden. Er ist vielmehr immer da, wo Menschen bereit sind, sich ganz auf Gott einzulassen. Für solche Menschen hat Gott auch solch einen Ort bereit.

Das kann zu Hause sein, es kann aber auch in einem Bus sein, oder an einer Straßenecke, oder … denn Gott ist ja allgegenwärtig.

Aber wir wissen: nicht jeder Ort liefert die Rahmenbedingungen, die einem dazu helfen, die Nähe Gottes zu erfahren. Auch wenn es die Straßenecke sein kann: nur wenige Menschen würden es dort überhaupt erst versuchen.

Und darum möchte ich wieder zurück kehren zu dem, was ich am Anfang geschildert habe. Denn solche Orte, Räume bei Gott, sind auch und besonders die Kirchen.

Sie sind es nicht ausschließlich, und sie sind es auch nicht für jeden, der eine Kirche betritt. Aber sie bieten die Rahmenbedingungen, die uns helfen, die Nähe Gottes zu spüren und ihn zu erkennen.

Darum bin ich sehr dankbar, dass der Kaiserdom und auch die Stadtkirche und manche andere Kirche zumindest tagsüber offen sind und so allen Menschen die Möglichkeit bieten, still zu werden und sich Gott zu nähern.

Mir kam nun der Gedanke, als ich über diesen Predigttext nachdachte, für uns als Pfarrverband einen Vorschlag zu machen: Wie wäre es, wenn wir unsere Kirchen, d.h. alle Kirchen des Pfarrverbandes, öffneten, so dass Menschen wenigstens tagsüber dorthin gehen können, um zu beten und die Nähe Gottes zu suchen?

Ein Gemeindeglied könnte die Verantwortung des Auf- und Zuschließens übernehmen, und ein größerer Kreis könnte verabreden, selbst öfter in die offene Kirche zu gehen.

„Es ist ein Raum bei mir“, hat Gott zu Mose gesagt, und ich glaube, dass Gott solche Worte auch anderen Menschen sagt und sie vielleicht dann auch auf unsere Kirchen hinweist.

Wie traurig ist es, wenn die Klinke einer Kirchentür gedrückt wird und sich die Tür dann nicht auftut, sondern hartnäckig Widerstand leistet und dem Besucher förmlich entgegen ruft: Hier darfst du nicht herein, dieser Ort ist nur einmal in der Woche zugänglich für die, die sich strikt an den Zeitplan halten.

Ich kann mir denken, dass da viel Angst vor Vandalismus und Diebstahl im Weg steht, aber dort, wo Kirchen offen sind, auch ohne Aufsicht, zeigt sich, dass diese Angst unbegründet ist. Es gehört etwas Gottvertrauen dazu, diesen Schritt zu wagen, aber davon sollten wir eigentlich eine Menge, auf jeden Fall genug haben.

Auch wenn nicht wir es sind, die bestimmen, wo der Raum Gottes für einen Menschen ist: Es ist schon viel wert, wenn wir die Möglichkeit eröffnen, einen solchen Raum zu finden. Mehr wollen Kirchen nicht sein. Aber das können sie sein, und darum sollten sie auch nicht den suchenden Menschen verschlossen bleiben.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias
8. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Als Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Mt 4, 12-17

Liebe Gemeinde!

Wir sind ganz am Anfang. Nachdem Jesus von Johannes getauft worden war, hatte er sich vierzig Tage lang fastend in der Wüste aufgehalten, wo er schließlich vom Teufel versucht wurde.

Jesus hatte den Versuchungen widerstanden. Nach seiner Rückkehr aus der Wüste, und hier beginnt unser Predigttext, erfährt er, dass der Täufer Johannes gefangen genommen worden war.

Diese Nachricht bedeutete Gefahr, auch für ihn. Er stand erst am Anfang seines Wirkens. Man erinnerte sich vielleicht noch an die Ereignisse bei seiner Taufe, an die Worte des Täufers und vielleicht auch an die Stimme vom Himmel, die verkündete: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Aber was bedeutete das schon? Jesus war zu dem Zeitpunkt noch ein Niemand. Nur ein ängstlicher Herrscher könnte ihn gewissermaßen vorsorglich gefangen nehmen. Aber genau das war auch möglich. Dabei lag der Auftrag ja noch vor ihm.

Und so entzog sich Jesus dem Zugriff des Herrschers, der Johannes gefangen genommen hatte.

Jesus handelte allerdings nicht aus Angst. Er wusste ja, dass ihn der Tod erwarten würde. Aber seine Stunde noch nicht gekommen. Wenn er jetzt schon gefangen gesetzt und womöglich getötet worden wäre, hätte man ihn kaum wahrgenommen. Es musste erst deutlich und für alle sichtbar werden, was bei der Taufe über ihn offenbart worden war: dass er der Sohn Gottes ist.

Also wich er aus, zog nach Kapernaum, ganz im Norden am See Genezareth. Dort ist er nicht völlig aus der Reichweite der politischen Macht, aber Kapernaum ist auch keine so bedeutende Stadt, dass man sie ständig im Auge hat. Und so kann er hier beginnen, seinen Auftrag zu erfüllen.

Die ersten Worte, die er dort verkündet, sind wie ein Programm, das als Überschrift über den folgenden Jahren seines Handelns und Redens stehen soll: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“

Das ist es, worum es geht in allem, was Jesus tut: die Menschen zur Buße rufen und die Nähe des Himmelreiches verkündigen.

Tut Buße. Bei dem Wort Buße denken wir meist an Wiedergutmachung. „Er muss für seine Taten büßen“, so heißt es über einen Menschen, der etwas Böses getan hat. Oder wir reden von „Bußgeld“, wenn jemand eine Geldstrafe zahlen muss, z.B. wenn man zu schnell gefahren ist.

Durch die Buße machen wir etwas wieder gut. Wenn wir Buße geleistet haben, ist das, was wir falsch gemacht haben, gewissermaßen getilgt, es ist nicht mehr – zumindest in der Theorie. Viele Straftäter, nachdem sie ihre Strafe „abgebüßt“ haben, haben es dann dennoch schwer, wieder Fuß zu fassen in der Gesellschaft. Oft werden sie wieder rückfällig, sie begehen wieder eine Straftat, und so wird es zu einem sich stetig wiederholenden Kreislauf.

Grundsätzlich gilt: wenn man Buße getan hat, dann steht man gewissermaßen bei Null und kann wieder von vorn anfangen.

Vor allem von der katholischen Kirche kennen wir das Wort Buße auch im theologischen Zusammenhang. Nach der Beichte kommt die Buße: für die begangenen Taten, die man gebeichtet hat, wurde einem in der Regel eine Art Strafmaß auferlegt zur Buße: z.B. durch das Beten einer bestimmten Anzahl von Ave Marias wurde man in die Lage versetzt, für seine Schuld zu büßen.

In der katholischen Kirche gilt die Beichte verbunden mit der Buße als ein Sakrament.

Martin Luthers 95 Thesen richteten sich gegen einen Missbrauch der Buße. Verknüpft mit der Lehre vom Fegefeuer, in dem die Menschen nach ihrem Tod für ihre Sünden büßen müssen, hatte die Kirche ein System entwickelt, durch das sich Menschen gewissermaßen freikaufen konnten, indem sie sich mittels Spenden der Absolution, also der Freisprechung von den Strafen, durch die Kirche versicherten. Man erhielt als Gegenleistung für seine Spende einen Ablassbrief, der sogar den Umfang des Ablasses definierte.

Der Handel mit dem Ablass wurde bereits im 16. Jahrhundert in der katholischen Kirche mit der Strafe der Exkommunikation versehen. Den Ablass selbst aber gibt es noch heute. Denn für die begangene Sünde gibt es immer eine Strafe, die abgebüßt werden muss. Und der Ablass befreit von dieser Strafe.

So erklärte Papst Johannes Paul II. Das Jahr 2000 zu einem Ablassjahr – was übrigens nichts Außergewöhnliches ist, denn etwa alle 25 Jahre gibt es ein solches Ablassjahr. Das Jahr 2000 war nun ein besonderes, da ein Millennium zu Ende ging, und in diesem Jahr konnte man z.B. durch das Aufsuchen einer bestimmten Kirche einen vollkommenen Erlass aller Strafen erlangen.

Als Protestanten tun wir uns mit dieser Vorstellung zu Recht schwer, denn nach unserem Verständnis des Evangeliums hat Jesus für uns am Kreuz bereits alle Strafe erlitten. Er hat sie auf sich selbst genommen und damit, wenn man so will, ewigen Ablass von allen Strafen bewirkt.

Warum also Buße?

Wenn Jesus den Menschen zuruft: „Tut Buße“, meint er nicht das, was wir meist unter Buße tun verstehen.

Sondern er meint die Umkehr. Der Ruf „Tut Buße“ ist im Grunde der Ruf Gottes hinter einem Menschen her, der sich von Gott abgewendet hat und von ihm fortgeht. Tu Buße! Kehre um! Wende dich wieder mir zu!

Das bedeutet dieser Ruf Jesu. Anstatt dass sich die Menschen von Gott abkehren, sollen sie sich ihm wieder zuwenden. Es hat also in diesem Zusammenhang überhaupt nichts mit Strafe abbüßen zu tun.

Dieser Ruf Jesu: Tut Buße!, ist in unserer Zeit aktuell wie wohl nie zuvor. Denn damals, zur Zeit Jesu, glaubte wohl jeder Mensch daran, dass es Gott gibt – nur die Art und Weise, wie man Gott begegnete oder meinte begegnen zu müssen, war fragwürdig geworden.

Heute sieht das vor allem in den Industrieländern anders aus: immer mehr Menschen glauben, dass es überhaupt keinen Gott gibt. Und für die meisten der übrigen Menschen ist der Glaube so unkonkret, dass sie sich damit nur in den seltensten Fällen, meist in Notsituationen, überhaupt beschäftigen. Das Leben ist nicht vom Glauben geprägt, denn Gott spielt für viele Menschen im besten Fall eine Nebenrolle.

„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ so lautet der ganze Satz, der über dem Wirken Jesu gewissermaßen als Überschrift zu lesen ist.

Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen – das ist eine Aussage, die für die Menschen der damaligen Zeit dann auch in der Person Jesu sichtbar wurde. Er heilte Kranke, ja, er machte sogar Tote wieder lebendig. Er offenbarte in seinem Handeln die Liebe Gottes zu allen Menschen, auch zu denen, die als Sünder angesehen wurden. Jesus versöhnte sie mit Gott. Und so wurde es sichtbar: Das Himmelreich war nahe herbeigekommen in der Gestalt Jesu.

Und heute? Das Reich Gottes ist heute nicht etwa wieder in die Ferne gerückt, nur weil Jesus in den Himmel aufgenommen wurde. Es ist immer noch nahe bei uns.

Nur ist es nicht ganz so offensichtlich erfahrbar. Und das liegt wohl auch daran, dass uns der Mut fehlt, diesen Ruf aufzunehmen und es der Welt zu sagen: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“

Wir fühlen uns dazu nicht bevollmächtigt. Und wir haben Angst, es belegen zu müssen, denn wir wissen nicht so recht, wie wir das tun sollen.

Aber wenn dieser Ruf nicht damals, nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, von seinen Jüngerinnen und Jüngern aufgenommen worden wäre, dann gäbe es heute wohl keine christliche Kirche. Der Beweis dafür, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen ist, sind im Grunde wir, die christliche Gemeinde, die sich auch heute zum Gottesdienst versammelt, um Gott zu loben und zu danken für die Liebe, die er uns bewiesen hat, und um Gemeinschaft miteinander zu haben.

Es ist der Auftrag der Kirche, die Worte Jesu immer wieder in die Welt hinaus zu rufen. Diesen Auftrag formuliert der auferstandene Jesus am Ende des Matthäus-Evangeliums:

„Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker; Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 18-20)

In diesem Auftrag ist alles drin. Jesus sendet uns hinaus, dass wir die Welt zur Umkehr rufen. Macht sie zu Jüngern. Ruft sie, dass sie sich zu Gott wenden. Tauft sie, macht sie fest als Kinder Gottes. Und lehrt sie, lasst sie erfahren, dass das Himmelreich ganz nahe ist.

Unser Ruf klingt also ganz genauso wie der, den Jesus am Anfang seines Wirkens von sich gab: Wendet euch nicht von Gott ab, sondern kehrt zu ihm zurück. Glaubt nicht, ihr könntet ohne ihn auskommen.

Das schönste aber ist der Grund für diesen Ruf. Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Das wird für uns in den Worten Jesu sichtbar: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.

Er lässt uns nicht allein. Er bleibt bei uns. Daraus können wir Mut schöpfen. Es ist eine Zusage ohne Einschränkung. Es heißt nicht: wenn Ihr dies oder jenes tut, sondern es heißt schlicht: Ich bin bei euch … Jesus ist bei uns, ganz nah.

Die Welt ist der Acker, auf den wir alle den Samen des Wortes Gottes, des befreienden Evangeliums, ausstreuen dürfen.

Kehrt um – das ist ein Ruf der Liebe und kein mahnender Ruf.

Zu diesem Ruf gehört die Verheißung der Nähe und Liebe Gottes, wie sie sich in Jesus Christus offenbarte.

Dass wir diese Nähe und Liebe bitter nötig haben, zeigt sich in der zunehmenden „sozialen Kälte“ in unserer Gesellschaft, die immer deutlicher sichtbar wird, z.B. darin, dass Dauerarbeitslose von den meisten Menschen als Schmarotzer abgestempelt werden. Die Tatsache, dass auch Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben, sich kaum mehr als das Nötigste zum Leben leisten können, gehört ebenfalls zur sozialen Kälte in unserem Land dazu.

Dazu gesellt sich das sogenannte Nord-Süd-Gefälle, d.h. der Reichtum der Industrieländer im Vergleich zur Armut der sogenannten Entwicklungsländer, wobei dieses Gefälle eben darauf zurück zu führen ist, dass die Industrienationen die Schwäche der Entwicklungsländer systematisch ausnutzen.

Gott will, dass wir alle Menschen so sehen, wie er uns sieht: als seine geliebten Kinder.

Darum: lasst uns diesen Ruf hinaustragen in unsere Welt mit Wort und Tat, damit die Liebe Gottes sichtbar wird, wo immer Liebe verloren zu sein scheint.

Denn er hat uns zuerst geliebt.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach dem Christfest
1. Januar 2017 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der heilige Geist war mit ihm. Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun läßt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden. Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte, und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Lukas 2, 25-38

Liebe Gemeinde!

Manchmal wünschte ich mir, damals zu leben, zur Zeit Jesu, und seinen Fußstapfen folgen zu können. Wäre das nicht wunderbar? Direkt aus seinem Munde die Worte zu hören, die wir nur nachlesen können, und dazu seine Ausstrahlung zu spüren und zu sehen, wie er Kranke heilt?

Ich wünschte mir manchmal, mit eigenen Augen zu sehen, wie er Sturm und Wellen gebietet, oder wie er den Lazarus von den Toten auferweckt.

Aber es ist wohl vermessen, so etwas zu wünschen. Und wenn ich es mir genau überlege: alles, was damals geschah, möchte ich auch nicht mitmachen müssen.

Ich möchte nicht die Zweifel haben, die sicher die Jünger gequält haben, als sie sahen, wie Jesus seinem Tod entgegen ging. Ich möchte nicht, auch nicht von ferne, zusehen müssen, wie er am Kreuz stirbt, ohne zu wissen, dass damit das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Aber so ist es den Jüngerinnen und Jüngern ja damals ergangen. Sie hatten zwar das Privileg, ihn leibhaftig vor sich zu sehen, aber dafür gab es unzählige Zweifel, Ängste und unerfüllte Hoffnungen.

Nicht nur anfangs, nicht nur die ersten Monate, sondern über Jahre und Jahrzehnte, ja, über Jahrhunderte hinweg war man sich nicht einig, wer oder was Jesus nun eigentlich war. Gottes Sohn? Aber wenn, wie war das möglich? Wie konnte der Sohn Gottes am Kreuz sterben?

Als Lukas sein Evangelium aufschrieb, mussten ihn ähnliche Fragen umgetrieben haben. Er hatte sorgfältig recherchiert, so schreibt er am Anfang seines Evangeliums, und nun gab er wieder, was er empfangen hatte von denen, „die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Wortes gewesen sind.“ (Lk 1, 2b)

Dazu gehört dieser schon etwas merkwürdige Abschnitt, den wir gerade als Evangeliumslesung gehört haben und der von dem berichtet, was sich 33 Tage nach der Beschneidung Jesu, also 40 Tage nach seiner Geburt, ereignete.

Jesus wird als erstgeborener Sohn gemäß den Weisungen Gottes, nach denen das Volk Israel lebte, dem Herrn dargestellt, und Maria bringt das vorgeschriebene Opfer für ihre Reinigung dar.

Dort, im Tempel, wartet Simeon, ein alter Mann, Symbol für die Sehnsucht des Volkes Israel nach dem Messias, der schon so viele Jahrhunderte vorher angekündigt worden war.

Simeon ist fromm, und er wusste eins, denn es war ihm vom Heiligen Geist gesagt worden: du wirst den Tod nicht sehen, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast.

Darauf vertraute er. Woher er nun die Gewissheit hatte, dass das, was ihm da gesagt war, oder von dem er meinte, dass es ihm gesagt war, auch wirklich vom Heiligen Geist, also von Gott, stammte, wird nirgends gesagt. Es ist eben so.

Niemand wagte damals, ihn einen Spinner zu nennen. Vielleicht schüttelte der eine oder die andere den Kopf über ihn, aber sie respektierten seine Erwartung, seine Hoffnung, und ließen ihn gewähren.

Er kam an diesem Tag „auf Anregen des Geistes in den Tempel.“ (Lk 2, 27a)

Wie oft habe ich es schon erlebt, dass ich mich aus irgendeinem Grund plötzlich aufmachte und dann etwas geschah, wovon ich hinterher nur sagen kann: Da hat Gott seinen Segen ausgebreitet?

Aber ich hätte vorher nie sagen können: da treibt mich der Heilige Geist. Es sind banale Dinge, weswegen ich mich in Bewegung setze oder auch, weswegen ich es etwas später tue, als ich mir eigentlich vorgenommen hatte – woraus dann eben dies kleine Wunder entsteht, das den Segen Gottes sichtbar werden lässt.

Auch hier ist es ja so: Lukas weiß es nur im Nachhinein: da trieb ihn der Geist in den Tempel.

Er begegnet dem Kindlein und seinen Eltern.

Es gibt für ihn kein Vertun: dieser ist der Messias. Eine Gewissheit, die kaum nachzuvollziehen ist. Woher kann er sich so sicher sein? Nichts zeichnet dieses Kindlein aus. Es hat sicher keinen Heiligenschein um den Kopf, wie es später auf Gemälden oft dargestellt wird.

Wer weiß, ob nicht gleichzeitig ein anderes Paar auch mit seinem Kind zum Tempel kam? Ist es so unwahrscheinlich, dass noch andere Kinder am Tag der Geburt Jesu geboren wurden? Sie alle, soweit es erstgeborene Jungen sind, würden an diesem Tag zum Tempel gebracht.

Aber Nichts verunsichert den alten Simeon. Er geht direkt auf das Paar zu, nimmt den kleinen Jesus auf seine Arme – etwas, was ich wahrscheinlich an Stelle der Mutter gar nicht erlauben würde – und beginnt seinen Lobgesang:

Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
den du bereitet hast vor allen Völkern,
ein Licht, zu erleuchten die Heiden
und zum Preise deines Volkes Israel.

(Lk 2, 29-32)

Seit vielen Jahrhunderten haben diese Worte ihren Platz in den Tagzeitengebeten gefunden. Jeden Abend werden sie auch heute noch vielfach nachgebetet.

Warum eigentlich? Wer kann das denn heute von sich sagen, den Heiland Gottes gesehen zu haben?

Nun, sicher ist es nicht so geschehen, wie es Simeon selbst erlebt hat. Wir konnten kein Kind auf den Arm nehmen und zugleich wissen, dass dieses Kind ein Licht sein würde, das die Heiden erleuchtet und das Volk Israel preisen wird.

Aber wir haben dennoch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel sehen wir Christus in der Feier des Heiligen Abendmahles: Brot und Wein – Leib und Blut Christi.

Wir sehen ihn auch in vielen Abbildungen, was aber, zugegeben, nicht wirklich zählen muss.

Am wichtigsten aber ist wohl: wir sehen ihn in unserem Nächsten, indem wir uns an die Worte erinnern, die er in einem Gleichnis zu uns sagte: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25, 40b)

Die Geschichte vom Schuster Martin von Leo Tolstoi veranschaulicht dies in schöner Weise:

Martin ist ein Schuster, dessen Dienste gern in Anspruch genommen werden, weil er sorgfältig arbeitet und nicht zu viel Geld nimmt. Er liest täglich in der Bibel. Eines Tages, als er wieder die Bibel zur Hand nimmt, hört er eine Stimme: „Martin, ich will zu dir kommen.“ Ob das Jesus war, der zu ihm gesprochen hatte?

Am nächsten Tag kamen, wie eigentlich immer, viele Menschen in seinen kleinen Kellerraum, um Schuhe zum Flicken abzugeben oder fertig gewordene Schuhe abzuholen. Doch sah er an diesem Tag auch einen Mann mit alten Soldatenstiefeln, der den Schnee beiseite schippte und dabei an die Grenze seiner Kraft kam. Da lud ihn Martin in seine Stube ein: „Komm und wärme dich.“, und gab ihm etwas Warmes zu trinken.

Wenig später sah er durch sein kleines Kellerfenster eine Frau im dünnen Kleid, die versuchte, ihr Kind zu wärmen. Er rief sie herein, gab ihr von der Suppe, die er für sich selbst gekocht hatte, und kümmerte sich um das Kind.

Als sie gegangen war, sah er, wie ein Junge einer Marktfrau einen Apfel aus dem Korb gestohlen hatte. Die Marktfrau hatte den Jungen aber erwischt und hielt ihn an den Haaren fest: „Ich bringe dich zur Polizei“, rief sie wütend. Martin, dem der dünne und spärlich bekleidete Junge leid tat, ging hinaus und sprach beruhigend zu der Frau: „Lass ihn doch laufen. Ich will dir den Apfel bezahlen.“ Da entschuldigte sich der Junge und half der Marktfrau, den schweren Apfelkorb zu tragen.

Als der Schuster Martin wieder in der Bibel las, hörte er wieder eine Stimme: „Martin, ich bin bei dir gewesen. Hast du mich gesehen?“ Verwundert fragte Martin: „Nein, wann bist du bei mir gewesen?“. „Schau dich um“, erwiderte die Stimme.

Martin erhob seine Augen und erkannte im Schein der Kerze den alten Mann, die Frau mit dem Kind und den Jungen mit der Marktfrau. Dann waren sie verschwunden. Als er wieder in die Bibel schaute, las er die Worte Jesu: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Den Heiland können wir auch heute sehen, jeden Tag. Es bedarf keiner allzu großen Anstrengung. Es genügt, offen zu sein für diese Begegnung, die Gott uns ermöglichen will, jeden Tag auf’s Neue. Denn auch uns spricht er zu:

„Heute will ich zu dir kommen.“

Ob wir dafür bereit sind? Oder lieber doch wegschauen, wenn das Elend und die Not der Menschen uns vor Augen gestellt werden?

Denn die Begegnung mit Jesus kann zu einer Herausforderung werden. Jesus scheidet die Geister – das wird in den folgenden Worten des Simeons, die er an Maria richtet, deutlich.

Auch wenn hier von Israel geredet wird, wäre es verkehrt, wollten wir mit dem Finger auf das Volk Israel zeigen und nicht zugleich auch uns selbst prüfen.

Jesus wird zu einem Zeichen, dem widersprochen wird: auch heute, und heute vielleicht mehr als damals. Denn immer öfter werden grundlegende Glaubensaussagen in Frage gestellt. Immer seltener traut man Gott zu, dass er in diese unsere Welt hinein wirkt.

Und da wird deutlich: wir brauchen das neue Herz und den neuen Geist, von dem Hesekiel schreibt. Denn nur mit einem Herzen, das Gott uns schenkt, und dem Geist, der von Gott kommt, werden wir in der Lage sein, ihn zu erkennen und ihm zu folgen.

Lassen wir uns also beschenken. Lassen wir es zu, dass Gott uns verwandelt. Bitten wir darum, dass er uns ein neues Herz und einen neuen Geist gibt, damit wir die Welt so sehen können, wie er sie sieht, und wir in seinen Wegen wandeln.

Dann werden wir auch Jesus begegnen. Wir werden ihn erkennen in denen, die unserer Hilfe bedürfen.

Amen

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